ZB Dialog

Die ZB möchte mit Ihnen ins Gespräch kommen.

3. April 2024

Hinter den Kulissen der ZB stellen wir uns immer wieder Fragen zu unserem Service und entwerfen Szenarios für die Bibliothek der Zukunft. Wir brüten und brainstormen, wir mutmassen und werweissen. Wir orientieren uns an der Strategie von Zentral- und Universitätsbibliothek, doch ob eine Umsetzung oder Veränderung am Ende brauchbar ist und gewünscht wird, erfahren wir erst durch unsere Nutzenden.

Deshalb möchten wir mit Nutzenden ins Gespräch kommen, denen unsere Bibliothek am Herzen liegt und die sich an deren Weiterentwicklung beteiligen möchten. Wir wollen erfahren, was sie in der ZB nutzen und missen, lieben und hassen, was für sie wichtig ist und wichtig werden könnte.



In den vergangenen Jahren sind wir vermehrt auf Kundinnen und Kunden zugegangen, um sie zu befragen oder um Prototypen testen zu lassen. Auf diese Weise konnten wir z.B. unsere Einführung für Maturandinnen und Maturanden spielerischer gestalten, Bedürfnisse für Lernplätze erheben oder in Interviews mit Forschenden Anforderungen an eine neue Plattform eruieren.

Meistens war es aufwändig, Personen für unsere Fragen und Tests zu finden. Immer jedoch war es sehr aufschlussreich und bereichernd für uns.

So entstand die Idee zum ZB Dialog. Wir wünschen uns eine Gruppe von Nutzenden, die sich zweimal jährlich mit uns trifft, damit wir ihre Bedürfnisse erkennen, unsere Dienstleistungen durch ihre Augen sehen und unsere Ideen einem ersten Reality Check unterziehen können. Im Dialog sollen einerseits Dinge zur Sprache kommen, die bei uns anstehen (das könnten verschiedene Anforderungen an den Bibliotheksraum sein oder die Verständlichkeit der Webseite), andererseits soll es Platz haben für Inputs und Themen, die den Teilnehmenden ein Anliegen sind und die wir nicht auf dem Radar haben.

Idealerweise spiegelt die Gruppe, mit der wir in Dialog treten, möglichst unser gesamtes Publikum: Die Teilnehmenden sind verschiedenen Alters und Herkunft, sie nutzen unterschiedliche Angebote der ZB aus unterschiedlichen Gründen. Als Stadt-, Kantons-, und Universitätsbibliothek machen wir einen ziemlich grossen Spagat; es wäre interessant, in einer heterogenen Gruppe nach Lösungen für verschiedene Bedürfnisse zu suchen. Wir möchten nicht nur begeisterte Nutzende sondern auch konstruktiv kritische dabei haben. Im Idealfall würde sich ein Gremium von 15-20 Leuten bilden, das uns in leicht wechselnder Zusammensetzung über mehrere Jahre begleitet.

Die Staatsbibliothek Berlin verfügt seit längerem über einen Nutzendenrat, für den sich viele beworben haben. Wir wissen aber auch von Berufskolleg:innen, die Sounding Boards unterhalten, dass es schwierig sein kann, Personen dafür zu finden. In der Privatwirtschaft gibt es für solche Tätigkeiten gewöhnlich attraktive Goodies oder eine finanzielle Entlöhnung. Für eine öffentliche Stiftung wie die ZB ist die Zeit der Teilnehmenden unbezahlbar, wir revanchieren uns mit einem reichhaltigen Apéro und einer speziellen Bibliotheksführung.

Das erste Treffen findet am 28. Mai, von 17 bis 20 Uhr statt. Weitere Informationen finden Sie hier, zur Anmeldung geht es hier. Die Anmeldefrist endet am 22. April 2024.
Wenden Sie sich bei Fragen an: giovanni.peduto@zb.uzh.ch


IK, Digitale Dienste & Entwicklung (IDE)






«Doing Digital Public History: Forschung und Praxis»

Ein Workshopbericht von Rhea Rieben, Willy-Bretscher-Fellow

1. März 2024

Unterschiedlicher hätten die Projekte nicht sein können. Auf den 2. Februar lud ich eine Handvoll Forscher:innen und Vertreter:innen aus der Praxis zum Workshop «Doing Digital Public History: Forschung und Praxis» im Rahmen des Willy-Bretscher-Fellowships in die ZB ein. Was die Referate verband: das «Geschichte-Machen» an der Schnittstelle von Public History und Digital Humanities.

Gemeinsam Geschichte machen

Den Einstieg in den Workshop-Tag machen Simone Rosenkranz und Sandra Studer. Sie stellen das Projekt «Zentralgut» der Zentralbibliothek Luzern vor. Die Plattform bündelt Kulturgüter Zentralschweizer Kultur- und Gedächtnisinstitutionen in digitaler Form. Sie lädt aber auch Nutzer:innen dazu ein – im Sinne von Crowdsourcing-Projekten – selbst das Portal zu befüllen. In Planung ist ein Projekt mit einem Luzerner Quartiersverein.

Martin Munke (SLUB Dresden) gibt in seinem Vortrag einen Einblick in die Möglichkeiten des Wikiversums für Citizen Science Projekte. Zentral, so Munke, seien offene Kulturdaten: was die Bibliotheken zur Verfügung stellen, aber auch was anschliessend damit passiert. Ein Schlüssel sei das Bildungsangebot durch Bibliotheken, aber auch die Zusammenarbeit mit Historischen Vereinen und Freiwilligen.

Im digitalen Raum erzählen

Christine Szkiet von der PH Luzern entführt uns in ihrem Vortrag in die digitale Erzählwelt zum Innerschweizer Künstler Heinrich Danioth. Der Fokus des Projekts, bei dem sie mit Studierenden der PH Luzern zusammengearbeitet hat, liegt auf der Narrativierung von Quellenmaterial: durch transmediales Storytelling soll ein Kosmos geschaffen werden, um Geschichte erfahrbar zu machen.

Porträt von Fritz Platten, undatiert (eingefärbt). Zentralbibliothek Zürich, SGA Ar 21.45.05

Auch für Storytelling interessiere ich mich gemeinsam mit Jan Zimmermann und Elias Kreyenbühl vom ZB Lab. In unserem Projekt über den Schweizer Kommunisten Fritz Platten, experimentieren wir mit nicht-linearem Erzählen. Erarbeitet haben wir drei digitale Rundgänge (aufgeschaltet ab dem 20. März 2024), in denen Nutzer:innen aufgefordert sind, sich selbst eine Meinung zu der umstrittenen Figur von Fritz Platten zu bilden.


Aufbewahren und Vermitteln

In eine ganz andere Richtung geht das Projekt «Zusammenfrauen» des Gosteli-Archivs. Lina Gafner und Tabea Fröbel zeigen, dass ihre Institution eine Doppelfunktion hat. Das Gosteli-Archiv bewahrt und dokumentiert die Geschichte der Frauenbewegung, ist aber selbst auch Teil davon. Mit der Kampagne «Zusammenfrauen» sollen Akteurinnen der Frauenbewegung von zwei Dingen überzeugt werden: das Gosteli-Archiv ist ihr Archiv und jede Geschichte ist es wert ins Archiv zu kommen.

Auf Längerfristigkeit angelegt ist auch das Projekt forschung.stadtgeschichtebasel.ch, vorgestellt von Moritz Mähr (Uni Basel). Im Rahmen der neuen Stadtgeschichte Basel soll diese digitale Plattform als virtueller Speicher von Daten zur Basler Geschichte entstehen. Mähr betont dabei die Wichtigkeit von Research Data Management nach dem FAIR-Prinzip (Findable, Accessible, Interoperable, Reusable).

Geschichte im digitalen Klassenzimmer

Auf die Anwendung von digitalen Tools für Schüler:innen konzentrieren sich die beiden Referent:innen von der PH Zürich. Jose Cáceres stellt das Projekt «Geschichte(n) für die globale Gegenwart» vor. Entwickelt wird eine digitale Plattform auf der Schüler:innen sich mit kolonialer und postmigrantischer Geschichte auseinandersetzten können. Die im Zentrum des Projekts stehenden Objekten sollen relationales Denken fördern und eurozentrische Masternarrative aufbrechen.

Alexandra Krebs wiederum hat in ihrem Forschungsprojekt die Lernplattform «App in die Geschichte» entwickelt, um damit forschendes und entdeckendes Lernen zu fördern. Das Herzstück der App ist das digitale Archiv: Schüler:innen sind aufgefordert, selbst die Quellen zu entdecken und eine Position zu bestimmten Fragestellungen zu entwickeln. Sie kann in ihrer Forschung zeigen wie die App von den Schüler:innen unterschiedlich genutzt wird, um die gestellten Aufgaben zu lösen.

Kolonialismus aufgearbeitet

Die beiden letzten vorgestellten Projekte zeigen, dass im Bereich der Public History die Grenzen zum Aktivismus fliessend sind. Monique Ligtenberg repräsentiert das Kollektiv Zürich Kolonial. Der Verein erarbeitet in erster Linie digitale Stadtrundgänge durch Zürichs koloniale Vergangenheit, bietet aber auch physische Rundgänge an. Ligtenberg betont, dass hybride Modelle was Zielgruppen, Kosten und auch Aufwand betrifft, für sie die beste Lösung darstellen.

Barbara Miller stellt die Website colonial-local.ch zur Kolonialgeschichte Fribourgs vor. In diesem antirassistischen Bildungsprojekt wird bewusst auf die Reproduktion von rassistischen Bildern verzichtet. Ziel des Bildungsprojekts ist es mitunter Lehrpersonen Material zur Hand zu geben. Auch gibt es die Möglichkeit zur Partizipation in einem Blog. Problematisch ist vor allem die Geldbeschaffung: der freiwillige Einsatz ist gross und Veränderungen an der Website kosten.

Diskutiert wurde deshalb auch stark welche Themen gefördert werden oder eben nicht. 

Zum Schluss die Key Note Lecture - ist das Digitale die Zukunft?

Ist digital die Zukunft?

Thomas Cauvin von der Universität Luxembourg diskutiert abschliessend in seiner Key Note Lecture die Frage: Is Digital the Future of Public History? Die Zugänglichkeit von Geschichte durch die Möglichkeiten des Digitalen fordern uns auf, so Cauvin, in einen Dialog mit der Öffentlichkeit zu treten, unsere Sprache zugänglich zu machen und gemeinsam mit der Öffentlichkeit Geschichte zu machen. Seiner Meinung nach zwingt uns das Digitale unser Handwerk neu zu denken, Machtstrukturen aufzubrechen und Autorität, Expertise und Relevanz zu überdenken.

Echte Interdisziplinarität 

Der Workshoptag hat gezeigt, dass die Auseinandersetzung mit Digitalem in der Public History verschiedene Formen annehmen kann. Das rege Interesse und die spannenden Fragen aus dem heterogenen Publikum haben deutlich gemacht, dass gerade die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen, wie dies für die Public History üblich und notwendig ist, Raum für spannende Fragestellungen und kreative Ideen schafft.




     Willy-Bretscher-Fellow an der Zentralbibliothek Zürich 






Zwischen Bienenfleiss und Seelenruhe. Der Zürcher Künstler Franz Hegi

Die Sammlung von Heinrich Appenzeller mit über 1’600 Druckgrafiken Franz Hegis ist neu auf der Plattform e-rara zugänglich.

31. Januar 2024

Franz Hegi nach Johann Jakob Biedermann, Kraezerenbrücke, ca. 1811


Als der Zürcher Kunsthändler Heinrich Appenzeller (1854–1921) im Dezember 1921 im Alter von 67 Jahren verstarb, erinnerte die Neue Zürcher Zeitung in einem Nachruf an den umtriebigen Inhaber eines Geschäftes für Mal- und Zeichnungsmaterial. Vor allem würdigte man seine Dienste für die Künstlergesellschaft und die Stadtbibliothek, für die er wesentliche Organisations- und Katalogisierungsarbeiten geleistet hatte. Unter anderem hatte Appenzeller «mit großen persönlichen Opfern einen mustergültigen Katalog der Arbeiten unseres geschickten Zürcher Kupferstechers Franz Hegi im Druck herausgegeben». Sein Fachwissen über Franz Hegi (1774–1850) hatte sich Appenzeller durch den jahrelangen Aufbau einer exquisiten Sammlung von über 1'000 Druckgrafiken des Zürcher Künstlers angeeignet, welche die Grundlage für seinen umfassenden Werkkatalog von 1906 bildete.

Die durch spätere Ergänzungen auf über 1'600 Druckgrafiken angewachsene Sammlung kam nach dem Tod Appenzellers in 15 grossen Mappen in die Zentralbibliothek. Die Bilder wurden inzwischen online katalogisiert und können nun vollständig auf swisscovery, swisscollections und der Plattform e-rara eingesehen werden. Über 1’000 Drucke von Hegi befinden sich zudem in der Graphischen Sammlung der ETH Zürich. Im Kunsthaus Zürich ist schliesslich das Manuskript von Hegis Autobiografie erhalten, ebenso sieben Bände mit über 1’000 seiner Zeichnungen, die Heinrich Appenzeller dort in Alben zusammengestellt hat.

Lausanne – Basel – Zürich. Stationen eines Künstlerlebens

Franz Hegi, dessen Aussehen im Alter von ungefähr 75 Jahren wir durch ein Porträt von unbekannter Hand kennen, das an den Anfang von Appenzellers Katalog gestellt ist und das auch 1906 in der illustrierten Zeitschrift Die Schweiz abgebildet wurde, stammt ursprünglich aus Lausanne, verbrachte aber den grössten Teil seines Lebens in Zürich.

Porträt von Franz Hegi, in: Die Schweiz 1906

Nach seiner Ausbildung bei Matthias Pfenninger, vor allem in der damals noch jungen Aquatintatechnik, arbeitete er einige Jahre bei Peter Birmann in Basel, bevor er 1802 dauerhaft in Zürich ansässig wurde. Seine Lebensgeschichte ist geprägt von seinen – thematisch sehr vielfältigen – Aufträgen und der lebenslangen Perfektion seiner Darstellungskunst in der malerischen Drucktechnik der Aquatinta.


Meister der Radierkunst – Von A wie Aquatinta bis Z wie Zwischentöne

Hegi, der vor allem als Radierer tätig war, hat in der Aquatinta die atmosphärischen Qualitäten dieser Drucktechnik voll ausgelotet. So bringt in einem über mehrere Blätter laufenden «Rundgang» durch das Gefängnis im ehemaligen Zürcher Wellenbergturm ein Wärter Licht ins Dunkel eines Kerkers, indem er mit einer Kerze in den Raum hineinleuchtet. Das winzige Licht entfaltet in der Finsternis des fensterlosen Gemäuers seine volle Leuchtkraft und bestrahlt die grauen Mauern des Verlieses.

Der dunkle Kerker, 1838

Noch eleganter wird das Spiel mit den Stimmungswerten in den kolorierten Drucken. Durch die Abstufung von Farbwerten und Helligkeitstönen wird eine zuvor in der Druckgrafik vor allem in Umrissradierungen mögliche atmosphärische Wrkung erreicht, die sogenannte Luft- oder Farbperspektive, die nun voll ausgelotet werden konnte. In einer Ansicht von Sitten aus den 1830er-Jahren zeigt sich durch die gekonnte Handhabung der Ätztechnik eine tiefenräumliche Durchstufung des Bildraums. Die sich auf zwei Hügeln erhebenden Gebäude im Bildmittelgrund wirken diffus und auf märchenhafte Weise der Realität enthoben.

Ansicht von Sitten, 1830er-Jahre

Auch im Kontrast von schattigen und sonnigen Partien wird das Wirkungspotential der unterschiedlichen Entfernungen ausgeschöpft. Der im Schatten gelegene Vordergrund verstärkt zusätzlich diesen Effekt in einer Ansicht von Schloss Thun, das in hellen Tönen im Bildmittelgrund in milchig-opaleszentes Licht getaucht erscheint.

Schloss Thun, nach einer Zeichnung von Johann Jakob Wetzel, 1827

In den Diensten anderer Künstler

Franz Hegi ist trotz seines umfangreichen zeichnerischen Werks vor allem als Stecher von Vorlagen anderer Künstler in Erinnerung geblieben. Er arbeitete nach Zeichnungen so unterschiedlicher Künstler wie Johann Rudolf Schellenberg, Johann Heinrich Füssli oder David Hess. Mittels der malerischen Handhabung der Aquatinta blieb es aber nicht bei einem reinen Ausführen von gezeichneten Vorlagen, sondern es war auch möglich, in gewissem Rahmen eigene Akzente zu setzen.

Eine Illustration aus der 1818 erschienenen Badenfahrt von David Hess (1770–1843) veranschaulicht, wie gekonnt Hegi die zeichnerischen Vorlagen in der Umsetzung in eine Druckgrafik transferierte: Die von Hess im Manuskript zur Badenfahrt  in einer farbigen Zeichnung festgehaltenen Spanischbrötli waren eine in Zürich sehr beliebte Leckerei. Aus dem eher nüchternen Tischchen bei Hess ist in Hegis Version ein regelrechter Gabentisch geworden, auf dem auf einem Spitzendeckchen eine ovale Spanschachtel vor Spanischbrötchen regelrecht überquillt. Hegi schuf somit, wie Maria Gertrud Dönz-Breimaier 1940 in ihrer Dissertation Franz Hegi und sein Kreis hervorgehoben hat, «aus diesen Zeichnungen kleine Meisterwerke der Buchillustration (…), die zum besten gehören, was er in diesem kleinen Format geätzt hat.» (S. 70).

Spanischbrötli, Zeichnung im Manuskript von David Hess, 1815

Die Spanischbrötchen, Radierung von Franz Hegi, 1818










Zu Hegis Arbeiten für Johann Heinrich Füssli (1741–1825) zählt die Darstellung Josephs als Traumdeuter für das 22. Neujahrsstück der Künstler-Gesellschaft in Zürich von 1826. Zu sehen ist jener Moment, in dem Joseph im Gefängnis dem ebenfalls inhaftierten Mundschenk dessen Begnadigung und dem Hofbäcker die Todesstrafe voraussagt (Gen 40, 9–18). Auch hier arbeitet Hegi in der Ausgestaltung der Figuren im Braundruck mit den Mitteln der Hell-Dunkel-Kontraste und -Schattierungen, indem er Füsslis dramatisch bewegter Figur des Bäckers durch den hell hervorgehobenen Joseph ein optisches Gegengewicht verleiht.

Franz Hegi nach Johann Heinrich Füssli, Joseph erklärt dem Bäcker und Mundschenk ihre Träume, 1826Zumindest einmal hat Hegi nach den Vorlagen einer Künstlerin gearbeitet: Für Elise Wysard-Füchslin (1790/91–1863), eine Bieler Zeichnerin und Kunstmalerin, die sich auf Trachtendarstellungen spezialisiert hatte, ätzte Hegi die Darstellung einer jungen Frau in Berner Tracht, die von der Trachsler’schen Buchhandlung in Zürich vertrieben wurde. Das Bernermädchen, trägt, so Heinrich Appenzeller in seiner Beschreibung, «einen kleinen Strohhut auf dem Kopfe und hält in der linken Hand, die Arme übereinandergelegt, einen Brief. Der schöne Zopf reicht bis auf die gestreifte Schürze hinunter.»

