Hans Grünauer – coming of age im 19. Jahrhundert

«Hans Grünauer» von Jakob Senn

Februar 2024. Das Leben, in das Hans Grünauer hineingeboren wurde, passt ganz und gar nicht zu ihm. Er will lernen, lesen, schreiben. Stattdessen ist nach fünf Schuljahren Schluss und Hans sitzt todunglücklich am Webstuhl. Ab und zu versucht er sich mit dem Leben als Heimweber abzufinden. Nur um sich am Ende doch wieder ein anderes zu erkämpfen.

Mit einer Prise Leichtigkeit und Humor erzählt Jakob Senn im 19. Jahrhundert von diesem Schicksal, das sein eigenes ist. Der autofiktionale Antiheld ist einem auch heute erstaunlich nah. So ist «Hans Grünauer» eine packende Coming-of-Age-Geschichte und im 21. Jahrhundert zugleich ein historischer Roman, der die Lebenswelt der Heimweberinnen und -weber im Zürcher Oberland authentischer nicht darstellen könnte.

Nicht nur uns, auch Gottfried Kellers «Grünem Heinrich» ist Hans Grünauer nah. Kellers Roman diente Jakob Senn als Vorbild und der Nachname Grünauer ist nicht zufällig gewählt. Bei der Erstausgabe von 1888 ging dieser Bezug mit dem Titel «Ein Kind des Volkes – Schweizerisches Lebensbild» verloren. Der Limmat Verlag stellt die Verbindung in der Neuauflage hingegen gleich doppelt her: Mit dem Originaltitel und einem Gottfried-Keller-Gemälde als Coverbild.

Andere Werke von Jakob Senn finden Sie ebenfalls in unserem Bestand, sogar die Zeitschrift «Grüne Wälder». Neben dem Buch wird sein 200. Geburtstags mit einer Ausstellung, einem Theaterstück und einem Film gefeiert.

Die Zürcher Nelkenmeister

«Die Zürcher Nelkenmeister» von Ulrich Gerster

Januar 2024. Zwei Nelken liegen vor einem jungen Mann auf der Erde, eine rote und eine weisse. Beim Jüngling handelt es sich wohl um den Zürcher Stadtheiligen Felix. Mit den zwei Nelken hat der Maler sein Gemälde signiert.

Wer sich hinter diesen zwei Blumen verbirgt, ist nicht klar. Fest steht hingegen, dass er nicht der einzige Künstler war, der statt seines Namens Nelken wählte. In Zürich gab es einen zweiten und einen dritten «Nelkenmeister». Waren sie Mitglieder einer Bruderschaft? Nutzten sie die Nelken als Warenzeichen? Das wird wohl für immer ihr Geheimnis bleiben.

Im Buch «Die Zürcher Nelkenmeister» geht der Kunsthistoriker Ulrich Gerster detailliert auf diese Künstler und ihr Werk ein. Das Einstiegskapitel bettet die Nelkenmeister in das Zürich ihrer Zeit um 1500 ein, ein Werkverzeichnis erlaubt eine Gesamtschau. Zusammen mit zwei älteren Monographien über die Fribourger und die Berner Nelkenmeister bildet das Buch eine umfassende Trilogie über die Nelkenmeister in der Schweiz.

Herausgegeben hat den Band die Gilde der Zürcher Nelkenmeister. Diese Vereinigung entstand in den 1980er-Jahren, als das eingangs erwähnte Nelkenmeister-Bild des jungen Mannes im Kunsthandel auftauchte. Eine eigens dafür einberufene Runde von Zürcher Zünftern ermöglichte schliesslich den Kauf des teuren Werks. Seither besucht diese Gilde der Zürcher Nelkenmeister einmal im Jahr ihr Nelkenmeisterbild im Kunsthaus.

