ZBlog
Dem Zürcher Nachtschreiber mit KI auf der Spur
24. November 2025
Johann Konrad Ulrich stellt seine Lampe auf den Tresen. «Ah, der Brix ist auch wieder da!» Nacht für Nacht dreht Ulrich seine Runde durch die neun Gaststätten der Stadt und rapportiert sämtliche Übernachtungsgäste an den Rat der Stadt Zürich. Bereits seit dem Dreissigjährigen Krieg gibt es in Zürich das Amt des Nachtschreibers, der allabendlich die Namen der Hotelgäste erfragt. Als Knopfmacher Johann Konrad Ulrich das Amt des Nachtschreibers 1780 übernahm, führte er eine technologische Neuerung ein. Auf eigene Initiative begann er, die bis dato handschriftlich erfassten Gästelisten auf einer Handpresse zu drucken. Rund 10'000 solcher Einblattdrucke wurden überliefert. Sie kamen aus den Beständen der Stadtbibliothek in die ZB und tragen noch heute die sprechende Signatur «Laubenkästenraritäten». Bis heute wurden die Blätter von elf Jahrgängen aus dem Zeitraum 1780 bis 1792 digitalisiert.
Liest man diese Nachtzedel, so fallen gewisse Personen auf, die Zürich regelmässig aufsuchten. Der eingangs erwähnte Glashändler Brix aus Böhmen zum Beispiel, der über Jahre hinweg immer wieder in der Stadt logierte. Man wird vielleicht auch auf ein paar wohlbekannte Namen wie Goethe oder Hölderlin stossen. Das Bild, das sich aus der Lektüre einzelner Zettel ergibt, wird aber beim Episodischen bleiben. Um sich ein umfassenderes Bild der damaligen Situation zu verschaffen und die grösseren Zusammenhänge, wie zum Beispiel welche Berufsgruppen die Stadt besonders oft aufsuchten und woher die Besucher kamen, zu erkennen, muss das gesamte Korpus ausgewertet und analysiert werden. Erst dann wird der Schatz an sozialen und ökonomischen Daten, den die Nachtzedel bergen, ersichtlich und erforschbar. Dieser Aufgabe widmete sich das ZB-Lab, das Innovationslabor der Zentralbibliothek.

In einem Experiment wollte das ZB-Lab herausfinden, ob grosse Sprachmodelle in der Lage sind, historische Dokumente wie die Nachtzedel zuverlässig zu transkribieren und die darin enthaltenen Informationen automatisch in vorgegebenen Kategorien, wie Name, Beruf und Herkunftsort zu klassifizieren. Das maschinell erstellte Resultat sollte eine Genauigkeit von 95% aufweisen.
«Die Nachtzedel weisen eine ganze Reihe von Herausforderungen auf, die mit herkömmlichen Methoden der Informationsextraktion schwierig zu bewältigen sind,» sagt die Computerlinguistin Sarah Kiener, die im ZB-Lab als Machine Learning Engineer arbeitet. Die Herausforderungen liegen insbesondere in der grossen Varianz, die die Listen aufweisen und die das Erkennen der Struktur und der Zuordnung in Tabellenspalten wie Name, Beruf, Herkunft und Gruppengrösse erschwert. Die Notation des Nachtschreibers folgt keinem stabilen Muster. Die Reihenfolge, in der die Informationen präsentiert werden, variiert je nach Lust und Laune. Ausserdem ist der Datensatz mehrsprachig. Viele Berufsbezeichnungen und Orte werden in Französisch oder Italienisch wiedergegeben. So finden wir «Mylan» für Mailand oder «Maître de danse». Zudem sind die Zuordnungen zu den Kategorien nicht immer eindeutig. Selbst für die Expert*innen vom ZB-Lab ist es nicht einfach zu entscheiden, wie sie mit «Doktor Frey aus Basel» umgehen sollen. Schreiben wir «Doktor» in die Spalte Anrede oder Beruf? Mit ihrem allgemeinen «Weltwissen» haben grosse Sprachmodelle das Potential, mit all diesen vielschichtigen Herausforderungen umgehen zu können und in der Vielfalt ein Muster zu erkennen.
Das Experiment des ZB-Labs zeigte, dass grosse Sprachmodelle tatsächlich viele der genannten Herausforderungen erfolgreich meistern. Die grosse Mehrheit der Informationen wird korrekt in das vorgegebene Tabellenschema eingefüllt. Trotzdem schlichen sich auch einige Fehler ein. So fiel es der KI nicht einfach, Reisegruppen mit mehreren Personen als zusammengehörig zu erkennen und in einem Tabelleneintrag zusammenzufassen. Auch die Mehrsprachigkeit der Daten verursachte gelegentlich Probleme. Obschon die grossen Sprachmodelle mit Mehrsprachigkeit umgehen können, treten hin und wieder phonetisch anmutende Fehlinterpretationen auf. So wurde «Gênes» nicht mit Genua, sondern mit Genf übersetzt. Ähnlich wurde der Kanton Schwyz als Schweiz interpretiert. «Hier muss man genau auf den Output des Modells schauen. Wir mussten viele solche Probleme erkennen und den Prompt immer wieder erweitern und anpassen», sagt Sarah Kiener vom ZB-Lab. Dennoch gelang es dem Modell nicht immer, sich konsequent an die definierten Regeln zu halten. Als besonders schwierig erwies sich der Umgang mit dem historischen langen S «ſ». Gerade in Doppel-S Konstellationen wich das Modell von den klaren Instruktionen ab. So wurde der Name «Caſſati» immer wieder als Caflati transkribiert, weil das lange s dem f und l sehr ähnlich sieht.