Franz Hegi nach Elise Füchslin-Wysard, Costume de Berne, 1830er-Jahre

Mit Hegi auf Reisen

Geografisch ist Franz Hegi vor allem als Bildchronist Zürichs verortet, jedoch war der vielbeschäftigte Radierer auch mit der Darstellung nationaler und internationaler Ansichten befasst und sozusagen auf der ganzen Welt auf Reisen und dokumentierte berühmte Sehenswürdigkeiten und architektonische Neuerungen. Nach Johann Jakob Biedermann schuf er 1811 eine Ansicht der neu errichteten Kraezerenbrücke und bezeugte mit dem Blatt die technische Neuerung.

Das monumentale Löwendenkmal, das 1821 nach einem Entwurf des dänischen Bildhauers Bertel Thorwaldsen in Luzern in den Felsen geschlagen worden war, dokumentierte Hegi sowohl in Nahaufnahme während seiner Entstehung als auch aus der Entfernung. Das nach Johann Baptist Marzohls Zeichnung gefertigte Blatt belegt auch die Beliebtheit des Motivs bei Touristen.

Das Löwendenkmal in Luzern, Lithografie Hegis nach eigener Zeichnung, 1830er-Jahre

Das Luzerner Löwendenkmal, nach einer Zeichnung von Johann Baptist Marzohl, 1840er-Jahre










Nach einer Zeichnung von Johann Jakob Wetzel gestaltete Hegi 1820 auch eine Ansicht von Bregenz, das wir als Betrachtende zusammen mit zwei Wanderern durch einen Felsendurchgang erblicken. Durch den zweifarbigen Druck hebt sich der hellblau gefärbte Hintergrund mit der Stadt und dem Bodensee strahlend von der dunkelgrauen Rahmung ab, wodurch die räumliche Tiefenwirkung noch verstärkt wird.

Ansicht von Bregenz nach Johann Jakob Wetzel, 1820

Wenn der Künstler selbst auch nur wenige Male gereist ist (ausserhalb der Schweiz ist nur ein Aufenthalt in Paris belegt), so hat er mit der Radiernadel doch gleichsam alle Ecken der Welt auf dem Arbeitstisch «durchstochen», von Osten nach Westen und von Norden nach Süden. Ansichten vom Markusdom in Venedig oder dem Mailänder Dom ätzte er ebenso wie von Notre Dame in Paris oder der Winterpalast in St. Petersburg, der seit 1917 die Eremitage beherbergt. Auch Motive aus weiter entfernten Ländern landeten auf Hegis Arbeitstisch und dokumentieren, wie zum Beispiel eine Ansicht einer Missionsstation in Antigua, auch koloniale Spuren in der Welt.

Meister der Staffagefiguren

Ein wesentliches Element vieler Ansichten sind sogenannte Staffagefiguren, die als «heimliche Helden» zwischen Bildvordergrund und -hintergrund vermitteln und die Bilder beleben. Mit Schirmen und Spazierstock bewaffnet wandert eine Gruppe von Spaziergänger:innen vor dem Nidelbad, oder es blickt eine Frau durch ein Fernrohr, um die Aussicht im Tösstal zu betrachten. Eine Familie steht bewundernd vor dem Nägeli-Monument an der Hohen Promenade in Zürich.

Staffagefiguren im Fokus: Eine Gruppe vor dem Nidelbad, eine Frau sieht durch ein Fernglas, eine Familie bewundert das Nägeli-Monument

Staffage ist auch austauschbar: Vor demselben Wasserfall in Erlenbach ist einmal eine rastende Gesellschaft zu sehen, ein anderes Mal ein eleganter Dandy, der lässig mit überschlagenen Beinen sitzend die Aussicht geniesst, die sein Begleiter ihm offenbar erläutert.

Schute d'Eau a Erlenbach a deux lieues de Zurich, um 1810

Schute d'Eau a Erlenbach a deux lieues de Zurich, um 1810

Illustrationen von wissenschaftlichen Werken und Kinderbüchern

Nicht nur Ansichten und ihre Ausgestaltung prägten das Schaffen Hegis, auch in vielen anderen Darstellungsformen war er beschäftigt. So zeigte er die grossflächigen Verbrennungen am Opfer eines Blitzeinschlags, Jakob Meyer vom Blitzes-Strahl getroffen bey St. Gallen den 4 Juny 1808 oder mehrere Laufkäfer für ein Insektenhandbuch, darunter einen Vertreter der Gattung Ocydromus aus der Familie der Carabidae. Neben diesen sachlich-trockenen Wissenschaftsillustrationen ätzte er aber auch ein malerisches Wiesenstück nach Johann Rudolf Schellenberg für das Neujahrsstück der Künstler-Gesellschaft in Zürich von 1807. Nach Zeichnungen von Carl Schulthess stach er nicht nur einige Zeichenvorlagen wie eine Vase, sondern auch winzige Bildchen wie die Verzeihung für das Taschenbuch Iris. Darüber hinaus schuf er zahlreiche Illustrationen für Taschenbücher und Neujahrsblätter.

Unter den Illustrationsarbeiten seien sechs kleinformatige, unkolorierte Drucke mit Szenen aus der Robinson-Geschichte hervorgehoben, die zur Illustration der deutschen Ausgabe von Henry Lemaires Robinsonade von 1825 in der Trachslerschen Buch- und Kunsthandlung dienten. Diese «neue verbesserte Auflage» mit dem deutschen Titel Kleiner Robinson oder Abentheuer des Robinson Crusoe, um 1810 auf Französisch als Petit Robinson, ou Les aventures de Robinson Crusoë erschienen, diente gemäss Titel Zur Unterhaltung für die Jugend und zeigt sechs wichtige Momente im Leben des berühmten Insulaners, vom Schiffbruch, über Begegnungen mit Tieren bis zum ersten Aufeinandertreffen mit Freitag und dem gemeinsamen Verlassen der Insel.

Robinson-Ausgabe aus der Bibliothek am Guisanplatz, 1825 (2. Auflage), NON 23275

In den 1950er-Jahren wurde Heinrich Appenzellers Sammlung durch zahlreiche Hegi-Drucke aus dem Nachlass von Dr. Rudolf von Schulthess-Rechberg (1860–1951) ergänzt, darunter auch sechs weitere Drucke mit denselben Szenen, allerdings in anderer Ausführung, die sich enger an den Illustrationen des französischen Originals zu orientieren scheinen. Sie könnten möglicherweise der deutschen Ausgabe von 1818 zuzuordnen sein. In dem erhaltenen Exemplar der zweiten Auflage in der Bibliothek am Guisanplatz sind die Illustrationen in kolorierter Fassung enthalten, wodurch die Bilder zusätzliche Prägnanz und atmosphärische Verdichtung erfahren. Im Vergleich einzelner Motive wie Robinsons Entdeckung von menschlichen Fussspuren im Sand in der (vermutlich) ersten und zweiten Fassung zeigen sich grundlegende Unterschiede in der Auffassung der Figur Robinsons und seiner Umgebung. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit diesen Illustrationen, zu denen im Kunsthaus Zürich auch die Vorzeichnungen erhalten sind, könnte der Robinson-Forschung neue Facetten hinzufügen und damit Adolf Seebaß’ lapidare Beschreibung der Ausgabe von 1818 als «hübsches, reizend illustriertes Büchlein» (1983, S. 289, Nr. 1623) inhaltlich erweitern.


Menschliche Fussspuren im Sand in zwei Versionen, um 1818/1825

Vorzeichnungen zu Robinson Crusoe, undatiert, Kunsthaus Zürich, Graphische Sammlung, in: Franz Hegi, VII., Studien zu Kupferplatten, S. 21

Sechs Illustrationen zu Robinson Crusoe, undatiert (um 1825)

Sechs Illustrationen zu Robinson Crusoe, undatiert (um 1818?)


Die Hegi-Sammlung von Rudolf von Schulthess-Rechberg enthält zahlreiche kolorierte Trachtendarstellungen und Ansichten, aber auch einige Märchen-Illustrationen nach Ludwig Emil Grimm. Die Szenen von Hänsel und Gretel mit der Hexe und dem im Glassarg liegenden Schneewittchen sind in nächtliches Dunkel getaucht, das nur von Mond und Sternen beleuchtet wird, wodurch ein Spiel mit gruseligen bis geheimnisvollen Lichteffekten entsteht.

Hänsel und Gretel und Schneewittchen nach Ludwig Emil Grimm, um 1825


Franz Hegis Zürich. Von der Wasserkirche zur Stadtbibliothek

Seine Heimatstadt hat Hegi mehrmals zeichnend und radierend in den Blick genommen. Eine Zeichnung der Ansicht von der Bauschanze aus der Ansichtensammlung der Graphischen Sammlung zeigt Zürich im Jahr 1814 als idyllisch-verträumten Ort.

Zürich von der Bauschanze, 1814

Einige Jahre später erblicken wir die Aussicht von der Zürcher Gemüsebrücke mit allerlei buntem Treiben von Spaziergänger:innen, Soldaten, Kindern und Händlern.

Aussicht von der unteren Brücke in Zürich, 1830er Jahre

In einigen Blättern wird auch die Zentralbibliothek, respektive ihre Vorgängerinstitution, zum Motiv: Für Neujahrsblätter der Stadtbibliothek und die Geschichte der Wasserkirche und der Stadtbibliothek in Zürich von Salomon Vögelin hat Hegi die Baugeschichte der Stadtbibliothek seit dem 17. Jahrhundert festgehalten: Das Innere der Wasserkirche zur Zeit ihrer Bestimmung für wissenschaftliche Zwecke, 1630 und Das Innere der Wasserkirche zur Zeit ihrer Benutzung als Bibliothek, 1673. Der Einblick von 1717 zeigt den Innenraum mit den neu errichteten Galerien mit Globus und ausgestopftem Krokodil, das von der Decke hängt und der Bibliothek das Flair eines Kunst- und Raritätenkabinetts verleiht.

Das Innere der Wasserkirche mit den neu errichteten Galerien im Jahr 1717, 1846

Im Grunde handelt es sich bei diesem und dem folgenden Blatt um ein Bilderpaar ähnlich dem Prinzip von «Schuss» und «Gegenschuss», indem Hegi den Blick in die andere Richtung des Raumes schwenkt, wobei das Gegenbild allerdings um 130 Jahre zeitversetzt ist. In der seltenen Abfolge von der Vorzeichnung im Kunsthaus, über die Druckplatte, bis zur Druckgrafik können wir bei diesem Werk dem Künstler gleichsam bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Das Innere der Wasserkirche in der Neuzeit, 1847, Zeichnung aus dem Kunsthaus Zürich, Graphische Sammlung, in: Franz Hegi, VII., Studien zu Kupferplatten, S. 74

Druckplatte für das Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Zürich auf 1847














In der gedruckten und der zusätzlich kolorierten Fassung aus dem Grafikbestand wird der Raum mit seinen Akteuren plastisch. Neugierig blick ein Herr mit einem Buch in der Hand über die Balustrade der 1718 erbauten Galerie hinab auf eintretende Besucher:innen der Bibliothek, darunter ein Kind, das wissbegierig auf einen grossen Globus zueilt.

Das Innere der Wasserkirche in der Neuzeit, 1847, unkolorierte und kolorierte Fassung

Franz Hegi war somit vor allem ein Chronist seiner Zeit mit der Radiernadel. Er hielt Ansichten von Landschaften und Gebäuden ebenso fest, wie gesellschaftliche Ereignisse wie den Auftritt des musikalischen Wunderkinds Wolfgang Amadeus Mozart bei Salomon Gessner in Zürich oder historische Momente wie die Hinrichtung von Marie Antoinette in Paris. Paul Leeman-van Elck (1884–1960), seines Zeichens Weinhändler sowie Sammler und Forscher über die Buchdruckerkunst, sah in Hegi in einer seiner Schriften einen geschulten Kupferstecher und exakten Zeichner, der «im Rahmen eines Kleinmeisters» beachtliche Leistungen vollbracht habe. Und im Nachruf im Neujahrsblatt der Künstlergesellschaft von 1851 attestierte man dem vielbeschäftigten und vielseitigen Künstler für sein Handwerk so notwendige Tugenden wie «Bienenfleiss» und «Seelenruhe». Mit den neu digitalisierten Drucken von Franz Hegi ist nun ein weiteres Fenster in die reiche Bilderwelt der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für Interessierte und Forschende geöffnet.


 Graphische Sammlung und Fotoarchiv





Massenupload einer exklusiven Sammlung: Die Sammlung Steinfels ist neu auf Wikimedia Commons

28. Dezember 2023

Sogenannte Land-Lawine an einem unbekannten Bergort STF XIII, 77 (Daniel Düringer)

Wikimedia Commons

Neu befindet sich die Sammlung Steinfels der Graphischen Sammlung der ZB Zürich auf Wikimedia Commons. Dieser Upload ist ein Präzedenzfall: noch nie wurde ein so grosser Spezialbestand der ZB auf Wikimedia Commons zugänglich gemacht. Er eignet sich dafür bestens, da er historisch-authentisch als vollständige Sammlung erhalten und gut erschlossen ist. Dieser Bestand stellt ein seltenes Beispiel einer privaten helvetischen Sammlung aus dem späten 18. Jahrhundert dar. Die nach inhaltlichen Kriterien geordnete Sammlung traf mit einem nicht ganz vollständigen handschriftlichen Registerband von Johann Martin III Usteri-Escher (1754-1829) in der ZB ein, dem Sohn des Sammlers. Die Einzelstücke sind zusätzlich in einem «Zettelkatalog» aus den Jahren 1969-70 nachgewiesen und werden im Kulturgütermagazin der ZB aufbewahrt. 


Zürich im Winter, mit gefrorenem Seeufer STF II, 45 (Conrad Meyer)

Die Plattform bietet Digitalisate mit CCO Lizenz (Public Domain) in hoher Auflösung (Extra Large bis 1889 x 2160 px jpg) kostenlos zur Verwendung an und macht die Bilder weltweit sicht- und nutzbar. Unter den rund 2100 Werken (ca. 1500 Druckgrafiken, 570 Zeichnungen und Aquarelle) dieser Zürcher Privatsammlung finden sich hunderte von Schweizer Künstlern stammende Ansichten, aber auch Karten, Darstellungen der damaligen technischen Errungenschaften, Archäologisches, alpine Sujets, Abbildungen von Naturkatastrophen und vieles andere mehr. Unter den Künstlern sind Daniel Düringer (1720-1786), Johann Melchior Füssli (1677-1736), Johann Caspar Ulinger (1703-1768) und weitere bedeutende Schweizer Maler, Zeichner und Druckgrafiker zu nennen. Angelegt wurde die Sammlung zwischen ca. 1770 und 1790 vom Zürcher Seidenfabrikanten und Kaufmann Hans Martin (Johann Martin II) Usteri vom Neuenhof-von Muralt (1722-1803) und war zu ihrer Zeit nur einer kleinen Elite zugänglich. Ihren digitalen «Derivaten» von heute jedoch sind keine Grenzen gesetzt.


Kärtchen aus der KarteiSchublade für Grossformatige im PlanschrankKurzbeschreibung der Sammlung auf Wikimedia Commons


Wieso «Sammlung Steinfels»?

Die Kollektion trägt den Namen ihres letzten Besitzers, des Chemikers Heinrich Wilhelm Steinfels (1874-1929), obwohl sie eigentlich «Sammlung Usteri-von Muralt» oder «Sammlung Usteri vom Neuenhof» nach ihrem Urheber heissen müsste. Dieser hatte selber als Dilettant gezeichnet. Usteri montierte die Werke auf Unterlagebogen von einheitlichem Format in 21 Bänden. Die zugehörigen handschriftlichen Betitelungen in brauner Tinte gehen vermutlich ebenfalls auf ihn zurück. Die Erwerbung von wertvollen Kulturobjekten wie Kunstwerken verlieh dem Sammler die Reputation eines Mannes von Welt und wohlhabenden Connaisseurs. Usteri genoss im damaligen Zürich den Ruf eines vorzüglichen Kunstkenners und gab anscheinend einige der Bilder eigens für seine Privatsammlung in Auftrag. Typischerweise wurden sie in extra dafür angefertigten Bänden oder Vorzeigemappen aufbewahrt und dann im privaten oder geselligen Rahmen als Prestige-Objekte zur Schau gestellt. Die Sammlung umfasst drei Viertel aller bis in die 1780er Jahre produzierten schweizerischen Landschaftsstiche.

Zeichnung des Alten Seidenhofes, ca. 1855: Wohnhaus der Familie Usteri Zürich L1, Seidenhof I, 2 Pp A4 (Emil Schulthess)

Der ohne männliche Nachkommen gebliebene Sohn des Johann Martin III, Konrad Usteri-Wegmann (1795-1873), selbst ein bekannter Landschaftsmaler, verkaufte jedoch den Bestand an Pfarrer Heinrich Cramer in Zürich (1806-1874). Das Datum und den Beweggrund kennen wir nicht. Künstlerinnen sind in der Sammlung nicht vertreten. Dennoch machten sich Frauen verdient um die Bewahrung des Usteri-Erbes und schliesslich um die Ermöglichung von dessen Ankauf durch die ZB Zürich. Pfarrer Cramers Sohn lebte im Ausland, und die deshalb wohl als Erbin der Usteri-Sammlung bestimmte einzige Tochter, Barbara Luise (1838-1919), heiratete 1860 Jakob Friedrich Steinfels (1837-1898). Dadurch gelangten die Bilder in den Besitz der bekannten Zürcher Kerzen- und Seifenfabrikantenfamilie. Ein Sohn aus dieser Ehe, Heinrich Wilhelm Steinfels, stiftete 1925 die Sammlung der Zentralbibliothek Zürich, freilich nur als «Depositum». Fünf Jahre später, 1930, konnte sie von der ZB dank der Gönnerschaft von Emma Lina Escher-Abegg (1869-1949) - unter der Bedingung der Beibehaltung des Steinfels-Namens sowie der separaten Aufbewahrung als intakte Sammlung. Hermann Escher, Gründer und erster Bibliotheksdirektor der ZB, veröffentlichte am 4. Juli 1932 einen NZZ-Artikel über den geglückten Kauf der exklusiven Kollektion. «Unsere Kenntnis des alten Zürichs», so schrieb er, werde «in vollkommenster Weise durch eine Folge von Federzeichnungen bereichert». Weiter vermerkt Escher, dass die Sammlung «dank grosszügiger Hilfe den Weg in unveränderliches öffentliches Eigentum gefunden» habe. Mit dem aktuellen Upload auf Wikimedia Commons geht dieser demokratische Weg nun weiter.

Bilder lesen 

Nicht nur Bücher aus der ZB, sondern auch unsere Bilder können «gelesen» werden. Was erzählt uns die Sammlung Steinfels über das Leben damals? Sachgetreue Darstellungen vermitteln uns Zeithistorisches und Zeittypisches, geben Aufschluss über das äusserliche Erscheinungsbild von Menschen und deren Umwelt, von Dingen und Tätigkeiten. Neben beispielsweise der Veranschaulichung von landwirtschaftlichen Arbeiten und Geräten führen uns die imposanten Gletscherzeichnungen von anno dazumal den heutigen Schwund dieser Landschaftsformer eindrücklich vor Augen. Doch nicht nur Konkretes lässt sich visuell ableiten: auch gesellschaftliche Konventionen, Besitzstand und soziale Unterschiede sowie die Stellung der Frau im Ancien Régime kommen in ihnen zum Ausdruck. Zudem verweisen die Bilder nicht selten auf frühere Werke und sind somit in einer kunsthistorischen Tradition zu verstehen. Und letztlich können wir auch unsere eigenen Geschichten über die Bilder legen oder aus ihnen schreiben.