On the road again mit der ersten Zürcher Frauenband

«Kleenex/LiLiPUT – the Diary of the Guitarist Marlene Marder» by Marlene Marder



Dezember 2023. Marlene Marder nimmt die Leserinnen und Leser auf einen Roadtrip mit. Dank ihrem Tagebuch sind wir 1978 bei der filmreifen Gründung der Zürcher Punkband Kleenex dabei und touren mit den Musikerinnen durch England und Deutschland. Zigaretten, Bier, ein Gefühl von Freiheit, Misogynie. Marlene Marder dokumentiert und schreibt, wie nur eine junge Schweizer Indiemusikerin um 1980 schreiben kann, und sie beschönigt nicht.

Die Punkgitarristin publizierte ihr Tagebuch 1986, drei Jahre nach der Auflösung der Band, die am Ende nicht mehr Kleenex, sondern LiLiPUT hiess. Jetzt ist bei einem kleinen US-amerikanischen Record Label und Verlag eine englischsprachige Neuausgabe erschienen – «an interpretation, a translation, a republication», schreibt Herausgeberin Grace Ambrose. Sie hat ein einzigartiges Dokument der Musik- und Frauengeschichte für ein zeitgenössisches Publikum aufbereitet und macht es den englischsprachigen Kleenex/LiLiPUT-Fans zugänglich. «Punks translating punks being published by punks», beschreibt Jen Calleja die Publikation, für die sie den Sound von Marlene Marders Sprache übersetzt hat. Zahlreiche Fotografien, Artikel und Flyer begleiten den Text, teils aus der Originalausgabe, teils neu hinzugefügte.

Entstanden ist ein wundervolles Buch und eine Schatztruhe für alle, die Kleenex/LiLiPUT noch nicht kennen. Für alle anderen auch. Anhören können Sie sich die erste Zürcher Frauenband in unserer Musikabteilung.

Hommage an den Fotografen Ernst Scheidegger

«Ernst Scheidegger – Fotograf» herausgegeben von der Stiftung Ernst Scheidegger-Archiv

Dezember 2023. Ernst Scheidegger war von mehr als einer Welt. Mal trug er den Hut des Fotografen, mal den des Filmemachers, des Gestalters, Redaktors, Verlegers, Buchautors, Malers, Lehrers oder den des Galeristen. Vielleicht trug er eher alle gleichzeitig. Auf jeden Fall prägte er die Schweizer Kunst- und Fotografiewelt mit.

Ende November wäre Scheidegger 100 Jahre alt geworden. Dieser runde Geburtstag gab Anlass zu einer Ausstellung und einem Buch über ihn als Fotograf. Ein Fokus liegt auf dem fotografischen Frühwerk, ein anderer auf Scheideggers bekannten Porträts von Künstlerinnen und Künstlern. «C’est comme un reportage», schrieb Alberto Giacometti über eine Bildserie, die ihn und sein Schaffen zeigt.

Im Buch «Ernst Scheidegger – Fotograf» blättern die Leserinnen und Leser durch diese Serie und zahlreiche weiter schwarz-weiss bebilderte Seiten. Einen farbigen Akzent setzen ausgewählte Fotografien einer Reportage über eine indische Planstadt. Texte über Scheideggers Leben und Werk ergänzen und ordnen ein und seine langjährige Lebensgefährtin lässt den Fotografen auch als Privatperson greifbarer werden. Am Ende des Buches steht der Mann hinter der Kamera für einmal sogar davor.

Erschienen ist das Buch im Verlag Scheidegger & Spiess, einem der vielen Kinder Scheideggers. «Ernst Scheidegger – Fotograf» ist wie andere Publikationen dieses Zürcher Verlags bei uns ausleihbar. Mehr Informationen über Ernst Scheidegger finden Sie in der Zürcher Bibliographie.

Bodega Española – eine zweite Heimat im Niederdorf

«Bodega Española» von Denise Marquard und Doris Fanconi

November 2023. Diesen Sommer war die Bodega Española für ein paar Wochen geschlossen. Der eine oder andere Stammgast tat sich schwer damit, denn das traditionsreiche Weinlokal im Niederdorf bietet viel mehr als Wein und Tapas. Wo sonst setzt sich der Wirt am Weihnachtsabend zu einem einsamen Gast?  In welchem anderen Stadtzürcher Lokal ist die Stammtischkultur noch lebendig? Grund für die Sommerpause war ein Wirtewechsel: Nach 44 Jahren übergab das Ehepaar Winistörfer den Betrieb an ein neues Pächterehepaar, das vor der Neueröffnung sanft renovierte.