Für das Team des ZB-Lab war es ein langer Weg, bis es mit dem Output zufrieden war. Anhand eines manuell erstellten Goldstandards, eine Auswahl manuell transkribierter und damit fehlerfreier Nachtzedel, die als Referenzgrösse für die Qualitätsmessung dienen, hat das ZB-Lab immer wieder gemessen, wie gut die Resultate sind. Die Anweisungen im Prompt wurden unermüdlich optimiert. Schliesslich merzte das ZB-Lab eine Reihe von Fehlern mit einer regelbasierten Nachbearbeitung aus. Mit einer durchschnittlichen Zeichengenauigkeit von 97.33% wurde ein qualitativ hochwertiger Datensatz geschaffen, der sich für verschiedene historische Auswertungen eignet. «In Anbetracht der verschiedenen Schwierigkeiten, die die Nachtzedel bieten, ist dies ein sehr zufriedenstellendes Ergebnis. Damit haben wir unsere Zielvorgabe von einer Zeichengenauigkeit von 95% sogar übertroffen,» zieht Anja Weng, Leiterin des ZB-Lab, Bilanz.
Die erarbeitete Methode wollte das ZB-Lab mit anderen teilen, die ebenfalls historische Quellen mit grossen Sprachmodellen bearbeiten. Deshalb veranstaltete das Lab Anfang September eine zwei-tägige Summer School zum Thema Datenextraktion mit grossen Sprachmodellen. Nebst theoretischem Input gab es auch reichlich Gelegenheit, das Gelernte praktisch anzuwenden. Die Teilnehmer*innen durften auch ihre eigenen Datensets mitbringen und bearbeiten. Während der erste Tag der iterativen Promptentwicklung galt, konzentrierte sich der zweite Tag ausschliesslich auf die Qualitätsanalyse des erzeugten Outputs und die maschinelle wie auch manuelle Nachbereitung der Daten. «Der kritische Blick auf die Daten lag uns dabei sehr am Herzen,» betont Sarah Kiener.
Das Zurich AI Festival bot eine weitere Gelegenheit, der breiteren Öffentlichkeit die spezielle Geschichte der Nachtzedel vorzustellen. Am Stand des ZB-Labs konnten die Besucher*innen die aus den Nachtzedel extrahierten Daten auf zwei Monitoren und auf einer Stellwand explorieren. Ein Dashboard mit Statistiken und Visualisierungen gibt einen ersten Einblick in die einzigartige Datenquelle. So überliefern die Nachtzedel beispielsweise, welche Berufsgruppen wann und wie oft die Stadt aufsuchten oder wie viele Frauen alleine nach Zürich reisten. Eine historische Europakarte zeigt auf, woher die Besuchenden kamen und mit welchen Orten die Stadt Zürich besonders eng vernetzt war. Bemerkenswerterweise spannt sich dieses Netzwerk nicht nur über ganz Europa, sondern reicht sogar bis nach Russland, Arabien und Nordamerika.
Derzeit arbeitet das ZB-Lab an der Fertigstellung und Dokumentation der Daten. Der maschinell erstellte Datensatz sowie die angewandte Methode werden für die Nachnutzung im Sinne von Open Science genau beschrieben, so dass für Forschende exakt nachvollziehbar ist, wie der Datensatz zustande kam, was er beinhaltet und was nicht. Dazu wird in der Dokumentation erläutert, wie die Daten aufbereitet und welche Entscheidungen dabei getroffen wurden. Immer wieder war das ZB-Lab auf historisches Wissen und Kontextinformation angewiesen und wurde während der gesamten Projektphase von Rainer Walter aus der Handschriftenabteilung begleitet. «Wir hoffen, dass unser strukturierter Datensatz nun rege von der Forschung genutzt wird, um die damaligen sozialen und ökonomischen Gegebenheiten zu analysieren und Veränderungen über die Zeit nachzuverfolgen,» erhofft sich Anja Weng, Leiterin des ZB-Labs. So erlaubt es das digital aufbereitete und durchsuchbare Nachtzedel-Korpus nun, dem eingangs erwähnten Glashändler Brix aus Böhmen auf die Spur zu kommen. Der Dauergast übernachtete in der analysierten Periode von 1780 bis 1792 jeweils über 200-mal pro Jahr in Zürich. Weshalb verbrachte der Glashändler aus dem fernen Böhmen den grössten Teil des Jahres in der Stadt Zürich? Hatte er hier eine Filiale für böhmisches Glas? Oder hatte er eine Geliebte in der Stadt? Oder beides? Und warum verliess er jeweils ausgerechnet im Juni und September die Stadt, genau dann, wenn Hunderte von Krämern nach Zürich strömten? Solche und viele weitere Zusammenhänge werden durch die digitale Aufbereitung und Analyse der Nachtzedel nun ersichtlich und warten darauf, erforscht zu werden.