Sujets

Den weitaus grössten Teil der rund 2100 Werke machen die Landschaftsdarstellungen aus, sogenannte Veduten, zwar vor allem jene aus dem Kanton Zürich. Diese topographischen Ansichten reichen von Stadtbildern über pastorale Landschaften bis zu ehrfurchtgebietenden Alpendarstellungen und verstehen sich auch als Symbole finanzieller, politischer und kultureller Macht. Sie widerspiegeln den Besitz von Land und Liegenschaften oder versetzen mancherorts die Arbeit auf dem Feld in ein arkadisches Idyll. Das Auge und die Sinne wurden durch diese künstlerischen Darstellungen trainiert, so dass eine bestimmte modische Sichtweise entstand. Eine weitere Kategorie bilden die Zeichnungen, die oft viel intimer daherkommen und mitunter eine beschönigende Version des damaligen Alltags zeigen. Schauen wir uns einige kleine Bildergalerien an.


Galerie von Herrenhäusern samt Familien und Freizeitaktivitäten

Gesellschaftliche Ungleichheit spiegelt sich in denjenigen Bildern, die herrschaftlichen Haus- und Landbesitz zelebrieren. In diesen Werken begegnet uns oft die Konvention der «Staffage», d. h. die Positionierung von Figuren oder Objekte im Bildvordergrund, die die Perspektive betonen und die betrachtende Person miteinbeziehen. Kompositorische Schemata, wie Massstab, Dimension, Grösse, Platzierung oder Körperhaltung von Porträtierten, geben uns Hinweise, wie das Bild zu lesen ist. In der Radierung des Château Richenbach von Ludwig Nöthiger (1719-1782) beispielsweise dominiert der Garten im französischen Stil: Das kleine Boot und die winzigen Figuren im rechten Vordergrund sollen den Eindruck von der Grösse des Geländes unterstreichen. Dem gleichen Ziel dient auch der unermessliche Himmel, wobei dieser eigentlich eine Übernahme aus der klassischen Ölmalerei ist. Idealisierte Familienszenen finden sich in den Werken genauso wie die standesgemässen Freizeitvergnügen der Männer, so etwa die Jagd. Der Alltag der weniger begüterten Schicht erschliesst sich uns aus der 124 Zeichnungen zu Zürich und Umgebung beinhaltenden Serie des als Ofenmaler bekannt gewordenen Künstlers Jakob Kuhn (1740-1816). Hier finden sich bescheidenere Behausungen, dargestellt in unprätentiöser, wirklichkeitsnaher Manier.

Galerie von Veduten und klassischen Ansichten 

Diese Abbildungen haben sowohl dokumentarischen wie auch definierenden Charakter. Sie führen zwar wirklichkeitsgetreue Darstellungen von Ortschaften und Städten vor Augen, sind aber manchmal von einem glorifizierenden Patriotismus geprägt und formten und festigten damit das Selbstbild und die Identität des Bürgertums. Schon damals gab es unter den Städten der Eidgenossenschaft einen Wettstreit um Ansehen und Vormachtstellung. Embleme, Wappen und Inschriften fungieren als Symbole des Prestiges. Die meist sehr detaillierte Wiedergabe der Bauten ist von unschätzbarem Wert für die Rekonstruktion der damaligen Stadtbilder, für die Kenntnis ihrer Entstehung und Geschichte sowie letztlich für unser Verständnis der früheren städtischen Lebensformen. Neben Abbildungen herrschaftlicher und vornehmer Bauten stossen wir auch auf einfachere und ärmlichere Behausungen, welche dem Zahn der Zeit nur höchst selten standhielten. Der Blick auf diese andere Welt war in der Kunst jener Zeit eher ungewöhnlich, und so sind diese Zeugnisse von ganz besonderem Wert.

Galerie von Pastoralen Ansichten samt landwirtschaftlichen Aktivitäten 

Das Genre des Pastoralen in Kunst und Literatur geht von einer idealisierten Vorstellung des Landlebens aus, in dem Viehzucht und Landwirtschaft von genügsamen Bauern im Einklang mit den Jahreszeiten und dem Wetter betrieben werden. Dieses idyllische Bild einer heilen, unverdorbenen Welt wurde im 17. und im 18. Jahrhundert mit der Wende zur «Empfindsamkeit» vor allem von gebildeten Stadtbewohnern gepflegt.

Auch der Seidenfabrikant Usteri, Besitzer einer Grossmanufaktur, wusste künstlerische Darstellungen eines solchen «Arkadiens» zu schätzen. Seine Sammlung enthält etliche Beispiele dieses Bildtypus, welche besonders von David Herrlibergers (1697-1777) ruhigen, bukolischen Szenen verkörpert wird. Eine frühere, an einem Holzschnitt aus der letzten Ausgabe von Stumpfs «Schweytzer Chronick» angelehnte prächtige Federzeichnung von Johannes Meyer (1655-1712) vom Kloster Beerenberg, entstanden 1674, zeigt alte Ruinen, im Hintergrund einen Hirten mit seiner Herde und im Vordergrund Hunde und einen antikisierten Jäger an einer Brunnenquelle. Diese Szenen sind völlig imaginär. Neben solchen idealisierten Szenen gab es jedoch auch diverse Darstellungen einer eher irdischen Version des Landlebens, so beispielsweise in der Darstellung von Holzfällern an der Birs (1622-24) von Matthaeus Merian, wenngleich auch diese kräftigen Gestalten etwas romantisiert und heroisiert scheinen. Einen Mittelweg zwischen stilisiert und wirklichkeitsnah finden wir in Daniel Düringers (1720-1786) Ansichten vom Leben in den Alpen. Ein weiteres bukolisches, aber realitätsnahes Bild aus dem 18. Jahrhundert zeigt die lebensechte Figur eines schlafenden Hirten, dessen Schafe unbeaufsichtigt weiden.

Galerie von Berglandschaften

Der «Berg» ruft andere Emotionen hervor: Staunen, Bewunderung und Ergriffenheit beim Anblick grandioser Gipfel und beim Ausblick von ihnen oder bei der Betrachtung imposanter Wasserfälle. Solche Ehrfurcht wurde im 18. Jahrhundert kultiviert. Sie war Ausdruck der Sensibilität des verfeinerten und gebildeten Menschen, der in Berührung mit sowohl den Ideen der Aufklärung und Klassik als auch dem Gefühlskult der «Empfindsamkeit» und der beginnenden Romantik gekommen war.

Die Bewunderung der unverdorbenen Natur, Kennzeichen folglich für die Lauterkeit und den gesellschaftlichen Rang der Person, wurde durch die damaligen «Influencer» aus England, Frankreich und Deutschland – adelige und vermögende Reisenden auf der Grand Tour – angeregt und prägte, gefördert durch die Literatur,  den europäischen Kunstgeschmack. Die Schweiz mit ihren Naturschönheiten galt als besonders pittoresque. «Une belle veüe dans la Comté de Sargans», gestochen von Johann Caspar Ulinger (1703-1768), verdeutlicht denn auch anhand der Körperhaltung der zwei männlichen Bildfiguren im Vordergrund, wie die Landschaft gebührend zu bewundern sei. Die sogenannten «Schweizer Kleinmeister» bemühten sich um Bilder der Natursehnsucht für Reisende und Einheimische zugleich. Grandiose, überwältigende und teilweise auch furchterregende Versionen der Schweizer Berglandschaft lagen im Trend. Auch von Usteri in Zürich wurden sie angekauft.

Von den Menschen des 18. Jahrhunderts wurden die Gletscher für unheimliche Überbleibsel und Kuriositäten aus der Eiszeit gehalten. So erstaunt denn nicht, dass ihre Abbildungen zuweilen fast an gigantische zackige Zuckerglasuren erinnern.

Besonders bei den Zeichnungen gibt es auch ungezwungenere, weniger schematische Darstellungen von Alpenlandschaften. Von Schweizer Künstlern wie Emanuel Büchel (1705-1775), die Verbundenheit mit ihren Bergen empfanden, wurden sie schwungvoll und viel weniger schroff gezeichnet und topographisch sehr präzis wiedergegeben. Auf uns heutige Betrachter(innen) wirken solche Bilder «natürlicher» als die «naturverherrlichenden» Varianten. So suggerieren beispielsweise Salomon Gessners (1730-1788) Radierungen statt Furcht und Ehrfurcht vor den Bergriesen eher Vertrautheit mit ihnen und ein Gefühl der Geborgenheit.

Galerie von Naturkatastrophen und Technik

Darstellungen von Unwettern und Katastrophen - Überschwemmungen, Feuersbrünste, Erdrutsche und Lawinen - gibt es überraschend viele. Sie übten mit ihren eindringlichen Bildern der zerstörerischen Kraft der Natur eine besondere Faszination aus. Dokumentiert wurden solche Ereignisse von den Künstlern teils im Andenken und zur Erinnerung an das mit ihnen verbundene menschliche Leid, teils aber gewiss auch aus Vorliebe für Sensationelles. Es existieren sogar «Vorher und Nachher»-Serien. Es ist kaum vorstellbar, dass solche «Schocker» in Salons und guten Stuben aufgehängt wurden. Nichtsdestotrotz liess dieses Genre Sammlerstücke besonderer Art entstehen.

Usteri sammelte des Weiteren faszinierende Abbildungen der zeitgenössischen Technologie oder der technischen Neuheiten und Errungenschaften. Physik, Ingenieurwesen und Kriegshandwerk machen eine erhebliche Sektion dieser Sammlung aus. Abbildungen modischer Bäderorte und ihrer Anlagen sowie archäologische Sujets zeugen vom Interesse des Sammlers an Wissenschaft und Geschichte. Eine Skizze von Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) zeigt die Passerellen-Konstruktionen zum Thermalwasser in der Tiefe der Taminaschlucht und kombinierte sozusagen die Novitäten aus den Fachgebieten Ingenieurwissenschaften, Geologie und Balneologie.

Kartographie

Rund 30 Werke der Sammlung Steinfels stellen geographischen Karten dar. Da sie von den Spezialistinnen der ZB als Kartenmaterial erschlossen und katalogisiert wurden, sind die Metadaten dementsprechend mit Geo-Koordinaten und weiteren kartographischen Merkmalen versehen. Besonders erwähnenswert scheint die wertvolle Manuskriptkarte zu Stallikon von Hans Konrad Gyger (1599-1674) von circa 1650.


Kartographische Darstellung des Laufs der Birs STF XVI, 41 (Emanuel Büchel)Manuskriptkarte von Stallikon, ZH STF Giger H.C. XXI, 49 (Grossformat) Pp






















Der Upload

Der Anstoss zum Upload-Projekt ging von einem ZB-Workshop im Juni 2021 aus, in welchem unsere institutionelle Partizipation am gesamten «Wikiversum» thematisiert wurde. In der Folge bereitete ein vierköpfiges Team aus den Abteilungen ZB Lab, Liaison Librarians, Metadaten Management und der Graphischen Sammlung den Upload der Sammlung Steinfels auf Wikimedia Commons vor. Für die Mapping-Diskussionen waren in den Jahren 2021 und 2022 zahlreiche Sitzungen nötig. Es galt, das Bibliotheksformat MARC21 in das Wikimedia Commons Template für «Artwork» zu mappen. Da das Projekt neben der alltäglichen Arbeit verfolgt wurde, kam es nicht so zügig wie erhofft voran. Zu Beginn war das Know-How gar nicht vorhanden, und vieles musste in Kürze gelernt und angeeignet werden.

Als besonders knifflige Aufgaben erwiesen sich IIIF (noch nicht verfügbar auf Wikimedia Commons aber vorhanden auf den Plattformen der Quelldaten), das zu erzielende Format oder die Auflösung der Bilddateien (Jpg, TIF, Grösse?) sowie die Heterogenität der Ur-Metadaten, die über eine längere Zeitspanne nach ganz unterschiedlichen Standards entstanden waren. Die daraus resultierenden Probleme sind teilweise bis heute nicht optimal gelöst.

Zudem musste die Zitierformulierung der besitzenden Institution bestimmt und festgelegt werden. Ferner entpuppten sich die historischen Signaturen der alten Sammlung als völlig ungeeignet für eine digitale Aufbereitung. Als interessantes Hindernis erwies sich die spezifisch bibliothekarische Verwendung der verschiedenen Klammern (spitze, runde, eckige). Diese haben nicht in jeder Programmiersprache dieselbe Bedeutung. Und vor spezielle Schwierigkeiten stellte uns die Forderung des unique identifier: sämtliche Werktitel mussten für die Datenverarbeitung eindeutig sein - ein erhebliches Problem, da nicht wenige Titel fingiert werden mussten, so etwa mit dem Behelf «Ansicht von Zürich», welcher dann bei der Recherche zu hunderten von Treffern führte. Zur Identifizierung verhilft die mitgelieferte (allerdings sperrige!) ID-Nummer des einzelnen Datensatzes aus dem Katalogisierungssystem.

Wikimedia Commons: Suche nach der Systemnummer

Bei den Test-Uploads Ende 2021 stellten wir fest, dass das klassische, Java-basierte Import-Tool «Pattypan» nicht funktionierte. Ein «Import Wizard» (ein Dienstprogramm für Service Management, das den Import von Batch-Daten aus anderen Anwendungen vereinfacht) wurde vergebens gesucht. Erfreulicherweise erschien aber bis im Frühling 2022, als wir für den definitiven Upload bereit waren, eine neue Pattypan-Version. Das Projekt zwang uns, eigene Entscheidungen aus früheren Projekten und Workflows nochmals zu überdenken, d. h. Dubletten zu katalogisieren und Bilder nicht als Werkgruppen zu erschliessen, da sie andernfalls fatalerweise zu Lücken auf Wikimedia Commons führen würden. Dank den elektronischen Plattformen e-rara und e-manuscripta und ihrem ID-Systems liessen sich die «Kandidaten» für den Steinfels-Import effizient identifizieren und die einzelnen Bilder taggen. Der Haupt-Import erfolgte dann im Mai 2022 - mit kleinen Nachlieferungen mittels des Pywikibots. 


Ausblick

Die Geschlossenheit und Reichhaltigkeit dieser grossartigen Sammlung macht sie so besonders. Als Dokument der Lebens- und Geisteswelt des Zürcher Patriziats des 18. Jahrhunderts erschliesst und entschlüsselt sie uns, zumindest partiell, ein Stück Vergangenheit der Schweiz, ihrer Natur und ihrer Menschen.

Wikimedia Commons präsentiert sie in einer hervorragenden Bildqualität: Einzelne Federstriche können per Zoom-Funktion in minutiösen Details untersucht werden - mit einer Präzision, die am Original unmöglich ist. Das Recherchieren hingegen verläuft über die Bibliothekskataloge (swisscollections, swisscovery) zweifellos schneller und erfolgreicher. «A» bezeichnet den Anfangsort der Lawine STF XIII, 77 (Daniel Düringer)Auch was die ausführliche Beschreibung und Kontextualisierung eines Bildes (Metadaten) anbelangt, erweist sich der Bibliothekskatalog als unersetzlich. Die Diskrepanz zwischen den sehr reichhaltigen Metadaten und ihrer erforderlichen Standardisierung für die Nachnutzbarkeit bleibt für uns noch ein zu bewältigendes Problem.

Als Anreicherung der Bildbeschreibung auf Wikimedia Commons sind gewisse «strukturierte» (d. h. verifizierte und mit Identifier ausgerüstete) Begriffe wie Personen und Geographica mit einer ergänzenden Wiki-Datenquelle verlinkt, nämlich Wikidata, via SPARQL Endpoint: in diesem Werk beispielsweise ist der Künstler Johann Melchior Füssli mit seinem Wikidata-Eintrag verlinkt.

Derzeit sind die Umstrukturierung und der Ausbau von Wikimedia Commons im Gange: Künftig sollen die Metadaten anstatt in Templates direkt in Wikibase erfasst werden. Es ist geplant, für fällige Aktualisierungen der Steinfels-Metadaten auf Wikimedia Commons das Datenverarbeitungs-Tool OpenRefine einzusetzen. So lässt sich sagen, dass die ZB für kommende weitere Wiki Aktivitäten bereits über einen erheblichen Erfahrungsschatz verfügt.




Graphische Sammlung und Fotoarchiv




Dank Spuren am Objekt zu einer Einbandrekonstruktion in der Restaurierung

19. Oktober 2023

Gemäss dem digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DEDS.de) ist eine »Spur» eine Reihe von Anzeichen, Merkmalen, die zum Aufenthaltsort einer gesuchten Person oder Sache, zur Aufklärung eines Verbrechens, zur Entdeckung von etwas Verborgenem führt.


Nicht zur Aufklärung eines Verbrechens führten gefundene Spuren wie Aussparungen im Holz und im Pergament, Reste von Pergamentriemchen oder Holzpflöcke (gekennzeichnet mit roten Pfeilen), sondern zur Vorgehensweise in der Restaurierung des Objektes Ms C 147 «Theorica planetarum».


Spuren… sind zuerst frisch und deutlich zu erkennen, aber mit der Zeit werden sie unscharf und sind immer schwieriger zu deuten…


Was sagen diese Spuren? Was tun? Der folgende Text demonstriert, wie die Interpretation von Spuren am Objekt eine Einbandrekonstruktion ermöglicht hat.


Das Objekt

Ms C 147 besteht aus fünf Holzplatten, 16,5 cm x 16,0 cm gross, mit aufgeklebten Pergamenttafeln, bei welchen einzelne Elemente drehbar sind (Fotos 1 bis 3).

Foto 1. Vor der Restaurierung: Vorderdeckel mit sich lösendem Pergamentrücken Foto 2. Vor der Restaurierung: Vorderschnitt

Foto 3. Vor der Restaurierung: Platte 1 und 2 mit defekter Bindung

Der Katalog der Zentralbibliothek enthält folgende inhaltliche Angaben: «Sieben Instrumente mit Drehscheiben aus Pergament, montiert auf fünf buchartig zusammengefügten Holztafeln […] Es handelt sich um Instrumente zur Feststellung der aktuellen Stände von Sonne, Mond und Planeten, ein so genanntes 'Aequatorium planetarum'. Das Aequatorium ist hergestellt nach den Vorgaben in Campanos da Novara Traktat ‘Theorica planetarum’.»

Bei den Pergamentstücken handelt es sich zum Teil um wiederverwendete Blätter, auf deren Rückseiten ein unbekannter Text steht, wohl eine grammatikalische Abhandlung aus dem 13. Jahrhundert.


Fragen

Foto 4. Vor der Restaurierung: LeinenfalzBirgt der Inhalt noch heute Rätsel, so tat es zu Beginn auch die Konstruktion des Einbandes. Die Holzplatten waren durch geklebte Leinenfälze (Foto 4) miteinander verbunden und mit einem Pergamentrücken bezogen. Der Rücken sowie die Fälze lösten sich, da kein Platz im Falz zum Blättern bestand (Foto 3).


Was tun?

Auf den ersten Blick erschloss sich schon, dass dies nicht der Originaleinband sein konnte. Dafür waren die Gewebefälze viel zu modern und die Mechanik nicht funktionell. Würde man den Einband in dieser Form restaurieren, bestünde die Gefahr,
dass die Bindung wieder schnell Schaden nehmen würde.

Es stellte sich die Frage, wie der Originaleinband aussah.

Foto 5. Während der Restaurierung: Spuren der OriginalbindungWie in der Restaurierung üblich, wurde mit der Dokumentation begonnen und der Ist-Zustand fotografisch festgehalten. Nach der Trockenreinigung wurden die Leinenfälze entfernt und die stark mit Klebstoff verklebten hinteren Kanten der Holzplatten gereinigt.