Mit dem Buch «Bodega Española – wie Zürich ein bisschen spanischer wurde» gibt die Zürcher Lokaljournalistin Denise Marquard Einblick in den dunkel getäferten Mikrokosmos an der Münstergasse. Sie erzählt die bald 150-jährige Geschichte des Lokals und lässt Stammgäste sowie einen langjährigen Kellner von «ihrer» Bodega erzählen. Historische Fotografien illustrieren den Text, die Atmosphäre der Bodega von heute zeigen zahlreiche Bilder der Fotografin Doris Fanconi. Ein Tapasrezept lädt dazu ein, auch kulinarisch einzutauchen.

«Bodega Española» steht in unserer Turicensia Lounge zum Blättern und Lesen bereit. Mehr Lektüre zur Gastronomie im Kanton Zürich finden Sie in der Zürcher Bibliographie.

Gegen die Kälte anschreiben: die Zeitungen der 80er-Jugendbewegung

«Das Packeis vermüllern» von Anja Nora Schulthess

Oktober 2023. Sie wollten das Packeis brechen, in Zürich und der Gesellschaft. Die Jugendlichen der 80er-Bewegung wählen unterschiedliche Mittel und Wege, um gegen Kälte und Starrheit anzukämpfen. Zwei davon sind die Zeitungen «Eisbrecher» und «Brecheisen». Der Titel ist Programm, der Zeitraum des Erscheinens kurz: Mit 10 beziehungsweise 17 Ausgaben geben die Redaktorinnen und vor allem Redaktoren dem Jugendprotest eine Plattform.

Anhand der zwei Bewegungszeitungen wirft die Autorin Anja Nora Schulthess in «Das Packeis vermüllern» einen Blick auf die Jugendbewegung der 80er. Die «zu spät geborene» Tochter bewegter Eltern lässt mehrere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Wort kommen. Auch mit Fotografien, abgebildeten Zeitungsseiten und einer sorgfältigen Analyse der Zeitungen fängt sie das Lebensgefühl der «Bewegig» zwischen absurdem Humor und todernster Gesellschaftskritik ein. Anja Nora Schulthess blickt wohlwollend in die Vergangenheit, ohne die Schattenseiten auszulassen.

«Das Packeis vermüllern» ist bei uns ausleihbar. Wer Lust bekommt, selbst einen Blick in die zwei Bewegungszeitungen zu werfen, kann sie mit einer Magazinbestellung in den Lesesaal bestellen. Einen Einblick in das Zürcher Packeis und die Vorkommnisse von 1980 gibt auch Reto Hännys berühmte Reportage «Zürich, Anfang September». Weitere Lektüre zur Jugendbewegung der 1980er-Jahre finden Sie in der Zürcher Bibliographie, die SRF-Sendung mit den müllernden Müllers online.

Wipkingen im Fokus

«Damals – Wipkingen. Ein Bilderbogen» von <br> Martin Bürlimann und Kurt Gammeter

September 2023. Mit «Damals – Wipkingen. Ein Bilderbogen» widmen die Autoren einem der 34 Stadtzürcher Quartiere ein ganzes Buch. 16’698 Menschen leben in Wipkingen, das sich vom Käferberg bis zur Limmat erstreckt. Der reich bebilderte Band versammelt die «Damals»-Kolumnen aus der Wipkinger Zeitung von 2016 bis 2022, erweitert und mit zusätzlichen Bildern versehen.

In Wipkingens Geschichte werfen drei Bilderstürmer die Kirchenbilder in den Fluss, zählt der Pfarrer 1634 erstmal die 230 Einwohnerinnen und Einwohner und deckt die Polizei nach langen Ermittlungen einen als Selbstmord getarnten Mord auf. Die im Buch versammelte Collage aus Berichten über Ereignisse, Personen, Bauwerke und vieles mehr gibt Einblick in die ältere und neuere Lokalgeschichte von Wipkingen. Wie das Cover vermuten lässt, zeigt oft eine aktuelle Fotografie, wo ein historisches Bild zu verorten ist.