Die Nachtzedel auf e-manuscripta: https://www.e-manuscripta.ch/search/quick?query=Nachtzedel
Die Nachtzedel Daten im Dashboard explorieren: https://ausstellungen.zb.uzh.ch/nachtzedel/
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ZB-Lab |
Einzigartige Landkarten
Die ZB besitzt gelehrtes, geheimes und glanzvolles Kartenmaterial – es sind handschriftliche Dokumente, die in einem Citizen Science-Projekt georeferenziert werden
6. Oktober 2025
Für die meisten Karten gab es früher eine handschriftliche Version – die ZB besitzt rund 1200 davon. Viele solche Manuskriptkarten sind uns als Entwurf für eine Publikation oder als Druckvorlage überliefert. Manchmal waren die Autoren bedeutende Gelehrte, die einen Meilenstein der Kartographiegeschichte setzten. Bei anderen Karten blieb es beim Manuskript, weil ein Druck beziehungsweise eine Publikation ein militärisches Geheimnis verletzt hätte. Für die dritte Gruppe von Manuskriptkarten stand ein Druckverfahren aus technologiehistorischen Gründen nicht zur Option: Es war im Mittelalter noch zu früh dafür.
Scheuchzer der Frühaufklärer
Eines der wissenschaftsgeschichtlich bedeutendsten Dokumente der Kartensammlung ist die Schweizer Karte des Zürcher Universalgelehrten und Frühaufklärers Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733). Scheuchzer reiste im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts durch die Schweiz und die Alpen – mit einem wissenschaftlichen Eifer wie kaum einer vor ihm. Derweil publizierte er seine Befunde, angereichert mit viel Kartenmaterial, in seinen Itinera per Helvetiae alpinas regiones facta. Darunter befindet sich eine Gewässerkarte zum Gotthardquellgebiet. Die dem Druck zugrunde liegende Manuskriptkarte ist noch erhalten.
Diese auf den ersten Blick unscheinbare Darstellung von Rhein, Rhone, Tessin und Reuss bezeugt Scheuchzers Vorreiterrolle in der Frühaufklärung: Zu sehen ist nicht nur eine der ersten hydrologischen Karten, sondern links unten davon auch das erste wissenschaftliche Höhenprofil der Alpen mit einem lotrechten Schnitt durch den Gotthardpass. Es ist an der höchsten Stelle mit „Summa Alpes“ bezeichnet, was auf die irrtümliche Annahme hinweist, es handle sich um die höchste Erhebung in den Alpen. Das Profil verfügt mit der „Hora Helvetica“ nicht nur über einen Distanzmassstab, sondern mit den „Pedes Tigurini“ auch über einen (überhöhten) Höhenmassstab – woraus wir zweierlei schliessen: Scheuchzer hat nicht nur seine topographische Aufnahme in aufklärerischer Manier mit Schritten und Kompass vermessen, sondern sich auch verschiedene Höhen notiert. Möglich machte ihm dies das Barometer, das durch ihn in der Schweiz erstmals Verwendung fand.
Um 1710 wurde die kartographische Materiallage zu Scheuchzers Befunden aus seinen alpinen Exkursionen unübersichtlich. Er wollte eine Gesamtschau der absolvierten Routen und Entdeckungen auf einer Schweizer Übersichtskarte. Darauf sollte die mittlerweile internationale Leserschaft der Itinera die verschiedenen Reisen und Berichte verorten und nachvollziehen können. Die bis anhin zirkulierenden Schweiz-Karten waren eher klein und konnten deshalb die hohe Informationsdichte aus den Itinera nicht aufnehmen – also schuf Scheuchzer eine neue in deutlich grösserem Massstab.
Dazu nahm er die 1657 in Kupfer gestochene Karte von Hans Conrad Gyger (1599-1674) – mit grosser Wahrscheinlichkeit das Exemplar der damaligen Stadtbibliothek Zürich – und vergrösserte sie auf mehr als das doppelte. So fanden viele neue Ortsnamen, partielle Korrekturen und topographische Ergänzungen Platz. Ausserdem findet sich in dieser „Scheuchzerkarte“ die erste Höhenkote. Weil sich Scheuchzer über die Ungenauigkeiten seiner barometrischen Messungen im Klaren war, beliess er es bei einem Beispiel; dem „Stellamons“. Es handelt sich um das Steilerhorn (2.980 m ü. M.) bei Splügen, das hier einen Messwert von umgerechnet fast 4.000 Metern aufweist.