Dabei traten Spuren einer älteren Einbandkonstruktion ans Licht (Foto 5 und 7): kleine Vertiefungen, je zwei an der Vorder- und an der Rückseite der hinteren Kante, versetzt um 6 mm und Reste von Holzpflöckchen.


Foto 6. Vor der Restaurierung: Gelöste PergamenttafelFoto 7: Diverse Spuren

Um die Rückseiten der schon teilweise angelösten Pergamenttafeln (Foto 6) für die Forschung digitalisieren zu können, wurden sie komplett gelöst.

Dabei wurden weitere Spuren wie Pflöckchen, Vertiefungen, Aussparungen (Foto 7) wie die einer älteren Einbandkonstruktion sichtbar: Reste von Pergamentriemchen an Holzpflöckchen (Foto 8 und Foto 9).

Foto 8. Während der Restaurierung: Pergamentriemchen und Holzpflöckchen Foto 9. Während der Restaurierung: Vermutliche Reste der ursprünglichen Befestigung (Holztafel und dazugehörende Pergamentrückseite)

Wie in der Restaurierung weiter vorgehen? Wie können diese gefundenen Spuren dabei helfen, das weitere Vorgehen zu bestimmen? Wie können sie interpretiert werden?


Recherche

Es folgte eine Recherche in Fachbüchern, im Internet und im Austausch mit FachkollegInnen nach historischen Verbindungstechniken von Holztafeln, wie beispielsweise der Bindung eines Wachstafelbuchs (Foto 10). Sie führte aber leider zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis, da sie nicht zu den vorgefundenen Spuren passten.

Foto 10: Verbindungstechnik bei der Rekonstruktion eines Wachstafelbuches Foto 12: Muster Archivbindung


Foto 11: Muster Archivbindung Verschluss

Bei einer französischen Archivbindungstechnik (Mustereinband, hergestellt in einem Praktikum in einer Restaurierungswerkstatt in Frankreich, sogenannte Reliure de Milan, Fotos 11 und 12) existiert eine Verschlusstechnik mit versetzten Pergament- bzw. Lederriemen und einem durchgeführten Holzstab. Wenn auch ungewöhnlich, könnte das eine Möglichkeit sein? 

Würde die Konstruktion funktionieren, böte sie die Gelegenheit, die Tafeln separat zu nutzen und sie zu «blättern». Die Pergamentriemen waren wahrscheinlich der Schwachpunkt der Verbindung. Sind deswegen die Holzpflöckchen da? Sind sie ein Hinweis auf eine nachträgliche Reparatur, um den Riemen mehr Halt zu geben?

 

Muster

Um die Vermutung zu verifizieren, wurde ein Muster angefertigt.

Foto 13: Verschluss (Detailansicht)Foto 14: Spuren der Originalkonstruktion

In den Fotos 13 und 14 kann man die Parallelen zwischen den Originalspuren und dem Verschlussmuster erkennen.

Foto 15: Muster der Konstruktion

Die Konstruktion funktionierte. Bei der Manipulation des Musters lösten sich die Pergamentriemchen unter Belastung zum Teil wieder, was tatsächlich die Pflöckchen im Original erklären könnte.  

Aufgrund der hohen Übereinstimmung der Spuren und der funktionierenden Einbandtechnik wurde entschieden, den Einband in dieser Form zu rekonstruieren.

 

Rekonstruktion

Foto 16. Nach der Restaurierung: Neue Pergamentriemchen unter den PergamenttafelnDa keine hundertprozentige Sicherheit besteht, ob die Rekonstruktion wirklich dem Originaleinband entspricht, bestand der Anspruch, dass die Originalspuren intakt bleiben. Somit wurden nach der Digitalisierung der Rückseiten die Pergamentriemchen auf die Holztafeln geklebt, aber nicht mehr in die Vertiefung eingearbeitet. Die Originalspuren wie Schlitze im Pergament oder die Holzpflöckchenreste blieben unangetastet.  

Die Tafeln wurden mit Japanpapierfälzchen an den Holzplatten befestigt. Die reversible Befestigungstechnik ermöglicht zudem auf Luftfeuchtigkeitsschwankungen zu reagieren, ohne Spannungen zu verursachen.

Die Pergamente auf den beiden äusseren Holztafeln (Vorder- und Hinterdeckel) wurden niedergeklebt und mit Japanpapier ergänzt. Darauf folgten Retusche-Arbeiten und das Einführen der Holzstäbe.


Das Ergebnis einer Spurensuche!


Bestandserhaltung











Die Zentralbibliothek Zürich scannt mit Google Books

17. August 2023

Steht der Untergang des Abendlandes nun bevor? (Wahrscheinlich nicht.) Schaffen Bibliotheken sich nun endgültig ab? (Mitnichten!) Nichtsdestotrotz löst die Kooperation zwischen einem der grössten Tech-Unternehmen der Welt und einer Bibliothek wenn nicht Befremden, so doch eine gewisse Skepsis aus. Doch worin besteht diese Kooperation überhaupt?


Die seit 2010 laufende schweizerische Kooperationsplattform e-rara für digitalisierte Alte Drucke, Musikalien, Graphiken und Karten hat im April 2023 die Marke von 100'000 digitalisierten Objekten geknackt! Das ist super! In Zeiten softwareunterstützter Massendigitalisierung von Büchern fällt die Zahl jedoch – gemessen an den verfügbaren Beständen – gering aus, handelt es sich bei der Retrodigitalisierung doch um ein ressourcenintensives Unterfangen, das kostspielige Hardware, technische Infrastruktur, massive Datenverarbeitungs- und Speicherkapazitäten sowie personelle Ressourcen voraussetzt. Die ZB Zürich ist daher 2019 zusammen mit drei weiteren Schweizer Bibliotheken (UB Bern, ZHB Luzern, UB Basel) eine Public Private Partnership mit Google zur Digitalisierung ausgewählter Bestände eingegangen. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit sollen über 300'000 Bücher innert kurzer Zeit digitalisiert und der Allgemeinheit und Forschung zur Verfügung gestellt werden.


Das Projekt Google Books

Im Jahr 2005 als «Google Books Search»-Projekt gestartet, umfasst die Plattform «Google Books» heute über 40 Millionen Bücher in digitalisierter Form (Stand 2019), auf die kostenfrei und von überall zugegriffen werden kann. Während in den USA anfangs shelf-cleaning-scanning betrieben wurde, d.h. ganze Magazine von A-Z durchgescannt wurden, ohne Rücksicht auf Urheberrechte oder Kollektionszugehörigkeit, werden heutzutage – nach einer Reihe juristischer Auseinandersetzungen – vor allem Inhalte von Verlagspartnern und konfliktarme Bestände von Partnerbibliotheken gescannt. Anders verhält es sich in Rahmen der Public Private Partnerships mit den europäischen Bibliotheken: diese lassen ausschliesslich ihre urheberrechtsfreien Bestände von Google digitalisieren. Während Google somit permanent mit Büchern durch die Bibliotheken versorgt wird, profitieren die Bibliotheken ebenfalls in mehrfacher Hinsicht: ein (Teil-)Bestand ist digital verfügbar, der Link zu Google Books kann im Katalog implementiert werden, die Scans werden mit OCR erschlossen und die finanziellen Aufwendungen halten sich im Rahmen, da Google für den Transport, die Versicherung und die Digitalisierung der Bücher und die Prozessierung der dabei entstandenen Daten (Bildbearbeitung, OCR, Metadaten) aufkommt.


Projektkooperation Google Books mit Schweizer Bibliotheken

Als vergleichsweise «späte» Partner des Google Books Projekts, operieren die Schweizer Bibliotheken mit sogenannten «Candidate Lists», die diejenigen von Google vorselektierten Bestände einer Bibliothek umfassen, welche noch nicht auf Google Books verfügbar sind. Im Fall der ZB Zürich enthält diese Liste ca. 160'000 Titel, von denen – vorbehaltlich der konservatorischen Vorkontrolle – ein Grossteil in den nächsten etwa zwei Jahren digitalisiert wird. Um bei diesen Mengen einen Überblick zu behalten, nutzen wir die Workflowsoftware der Firma ImageWare. Diese bildet den Prozess vom Ausheben der Bücher im Magazin mit Laufzetteln, über die Abwicklung der benötigten Dokumente für den Zoll, sowie Reports (Metadaten, Bücherlisten) für Google, bis zur Einspielung der Links zu den fertig digitalisierten Büchern auf Google Books ab.


Laufzettel Workflowsoftware von ImageWare

Datenbank Workflowsoftware von ImageWare


Vorgang ZB Zürich

Unser tatkräftiges Magazinerteam hebt die Bücher anhand der Liste aus und kontrolliert die formalen Bedingungen (Grösse, Breite, grober Zustand des Buches, Kurz-Metadaten). Bei der konservatorischen Vorkontrolle durch unsere Restauratorinnen werden die Bücher auf ihren Zustand (Schäden, Öffnungswinkel) überprüft und entweder geflickt oder aus dem Workflow genommen. Anschliessend werden die für den Versand vorgesehenen Bücher in der Workflowsoftware in einer Charge verbucht, verpackt und beschriftet. 20 Chargen à ca. 250 Bücher ergeben jeweils eine Lieferung von etwa 5000 Büchern, die monatlich nach München ins Scanzentrum von Google transportiert, gescannt und wieder zurückgeliefert wird. Da die Bücher dabei die Grenze von einem nicht-EU-Land und der EU passieren, muss für jede Lieferung ein Zolldokument (Carnet ATA) von der Handelskammer Zürich ausgestellt werden, um die Zollrichtlinien zu erfüllen.

Fertig gepackte S-Carts, aufgereiht für den Transport (Foto: ZB Zürich) Klimatiserter Transporter mit S-Carts, vor der Abfahrt nach München (Foto: ZB Zürich)











Scanning und Image Processing

In München werden die Bücher an von Google selbst entwickelten Scanstationen digitalisiert und die Bilder maschinell weiterverarbeitet. Zum Anfertigen der Scans wird jede Doppelseite (je die rechte und linke Seite) von zwei hochauflösenden Kameras fotografiert sowie von oben mit einer Infrarotkamera erfasst. Ein spezieller Algorithmus fügt die fotografierten Bilder zu einem dreidimensionalen Bild zusammen, welches anschliessend «flach» gerechnet wird, wobei der Eindruck einer planen Seite entsteht. Weitere Prozessschritte umfassen die Beschneidung der Ränder (Cropping), die Anpassung der Kontraste, die Retuschierung der Finger, die Konvertierung der Farben in Graustufen. In einem weiteren Prozess werden die Metadaten aufbereitet: zusammengehörige Bände werden einer Reihe/Ausgabe zugewiesen (Clustering).

Kamerapositionen, Infrarotbild und vom Algorithmus berechnete Seite in 3-D (Quelle: Google)


OCR

Den für die Suche fundamentalsten Schritt trägt die Texterkennung bei. Bei der Durchführung der «Optical Character Recognition» (OCR) hat Google zuletzt wesentliche Fortschritte erzielt, so dass heutzutage etwa 60 Sprachen vollständig und knapp 40 teilweise unterstützt, ausserdem diverse Alphabete (arabisch, griechisch, thai, japanisch, lateinisch, und diverse weitere) und teils handschriftliche Systeme erkannt werden. Um Text aus Bildern identifizieren zu können, wird zunächst das Layout einer Seite und die Schriftrichtung analysiert. Die separierten Zeilen, Spalten und Wörter werden auf Schrift(en) und Stil(e) untersucht. Verschiedene Datenmodelle (Multi-Script Recognizer, n-Gram Language Model, Graph Convolutional Networks, Layout Postprocessing) berechnen sodann unter Einbeziehung diverser Parameter die wahrscheinlichsten «Übersetzungen» eines Scans, indem Satzanfang- und Ende, Sprache(n), Schrift, Zeilenlänge, Absatz- oder Spaltenanfang sowie -Ende, Leseweg und Füllmaterial (Bilder, Verschmutzungen, Nicht-Text) erkannt und mit den Datenmodellen abgeglichen werden. Daraus entsteht im Optimalfall ein beinahe fehlerfreier, maschinenlesbarer Text, der Suche und Text Mining begünstigt.

Prozessschritte für die verbesserte OCR. Aus: R. Wang, Y. Fujii and A. Popat,


Nutzerstatistik und Beispiele aus unserem Bestand

Beim ersten aus unserem Bestand auf Google Books aufgeschaltete Buch handelt es sich um die 1895-er Ausgabe der Zeitschrift «Puck». Inzwischen sind tausende weitere Bücher aufgeschaltet worden. Die beiden aus unserem Bestand bisher beliebtesten Buch sind Rime sowie Tercüme-i Sihah il-Cevheri, wie uns ein Blick auf unsere interne Nutzerstatistik verrät.


Statistik Tool von Google

Digitalisat von Google Books. «Le Rime» von Francesco Petrarca, Tomo secondo, Verona 1799. Signatur : 29.325


Qualität

Gemessen an den Qualitätsstandards, an welchen e-rara sich orientiert, schneiden die Google-Digitalisate im Gesamtpaket grösstenteils schlechter ab (Qualität der Scans und der Vorschau, Metadaten), die technischen Innovationen und sukzessive Re-Prozessierung der Daten schliessen die Lücke allerdings merklich.

Fehlscan, irrtümlich freigeschaltet. Signatur: 20.73 | G Sichtbarer Finger. Signatur: ZB 333
















Ausblick

Neben der verbesserungswürdigen Qualität der Metadaten und Scans, besteht ein noch grosses Potenzial in Bezug auf die freie Zugänglichkeit der Bilder und Daten für die Forschung. Das Google n-gram-Tool zeigt, welche Spielereien mit grossen Datenmengen möglich sind. Trotzdem wird der Zugang zu den Daten restriktiv behandelt, selbst wenn es sich – wie im Fall der europäischen (und einiger US-Partner) – um Public-Domain-Daten handelt. So sind Massendownloads von Datensets direkt von Google Books bisher nicht erlaubt bzw. erfordern bei grösseren Sets ein separates Agreement der betreffenden Institution mit Google. Die Implementierung innovativer Schnittstellen wie die IIIF-API sind ein weiteres Desiderat, ebenso wie die Möglichkeit, Kollektionen & Datensets in Google aufzubauen, zu pflegen und diese Daten zu nutzen oder nutzen zu lassen. Insbesondere Bibliotheken und andere kulturelle Institutionen könnten so einen noch grösseren Beitrag leisten, in den Digital Humanities neue Wege und Herangehensweisen an digitale Materialien zu eröffnen oder zu etablieren, sei es durch die Bereitstellung von Datensets für Hackathons, sei es durch eigene Entwicklungen in Labs und in Zusammenarbeit mit Forschenden.



Mitarbeiterin Abteilung Alte Drucke und Rara











Familienarchiv Hirzel wird restauriert

15. Mai 2023

Mit Unterstützung der Familienstiftung Hirzel sichert die ZB das Archiv eines der bedeutendsten Zürcher Bürgergeschlechter für künftige Generationen. 

Mitglieder der Familie Hirzel prägten die Geschichte Zürichs vom 16. bis 19. Jahrhundert als Bürgermeister, Räte und Landvögte. Sie waren Offiziere, Pfarrer und Gelehrte. Das Archiv dieser einflussreichen Familie kam 1900 in die damalige Stadtbibliothek. Heute ist es in der Handschriftenabteilung der ZB zugänglich und wird von Forschenden rege genutzt.

Hirsch und Zelt im Wappen der Familie Hirzel. Zeichnungen aus Pfarrer Erhard Dürstelers genealogischem Werk «Stemmatologia tigurina», 18. Jh. (ZB, Ms. E 18a, f. 452r)


Briefe der Aufklärung 

Besonders nachgefragt sind die über 2’300 Briefe samt Beilagen aus dem Nachlass des Stadtarztes Hans Caspar Hirzel (1725-1803). Kein Wunder: Jean-Jacques Rousseau, Jakob Gujer genannt Kleinjogg, der Brugger Arzt und Lavater-Freund Johann Georg Zimmermann, der Philosoph Johann Georg Sulzer, der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock oder die Salonnière Sophie von La Roche sind nur einige der bekannten Namen, die darin auftauchen. 

Porträt des Stadtarztes Hans Caspar Hirzel (1725-1803) von Friedrich Oelenhainz (1745-1804), 1790. (ZB, Inv 173) Beispiel für einen restaurierten Briefbogen aus der Sammlung des Stadtarztes Hans Caspar Hirzel, 18. Jh. (ZB, FA Hirzel 238.117)
















Eine diplomatische Mission im Tagebuch 

Ein anderes Highlight ist das Pariser Tagebuch von Salomon Hirzel (1580-1652). Darin notierte er 1634-1635 seine Eindrücke als Teilnehmer an der Mission der Eidgenossenschaft betreffend die Handelsprivilegien. Neben Briefen und Tagebüchern umfasst das Familienarchiv Hirzel zahlreiche andere interessante Materialien, etwa Akten zum Stipendienfonds, den Salomon Hirzel stiftete, Chroniken und Stammtafeln, Militaria und Schriftstellerisches, aber auch Objekte wie Kupferplatten für Porträtstiche und eine Siegelsammlung. 


Kupferplatte mit dem Porträt von Bürgermeister Hans Ludwig Hirzel (1652-1710), 1710, gezeichnet von Johann Melchior Füssli, gestochen von Johann Heinrich Huber. <br>(ZB, FA Hirzel 203 la) Der entsprechende Porträtstich findet sich in Erhard Dürstelers genealogischem Werk «Stemmatologia tigurina». (ZB, Ms. E 18a, f. 465r)






















Restaurierungs- … 

Das Familienarchiv Hirzel in der ZB ist grundsätzlich in gutem Zustand. Gleichwohl sind im Laufe der Jahrhunderte Schäden entstanden, die nun restauratorische Massnahmen notwendig machen. Ein typisches Schadensbild ist der so genannte Tintenfrass – ein chemischer Abbauprozess historischer Tinten, der zur Zerstörung des beschriebenen Papiers und damit der Dokumente führen kann. Häufig sind auch über die Jahrhunderte brüchig gewordene Faltstellen und Blattränder, bestossene Ecken von Bucheinbänden und beschädigte Siegel. 

 Tintenfrass kann zu Ausbrüchen im Schriftbild führen. (ZB, FA Hirzel 235)

 

 … und Konservierungsbedarf 

In vielen Fällen können präventive und konservatorische Massnahmen verhindern, dass in Zukunft Schäden entstehen. Dazu gehört etwa die Reinigung der Objekte oder die Umverpackung in alterungsbeständige massgefertigte Archivschachteln. Dank der grosszügigen Unterstützung der Familienstiftung Hirzel arbeitet die ZB das Familienarchiv Hirzel seit Ende 2020 restauratorisch und konservatorisch systematisch auf. Zudem wird eine Auswahl der restaurierten Dokumente auf der Plattform e-manuscripta digital zur Verfügung gestellt. 

 Ausgleich von Formatunterschieden mit Hilfe eines Schachteleinbaus. <br>(ZB, FA Hirzel 203 ma)

 Blick über die Schulter 

In den nächsten Monaten werden wir Ihnen einen Blick über die Schultern des Restaurierungsteams erlauben, ausgewählte Objekte vorstellen und verschiedene Projektbeteiligte zu Wort kommen lassen. Interessiert? Dann folgen Sie dem Hashtag #RestaurierungHirzel.




Chefbibliothekar Spezialsammlungen











Eine Dekade e-manuscripta.ch. Jubiläumsanlass und Visual Library-Anwendertreffen in der ZB

20. April 2023

Am 13. März 2023 jährte sich die Aufschaltung von e-manuscripta.ch, der Plattform für digitalisierte handschriftliche Quellen aus Schweizer Bibliotheken und Archiven, zum zehnten Mal. Das sollte gebührend gefeiert werden.