Erschienen ist der Band im Wibichinga Verlag, mit dem die Autoren und Verleger Martin Bürlimann und Kurt Gammeter diesem Quartier nicht nur eines, sondern gleich mehrere Bücher widmen. Noch mehr über das Wipkingen von gestern und heute finden Sie in der Zürcher Bibliographie. Zahlen und Fakten zu Wipkingen und anderen Zürcher Stadtquartieren publiziert Statistik Stadt Zürich in den Quartierspiegeln.

Eine Wohnutopie bauen

«Wohnen ist keine Ware» herausgegeben von Monika Hartmann Vaucher

August 2023. Eine Fabrikantenerbin erhält vier Hektaren Bauland am Ortsrand von Horgen am Zürichsee. «Für mich war klar, dass ich mit dem geerbten Land sorgfältig umgehen wollte», schreibt sie. Was andere teuer verkaufen würden, nutzt sie deshalb für eine Wohnutopie: ein sozial und ökologisch nachhaltiges Quartier. Zu diesem Zweck gründet sie eine AG, leistet eine Anschubfinanzierung und elf Jahre später ziehen die ersten Mieterinnen und Mieter ein. Eine lange Zeit. Und das Bauen geht weiter.

Bauland so gross wie sechs Fussballfelder, zusätzliches Kapital und der Wille, «Raum für eine nachhaltige Lebensform» zu schaffen: Scheinbar perfekte Voraussetzungen. Wieso stagniert das Projekt im dritten Jahr trotzdem? Warum werden im sechsten die Baubewilligungsverfahren sistiert? Das Buch «Wohnen ist keine Ware» dokumentiert detailliert ein einzigartiges Bauprojekt im Kanton Zürich, das «Modellcharakter und Ausstrahlung» haben soll. Eine Auszeichnung der Stiftung für gute Bauten des Kantons Zürich trägt bestimmt dazu bei. Eine ansprechend geschriebene und gestaltete Projektdokumentation ebenfalls. Bald ist sie bei uns ausleihbar.

Mehr Lektüre zum Themengebiet Architektur und Raumplanung im Kanton Zürich finden Sie in der Zürcher Bibliographie.  

Blicke auf Schlieren

«Stadtwerdung im Zeitraffer» herausgegeben von Meret Wandeler, Ulrich Görlich und Caspar Schärer

Juli 2023. Reihenhäuser wechseln die Farbe, eine Busspur entsteht und verschwindet, ein Acker weicht grossen Gebäuden. Ortschaften verändern sich. Den Wandel von Schlieren dokumentiert die Publikation «Stadtwerdung im Zeitraffer». Über 15 Jahre hinweg wurden 63 Standorte regelmässig fotografiert – dieselbe Ansicht, vergleichbares Wetter und Licht, immer menschenleer.

Diese fotografische Langzeitbeobachtung war ein Forschungsprojekt der Zürcher Hochschule der Künste, deren Handschrift das zweibändige Werk trägt. Der Essayband vereint thematisch zusammengestellte Fotoserien mit Reflexionen zu Methode und Gegenstand aus diversen Perspektiven. So schreibt etwa Co-Herausgeberin und Fotografin Meret Wandeler über «Wiederholung als Methode», ein Architekt über verschiedene Arealstile und eine Landschaftsarchitektin über Natur in der Stadt. Auch ein Blick auf Schlieren als sozialer Raum fehlt nicht. Im Archivband sind die Fotografien nach Standort sortiert und chronologisch angeordnet. Zusammen bilden die zwei schön gestalteten Bücher ein eindrückliches Zeitdokument zu Schlieren und der Agglomeration.

«Stadtwerdung im Zeitraffer» steht in unserem Freihand-Magazin zum Ausleihen bereit, die englischsprachige Version ebenfalls.  Mehr Literatur über Schlieren finden Sie in der Zürcher Bibliographie, mehr zum Forschungsprojekt in Swisscovery und auf der Projektwebsite.