Die idyllischen Randillustrationen von Johann Melchior Füssli (1677-1736) zeigen weidende Kühe, einen Senn, eine Käserei, Gletscher und ein Alphorn. Das sind Klischees, die sich mit dem Druck der Karte ab 1713 (trotz Impressum „1712”) in Europa verbreiteten und noch Friedrich Schiller (1759-1805) im fernen Weimar zu seinem Drama „Wilhelm Tell” inspirierten. Diese langfristige Wirkung im Ausland zeigt, wie Scheuchzers Karte das landeskundliche Bild der Schweiz praktisch das ganze 18. Jahrhundert hindurch international prägte.
Geheime Kartenproduktion
Verzögert wurde der Druck der Schweiz-Karte wegen Scheuchzers Teilnahme am Zweiten Villmergerkrieg (1712) und der aus diesem Konflikt resultierenden territorialen und machtpolitischen Verschiebungen, die kartographisch nachgetragen werden mussten. Gleichwohl zeichnete der Gelehrte während des Feldzugs andere Karten, die zum Teil sensible militärische Informationen enthielten, geheim gehalten wurden und deshalb Manuskripte blieben. Ein Beispiel dafür ist der Situationsplan zum „Lager bei Mettmenstetten“.
Einer strikten Geheimhaltung unterstanden auch viele Karten des bereits genannten Hans Conrad Gyger. Dank seiner Ausbildung als Glasmaler hatte er ein besonderes künstlerisches Flair. Zugleich verstand er sich in der Vermessungstechnik, und er verfügte über ein ausgezeichnetes räumliches Vorstellungsvermögen - alles Eigenschaften, die es für ein kartographisches Jahrhundert-Genie braucht. Im Auftrag der Zürcher Regierung stellte er 1667 nach 38-jähriger Arbeit eine Reliefkarte vom Zürcher Gebiet fertig. Sie gilt als früheste Meisterleistung der plastischen Geländedarstellung und war die bis dato genaueste und grösste Karte zum Hoheitsgebiet der alten Stadtrepublik. Das Dokument war sofort Verschlusssache und wurde erst nach 20 Jahren als stark verkleinerter Druck publiziert. Auf derselben kartographischen Grundlage entstanden geheime Karten zu den Einzugsgebieten im Mobilmachungsfall, den so genannten “Militärquartieren”. Brauchte das Zürcher Militärwesen Gebrauchskopien, so wurden Nachzeichnungen angefertigt.
Während des Dreissigjährigen Kriegs (1618-1648) war der inner-eidgenössische Friede einer Belastungsprobe ausgesetzt. Nicht auszudenken der Aufschrei in der katholischen Innerschweiz, wenn bekannt geworden wäre, dass Hans Conrad Gyger 1633 mit dem Segen der Zürcher Obrigkeit eine Spezial-Karte erstellte; für den Feldzug des schwedischen Generals Gustav Horn (1592–1657) entlang des südlichen Bodenseeufers, also im gemeinsam verwalteten Thurgau (wo die Schweden dann auch verschiedene Schlösser plünderten). Die Karte selbst schweigt sich aus gutem Grund über die Urheberschaft aus. Das Dokument kehrte erst vor wenigen Jahrzehnten aus schwedischem Besitz wieder nach Zürich zurück.
Im 18. Jahrhundert lag die Verantwortung über die Landesverteidigung noch bei den einzelnen eidgenössischen Ständen. Ein Dutzend Zürcher Offiziere der Mathematisch-Militärischen Gesellschaft vermass zwischen 1787 und 1792 in jährlichen Exkursionen einzelne Grenzabschnitte – denn diese galt es im Kriegsfall zu verteidigen. Aus dieser Initiative ist bis 1795 ein handschriftlicher Grenzatlas entstanden, der die Topographie in diesen Gebieten in noch nie dagewesener Auflösung spiegelte. Die ökonomische Versuchung, diese Karten zu veröffentlichen, muss gross gewesen sein. Aber man hätte ein militärisches Geheimnis verletzt.
Mittelalterlicher Glanz
Aus dem Mittelalter ist nur wenig Kartenmaterial erhalten geblieben. Von den wenigen kartographischen Zeugen dieser Zeit gibt es eine weltweit sehr übersichtliche Anzahl an Prunkobjekten. Eines davon ist der Portolan von 1321, der zu den kostbarsten und frühesten Seeatlanten gehört. Noch nicht genug der Superlative: Er ist wohl auch der einzige nautische Atlas aus der Epoche, zu dem noch das originale Lederfutteral erhalten geblieben ist. Perrinus Vesconte konzipierte in Venedig ein spezielles Fach in diesem Behältnis, das der Aufbewahrung eines Kompasses diente. Es ist der Schlüssel für diese um 1300 neu entstandene Kartengattung: Die Navigatoren konnten dank der neuen Orientierungsmöglichkeit einen Schiffskurs übers Meer bestimmen und waren nicht mehr darauf angewiesen, den Küsten entlang zu segeln. Im Portolan spiegelt sich diese neue Technologie in den linienförmigen Kompassrichtungen, den so genannten Rumbenlinien, die die einzelnen Kartenblätter wie kunstvolle Spinnennetze überziehen.