Der Anlass bot eine gute Gelegenheit, als Gastgeberin für das seit mehreren Jahren regelmässig stattfindende Anwendertreffen von Visual Library (VL), der Software, auf der Plattformen wie e-manuscripta.ch oder auch e-rara.ch basieren, aufzutreten. So lud die ZB als eine der vier Partnerinstitutionen der Plattform und gleichzeitig Sitz der Geschäftsstelle auf den 13. und 14. März in ihre Räume ein.

70 Teilnehmende aus dem D-A-CH-Raum


An diesen Anwendertreffen kommen jeweils Vertretungen aus Institutionen und Organisationen zusammen, die mit der Software Visual Library von Semantics/Walter Nagel arbeiten, um sich über die aktuellen Projekte und Weiterentwicklungen auszutauschen.

Nach dreijährigem pandemiebedingtem Unterbruch war die Motivation besonders gross, endlich wieder in direkten Begegnungen den Austausch zu pflegen. Da nahmen um die 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland und Österreich gerne die Anfahrt nach Zürich in Angriff. Auch aus den verschiedenen inländischen Partnerinstitutionen nahmen zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter die Gelegenheit für eine Teilnahme in näherer Umgebung wahr, während die Schweizer Delegation in anderen Jahren normalerweise aus der Leiterin der Geschäftsstelle von e-manuscripta.ch und dem Verantwortlichen für die technische Infrastruktur an der ETH-Bibliothek besteht.

VL als Repositoriumslösung und im Einsatz für Retrodigitalisierungsprojekte

Die vorgestellten Projekte (das genaue Programm findet sich hier) umfassten eine grosse thematische Bandbreite und zeigten verschiedene mögliche Einsatzbereiche oder zusätzliche Funktionen der VL auf, welche vielleicht auch bei den Schweizer Plattformen gelegentlich zur Verwendung kommen könnten. Bei zwei Präsentationen ging es um Repositorien, wobei es sich einerseits um eines für elektronische Pflichtexemplare und beim andern um eine Ablage von Open Access-Veröffentlichungen handelt. Ziel ist jeweils ein hoher Automatisierungsgrad der Abläufe aber auch die Vereinheitlichung der Datenformate.

Im nächsten Themenblock kriegten wir einen Einblick in ein Crowdsourcing-Projekt, bei welchem es um die Erschliessung von Theaterzetteln ging, die Details zu einzelnen Aufführungen enthielten wie etwa dem Stücktitel und den beteiligten Personen. Wie sich die Volltexte von Zeitungen weiterbearbeiten und anreichern lassen durch Lokalisierung von Personen und Orten sowie Verknüpfung mit deren Einträgen in der Normdatei mittels Named Entity Recognition, wurde uns in der zweiten Präsentation vorgeführt.

VL als Tool für Sammlungspräsentation

Aus dem Museumsbereich wurde ein Projekt des Wiener Museums für Moderne Kunst präsentiert, das noch ganz am Anfang steht. Es ist vorgesehen, dass mit Hilfe eines Crowdsourcing-Tools während museumspädagogischen Veranstaltungen die Kinder und Jugendlichen beschreiben, was sie auf den gezeigten Bildern sehen. Ziel ist, möglichst unvoreingenommene Beobachtungen mit allgemein verständlichen Begriffen zu erhalten.

In einem besonders gross angelegten Frankfurter Projekt wird eine dezentral aufbewahrte Sammlung auf einer gemeinsamen Präsentationsoberfläche zusammengefügt. Darunter sind mehrere Nachlässe, die in separaten Datenbanken mit ganz unterschiedlichen Metadatenformaten erschlossen worden sind. Auch Editionen von Tagebüchern im TEI-Format sind anzutreffen, die nun für eine Präsentation neben der jeweiligen Abbildung aufzubereiten sind.

IIIF in e-manuscripta.ch

Die Präsentationen vom Dienstag drehten sich um grosse Verbundsysteme in Österreich und der Schweiz, bei welchen eine zentrale Infrastruktur erarbeitet worden ist und auch persistente Identifier sowie die Langzeitarchivierung einen Teil des Angebots ausmachen.

Der Reigen der Vorträge nahm ihren Abschluss mit einem Abstecher in die Welt des International Image Interoperability Frameworks IIIF und der Präsentation der bei e-manuscripta.ch integrierten Möglichkeit, den ausgewählten Titel mit einem einzigen Mausklick in den ZB-Viewer zu laden, wobei alle weiteren Titel ebenfalls im gleichen Tab gesammelt werden können.

Kontinuierlicher Projektaustausch erwünscht

Zum Abschluss der Tagung wurde in einer Diskussion über weitere Austauschmöglichkeiten ganz deutlich, wie gross das Interesse ist, zu den vorgestellten und auch zukünftig anstehenden Projekten regelmässig auf dem Laufenden zu bleiben. Da wird es vom Austausch von Mailadressen über Projektlisten bis hin zu regelmässigen Videokonferenzen verschiedene Initiativen geben, die es ermöglichen sollen, möglichst frühzeitig von ähnlichen Vorhaben Kenntnis zu erhalten und auch gemeinsam nach optimalen Lösungen bei auftauchenden Schwierigkeiten zu suchen.

Festvortrag zu K.I. in der Handschriftenerschliessung



Der Montagabend stand ganz im Zeichen des 10-jährigen Jubiläums. Der Festvortrag fand in einem grösseren Hörsaal der Universität Zürich statt und wurde gehalten von Prof. Dr. Malte Rehbein von der Universität Passau. Unter dem Titel «Auf dem Weg zu Big Data? Handschriftenerschliessung zwischen Fachwissen, Citizen Science und K.I.» spannte er den Bogen von der Steuerung der Wahrnehmung von Quellenmaterial mittels besserer Erschliessungstiefe bis zur Rolle der Technik als handelnder Akteurin und der Frage, wie weit bereits die Infrastrukturanbietenden wissenschaftliche Daten produzieren.


                 

                 

                 

Leiterin Geschäftsstelle e-manuscripta.ch

 







Monster, Pol und Taprobana – entdecken und verorten

16.02.2023

Wir laden Interessierte zur Expedition durch eine Auswahl der ältesten und schönsten Atlanten der ZB ein. Erkunden Sie die Welt auf über 2900 Landkarten des 15.-17. Jahrhunderts und forschen Sie mit, indem Sie diese online geografisch verorten.

Restauriert, digitalisiert und erschlossen

Aus den Tausenden von Atlanten der Abteilung Karten und Panoramen der ZB wurde eine repräsentative Auswahl der prachtvollsten Exemplare zusammengestellt, um sie zu digitalisieren und der Öffentlichkeit kostenlos auf e-rara zur Verfügung zu stellen.

Vorgängig reinigte und sicherte die Bestandserhaltung der ZB die kostbaren Bücher. Zum Teil waren auch aufwändige Restaurierungsarbeiten an den Objekten erforderlich, bevor sie gescannt werden konnten.

Zustand von Gerardi Mercatoris Atlas […] von 1607 vor der Restaurierung: Früherer Schimmelbefall hatte stellenweise das Papier zersetzt. (Foto Bestandserhaltung ZB)

Fehlstellen an Fälzen der Bünde wurden ergänzt (helle Stellen), der Buchblock am Rücken mit Japanpapier verstärkt. Buchblock zur Trocknung in Presse. (Foto Bestandserhaltung ZB)

Nach diesen Arbeiten wurden die Atlanten im Verlauf des Jahres 2022 bis auf Ebene der einzelnen Karte erschlossen. Auf diese Weise ist es jetzt Forschenden und allen anderen schneller möglich, auf e-rara eine einzelne Karte aus den Atlanten zu finden. Diese kann darauf heruntergeladen oder in einem IIIF-Viewer mit anderen Ressourcen verglichen werden.

«Prachtsatlanten – alte Landkarten georeferenzieren»

Auf der erwähnten Erschliessungsarbeit basiert letztlich auch das aktuelle Citizen Science-Projekt zu den Prachtsatlanten: Interessierte untersuchen und verorten online Landkarten auf intuitive Weise, in dem sie auf einer alten und einer neuen Karte identische geographische Objekte identifizieren und diese markieren.

Im Georeferencer auf Old Maps Online werden auf der modernen und der alten Landkarte Passpunkte gesetzt.

Die Karten werden darauf geometrisch «zurechtgerückt» und damit leichter les- und vergleichbar gemacht.

Georeferenzierte Karte «Gallia[.] Le Royaume de France» aus: Blaeu, Le théâtre du monde, Bd. 2., S. 10. Zentralbibliothek Zürich, RRk 635.

Bisweilen trifft man bei der Georeferenzierung auf herausfordernde und spannende Knacknüsse. Zu entdecken gibt es auf der Forschungsreise zudem Rätselhaftes und Erstaunliches.

Auf der «Tabula Asiae VIII» sind ein Kannibale, ein Schattenfüssler, Kopflose und eine menschenähnliche Gestalt mit Hundekopf dargestellt. Karte aus: Geographia universalis […], 1540, S. 287. Zentralbibliothek Zürich, T 112,2.

Ausschnitt der «Tabula Asiae VIII» mit Sciapode, einem Schattenfüssler.

Reich mit Segelschiffen, Galeeren und Figurenschmuck ausgestattete Karte «Liguria, Stato della Republica di Genova». Die beiden Kreaturen mit Fischschwänzen halten in ihren Rechten Kompass und Jakobstab, wichtige Instrumente für die Navigation zur See. Blaeu, Theatrum orbis terrarum, 1645, Bd. 3, S. 49. Zentralbibliothek Zürich, T 7.

Phantastische Inseln

Überraschend dürften ebenso imaginäre Inseln wie «Frislant» und die legendären Inseln «S. Brandain» und «Brasil» sein. Solche Phantominseln hielten sich mitunter nachhaltig auf alten Karten, wie das angeblich westlich von Irland gelegene paradiesgleiche «Brasil» zeigt: Zum ersten Mal im 14. Jahrhundert auf Dulcerts Seekarte erscheinend aber bereits in Jahrhunderte älterer Legenden fassbar, ist es noch bis ins 19. Jahrhundert auf kartographischen Produkten zu finden.

Imaginäre Inseln «Frislant», «S. Brendain» und «Brasil» auf der Karte «Europa» in: Gerardi Mercatoris Atlas […], 1607, S. 61. Zentralbibliothek Zürich, EE 1.

Die grösste der drei, «Frislant», verdankt ihre Existenz einzig der Vorstellungskraft und Absicht von Nicolo Zeno (1515-1565) aus Venedig. Zeno verfasste einen frei erfundenen Reisebericht, mit dem er zu beweisen hoffte, dass seine Ahnen und nicht etwa Kolumbus Amerika zuerst erreicht hätten. Das Eiland ist noch auf Karten des 18. Jahrhunderts zu finden.

«Frislant» auf Karte «Europa» in: Le théâtre du monde, 1647, Bd. 1, S. 36. Zentralbibliothek Zürich, RRk 634.

Wandernde Insel und verkehrtes «N»

Neben den phantastischen Inseln gibt es auch solche, die auf Karten wandern. So wurde der geographische Name «Taprobana» im Lauf der Zeit für verschiedene Eilande verwendet. Bereits Autoren der Antike kannten eine Insel von angeblich enormer Grösse vor der indischen Küste, die heute Sri Lanka heisst.

Karten von Taprobana finden sich auch in den beiden ältesten Ressourcen des Projekts, den Ptolemäus-Ausgaben der Jahre 1482 und 1486. Die Holzschnittkarten sind farbenprächtig koloriert. Sie unterscheiden sich in der Farbgebung und der ebenfalls von Hand ausgeführten Schattierung der Gebirgsdarstellung.

Karten zur Insel Taprobana in: Clavdii Ptholomei Viri Alexandrini Cosmographie, 1482, S. 191. Zentralbibliothek Zürich, 2.1: b.

«Duodecima Asie Tabula», Taprobana, in: [Claudii Ptholomei Cosmographi], 1486, S. 355. Zentralbibliothek Zürich, Ink K 112.

Ein Vergleich der Karten der Insel zeigt, dass für die jüngere Ausgabe von 1486 der Druckstock der älteren wiederverwendet wurde. Zu erkennen ist dies neben den identischen Massen des Kartenfelds und -inhalts auch am auffälligen seitenverkehrten «N» im Namen der Insel. Dieses ist charakteristisch für Johannes Schnitzer von Armsheim, der sich in der Ausgabe von 1486 auf der Karte zur Oikumene – der bewohnbaren Welt – als Formschneider zu erkennen gab: «Insculptum est per Johanne Schnitzer de Armßheim». Es ist das erste Mal, dass sich ein solcher auf einer im Druck erschienen Karte verewigt.

Karte der Oikumene in: [Claudii Ptholomei Cosmographi], 1486, S. 242. Zentralbibliothek Zürich, Ink K 112.

Ausschnitt der Karte mit Hinweis auf den Formschneider Johannes Schnitzer von Armsheim.

Der Humanist und Kosmograph Sebastian Münster (1488-1552) gab einige Jahrzehnte später Sumatra als Taprobana wieder. In seiner Cosmographia von 1540 heisst es:«[…] Taprobanam insulam hodie vocant Sumatram». Diesen Irrtum wie auch die angeblich enormen Ausmasse der Insel korrigiert später der berühmte Geograph und Kartograph Gerhard Mercator (1512-1594).

Auf der «Tabula Asiae XII» wird Taprobana in Sumatra identifiziert, Karte in: Geographia universalis, 1540, S. 299. Zentralbibliothek Zürich, T 112,2.

Innovativer Kartograph und Nordpol

Gerhard Mercator (1512-1594) darf für das 16. Jahrhundert als der wichtigste Kartograph bezeichnet werden. 1595 erscheint posthum und unter Federführung seines Sohnes Rumold (1541-1599) der dritte Teil seines wegweisendem «Atlas, sive, Cosmographicae meditationes de fabrica mundi et fabricati figura»: Die darin enthaltenen Karten weisen eine einheitliche Erscheinung und ein ebensolches Koordinatensystem auf. Zudem sind sie überwiegend nordorientiert.

Für diese Art systematischer Zusammenstellung wird zudem das erste Mal die Bezeichnung «Atlas» verwendet.

Bildnis Gerhard Mercators in: «Atlas, sive, Cosmographicae meditationes de fabrica mundi et fabricati figura», 1595, S. 16. Zentralbibliothek Zürich, T 44.

Ausschnitt des Bildnisses Mercators von Frans Hogenberg (1535-1590).

Mercator ist im Atlas bildlich als Kartograph in Szene gesetzt, der zudem den magnetischen Nordpol bestimmte: Seine linke Hand ruht unmittelbar unter «America» auf dem Globus, der aus europäischem Verständnis «Neuen Welt». Die eine Spitze des Zirkels in seiner Rechten steckt im «Polus magnetis», dem magnetischen Nordpol, der von enormer Bedeutung für die Navigation ist.

Ausschnitt der Karte «Septentrionalium Terrarum descriptio» in: Atlas, sive, Cosmographicae meditationes de fabrica mundi et fabricati figura […], 1595, S. 74. Zentralbibliothek Zürich, T 44.

Auf Mercators Karte besteht das Nordpolargebiet aus vier – aus heutiger Sicht imaginären – Inseln. Zwischen diesen fliessen Meeresströme auf einen «Polus Arcticus» zu, um in einem Wasserschlund zu verschwinden. Davon abgesetzt ist der «Polus magnetis» zu erkennen, auf den Mercator im Porträt die Zirkelspitze setzt.

Terra incognita

Im Schlepptau der europäischen Expansion ab dem 15. Jahrhundert gerieten empirische Erfahrungen zunehmend in Widerstreit mit tradiertem Wissen. Beobachtungen, topografische Aufnahmen und Reiseberichte führten dazu, dass sich überlieferte Überzeugungen nicht mehr halten liessen. Es zeigt sich bisweilen eine spannungsvolle Gleichzeitigkeit von Tradition und Innovation.

Karte der alten Welt, «Generale Ptolemei», in: Claudii Ptolemei viri Alexandrini mathematice discipline philosophi doctissimi geographie, 1513, S. 148. Zentralbibliothek Zürich, V ZZ 19: p | G.

Im Strassburger Ptolemäus von 1513 findet sich zum einen ein alter Kartenteil, welcher auf den tradierten Aufzeichnungen von Claudius Ptolemäus aus dem 2. Jahrhundert basiert. Zum anderen wurde ein neuer Kartenteil hinzugefügt, der die «Tabulae novae» beinhaltet. In letztere flossen neue geografischen Erkenntnisse ein.

«Orbis Typus Universalis Iuxta Hydrographorum Traditionem» aus der Erweiterung des Kartenteils in: Claudii Ptolemei viri Alexandrini mathematice discipline philosophi doctissimi geographie, 1513, S. 230. Zentralbibliothek Zürich, V ZZ 19: p.

Seemonster und Riesenfische

Auf den Karten einiger Prachtsatlanten finden sich neben Schiffen in grosser Zahl auch ungeheuerliche Geschöpfe, die sich im Meer tummeln. Eine Einteilung in realexistierende Lebewesen in Abgrenzung zu legendären, phantastischen Seeungeheuern, die sich der Empirie entziehen, entspricht der heutigen Sichtweise.

Ungeheuerliche Kreaturen und Eisbären tummeln sich auf der Karte «Islandia» in: Ortelius, Theatrum orbis terrarum, 1595, S. 289. Zentralbibliothek Zürich, EE 6.

Für zeitgenössische Betrachtende von Karten des Mittelalters und der Renaissance war diese Unterscheidung weniger klar. Monsterhaft konnte für Seefahrer auch ein grosser Wal erscheinen, zumal die damaligen Schiffe im Vergleich zu heutigen viel kleiner waren.

Zwischen Segelschiffen sind furchteinflössende und liebliche Meereskreaturen zu entdecken. Karte «Africae nova descriptio.» in: Blaeu: Theatrum orbis terrarum, 1645, Bd. 2, S. 288. Zentralbibliothek Zürich, T 6.

Das «Meerpfaerdt» dieser Karte findet sich neben anderen realexistierenden und mirakulösen Lebewesen in Conrad Gessners (1516-1565) wunderbarem «Fischbuoch : das ist ein kurtze, doch vollkommne Beschreybung aller Fischen so in dem Meer und süssen Wasseren, Seen, Flüssen oder anderen Bächen jr Wonung habend, sampt jrer waren Conterfactur.»

«Meerpfaerdt» in Conrad Gessners Fischbuoch […]. 1563, S. 224. Zentralbibliothek Zürich, NS 4,3.
Das Projekt ist Teil des strategischen Schwerpunkts Citizen Science der Zentralbibliothek Zürich.



Mitarbeiter Abteilung Karten und Panoramen











Visualisierungen sind Arbeit am Gedanken: Zur Komplexität von Daten-Visualisierungen in Wissenschaft, Kultur und Medien

05.01.2023

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Ist Ihnen aber aufgefallen, dass Daten-Visualisierungen exakt mit dem übereinstimmen, was Autoren Ihnen erzählen? Dass Autorinnen Ihnen mit tausend Worten erklären, was Sie sehen (sollen)? Daten-Visualisierungen sind keinesfalls immer selbsterklärend. Visualisierungen sind also nicht nur Illustrationen: Sie stellen Daten dar, die in einer bestimmten Art angeordnet wurden.