Eine verschwundene Dadaistin

«Tod im Cabaret Voltaire – Josephine Wyss ermittelt» von Miriam Veya

Juni 2023. Josephine Wyss wird mit 29 Jahren Witwe und weiss nicht, was sie tun soll, ohne Geld, mit einer Wohnung in Wiedikon und einem Büro im Niederdorf. Und ohne ihren Lieblingsmenschen Fred. Bis sie unfreiwillig in seine Fussstapfen tritt und einer verschwundenen Dadaistin nachspürt – um 1919 keine alltägliche Tätigkeit für eine Frau. Doch Josy, wie ihre Freundin Klara sie nennt, lässt sich nicht beirren, auch als alles noch schwieriger wird, als es ohnehin schon ist.

Sorgfältig und doch leichtfüssig erzählt die Zürcher Autorin Miriam Veya in ihrem Debütroman «Tod im Cabaret Voltaire» von einem nicht ganz gewöhnlichen Frauenleben kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Dabei lässt sie die Leserinnen und Leser in die Lebenswelt von damals eintauchen, führt sie durch das Niederdorf und das dadaistische Cabaret Voltaire. Das Buch liest sich teilweise eher wie ein historischer Roman als wie ein Krimi. Denn Miriam Veya erzählt zwar eine Kriminalgeschichte, aber zeichnet en passant auch ein Bild der gesellschaftlichen Rollen, die den Frauen jener Zeit offenstanden.

Im September präsentiert Miriam Veya ihren Romanerstling in unserer Veranstaltungsreihe «Zürich im Buch». Das ist noch eine Weile hin, in unserer Turicensia Lounge steht das Buch aber bereits jetzt zum Blättern bereit. Mehr Informationen über das Cabaret Voltaire und den Dadaismus in Zürich finden Sie in der Zürcher Bibliographie.

Der Winterthurer Unternehmer Hans Sulzer

«‹Weltengänger› in krisenhaften Zeiten – der Winterthurer Industrielle und Diplomat Hans Sulzer (1876-1959)» herausgegeben von Daniel Nerlich und Matthias Wiesmann

Mai 2023. Der Winterthurer Industrielle Hans Sulzer (1876-1959) gestaltete die Schweizer Wirtschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend mit. Er stand der global agierenden Gebrüder Sulzer AG vor, war Mitglied gewichtiger Verwaltungsräte und repräsentierte als Präsident des Leitungsgremiums des Schweizerischen Handels- und Industrie-Vereins die Schweizer Privatwirtschaft. Zudem war er für den Bundesrat auf diplomatischer Mission. All dies bewältigte er in einer politisch und wirtschaftlich herausfordernden Zeit.

In der Neuerscheinung «‹Weltengänger› in krisenhaften Zeiten» setzen sich sechs Historikerinnen und Historiker mit dem nicht unumstrittenen neoliberalen Unternehmer, eine Autorin mit seiner Frau Elisabeth Sulzer-Weber auseinander. Die unterschiedlichen Perspektiven ergänzen sich und fügen sich zum Bild eines Lebens und seiner Zeit zusammen. Zahlreiche Fotografien und Dokumente illustrieren das von einem Enkel Sulzers initiierte Buch. 

Diese Publikation des Archivs für Zeitgeschichte der ETH Zürich ist bei uns ausleihbar. Weitere Lektüre über Hans Sulzer sowie die Familie Sulzer und ihren Konzern finden Sie in der Zürcher Bibliographie. Ein Klassiker des Neoliberalismus – Friedrich August Hayeks «Der Weg zur Knechtschaft» –, auf den sich Hans Sulzer in mindestens einer seiner Reden explizit bezieht, erschien auf Deutsch im Zürcher Rentsch-Verlag. Wir haben die Erstauflage im Bestand.

Vom Zürcher Oberland nach Montana einfach

«Heimatlos» von Stephan Pörtner

April 2023. «Fahren Sie auch zum ersten Mal mit der Eisenbahn?», wird Jakob Furrer im Zug von Zürich nach Basel gefragt. Im Roman «Heimatlos» nimmt der Zürcher Autor Stephan Pörtner die Leserinnen und Leser ins 19. Jahrhundert mit – eine Zeit des Aufbruchs und Fortschritts für die einen, eine der Armut für viele andere.