Verortung der Karten durch Citizen Scientists
Rund 1150 urheberrechtsfreie Manuskriptkarten der Zentralbibliothek Zürich sind digitalisiert und werden derzeit von der Öffentlichkeit geographisch verortet, um so den Zugang für die weitere Forschung zu erleichtern. Dazu werden die einzelnen Dokumente mit einer aktuellen Referenzkarte verglichen und mittels übereinstimmender Punkte verortet. Die historischen Dokumente werden so via das Portal OldMapsOnline leichter auffindbar sowie besser les- und vergleichbar gemacht.
Die Georeferenzierungs-Kampagne ist Teil des strategischen Schwerpunkts Citizen Science der Zentralbibliothek Zürich.
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Abteilung Karten und Panoramen |
Briefe eines Generals
Das Familienarchiv Wille sichtbar machen
3. September 2025

Die Zentralbibliothek Zürich lädt dazu ein, an der Transkription von Briefen aus dem Familienarchiv Wille mitzuwirken und diese damit für die Öffentlichkeit sichtbarer zu machen.
Seit Anfang 2025 ist ein umfangreicher Archivbestand öffentlich zugänglich, der sich zuvor in Privatbesitz befand und der Anlass zu medialen Debatten bot: das Familienarchiv Wille. Die Familie Wille hat ihr sorgfältig geführtes Privatarchiv der Zentralbibliothek Zürich übergeben. Der Bestand wurde inzwischen erschlossen und ist weitgehend frei von Schutzfristen einsehbar.
General Ulrich Wille – eine umstrittene Figur
Das bürgerliche Geschlecht der Wille, ursprünglich Vuille genannt, stammt aus La Sagne im heutigen Kanton Neuenburg. Im 18. Jahrhundert siedelte ein Teil der Familie in das Heilige Römische Reich über. Zum wohl prominentesten Vertreter dieses Familienzweigs wurde Ulrich Wille (1848–1925), der im Ersten Weltkrieg der Schweizerischen Armee als General vorstand.
Ulrich Wille, am 5. April 1848 in Hamburg geboren, wuchs nach dem Umzug der Familie in die Schweiz auf dem Gut Mariafeld in Feldmeilen auf. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften schlug Wille die militärische Laufbahn ein. In der Armee war er unter anderem als Instruktionsoffizier für die Ausbildung von Soldaten zuständig. Willes beruflicher Aufstieg verlief zwar steil, jedoch nicht ohne Rückschläge: 1896 wurde er nach einem Konflikt um eine Beförderung eines Offiziers vom Bundesrat als Waffenchef der Kavallerie entlassen. Nach seiner Rehabilitierung im Jahr 1901 stieg Wille, unterstützt durch seine Befürworter, bis zum Korpskommandanten auf und wurde sogar Professor für Militärwissenschaften an der ETH Zürich.

Sowohl in seinen grundlegenden Schriften als auch in seinem militärischen Wirken orientierte sich Ulrich Wille am Vorbild der preussisch-deutschen Soldatenerziehung, die Drill und eine starke Offiziersautorität vorsah. Mit diesen Methoden wollte Wille eine kampffähige Milizarmee ausbilden. In seinem Staatsverständnis lag die zentrale Aufgabe des männlichen Bürgers im Wehrdienst. Während diese Haltung bei grossen Teilen des Bürgertums und des Offizierskorps Anklang fand, wurde sie vor allem von der politischen Vertretung der Arbeiterschaft sowie teilweise in der Westschweiz abgelehnt. Auch Willes Nähe zum Deutschen Reich wurde von vielen kritisiert.
Trotz der Widerstände aus dem Parlament setzte sich Ulrich Wille mit Unterstützung des Bundesrats gegen den Kandidaten Theophil Sprecher von Bernegg durch und wurde am 3. August 1914 zum General der Schweizerischen Armee ernannt. Theophil Sprecher, ebenfalls ein hochrangiger Offizier, zog sich im Verlauf der Wahl zurück – die Gründe dafür sind bis heute umstritten. Stattdessen nahm er das Amt des Generalstabschefs an Willes Seite an.


Ein Buch sorgt für Aufsehen
Eine Kontroverse um General Wille entfachte in den 1980er Jahren das Buch des Journalisten Niklaus Meienberg, Die Welt als Wille und Wahn. Gestützt auf Briefe Ulrich Willes an seine Frau Clara entwarf Meienberg das Porträt eines antidemokratischen, deutschfreundlichen und im Laufe seiner Amtszeit zunehmend senilen Generals. Das Buch, das nach seiner Erscheinung 1987 zum Bestseller wurde, löste eine intensive Debatte nicht nur über die Rolle des Generals im Ersten Weltkrieg, sondern auch über Archivpolitik und Methoden der Geschichtsschreibung aus. Meienberg hatte sich nämlich unerlaubt Zugang zu den Quellen verschafft und vermischte in seinem journalistischen Zugang Fakten mit fiktiven Elementen.