Diese Anordnung benötigt eine Erklärung, weil Visualisierungen eine ganze Reihe von Überlegungen und Ressourcen in sich bündeln, die nicht immer sichtbar sind. In einem Workshop im Rahmen der Willy-Bretscher-Fellowships in der ZB zeigten sechs Personen aus Wissenschaft und Praxis, wie komplex Visualisierungen sind.

Visualisierungen als Arbeit am Gedanken

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass nicht nur «Arbeit an der Sprache Arbeit am Gedanken ist», sondern auch das Erstellen von Visualisierungen Arbeit am Gedanken ist. Visualisierungen sind oft nicht bloss eine Veranschaulichung von Daten, die bestimmte Anordnung von Daten ermöglicht darüber hinaus mehr und anderes sichtbar und damit erkennbar zu machen.

Gleichzeitig haben sich die Produktionsbedingungen von Visualisierungen im letzten Vierteljahrhundert radikal geändert: Es stehen mehr Daten (in maschinenlesbaren Formaten) zur Verfügung, und die Verarbeitungstechnologien sind vielfältiger und einfacher zu handhaben. Dies birgt die Gefahr, Visualisierungen als gegeben und als Kinderspiel zu betrachten. Dabei sollten wir uns bewusst machen, dass mehr Daten mehr Kontext erfordern, um Visualisierungen zu verstehen, und dass Visualisierungen nicht nur vermitteln, sondern auch belehren und überzeugen wollen.

Visualisierungen stellen Konzepte der Sozial- und Wirtschaftspolitik dar

Claire-Lise Deblüe zeigte, wie die Sozialmuseen gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit neuen Formen der Darstellung der sozialen Welt experimentierten, um sozialpolitische und wirtschaftliche «Tatsachen» und Konzepte für die Bevölkerung verständlich zu machen. Als Beispiel kann hier die Apparatur zum Finanzhaushalt der Eidgenossenschaft im Schweizerischen Sozialmuseum Zürich (1917-1941) dienen (Abbildung 1). Die Wahl einer Waage als Apparat zur Symbolisierung deutet darauf hin, dass der Grundsatz des Gleichgewichts der Finanzen eine wichtige Rolle bei der Vermittlung spielen sollte. Das Beispiel zeigt, dass Visualisierungen einerseits eine Bildungsabsicht verfolgen und andererseits, dass Konzepte in Visualisierungen einfliessen.

Abbildung 1: Die Einnahmen und Ausgaben der Schweizerischen Eidgenossenschaft als Apparat dargestellt. Im Schweizerischen Sozialmuseum Zürich (1917-1941), gegründet von Paul Pflüger, dem Gründer des Schweizerischen Sozialarchivs. Der Hauptzweck der Sozialmuseen war die gesellschaftspolitische Bildung der Menschen.

Quelle: Schweizerisches Sozialarchiv, Signatur: KS 000/37-Z1 (Permanente Ausstellungen; Museen). Auch abgedruckt in Claire-Lise Debluë. Exposer le social: musées et connaissances «utiles» au début du XXe siècle. Culture & Musées, no 39, 2022, S. 59-84.

Visualisierungen sind Denkwerkzeuge

Die Finanzhaushalt-Apparatur des Sozialmuseums zeigt aber auch auf, dass Visualisierungen Werkzeuge sein können, mit denen operiert werden kann: So kann der Finanzhaushalt in der Abbildung 1 manuell verändert werden. Diesen Aspekt der Operationalität von Visualisierungen betonte Noah Bubenhofer. Anhand des geometrischen Beweisbildes in der bekannten Darstellung in Platons Menon zeigte Bubenhofer, dass mit Visualisierungen operiert werden kann, um zu neuen Einsichten zu gelangen. Die Aufgabe, die Menon seinem Sklaven stellt, besteht darin die Seitenlängen eines Quadrates zu finden, das die doppelte Fläche eines ursprünglichen Quadrats hat.

Der erste Gedanke ist es die Seitenlängen des ursprünglichen Quadrates zu verdoppeln (Abbildung 2). Dies führt jedoch zu einer Fläche, die viermal so gross ist, wie die ursprüngliche Fläche. Der erste Gedanke führt zwar nicht unmittelbar zur richtigen Lösung, aber die neue Visualisierung mit vier Quadraten macht die richtige Lösung sichtbar. Um die ursprüngliche Fläche zu verdoppeln, müssen bloss die vier Diagonalen der neuen Quadrate aus dem ersten Lösungsschritt verbunden werden. Bubenhofer plädierte für ein systematischeres An- und Umordnen, um neue Perspektiven zu erhalten, die Gewohnheit der Nutzenden zu überlisten und die Traditionen eines Faches zu umgehen.

Abbildung 2: Die Verdoppelung des Quadrats in Platons Menon. Durch geschicktes operieren mit der ursprünglichen Visualisierung (dem Quadrat) kann die Frage nach der Verdoppelung der Fläche beantwortet werden.

Quelle: Noah Bubenhofer. Visuelle Linguistik. Zur Genese, Funktion und Kategorisierung von Diagrammen in der Sprachwissenschaft. De Gruyter 2021, S. 25-27.

Karten sind hybride Visualisierungen von Text, Bild und Zahl

Die Möglichkeiten der An- und Umordnungen sind zwar grundsätzlich nicht limitiert, jedoch bestimmt der «Zeitgeist», welche Möglichkeiten überhaupt in Betracht gezogen werden. In diesem Sinne betonte Daniel Ursprung, dass sich in Kartenvisualisierungen Technik, Macht und Ideologie, die allesamt zeitspezifisch sind, verdichten. So wurde der berühmte Liniennetzplan der London Underground von Charles Beck auf der Idee von elektrischen Schaltplänen entworfen. Vor Beck wurden die U-Bahnlinien topographisch «richtig» auf der Basis eines Stadtplans dargestellt. Becks neuer Liniennetzplan wurde zunächst abgelehnt, weil die relativen Entfernungen von einer Station zu den anderen nicht angezeigt wurden.

Die radikale Neuerung war, dass dank dem elektrischen Schaltplan alle Stationen mehr oder weniger gleichmässig verteilt waren. Beck fand, dass Passagiere sich nicht um geographische Genauigkeiten scherten, sondern einfach von einem Bahnhof zu nächsten gelangen wollten. Nicht die Distanz der Stationen untereinander war entscheidend, sondern nur die räumliche Beziehung. Letztlich bestimmen also auch die Sehgewohnheiten, die Ästhetik und die technischen Möglichkeiten das Denk- und Machbare. Schliesslich wies Ursprung darauf hin, dass die grundlegenden Gestaltungsprinzipien oft seit langem bekannt seien, die Umsetzung in der konkreten Umgebung und in der Kombination verschiedener Stilmittel aber manchmal neu sein können, wie das Beispiel der Londoner U-Bahn zeigt.

Anfertigung der Inhalte durch ihre Visualisierungen

Viele Daten bedeuten in erster Linie viel «Rauschen», aus dem durch Operieren und Visualisieren ein konkretes «Signal», d.h. eine für eine bestimmte Frage relevante Aussage extrahiert werden kann. Peter Moser zeigte exemplarisch anhand der Entwicklung der Stimmbeteiligung an Volksabstimmungen im Kanton Zürich seit 1945 auf, wie man Visualisierungen als exploratives Werkzeug verwenden kann, um zu Erklärungen zu gelangen. In den Daten ist zunächst eine konstante Stimmbeteiligung seit den 1970er Jahren zu erkennen, aber auch eine starke Abnahme zwischen 1945 und 1970 (Abbildung 3). Hier zeigt sich, dass viele Daten auch viel Kontext zur Erklärung benötigen. Bevor sich die visuelle Entwicklung der Stimmbeteiligung erklären lässt, müssen in diesem Beispiel u.a. die mehrfache Erweiterung der Stimmbürgerschaft (Frauenstimmrecht, Stimm- und Wahlrechtsaltersenkung von 20 auf 18 Jahre, Stimmrecht für Auslandschweizerinnen und -schweizer), die Veränderung der Modalitäten der Abstimmungsteilnahme (formelle Stimmpflicht bis 1984, briefliche Abstimmung) und auch die Art und die Anzahl der Vorlagen (Verdreifachung der Bundesvorlagen seit den 1970er Jahren) berücksichtigt werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bereits seit den 1960er Jahren die Stimmpflicht immer weniger durchgesetzt wurde. Ein deutlicher Rückgang um 10 Prozentpunkte ist bei der Einführung des Frauenwahlrechts zu verzeichnen (Abbildung 4). Dies lag zum einen an der deutlich geringeren Wahlbeteiligung der neu hinzugekommenen Frauen, zum anderen aber auch daran, dass die Bestrafung der Wahl- und Stimmenthaltung faktisch abgeschafft wurde. Moser plädierte für ein pragmatisches Vorgehen, warnte aber auch vor voreiligen Schlüssen, da Visualisierungen letztlich auch «falsche» Aussagen generieren können.

Abbildung 3: Die Stimmbeteiligung im Kanton Zürich 1945–2022

Quelle: Peter Moser, Stimmbeteiligung: eine Langfristperspektive, statistik.info 2022/03. Statistisches Amt Kanton Zürich, S. 3.

Abbildung 4: Die Stimmbeteiligung und die Einführung des Frauenstimmrechts im Kanton Zürich, 1945–2022

Quelle: Peter Moser, Stimmbeteiligung: eine Langfristperspektive, statistik.info 2022/03. Statistisches Amt Kanton Zürich, S. 16.

Prozesse generativer Visualisierung

Das Finden und Gestalten eines «Signals» in den Daten kann mit den heutigen Computertechnologien auch losgelöst von der Kontrolle der Forscherin erfolgen. Max Frischknecht betonte diesen Aspekt, in dem er den digitalen Prozess der generativen Gestaltung von Visualisierungen in den Fokus rückte. Die Generative Gestaltung ist hierbei eine Entwurfsmethode, die insbesondere in der Kunst und Architektur sowie im Kommunikations- und Produktdesign verwendet wird. Die Software entwirft selbstständig eine Reihe von Visualisierungen anhand der Anforderungen, die der Gestalter festgelegt hat (z. B. Algorithmus, Quellcode, Eingabewerte, siehe Abbildung 5). Es gibt dabei drei Möglichkeiten der Aufgabenteilung zwischen Gestalterin und Computer: Die Gestalterin kreiert und der Computer unterstützt (digital-manuelle Visualisierung), der Gestalter konzeptualisiert und kreiert und der Computer führt aus (digital-generative Visualisierung), oder die Gestalterin modelliert und der Computer kreiert (digital-autonome Visualisierung).

Frischknecht betonte ähnlich wie Moser und Bubenhofer, dass mit dem Computer grafische Bilder in unlimitierter Weise überlagert, nebeneinandergestellt und transponiert werden können und dass Visualisierungen dadurch nicht mehr nur Illustrationen darstellen, sondern zum Forschungsinstrument werden. Allerdings ist zu bedenken, dass die Gestalterin nicht unbedingt ein Mensch sein muss, sondern auch eine künstliche Intelligenz diese Rolle übernehmen könnte. Hier besteht die Gefahr, dass die Betrachter der Visualisierung nicht mehr eruieren können, worauf sie beruht.

Abbildung 5: Der Prozess der generativen Gestaltung

Quelle: Max Frischknecht, «Prozesse Generativer Visualisierung», Historische Daten-Visualisierung in Wissenschaft, Kultur und Medien, Zentralbibliothek Zürich, 2022.

Die Bündelung von Ressourcen

Daten-Visualisierungen brauchen nicht nur Kontext, sondern auch spezifisches und vielfältiges Wissen, um überhaupt dargestellt werden zu können. Kaspar Staub gab einen Einblick in die Entwicklung eines Daten- und Visualisierungshub zu vergangenen Pandemien in der Schweiz. Er zeigte auf, wie viele Ressourcen gebündelt werden müssen, um sinnvolle Geschichten aus Daten zu gewinnen: Finanzielle Mittel sowie die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Forschungsgruppen der Universität Zürich (Historisches Seminar, Institut für Geographie, Institut für Evolutionäre Medizin) und der Schweizer Hochschule für Angewandte Wissenschaften (Institut für Angewandte Medienwissenschaften). Dazu kamen für die technische Implementierung die Verbindung von IT, Data Science and Data Storytelling durch eine Programmiererin und eine Interfacegestalterin, die Nutzung von Konzepten und Theorien der Visualisierung und des Storytellings, aber auch der umsichtige Umgang mit historischen Quellen. Staub betonte, dass historische Daten nur durch die Zusammenarbeit von verschiedenen Personen aus unterschiedlichen Fachbereichen mit verschiedenen Kompetenzen angemessen erforscht und dargestellt werden können.



ZB Willy-Bretscher-Fellow 2022/2023











100 manuelle Transkriptionen als Grundlage für die Künstliche Intelligenz

29.06.2022

Die Künstliche Intelligenz hat auch im Bereich der Editionswissenschaften Einzug gehalten und vermag mittlerweile recht gut Handschriften aus dem 18./19. Jahrhundert automatisch zu erkennen. Gemeinsam mit der Zentralbibliothek können Sie dazu beitragen, ein digitales Editionsprojekt vorzubereiten: Wir benötigen bis Ende Jahr 100 manuelle Transkriptionen von Briefen von Hans Georg und Hermann Nägeli. Die ZB bewahrt die Korrespondenz und den Nachlass der beiden auf.

Einflussreicher europäischer Musikverleger, Komponist und Musikpädagoge

Im kommenden Jahr soll zum 250. Geburtstag von Nägeli ein gross angelegtes Digitalisierungs- und Editionsprojekt der Korrespondenz von Hans Georg Nägeli (1773–1836) und seines Sohnes Hermann Nägeli (1811–1872) starten. Das Projekt ist unter der Leitung von PD Dr. Louis Delpech in enger Zusammenarbeit mit dem Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich geplant.

Hans Georg Nägeli, der «Sängervater» aus Zürich (1773-1836) Hermann Nägeli (1811-1872)















Hans Georg Nägeli gilt bis heute als eine der herausragendsten Persönlichkeiten nicht nur der Zürcher, sondern gar der europäischen Musikgeschichte. Er druckte 1794 als erstes eigenes Verlagsprodukt sein bis heute noch gesungenes Arrangement des Gesellschaftslieds «Freut euch des Lebens», verfasste bedeutende musikalische Lehrwerke und gab Musikstücke von Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven oder Georg Friedrich Händel erstmals heraus. Mit der Gründung seines «Singinstituts» setzte er sich für den Aufbau eines alle Volksschichten umfassenden Chorwesens ein und ermunterte seine Zeitgenossen eifrig dazu, weitere Kinder- und Männerchöre zu gründen. Darüber hinaus schrieb er Hunderte von Vokal- und Chorwerken und erhielt dafür schon bald den Übernamen «Sängervater». Nägeli war aber nicht nur Komponist, Musikverleger und Pädagoge mit europaweitem Renommee; ebenso engagiert trat er auch als Schriftsteller und Politiker in Erscheinung. Ab 1831 wirkte er bis zu seinem Tode als Zürcher Erziehungs- und Grossrat. Sein Sohn Hermann Nägeli setzte als Geschäftsnachfolger die Tätigkeiten seines Vaters fort. 

3’000 Nägeli-Briefe in der ZB

Der Nachlass von Hans Georg Nägeli gehört zu den bedeutendsten musikhistorischen Nachlässen der ZB. Rund 3000 Briefe haben sich in unserem Bestand erhalten und bezeugen die verschiedenen Facetten der Tätigkeiten und Interessen. Neben privaten Mitteilungen finden sich viele geschäftliche Korrespondenzen darunter, die er mit europäischen Musikverlagen, Pädagogen im Umfeld von Johann Heinrich Pestalozzi, international bedeutenden Musikern und musikalischen Gesellschaften austauschte. Sein Sohn Hermann fertigte Abschriften von Briefen an, korrespondierte jedoch auch selbst. Die Privat- und Geschäftskorrespondenz der beiden bietet die einzigartige Möglichkeit, das musikalische Selbstverständnis der Schweiz um 1800 und die europäische Reichweite von Zürcher Netzwerken aus musikhistorischer Perspektive kennenzulernen.

Seien Sie Wegbereiter der ersten digitalen Nägeli-Edition!

Zu den wichtigen ersten Arbeiten für die digitale Edition gehört es, eine gewisse Anzahl transkribierter Briefseiten als Trainingsmaterial zu erstellen. Hierfür bitten wir Sie um Ihre Unterstützung! Im Transkriptionstool von e-manuscripta.ch erstellen Sie Ihre Abschrift vom Digitalisat des Briefes und schicken diese zur Freigabe an die Redaktion. Die Transkriptionen werden zunächst auf e-manuscripta.ch aufgeschaltet. Anschliessend sollen diese vom Editionsteam dazu genutzt werden, mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz ein Handschriftenerkennungsmodell zu erstellen, das es erlaubt, die weiteren Briefe der beiden Nägelis und ihrer Korrespondenzpartner automatisch zu transkribieren. In der englischen Fachterminologie nennt man dieses Verfahren «Handwritten Text Recognition», abgekürzt «HTR».

Screenshot aus dem Videotutorial «Transkribieren auf e-manuscripta.ch»

Transkribieren Sie mit uns Nägeli-Briefe

Wir laden Sie hiermit ein, zusammen mit uns ausgewählte Briefe von Hans Georg und Hermann Nägeli zu transkribieren. Bereits haben wir 50 Briefe von Hans Georg digitalisiert und auf e-manuscripta.ch zur Transkription freigeschaltet. Davon sind schon 23 Briefe fertig transkribiert oder in Arbeit. Ab heute, dem 29.6. werden wir dort wöchentlich fünf Briefe von Hermann Nägeli publizieren. Unser Ziel ist es, bis Ende Jahr von beiden Nägelis je 50 Briefe zu transkribieren. Weitere Informationen zu den Briefen und zum Transkribieren finden Sie hier.



Abteilungsleiter Digitale Produktion und Plattformen











Zürcher Familiengeschichte – Der «Keller-Escher» wird digital

15.06.2022

In Zürich gibt es eine lange Reihe alter Bürgergeschlechter, deren Angehörige die Geschichte der Stadt seit dem Mittelalter prägten. Zürcher Bürgersinn hat deswegen schon früh die Erforschung der Geschichte der einzelnen Familien und ihrer Mitglieder befördert. Besonders dabei hervorgetan hat sich Carl Keller-Escher, 1851-1916, aus dem alten Geschlecht der Keller vom Steinbock. Der rührige Familienforscher hat die Stammbäume und Abstammungslinien von über 250 Altzürcher Familien von Aberli bis Zoller akribisch erforscht und handschriftlich aufgezeichnet. In sieben grossformatigen Bänden mit dem etwas sperrigen Titel «Promptuarium genealogicum» finden sich die Ergebnisse seiner Recherchen. Die meisten heutigen Benutzenden reden einfach nur vom «Keller-Escher». Nach dem Tod des Forschers 1916 schenkte seine Witwe Anna Maria, geborene Escher vom Glas, das Werk der gerade erst eröffneten Zentralbibliothek. Die Bände werden heute in der Handschriftenabteilung aufbewahrt.


Carl Taeschler-Signer, Basel, 1835-1917: Doppelporträt Carl Keller-Escher mit seiner Verlobten, Anna Maria (Ausschnitt), Fotografie, vermutlich 1879, Albuminabzug auf Vistikarte, 9,5 x 5,8 cm.


Wer aber war Carl Keller-Escher? Im Organ der Schweizerischen Heraldischen Gesellschaft ist nach seinem Tod ein Nachruf erschienen, der einen guten Überblick über seine Forschungen auf dem Gebiet der Genealogie und der Heraldik gibt.