Pörtner erzählt die Geschichte eines Bauernsohns aus dem Zürcher Oberland. Armut, Feindschaft und Träume verschlagen Jakob Furrer von Wald in die Stadt Zürich und schliesslich in die Schlacht am Little Big Horn. Der Protagonist und seine Lebensgeschichte sind erfunden. Vincent Charly, in den sich Jakob Furrer auf seiner Odyssee verwandelt, fiel aber tatsächlich im legendären Kampf zwischen der indigenen Bevölkerung und der US-Armee.

Der Schriftsteller und Übersetzer Stephan Pörtner ist vor allem für seine Köbi-Krimis bekannt. Auch in «Heimatlos» muss der eine oder andere sein Leben lassen, das Genre hat der Autor aber eindeutig gewechselt – erfolgreich.  Nach 335 Seiten glaubt man ihm, dass das Leben eines armen Zürcher Bauern so gewesen sein könnte, dass irgendein Leben wohl so gewesen ist.

Dank «Zürich liest ein Buch» begegnen Sie bestimmt vielen Menschen, mit denen sie sich über den Roman austauschen können. Anlässlich der zweiten Auflage gabs ein neues Cover, deshalb sieht das Buch nicht immer gleich aus. Bei uns in der Turicensia Lounge finden Sie die gestreifte Erstauflage

Ein Fabrikdorf am Zürichsee

«Seegfrörni» von Rolf Käppeli

März 2023. Im August 1945 bringt ein Mann in Rustikon seine Familie und sich selbst um. Im September 1958 zeigt ein Weinbauer seinem Gast ein Foto beschädigter Reben. Während eines Frauenabends im November 1968 verrät die Frau eines Fabrikarbeiters, wie sehr sie um die Gesundheit ihres Mannes bangt.

Der Autor Rolf Käppeli lässt die Leserinnen und Leser Gesprächen und Gedanken in und um Rustikon lauschen. Mit dieser vielstimmigen Szenensammlung erzählt er drei Jahrzehnte Geschichte eines Dorfs am Zürichsee vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die späten 1970er-Jahre. Zur Hauptfigur wird dabei weder der Patron der Chemischen Fabrik, noch der Fabrikgärtner oder die Frau des kranken Fabrikarbeiters, sondern das Dorf selbst. Und alles im fiktiven Rustikon ist auf irgendeine Weise mit der Chemischen Fabrik verbunden oder bleibt zumindest nicht unberührt von ihr.

Rustikon ist unverkennbar Uetikon, wo der Autor lebt. Das Areal der ehemaligen Chemischen Fabrik Uetikon wird heute umgestaltet, der mit Schwermetallen belastete Seegrund saniert. Rolf Käppeli hat sich seiner Wahlheimat Uetikon nicht nur literarisch angenähert: In einem Dokumentarfilm lässt er ehemalige Fabrikangestellte und andere Zeitzeugen zu Wort kommen. Und der umtriebige Autor hat weitere Pläne: «Seegfrörni» ist der zweite Band einer Fabrikdorf-Trilogie, der dritte steht noch aus. Den ersten und «Seegfrörni» finden Sie in unserem Bestand, mehr zu Uetikon und seiner Chemiefabrik in der Zürcher Bibliographie.  

Die neusten Zürich-Krimis

Zürich-Krimis

Februar 2023. Der Kanton Zürich leuchtet tiefrot auf der Karte zur Häufigkeit der Gewaltstraftaten im Statistischen Atlas der Schweiz. Was in der realen Welt anders besser wäre, ist für die erfundene umso positiver. Der Schauplatz Zürich inspiriert nämlich zahlreiche Autorinnen und Autoren zu Zürich-Krimis. Wir haben die neusten zusammengetragen.

Einige Zürcher Ermittlerinnen und Ermittler lösen zum ersten Mal Fälle, zum Beispiel die Seepolizistin Rosa Zambrano, die einen Mord im Biotech-Milieu aufklärt. Auch Pfarrer Roger Gabathuler, Rechtsmedizinerin Lisa Klee und Kommissar Monti sind erstmals auf Verbrecherjagd. Bei der einen oder dem anderen folgt schon bald der zweite Fall.