Viele Fragen um General Wille sind bis heute nicht abschliessend geklärt – etwa seine Rolle im Landesstreik 1918 oder die Hintergründe seiner Wahl zum General 1914. 2024 erschien zuletzt eine kurze Biografie von Rudolf Jaun zu General Wille, eine umfassende wissenschaftliche Biografie steht jedoch noch aus.
Ein weit verzweigtes Netzwerk
Doch das Familienarchiv Wille birgt nicht nur interessante Quellen zu General Wille: Es dokumentiert über mehrere Generationen hinweg das Beziehungsnetz einer einflussreichen Zürcher Familie mit internationalem Wirkungskreis. In Briefen, Fotoalben und persönlichen Dokumenten werden soziale, politische und wirtschaftliche Netzwerke sichtbar.


Die Eltern Ulrich Willes, der liberale Journalist François Wille (1811–1896) und die Schriftstellerin Eliza Wille, geb. Sloman (1809–1893), emigrierten nach dem Scheitern der liberalen Bewegung im deutschen Vormärz in die Schweiz. Dort pflegten sie Kontakte zu namhaften Persönlichkeiten des geistigen und kulturellen Lebens der Zeit. Frauen der Familie hatten einen wesentlichen Anteil daran, diesen intellektuellen Austausch zu fördern. So lud etwa Eliza Wille regelmässig prominente Gäste auf den Wohnsitz der Familie in Meilen ein. Im Archiv sind unter anderem Briefe von Richard und Cosima Wagner, Heinrich Heine, Gottfried Keller, Houston Stewart Chamberlain und König Wilhelm I. von Württemberg überliefert. Auch die nachfolgenden Generationen vernetzten sich innerhalb der Zürcher Eliten, etwa Ulrich und Clara Willes Tochter Renée, die den Seidenindustriellen Alfred Schwarzenbach heiratete und deren Tochter Annemarie Schwarzenbach als Schriftstellerin und Fotografin bekannt wurde.
Erschliessung und Digitalisierung des Familienarchivs
Zum Schutz und zur erleichterten Nutzung der teilweise fragilen Bestände digitalisiert die Zentralbibliothek Zürich derzeit ausgewählte Dokumente. Erste Digitalisate, beginnend mit den Briefen Ulrich Willes an Clara Wille, sind auf der Plattform e-manuscripta.ch verfügbar.
Um diese wichtigen historischen Quellen besser zugänglich zu machen, ist nun Ihre Mitarbeit gefragt:
Im Rahmen einer Citizen-Science-Kampagne können Interessierte ab dem 13.9.2025 bei der Transkription einer Auswahl von Briefen von Ulrich an Clara Wille mitwirken. Die 120 Briefe stammen aus dem Zeitraum vom 3. August 1914 bis zum 31. März 1915 – also den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Sie bieten Einblicke in die persönliche Sicht des Generals auf das Kriegsgeschehen und in die Beziehung der Eheleute.
Von den 120 Briefen werden durch die Transkriptionssoftware Transkribus Rohtranskriptionen erstellt. Wir laden Sie ein, die Rohtranskriptionen mit Hilfe des Transkriptionstools von e-manuscripta zu korrigieren und zu optimieren. Die Ergebnisse Ihrer Arbeit werden online auf der Plattform publiziert.
Die Kampagne ist Teil des strategischen Schwerpunkts Citizen Science der Zentralbibliothek Zürich.

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Handschriftenabteilung |
Die ZB – ein Ort, der funktioniert, weil viele mithelfen
6. August 2025
Ein Ort, den viele nutzen
Tag für Tag freuen wir uns über die vielen Menschen, die die Zentralbibliothek Zürich (ZB) besuchen. Dass sich so viele bei uns wohlfühlen und den Ort aktiv nutzen, ist für uns ein schönes Zeichen. Doch damit das möglich ist, passiert im Hintergrund mehr, als man auf den ersten Blick sieht.
Wenn der Tag beginnt, war schon jemand da
Wer früh am Morgen durch die Türen der ZB tritt, findet einen Ort vor, der sauber, aufgeräumt und bereit ist: für konzentriertes Arbeiten, für Begegnungen, fürs Lesen, Schreiben, Nachdenken. Was selbstverständlich wirkt, ist das Ergebnis vieler Handgriffe, die oft unsichtbar bleiben.
Noch bevor der erste Besucher eintritt, ist das Haus bereits in Bewegung: Reinigungs- und Serviceteams sorgen dafür, dass die ZB bereit ist. Stühle und Tische werden repariert oder ersetzt, illegale Graffitis entfernt, Flaschen, Dosen und Verpackungen sowie anderer Abfall eingesammelt, defekte Spender ausgetauscht. Die WC-Anlagen werden gereinigt – an stark frequentierten Tagen wie während der Prüfungszeit sogar mehrfach täglich. Auch tagsüber sind Mitarbeitende im Einsatz, um die Aufenthaltsqualität hochzuhalten. Vieles davon geschieht leise und im Hintergrund – aber mit grossem Einsatz.