Allerdings war Carl Keller-Escher im Hauptberuf Pharmazeut: Von 1879 bis 1904 amtete er als Zürcher Kantonsapotheker. Die unten abgebildete Dankesurkunde vom Apothekerverein des Kantons Zürich aus dem Jahr 1904, zu Kellers 25-jährigem Jubiläum und Rücktritt von seinem Amt angefertigt, zeigt uns, wie gross sein Ansehen auch als Naturwissenschaftler war.


Kaligr. v. Gebrüder Fretz, Zürich: Urkunde für Carl Caspar Keller. Zeichnung, Feder, Pinsel, Goldfarbe, weiss gehöht ; 33,8 x 19 cm.


In seiner Freizeit war Carl Keller-Escher ein passionierter Fotograf. Auf www.e-manuscripta.ch finden sich heute etliche von ihm angefertigte Aufnahmen. Die erhaltenen Beispiele datieren fast alle aus dem Jahr 1891: Die seltene «Seegfrörni» – das komplette Überfrieren des Zürichsees – war damals der Anlass für vielfältige Vergnügungen und ein reges Stelldichein der Zürcherinnen und Zürcher auf der Eisfläche vor der Stadt. Für einen Fotografen war das natürlich ein gefundenes Fressen. Auch manche Zürcher Prominente der damaligen Zeit kamen ihm dabei vor die Linse, z.B. Schulpräsident Heinrich Paulus Hirzel.


Schulpräsident Hirzel (in der Bildmitte) samt Spaziergängern und Schlittschuhläufern auf dem gefrorenen Zürichsee im Jahr 1891. Fotografie, Silbergelatineabzug, 8,1 x 11,4 cm.


Am Beispiel von Schulpräsident Hirzel zeigt sich in exemplarischer Weise die Bedeutung, die Carl Keller-Eschers genealogischen Forschungen heute noch zukommt: Die sogenannte «Gemeinsame Normdatei» (GND), die zentrale Nachweis- und Norm-Datenbank für Personen, Körperschaften, Kongresse, Geografika, Sachschlagwörter und Werktitel, führt als Quelle für die ausführlichen Personendaten zu Heinrich Paulus Hirzel das Werk von Carl Keller-Escher an.

Der Forscher legte dieses heute unersetzliche Nachschlagewerk nicht zum Selbstzweck an. Es war ihm Quelle für verschiedene Auftragswerke, gedruckte Monographien – etwa zur Geschichte der Familie Grebel oder den Escher vom Glas. Auch diente es ihm als Grundlage zur Beantwortung familiengeschichtlicher Anfragen. In den Jahren nach Keller-Eschers Tod waren die Bände, nun öffentlich zugänglich in der Zentralbibliothek Zürich, nicht nur für Familienforschende, sondern für alle, die sich mit Zürcher Geistes- und Kulturgeschichte befassen, unverzichtbar. Leider hat die intensive Benutzung über mehr als 100 Jahre Spuren hinterlassen. Einband und Papier sind heute stark geschädigt. Um den «Keller-Escher» auch in Zukunft zu bewahren, ihn aber zugleich unseren Nutzerinnen und Nutzern bestmöglich zur Verfügung stellen zu können, haben wir die Bände digitalisiert und auf www.e-manuscripta.ch veröffentlicht:

Band 1 (A bis B), Band 2 (C bis F), Band 3 (G bis Holzhalb), Band 4 (H bis Lavater), Band 5 (Leemann bis Nüscheler), Band 6 (O bis Schulthess), Band 7 (Sp bis Z)

Das Layout der Bände ist doppelseitig angelegt. Jeweils rechts beginnt der Haupteintrag zu einer neuen Familie. Zunächst wird meist ein kurzer Abriss der jeweiligen Familiengeschichte gegeben. Handelt es sich um eine grössere Familie, findet sich eine schematische Darstellung des Stammbaums. Danach werden in aufsteigender Zählung die (männlichen) Namensträger genannt; Ehefrauen und Kinder folgen, soweit bekannt. Die Nummerierung der Personen ist durchgehend. Von der eigentlichen Personennummer mit einem Punkt abgetrennt ist die als Verweis hinzugefügte Nummer des Vaters.


Ms Z II 1, Seite 640-641: Stammbaum und Geschichte der Familie Bürkli.


Da heute nicht alle Interessierten die altertümliche Handschrift Keller-Eschers ohne Schwierigkeiten entziffern können, möchten wir den Text mit der Hilfe von Lesekundigen im Transkriptionstool von e-manuscripta transkribieren und online für alle zur Verfügung stellen.

Wollen auch Sie mithelfen? Bringen Sie mit uns die Stammbäume von Stadtzürcher Geschlechtern wie den Bosshard, Erni, Füssli, Keller, Pestalozzi oder Stucki ins Internet!

Erfahren Sie mehr an unserem Workshop vom 2. Juli 2022.

Das Projekt ist Teil des strategischen Schwerpunkts Citizen Science der Zentralbibliothek Zürich.

Haben Sie Fragen/Anmerkungen zum Projekt? Melden Sie sich bei uns!






Stv. Leiter Handschriftenabteilung


Handschriftenabteilung











Der Stammbaum spricht ...

... ein etwas anderer Einblick in die Bestandserhaltung

31.05.2022

Thomas Raff schreibt in seinem Buch «Die Sprache der Materialien», dass, «wer die Aussage eines Kunstwerkes verstehen will, auch die Sprache seiner Materialien verstehen muss. »

Im letzten Jahr fand ein eher ungewöhnliches Objekt in unserem Alltag von Büchern und Briefen seinen Weg in die Werkstatt der Bestandserhaltung, der Stammbaum der Familie Simmler.

Wenn auch nicht unter dem Gesichtspunkt der Ikonologie von Werkstoffen oder einer Katalogsbeschreibung wurde während der Restaurierung die Sprache der Materialität dieses Objektes zu einem geflügelten Wort.

«Der Stammbaum spricht!»

Wir liessen uns von der Sprache der Materialität leiten, daraus wurde eine Art Kommunikation, ein Zuhören, Spüren und Finden des Weges. Daran würden wir Sie gerne teilhaben lassen.


Ausgangspunkt

Der Stammbaum kam in die Werkstatt, grossformatig, angegriffenes Papier, mit Gewebe doubliert, wie eine Karte mit Holzstangen versehen, gerollt und handgemalt. Das Objekt hing mit Sicherheit einige Jahre wie eine Schulkarte ungeschützt in einem Raum und zeigte deutliche Schäden.

Was damit tun? Wie es aufbewahren?

Laut Auskunft der Handschriftenabteilung ist der Stammbaum wahrscheinlich zwischen 1700 und 1710 entstanden und ist durch die Hochzeit von Catharina Simmler mit Hans Jacob Fäsi im Jahr 1749 in den Besitz der Familie Fäsi gelangt. 2019 wurde er mit einer familiengeschichtlichen Sammlung der Familie Fäsi in die ZB transferiert.


Wie sieht das Objekt aus? Von was reden wir?

Um eine Restaurierungsvorgehensweise festzulegen, ist es vorab wichtig zu definieren, in welchem Zustand sich das Objekt befindet und was das Ziel ist.

Der Stammbaum im Format 101 cm x 111 cm wurde auf 6 Einzelblätter, die auf einer Leinwand zu einem grossen Format geklebt wurden, gemalt. Die Schriftfelder wurden mit Eisengallustinte beschrieben. Dargestellt ist ein Baum mit Ästen und Verzweigungen, eine Landschaft im Hintergrund und verschiedene Personendaten mit entsprechenden Wappen. Die linke und die rechte Kante wurden mit einem 1 cm breiten, schwarzen Rand versehen. An der oberen und unteren Kante war je ein Holzstab angebracht, um den Stammbaum aufhängen zu können.

Er ist ein Unikat und besitzt eine Wichtigkeit für die familiengeschichtliche Sammlung.

Er hing wahrscheinlich für eine gewisse Zeit ungeschützt in einem Wohnraum und wurde später gerollt aufbewahrt. Beides hat neben den alterungsbedingten Schäden mechanische Schäden hervorgerufen. Um das Objekt in der ZB lagern zu können, sollte es gesichert und möglichst adäquat verpackt werden.


Schadensbild

Man findet Oberflächenschmutz und Staub. Das Papier ist generell sehr fragil, an manchen Stellen abgebaut. Alle Kanten, die schwarz eingefasst sind, weisen Risse, Knicke und Fehlstellen auf.

Durch die gerollte Lagerung sind Risse, Knicke und sich ablösende Partikel entstanden. Auch durch das Rollen wurden Quetschfalten verursacht.

Es gibt eine grosse Fehlstelle in der oberen Mitte und viele Risse im Bereich der angebrachten Holzstangen.

Auf der Rückseite finden sich alte Reparaturen in Form von Flicken aus Leinen, gummierten Packpapier und Selbstklebestreifen.

Die gesamte Karte ist leicht bräunlich und die Farben sind ausgebleicht. Wasserlöslichkeitstests (siehe Foto) ergaben, dass die rote Farbe wasserlöslich ist, blau und grün sind wasserempfindlich.

Im Bereich der Tinte liegt Tintenfrass vor.

Was sagt uns der Stammbaum also hier? Die Schäden sind so hervortretend, dass sie vor einer endgültigen Lagerung in der ZB behandelt werden müssen. Durch die Wasserempfindlichkeit des Objektes sollte möglichst trocken gearbeitet werden.


Restaurierungsvorgehen

Das Format, die Doublierung, die Wasserempfindlichkeit und die Papierschäden sind zusammen betrachtet eine grosse restauratorische Herausforderung. Die Vorgehensweise geschieht Stück für Stück, in kleinen Schritten. Entsprechend kann man immer in der Aufmerksamkeit, wie sich das Objekt verhält (hier das Papier, das Gewebe und die Farben), sofort reagieren und sich auf neue Begebenheiten einstellen.


Schritt 1: Lösen der Holzstangen und Schritt 2: Trockenreinigung

Diese ersten 2 Schritte waren problemlos durchführbar und leiteten uns zu:


Schritt 3: Lösen der Leinwand, Entfernung alter Leimreste und sofortiges Schliessen der Risse mit Japanpapier und Unterfassen von Knickstellen und Quetschfalten

Wegen des Schadens und der Wasserempfindlichkeit arbeiteten wir in Quadraten von 2 cm x 2 cm bis zu 4 cm x 4 cm an den verschiedenen Enden des Objektes. Das Gewebe wurde möglichst trocken gelöst, der Leim mit einem Kissen, welches kontrolliert die Feuchtigkeit abgibt, angelöst und mit einer Skalpellspitze Millimeter für Millimeter abgehoben. Das Papier trockneten wir sofort mit einem Glättkolben oder leicht beschwert, schlossen dann die Risse von hinten und unterfassten die Knicke und Falten bevor wir die Nachbarstelle bearbeiteten.

Wie lange braucht man zum Anlösen der jeweiligen Stelle? Was passiert mit der Farbe während der Feuchtigkeitszufuhr? Wie reagiert die unterschiedlich abgebauten bzw. geschädigten Papierstellen? Wie die Falten? Wie die Risse? Was sagt der Stammbaum? Was sagt das Material?

Immer wieder musste reagiert werden…eine zusätzliche Schutzschicht, um die rote Farbe zu fixieren…eine spezielle Trocknungstechnik…länger warten…schneller vorgehen…in noch kleineren Quadraten arbeiten…Anlösetechnik ändern…Geduld und immer wieder: Hör dem Stammbaum zu!


Nachdem das Objekt in der Form gesichert war, folgte Schritt 4: Ergänzung der Fehlstellen, um wieder eine Materialebene schaffen zu können.


Schritt 5: Kaschieren in 6 Stücken aus Japanpapier

Wieder ein herausfordernder Arbeitsschritt! Die Kaschur ersetzt die Leinwand. Um eine bessere Kontrolle zu haben, kaschierten wir das Objekt in 6 Etappen.



Die Herausforderung: Unterschiedliches Dehnungsverhalten bei der Feuchtigkeitszufuhr, Gefahr der Bildung von Falten und unterschiedlichen Spannungsverhältnissen, wellige Objektoberfläche, Feuchtigkeitsempfindlichkeit der Farben.

Immer wieder mussten wir während des Arbeitsprozesses prüfen, wie das Objekt reagiert und eventuell einen zusätzlichen Arbeitsschritt einfügen.


Schritt 6: Spannen

Nach dem Schliessen der Risse und dem Ergänzen der Fehlstellen wies der Stammbaum viele wellige Stellen auf. Um ihn plan legen zu können, wurde der Stammbaum nun durch gezieltes Feuchten und Trocknen mit Hilfe eines Spannrandes unter Spannung auf einem Brett gespannt.

Diesen Prozess muss man je nachdem bis zum gewünschten Ergebnis mehrmals wiederholen.


Schritt 7: Da das Objekt unter anderem von seiner Bildsprache geprägt ist, entschlossen wir uns zu einer Retusche der hervorstechenden Fehlstellen, um wieder ein Gesamterlebnis zu erlauben.

Der schwarze Rand wurde nicht retuschiert, da die farblichen Lücken dort nicht zu einer Entfremdung der Gesamtaussage führen, sondern die Geschichte des Schadens erzählt.


Schritt 8: noch auszuführen; Montage für endgültige Lagerung


Abschluss

Somit ist die Restaurierung des Stammbaums abgeschlossen.

Das Verständnis der Materialität und das sich darauf Einlassen spielte eine grosse Rolle, um die Restaurierung gelingen zu lassen.


Bestandserhaltung











Rahn transkribieren

19.04.2022

Am 7. Mai startet mit einem Workshop das Transkriptionsprojekt der Briefe von Johann Rudolf Rahn, dem Vater der Schweizer Kunstgeschichte und Denkmalpflege.

Ernst Stückelberg (1831–1903), Porträt Johann Rudolf Rahns im Alter von 36 Jahren, 1877, Öl auf Leinwand, Privatbesitz


Vater der Schweizer Kunstgeschichte und Denkmalpflege

Zehn Jahre nach der grossen Retrospektive zum 100. Todesjahr von Johann Rudolf Rahn (1841–1912) ist die Bevölkerung eingeladen zu helfen, seine handschriftliche Korrespondenz in Druckschrift zu übertragen. Rahn entstammt einem alteingesessenen Zürcher Zunftmeister- und Ratsherrengeschlecht. Aufgrund seiner Hauptschrift, der Geschichte der bildenden Künste in der Schweiz (1873–1876), gilt er heute als Vater der Schweizer Kunstgeschichte. 1878 wurde er ordentlicher Professor der Kunstgeschichte an der Universität Zürich; 1883 erhielt er zusätzlich das Ordinariat am Polytechnikum, der heutigen ETH Zürich. Seine nach Kantonen geordnete Statistik der Schweizer Kunstdenkmäler (1872–1888) markierte den Beginn einer flächendeckenden Inventarisierung schweizerischer Kulturgüter. Rahn gilt deswegen als Mitbegründer der Denkmalpflege in der Schweiz, zumal er 1880 die Vaterländische Gesellschaft für Erhaltung historischer Denkmäler, die heutige Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK), mit initiierte. Darüber hinaus war Rahn ein talentierter Zeichner, dessen Œuvre rund 5’000 Blätter umfasst. Diese geben in dokumentarischer Intention meist historischen Bauten und architektonische Details wieder.

Johann Rudolf Rahn, Fresken an der Südwand in St. Arbogast in Oberwinterthur, 1877, Feder, aquarelliert, Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv


Briefe als wichtige Quellen

Trotz Rahns Bedeutung für die Entwicklung der Kunstgeschichte als eigenständige Forschungsdisziplin in der Schweiz ist seine Korrespondenz wissenschaftlich noch nicht aufgearbeitet. Da die Briefe prominente Adressaten wie die Universitätsprofessoren Carl Brun, Jacob Burckhardt, Paul Ganz und Josef Zemp, Repräsentanten der frühen Archäologie und Denkmalpflege wie Ferdinand Keller, Albert Naef, Robert Durrer und Theodor Vetter und Vertreter des Sammlungswesens wie Heinrich Angst und Heinrich Zeller-Werdmüller umfassen, kann davon ausgegangen werden, dass sich aus den Korrespondenzen wichtige Erkenntnisse über die Anfänge der Denkmalpflege in der Schweiz, über die Entwicklung des Faches Kunstgeschichte an den hiesigen Universitäten, über das Museumswesen des jungen Bundesstaates wie auch über die Genese der Publikationen Rahns gewinnen lassen.

Anonym, Porträt Robert Durrer, um 1934, Photogravüre, Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv


Transkribieren

Rahns Briefe umfassen auf knapp 10'000 Seiten einen Zeitraum von fast fünfzig Jahren, von April 1863 bis in den November 1911. Im Herbst 2021 wurden sie digitalisiert und auf e-manuscripta online veröffentlicht. Die Namensregister werden von Mitarbeitenden der ZB transkribiert, die Briefempfänger identifiziert und mit Hilfe der Gemeinsamen Normdatei GND beschlagwortet. Dies erlaubt den gezielten Zugriff auf Briefe an einzelne Korrespondenzpartner. Das Transkriptionstool von e-manuscripta bietet allen Interessierten die Möglichkeit, ausgewählte Briefe in Druckschrift zu übertragen, ihre Transkriptionen online zugänglich zu machen und so Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung zu stellen.


Johann Rudolf Rahn an Karl Bossard, 28. Oktober 1890



Leiter Graphische Sammlung und Fotoarchiv


Zugang zur Medienausleihe für Sans-Papiers

Bibliotheken sollen sich für mehr Offenheit in Wissenschaft und Gesellschaft einsetzen und den Zugang zu Information für die ganze Bevölkerung möglich machen. Bibliotheken sollen barrierefrei und inklusiv sein: Das heisst einen uneingeschränkten Zugang für alle Nutzenden gewährleisten, unabhängig von ihren Einschränkungen und eine gleichberechtigte Teilhabe an unseren Angeboten. Das betrifft nicht nur Menschen mit körperlichen Einschränkungen, sondern auch solche in prekären sozialen Verhältnissen wie zum Beispiel Sans-Papiers. 

Wer sind Sans-Papiers? 

Sans-Papiers sind Migrantinnen und Migranten ohne geregelten Aufenthaltsstatus. Über die Anzahl der Sans-Papiers in der Schweiz gibt es keine genauen Zahlen. Nach den aktuellsten Schätzungen leben alleine im Grossraum Zürich 19’000 Sans-Papiers. 

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum eine Person Sans-Papiers wird. Primäre Sans-Papiers haben nie einen Aufenthaltsstatus in der Schweiz besessen (zum Beispiel Personen mit verfallenem Touristenvisum, nicht bewilligter Familiennachzug, Einreise ohne Visum). Sekundäre Sans-Papiers haben aus unterschiedlichen Gründen ihre Bewilligung in der Schweiz zu leben verloren (zum Beispiel ehemalige Saisonniers oder Migrantinnen und Migranten mit abgelaufener Aufenthaltsbewilligung für eine Ausbildung). Mehr Informationen zu den Sans-Papiers findet man hier. 

Zusammenarbeit mit der PBZ und der SPAZ 

Die PBZ Pestalozzi-Bibliothek Zürich (PBZ) und Zentralbibliothek Zürich (ZB) führen in Zusammenarbeit mit der Sans-Papiers Anlaufstelle Zürich (SPAZ) den Zugang zur Medienausleihe für Sans-Papiers ein. Ab 1. April haben Sans Papiers Zugang zur Bücherausleihe beider Häuser. 