Alte Bekannte finden sich ebenfalls in den neusten Zürich-Krimis: Das Detektivduo Marisa Greco und Bashir Berisha gerät diesmal ins Visier eines Auftragsmörders der Mafia, Kommissarin Sarah Conti klärt einen Mord im neuen Chipperfield-Bau und das Ermittlerduo Zita Schnyder und Werner Meier ist gleich mehrmals im Einsatz – unter anderem ist der allererste Fall nochmals erschienen. Ebenfalls erneut ermitteln der Rechtsmediziner Sokrates, Noldi Oberholzer, der umtriebige Mundartpolizist Ääschme, Philipp Humboldt sowie Heiri Stampfli von der Kapo und sein Team.

Nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal im Kanton Zürich ist das Detektivpaar Maximilian von Wirth und Federica Hardegger unterwegs und mit Florian Berger und Cressida Kandel jagt ein Krimi-Autoren-Duo für einmal selbst Kriminelle. Wer es kürzer mag, liest am besten die Winterkrimis in «Zürihegel».

Die Zürich-Krimis finden Sie in unserer Turicensia Lounge und im Freihand-Magazin.  

Zeichnen mit Witzig

«Vom Schlaraffenland zum Totentanz – der Zürcher Zeichenlehrer und Illustrator Hans Witzig» herausgegeben von Anna Lehninger

Januar 2023. Eine Katze zeichnen? Lieber ein Huhn? Oder eine Giraffe? Mit Hans Witzigs Zeichenbüchlein kein Problem, auch wenn einem das Zeichentalent spärlich in die Wiege gelegt wurde. Der Zürcher Illustrator, Kunsthistoriker und insbesondere Zeichendidakt ist vor allem für seine Anleitungen zum Zeichnen bekannt. Dass sein Werk viel breiter ist, zeigt Anna Lehninger im neuen Neujahrsblatt der Antiquarischen Gesellschaft.

Für die Publikation «Vom Schlaraffenland zum Totentanz – der Zürcher Illustrator und Zeichenlehrer Hans Witzig» konnte die Kunsthistorikerin einen illustren Kreis an Mitautorinnen und -autoren gewinnen. In 25 reich bebilderten Texten stellen sie Witzig und sein Werk von den Zeichenrezepten über Märchenillustrationen und politische Plakate bis hin zu sozialkritischen Arbeiten vor.

«Es gab eigentlich kein Vorbeikommen an Hans Witzigs Zeichenheften», sagt Anna Lehninger über ihre Forschung zu Schweizer Kinderzeichnungen. «Sprach ich mit ehemaligen Lehrpersonen oder mit älteren Menschen, die sich an ihre Kindheit erinnerten, kamen schnell die ‹Witzig-Heftli› auf.» Als Projektmitarbeiterin der Zentralbibliothek Zürich katalogisierte sie einen Teil von Witzigs Nachlass, was ihr weitere Seiten des Künstlers erschloss. Durch die Publikation und das Kuratieren einer Ausstellung für die ZB lernte sie ihn abermals neu kennen. «Es ist seine nachdenkliche, kritische, teils makabre Seite, die den Künstler in neuem Licht erscheinen lässt, gleichzeitig der unglaubliche Humor und Bildwitz vor allem in seinen frühen Arbeiten.»

In unserer Turicensia Lounge können sie Witzig mit «Vom Schlaraffenland zum Totentanz» – vorerst ausschliesslich als Buch – selbst entdecken. Einen Einblick bietet auch das digitalisierte, von Witzig illustrierte «Lesebuch zur Heimatkunde der Stadt Zürich» auf unserer Zurich Open Platform (ZOP). Die Ausstellung in der Schatzkammer und im Themenraum Turicensia eröffnen wir Mitte März.

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Header-Bild: Auf der Grundlage einer Postkarte des Zürcher Wappenlöwens beim Hafen Enge, um 1910 (ZB Zürich)