Intensive Nutzung, tägliche Balance
Ein öffentlicher Ort wie die ZB lebt vom Miteinander. Gleichzeitig bringt die intensive Nutzung auch Herausforderungen mit sich. Immer wieder begegnen unsere Teams Situationen wie: Rauchen an nicht erlaubten Stellen, Snacks im Lesesaal, Telefonate oder Gespräche in ruhigen Bereichen, verschobene oder beschädigte Möbel, liegen gelassener Abfall, Besucher*innen, die sich nach der Schliessung noch im Haus aufhalten.
Mitarbeitende und der Sicherheitsdienst sind täglich mehrfach unterwegs, um auf solche Dinge aufmerksam zu machen. Nicht immer stösst das auf Verständnis. Der Übergang zwischen akzeptabel und störend ist oft schmal – und wird täglich neu ausgelotet. Dabei geht es nicht um Kontrolle, sondern darum, den Ort für alle nutzbar zu halten.
Eine gemeinsame Verantwortung
Die ZB ist ein Ort, der viel bietet – und von vielen genutzt wird. Je mehr Menschen ihn gleichzeitig aufsuchen, desto grösser wird der Aufwand, ihn im Gleichgewicht zu halten. Damit er funktioniert, braucht es nicht nur engagierte Mitarbeitende, sondern auch ein feines Gespür für den gemeinsamen Raum.
Hier kommen Menschen zusammen, die Unterschiedliches mitbringen: kulturelle Hintergründe, persönliche Gewohnheiten, verschiedene Interessen und Bedürfnisse. Das macht die ZB zu einem lebendigen Ort – und erfordert gleichzeitig ein Mindestmass an Rücksichtnahme. Denn wir möchten, dass sich alle in der Bibliothek wohl und willkommen fühlen. Dazu gehört auch ein respektvoller Umgang mit dem Ort und miteinander. Einige einfache Hinweise helfen, dass sich alle willkommen fühlen und der Betrieb für alle angenehm bleibt:
• Lernplätze nicht über längere Zeit reservieren
• Nur in den ausgewiesenen Bereichen essen
• Gespräche und Telefonate nur in den vorgesehenen Bereichen führen
• Grösseres oder viel Gepäck in den Schliessfächern verstauen
• Öffentliche Sitzmöbel so nutzen, dass sie auch für andere einladend bleiben
• Müll vermeiden und korrekt entsorgen
• Mit der Infrastruktur sorgsam umgehen
Was selbstverständlich klingt, ist oft Ausdruck gegenseitiger Rücksichtnahme – und trägt viel dazu bei, dass sich alle willkommen fühlen, unabhängig davon, warum sie bei uns sind oder wie lange sie bleiben.
Ein leiser Einsatz, der viel bewirkt
Vielleicht ist das genau die Kunst: Räume zu schaffen, die sich mühelos anfühlen, obwohl sie täglich sorgfältig gepflegt, instandgehalten und mit grossem Einsatz betreut werden.
Dass das gelingt, ist keine Selbstverständlichkeit – sondern eine stille Leistung vieler Hände im Hintergrund.
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Chefbibliothekarin Benutzung, Informationskompetenzvermittlung / Digitale Dienste / Entwicklung |
Verfolgt – vertrieben – vergessen! 500 Jahre Täufertum im Kanton Zürich.
Ein persönlicher Werkstattbericht
1. Juli 2025
Unter dem oben genannten Titel zeigte die Zentralbibliothek Zürich (ZB) vom 14. März bis 14. Juni 2025 eine Ausstellung in der Schatzkammer. Anlass war der 500. Geburtstag der ersten Erwachsenentaufe oder Glaubenstaufe in Zürich am 21. Januar 1525. Es mag auf den ersten Blick befremden, dass eine offizielle Institution wie die Zentralbibliothek Zürich eine Ausstellung zur Täufergeschichte anbietet, waren die Täufer doch unliebsame Gegner Zwinglis, vom Reformator Heinrich Bullinger als Sozialrevolutionäre verschrien und für viele nachfolgende Pfarrer unliebsame Querköpfe par excellence. Zürich war bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein fast ausschliesslich reformierter Kanton mit einer entsprechenden Vergangenheit, warum also diese Ausstellung über «Sektengeschichte»?

Beim 500. Geburtstag der ersten Erwachsenentaufe handelt es sich um ein weiteres Reformationsjubiläum wie schon 500 Jahre Heinrich Bullinger 2004, 500 Jahre Conrad Gessner 2016, 500 Jahre Reformation 2019 und 500 Jahre Rudolf Gwalther ebenfalls 2019. Bei allen genannten Geburtstagen brachte sich die ZB regelmässig und zum Teil sehr intensiv ein. So lag es auf der Hand, sich auch an den Veranstaltungen für dieses Jubiläum zu beteiligen, zumal verschiedene Institution aus dem In- und Ausland bereits mit Anfragen vorstellig geworden waren, was wir zu tun gedächten.