Bis anhin war die Einschreibung für ein Bibliothekskonto für Sans-Papiers in diesen beiden Institutionen nicht möglich, da ein gültiger amtlicher Ausweis für eine Mitgliedschaft nötig war. Ein Postulat des Gemeinderats der Stadt Zürich gab den Anstoss, nach Lösungen zu suchen, um auch Sans Papiers den Zugang zu Büchern und anderen Medien zu ermöglichen. 

Mit dieser nun gemeinsam ausgearbeiteten Regelung machen die PBZ mit ihren 14 und die ZB, als eine der grössten Schweizer Bibliotheken, einen weiteren Schritt, der ganzen Bevölkerung der Stadt Zürich und des Kantons Zürich Zugang zur Bücherausleihe zu ermöglichen. 


IK, Digitale Dienste & Entwicklung (IDE)


90 Jahre SJW-Hefte

„Wie fein, dass wir nun auch ein eigenes schweizerisches Jugendschriftenwerk besitzen!“, frohlockte die Schweizerische Lehrerinnenzeitung (S. 179-180) im Februar 1933 und stellte die erste Serie von zwölf Leseheften für Kinder vor, die im März 1932 im Schweizerischen Jugendschriftenwerk (SJW) erschienen war. Das 1931 gegründete SJW hatte es sich zum Ziel gesetzt, im Kampf gegen «Schund und Schmutz» dem jugendlichen Lesepublikum «gute» Literatur in Heftform zu einem günstigen Preis anzubieten (Abb. 1). Gegründet wurde es von Lehrpersonen und Jugendschriftstellern, Mitgliedern der Schweizerischen Jugendschriftenkommission und der Pro Juventute. Die Chefredaktion hatte von 1937 bis 1970 der Lehrer und Autor Fritz Aebli inne. Schon bald gab es die Hefte in den anderen Landessprachen, inzwischen sind auch Ausgaben in Englisch und in Brailleschrift erhältlich. Verkauft wurden die Lesehefte direkt an den Schulen durch die Lehrerschaft, wodurch ein effizientes und konstantes Vertriebsnetz gesichert war. Die Ausstellungsboxen für Schulen gibt es immer noch, die Leseförderung wird aber heute auch mit Lesungen von SJW-AutorInnen betrieben.

Abb. 1: SJW-Titelbilder zwischen 1932 und 1970
Obere Reihe: Der Klub der Spürnasen, (Nr. 1, 1932), Die Freundschaftsprobe (Nr. 22, 1933), Menschen im Schnee (Nr. 97, 1940), Die rote Mütze (Nr. 330, 1962), Arrivo il Circo! (Nr. 536, 1955)
Untere Reihe: Wilde Tiere (Nr. 1041, 1969), Summervögeli rot und blau (Nr. 840, 1964), Der Wolf (Nr. 540, 1955), Es Spyl vom Broot (Nr. 1076, 1970), Boulou-Kalari (Nr. 671, 1959)

Erklärter Feind des SJW war die sogenannte «Schundliteratur»: Billige, am Kiosk erhältliche Hefte über Abenteurer und Krimihelden wie Frank Allen und Harry Piehl, versehen mit auffälligen Umschlägen. Diese waren Verfechtern der «guten» Kinderliteratur wie Fritz Brunner, Schriftsteller und Mitbegründer des SJW, ein Dorn im Auge und galten als qualitativ und moralisch verwerflicher «Schmutz», dem man qualitätvolle Literatur entgegensetzen wollte. Neben der Auswahl von Schriften namhafter und beliebter SchriftstellerInnen wie Olga Meyer, Traugott Vogel, Fritz Wartenweiler oder Johanna Spyri galt es, das Lesepublikum durch eine auffallende, aber geschmackvolle und künstlerisch anspruchsvolle Gestaltung zu gewinnen.

Heft Nr. 1

Abb. 2: Gregor Rabinovitch, Der Klub der Spürnasen, 1932

Das Titelbild als Kaufhilfe und Eingangstor zum Leseerlebnis gleichermassen spielte eine wichtige Rolle, wie es am ersten SJW-Heft Der Klub der Spürnasen von Fritz Aebli abzulesen ist: Gekonnt setzte der Grafiker Gregor Rabinovitch im Titelbild (Abb. 2) Elemente just aus der Gestaltung der verfemten Schundhefte (und auch von Filmplakaten) ein und wandelte sie für das Rätselheft ab: Der unheimliche Schatten hinter dem Jungen im Zentrum, der gleichsam ein Eigenleben entwickelt, die plakative Farbigkeit sowie die grelle Beleuchtung der Gesichter von schräg unten, die eine mysteriöse, unwirkliche Stimmung erzeugt. Während im Heftinneren eher harmlose Rätsel und Denkaufgaben zu finden sind, hat Rabinovitch gerade mit dem ersten Heft mutig die künstlerische Brücke vom Schundheft zum anerkannten Lese- und Beschäftigungsheft geschlagen.

In den nächsten Jahrzehnten buchstabierten die Illustrationen der SJW-Hefte die Bildsprache verschiedener politischer und künstlerischer Strömungen durch. Als Zeitdokumente illustrieren sie in Verbindung mit den ausgesuchten Texten den Zeitenwandel von der Geistigen Landesverteidigung über die Nachkriegszeit bis ins 21. Jahrhundert.

Künstlerische Entwicklungen und der Zeitgeist

Abb. 3: Donald Brun, Pack den Rucksack, 1945

Abb. 4: Donald Brun, L’enfant des flots, 1978

Individuelle Werdegänge Schweizer KünstlerInnen lassen sich ebenso an ihren Illustrationen nachverfolgen wie die zeithistorischen Hintergründe. So hat der Basler Grafiker und Plakatkünstler Donald Brun zwischen 1945 und 1980 elf SJW-Hefte gestaltet. An dieser Zeitspanne lässt sich einerseits die Weiterentwicklung des Künstlers ablesen, anderseits aber auch die Veränderung des Zeitstils: Das Titelbild der Geschichte Pack den Rucksack von Otto Binder 1945 ist noch ganz der figürlich-realistischen Darstellungsweise der 1940er Jahre verhaftet: Ein Junge mit Wanderausrüstung schreitet fröhlich aus einer miniaturhaften, mit Hochhäusern, Baukränen und Fabrikschloten als Stadt markierten Gegend einer unverbauten, alpinen Landschaft entgegen, an deren Ende das schneebedeckte Matterhorn vom strahlenden Morgenrot der aufgehenden Sonne hinterfangen wird. Der Aufbruchsgeist der Nachkriegszeit wird hier in einer klaren, eingängigen Bildsprache gefasst. Hingegen erschliesst sich der Inhalt von Bruns Titelgestaltung von L’enfant des flots von 1978 nicht sofort: Eine grünlich-bläulich schimmernde Unterwasserszene, ein Mädchengesicht, das, umschwommen von kleinen bunten Meerestieren, gleichsam aus einer Koralle herauszuwachsen scheint, mutet schon beinahe psychedelisch an und ist klar ein ästhetisches Kind der 1970er. Als Collage aus Seidenpapier, Aquarellzeichnung und einer vermutlich als Abklatsch aufgebrachten Farbstruktur wird der geheimnisvolle Inhalt auch im Bild diffus und schleierhaft.

Für weitere Auflagen erfolgreicher Hefte wurden gerne neue Illustrationen in Auftrag gegeben, um den Kauf attraktiv zu machen – somit gibt es von manchen Themen ganz unterschiedliche künstlerische Interpretationen. Im SJW-Archiv werden auch verschiedene, verworfene oder abgeänderte Entwürfe einzelner KünstlerInnen bewahrt und somit ein Einblick in künstlerisch-verlegerische Entwicklungsprozesse der Hefte vermittelt.

Das SJW als Standbein und Sprungbrett für Illustratorinnen

Abb. 5: Regina de Vries, Allerlei Handwerker, 1950

Während manche Künstlerinnen wie Martha Pfannenschmid, Regina de Vries (Abb. 5) oder Helen Kasser über mehrere Jahre hinweg für das SJW illustrierten, blieben andere wie Lill Tschudi, Klara Fehrlin oder Johanna Fülscher bei einem einmaligen Gastspiel als Illustratorinnen. Aufträge wurden auch an eher unbekannte Zeichnerinnen wie Trudi Haas vergeben, die 1939 eine ganze Serie von Geschichten Johanna Spyris illustrierte. Sita Jucker hat über drei Jahrzehnte hinweg 26 Hefte gestaltet und gehört damit zu den aktivsten SJW-Illustratorinnen. Das SJW bildete für die einen ein dauerhaftes Standbein, für andere hingegen eine Zwischenstation auf ihrem künstlerischen Werdegang. Die später als Experimentalfilmerin bekannt gewordene Isa Hesse-Rabinovitch hat ebenfalls einige Hefte gestaltet. Während sie für ihre Gestaltungen der 1950er- und 1960er-Jahre Zeichentechniken wie Neocolor und Tusche eingesetzt hatte, verwendete sie für die Reisereportage Ceylon, die paradiesische Insel von 1970 ausschliesslich Fotografien (Abb. 6).

Abb. 6: Isa Hesse-Rabinovitch, Ceylon, die paradiesische Insel, 1970

Vom Gestern ins Morgen

2022 wird das SJW-Heft 90 Jahre alt. Nach wie vor erscheinen die sorgfältig und ansprechend gestalteten Lesehefte. Illustrationen von Anete Melece, Kathrin Schärer oder das Illustratorinnen-Duo It's Raining Elephants tragen zum heutigen Erscheinungsbild der Hefte bei. 2007 fand im Lesesaal der ZB eine Ausstellung über Geschichte und Bedeutung des SJW statt und auch die Forschung hat sich bereits dem SJW und seinen Themen gewidmet.

Die seit 1932 verwendeten Originale für Umschläge und Innenillustrationen werden seit 1990 im SJW-Archiv in der Graphischen Sammlung der Zentralbibliothek Zürich bewahrt. Über 140 Schachteln enthalten die Entwürfe und Vorlagen sowie die gedruckten Hefte, seit einigen Jahren auch die digitalen Vorlagen. Eine Auswahl der Originalvorlagen wurde digitalisiert und bildet einen Querschnitt durch die Jahrzehnte, der in swisscovery abrufbar ist. Darüber hinaus ist eine Übersicht der Hefte von Nr. 1 bis 2300 mit Hinweisen auf die vorhandenen Originale in zbcollections verfügbar.

Links & Literatur

«Schweizerisches Jugendschriftenwerk (SJW)», in: Schweizerische Lehrerinnenzeitung, 1933. (S. 179-180)

«Kampf der Schundliteratur – 20 Jahre SJW», in: Schweizerische Lehrerinnenzeitung, 1951. (S. 216-218)

«25 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk», in: Schweizerische Lehrerinnenzeitung, 1956. (S. 84)

Fritz Brunner, 50 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk, Zürich: Schweizerisches Jugendschriftenwerk, 1981.

Charles Linsmayer, «Ein geistiges Rütli für die Schweizer Jugend.» 75 Jahre SJW Schweizerisches Jugendschriftenwerk / «Un Grutli spirituel pour la Jeunesse Suisse». 75 an OSL Oeuvre Suisse des Lectures pour la Jeunesse, Zürich: Schweizerisches Jugendschriftenwerk, 2007.

Fritz Franz Vogel, SJW-Heftli. Ein gutes Stück Schweizer Illustrationsgeschichte, Wädenswil: Verlag im Pfeil im Auge, 2008.

Pirmin Meier, «Eine unheroische Zeit: Der Erste Weltkrieg in Heften des Schweizer Jugendschriftenwerks (SJW)». In: Der vergessene Krieg. Spuren und Traditionen zur Schweiz im Ersten Weltkrieg, hrsg. von K. J. Kuhn und B. Ziegler, Baden: Hier + Jetzt, 2014.


Kunsthistorikerin

Die Inkunabelsammlung der Zentralbibliothek Zürich und ihre digitale Transformation

Die Erfindung des Buchdrucks um das Jahr 1450 stellt ein bedeutendes Ereignis in der Menschheitsgeschichte dar. Die Produkte der frühen Druckkunst heissen Inkunabeln. Eine internationale Kooperation von wissenschaftlichen Bibliotheken setzt modernste Technologie für die Zusammenführung dieser Bücher ein und hat mit «Material Evidence in Incunabula» (MEI) eine Datenbank geschaffen, die für den Umgang und das Hosting von Forschungsdaten Modellcharakter beanspruchen kann. Die Zentralbibliothek Zürich, die rund 1600 Inkunabeln besitzt, hat an diesem Projekt des Consortiums of European Research Libraries (CERL) aktiv mitgearbeitet. Dank MEI können die Ausbreitung, die Überlieferung und die Benutzung der Texte durch ihre Besitzer und in den jeweiligen Institutionen nachverfolgt sowie heute verstreute Sammlungen rekonstruiert werden.

Nicolaus de Lyra, Postilla super totam Bibliam, [Strassburg ca. 1477]. Beginn des zweiten Teils, Zierinitiale, Halbbordüre aus farbigem, von Tieren belebtem Akanthus, Süddeutschland Ende 15. Jh

Die Inkunabelsammlung der Zentralbibliothek Zürich

Die Inkunabelsammlung der Zentralbibliothek Zürich zeichnet sich durch lokale Überlieferung aus. Ein Teil stammt aus Zürcher Klöstern, die 1525 im Zug der Reformation aufgelöst wurden. Aus einigen Einrichtungen wie dem Barfüsserkloster sind nur wenige Bände in Zürich überliefert, etwa der Bibelkommentar von Nicolaus de Lyra, geschenkt vom Konstanzer Weihbischof Daniel Zehender. Anders verhält es sich mit dem Grossmünsterstift, das als einzige kirchliche Einrichtung die Reformation überlebt hat. Beinahe hundert Titel stammen aus der vorreformatorischen Stiftsbibliothek.

Odofredus, Lectura super Codice Iustiniani, Lyon 1480Beginn des ersten Teils, historisierende Initiale mit Autorenporträt, Frankreich ca. 1480. Johannes Mantz erwarb das juristische Werk während seiner Studien in Frankreich, liess es später in Zürich binden und vermachte es 1518 testamentarisch dem Grossmünster.

Der Hebraist Konrad Pellikan (1478-1556) baute ab 1532 die Bibliothek neu auf. In die neue Stiftsbibliothek gelangten unter anderem die Bücher aus dem Vorbesitz des Reformators Huldrych Zwingli (1484-1531) und 87 Inkunabeln aus dem aufgelösten Augustiner-Chorherrenstift St. Martin. Insgesamt stammen nachweislich 382 Inkunabeln aus der reformierten Stiftsbibliothek am Grossmünster.

1)  2) 

1) Lexicon graecum, Mailand 1499, Titelseite mit handschriftlichen Besitzvermerken von Huldrych Zwingli und des Grossmünsterstifts Zürich. Digitalisat online via e-rara.                                                                                                       

2) Augustinus, Explanatio psalmorum, [Niederlande ca. 1486/87]. Textbeginn des dritten Teils, Zierinitiale mit auslaufender Akanthusranke, aus dem Kloster St. Martin. 

Die 1629 gegründete Stadtbibliothek Zürich besass vor ihrer Auflösung 800 Inkunabeln.

Die 1629 gegründete Stadtbibliothek Zürich besass vor ihrer Auflösung 800 Inkunabeln. Die älteren Provenienzen sind dank Besitzvermerken in den Bänden und dank des handschriftlichen Donatorenbuchs oft gut dokumentiert. Zum Beispiel lässt sich die Herkunft einer 1477 in Augsburg gedruckten deutschen Bibel genau zurückverfolgen: der Druck muss noch im Erscheinungsjahr in Augsburg von einem namentlich bekannten Buchbinder gebunden und durch den in Zürich wohnhaften Chronisten Gerold Edlibach (154-1530) gekauft worden sein, anschliessend versah der Käufer die Bibel mit eigenen Illustrationen, bevor sie ein Nachfahre Edlibachs 1634 zusammen mit anderen Büchern der Stadtbibliothek schenkte.

 

Deutsche Bibel, Augsburg 1477. Genesis 19: Untergang Sodoms und Gomorrhas, aquarellierte Randfederzeichnung.

Bei anderen Inkunabeln ist die Herkunft dagegen weniger gewiss und das Eingangsdatum in die Stadtbibliothek nur mit einem terminus ante quem anzugeben wie bei Malermis italienischer Bibel, die 1471 in Venedig im Druck erschienen ist. Ein Mitglied der venezianischen Patrizierfamilie Priuli muss sie erworben und den künstlerisch hochstehenden Buchschmuck in Auftrag gegeben haben. Spätestens im Jahr 1760 befand sich die prächtige Bibel in die Stadtbibliothek Zürich.

Italienische Bibel, Venedig 1471. Textbeginn der Genesis und des Samuelbuchs, Malereien des Pico-Meisters.

312 weitere Inkunabeln der Zentralbibliothek Zürich, darunter sechs Unikate, stammen ursprünglich aus der 1862 säkularisierten Benediktinerabtei Rheinau. Über den Zuwachs des Rheinauer Bestandes im Lauf der Jahrhunderte ist indessen nur wenig bekannt. Immerhin wurden bei der Erwerbung mancher Bände das Exlibris des amtierenden Abtes in den Buchspiegel geklebt, oder es wurde mit einer Notiz auf den Büchertausch mit einer anderen kirchlichen Einrichtung hingewiesen.

 Breviarium Benedictinum, [Nürnberg] 1493. Beginn des Psalters, historisierende Silbergrundinitiale (König David), mit Blumen besetzte Rankenwerkbordüre, und Beginn des Winterteils, Zierinitiale mit Rankenwerkbordüre, Süddeutschland um 1500. Digitalisat online via e-rara.

Aus dem Bestandskatalog wurde eine Datenbank

Mit der Eröffnung im Jahr 1917 vereinigte die Zentralbibliothek Zürich die Inkunabelsammlungen der Vorgängerinstitutionen. Bis zum Beginn des 21. Jahrhundert war es ziemlich umständlich, einen Eindruck dieses interessanten Buchbestandes zu bekommen oder eine spezifische Frage hierzu zu klären, weil eine genaue Recherche stets mit einem Besuch vor Ort verbunden war. Wesentlich einfacher wurde es, als vor 15 Jahren alle Inkunabeln in der eigenen Katalogdatenbank erschlossen wurden. Seither kann über das Internet nach Autoren, Titeln oder Provenienzen gesucht werden. Zudem steht dem Benutzer seit 2009 ein gedruckter Katalog mit exemplarspezifischen Beschreibungen zur Verfügung. 2019 wurde entschieden, die vorhandenen Daten in die Datenbank MEI zu exportieren. Die Vorteile von MEI sind zum einen eine höhere Sichtbarkeit des eigenen Inkunabelbestandes, zum anderen ermöglichen die strukturierten exemplarspezifischen Beschreibungen neue oder vertiefte Erkenntnisse zur Buchgeschichte. Zu diesem Zweck wurden die exportierten Daten sorgfältig nachbearbeitet, indem alle Einträge zeitlich und geographisch markiert, unklare Beschreibungen präzisiert und die Normeinträge korrigiert oder neu erstellt wurden. Nutzbringend ist auch die Verlinkung auf 251 Digitialisate und auf externe Quellen via e-rara und e-manuscripta. Ende 2021 konnte die Bearbeitung der ZB-Daten in MEI abgeschlossen werden. Aus einem Bestandskatalog wurde so eine Datenbank, die offen und mit anderen Daten vernetzt ist, was der Forschung neue Möglichkeiten bietet.


MEI, Öffnung und Vernetzung der Daten hinsichtlich der Inkunabelsammlung der Zentralbibliothek Zürich


Stv. Leiter Abt. Alte Drucke und Rara  


  


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