Ein weiterer Grund, sich in diesem Reigen von Aktivitäten zu beteiligen, stellten unsere Bestände dar. In Zürich entstanden beide Weltkirchen (Reformierte Kirche und weltweite mennonitische Gemeinden), und die Bestände der ZB spiegeln die Geschichte beider Bewegungen wider, wenn auch die täufergeschichtlichen Dokumente nicht so zahlreich sind wie die zur Geschichte der Reformierten Kirche. Trotzdem verfügen wir über Unikate zur Täufergeschichte, die in einschlägigen Kreisen weltweit bekannt sind, wie zum Beispiel das Autograph eines lateinischen Gedichts in Hexametern aus der Feder des Täuferführers Conrad Grebel (ca. 1500–1526) oder eine Taschenausgabe der «Rechenschaft des Glaubens» des hutterischen Täufers Peter Riedemann, von der nur ein Exemplar bekannt ist. Schliesslich ist die Sammlung an Liederbüchern mit dem Titel «Ausbund» zu nennen, die von einem ZB-Bibliothekar wohl in den 1960er/1970er Jahren angelegt worden ist. Dieses Gesangsbuch ist bis heute bei Amischen und Old Order-Mennoniten in den USA im Gebrauch. Das Gleiche gilt für die Zürcher Froschauer-Bibeln, die seit dem 16. Jahrhundert von den Schweizer Täufer gelesen und bis heute in Nordamerika nachgedruckt werden.
Die Froschauer-Bibel war der Grund, dass der Schreibende in Kontakt mit der Zürcher Täufergeschichte und den täuferischen Auswanderern in den USA kam. 1999 und 2001 bewilligte mir der damalige ZB-Direktor Hermann Köstler zwei zweiwöchige Forschungsreisen in die USA, damit ich ein Inventar der Froschauer-Bibeln erstellen konnte, die sich heute in den USA befinden, nicht zuletzt, weil sie von vielen Schweizer Täuferfamilien auf ihrer Flucht mitgenommen worden waren. Auf meiner Bibliothekstour durch die Oststaaten besuchte ich viele amische und mennonitische Sammler und wurde mit deren Geschichte und Literatur vertraut. Das eine oder andere schöne Stück gelangte infolgedessen während meiner mittlerweile 36-jährigen Amtszeit auch in die ZB. Das Täuferjubiläum war nun eine Möglichkeit, unsere täufergeschichtlichen Schätze einmal einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Darüber hinaus lag mir auch daran, auf die weitgehend unbekannte Geschichte der Zürcher und Schweizer Täufer aufmerksam zu machen und sie verständlich nachzuerzählen. Nur wenige Einwohner im Kanton wissen, warum die Täuferbewegung im Kielwasser von Zwinglis Reformation entstanden ist, dass sie um 1680 weitgehend zerschlagen war, und warum es heute so viele Schweizer Familiennamen in Pennsylvania, Ohio und Indiana gibt.
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Leiter Abteilung Alte Drucke und Rara |
Pride Month 2025 in der Zentralbibliothek Zürich
27. Mai 2025
Im Juni finden in Zürich traditionsgemäss das Zurich Pride Festival und zahlreiche Veranstaltungen zu queeren Themen statt. Das Festival selbst geht am 20. und 21. Juni über die Bühne. Dass dieser Monat weltweit als Pride Month begangen wird, geht auf die Stonewall-Aufstände von 1969 in New York zurück. Damals widersetzten sich queere Menschen erstmals öffentlich der anhaltenden Polizeigewalt, insbesondere in Schutzräumen von Schwulen, Lesben und trans Personen. Die Proteste rund um das «Stonewall Inn» gelten als Wendepunkt im Kampf für LGBTQ+-Rechte und führten zu einer globalen Bewegung, die bis heute für Gleichstellung, Anerkennung und Sichtbarkeit kämpft. Der Begriff «Pride» – Englisch für «Stolz» – steht dabei für Selbstannahme statt Scham und Verdrängung.
Dass auch die Zentralbibliothek Zürich im Juni Ausstellungen und Veranstaltungen durchführt, ist Ausdruck eines offenen Kulturverständnisses: Die Bibliothek bietet Wissen und Literatur für alle – dazu gehören selbstverständlich auch queere Perspektiven. LGBTQ+-Personen gehören zur vielfältigen Nutzer*innenschaft, genauso wie zum Team. Queere Fragen prägen Literatur, Film, Musik, Wissenschaft und Medien, und damit auch die Bestände der Zentralbibliothek Zürich. Was im Pride Month gezeigt wird, ist kein Sonderthema, sondern Teil des kontinuierlichen Angebots.

Queere Themen in Ausstellungen, Veranstaltungen und im Bestand
Im Lesesaal der Zentralbibliothek Zürich sind im Juni zwei Ausstellungen zu sehen, die unterschiedliche Facetten queerer Lebensrealitäten beleuchten. «Queer Kids», basierend auf dem gleichnamigen Buch von Christina Caprez mit Fotografien von Judith Schönenberger, porträtiert Jugendliche jenseits klassischer Geschlechternormen. Ihre Geschichten geben Einblick in das Ringen um Identität, Akzeptanz und Selbstverwirklichung. Parallel dazu zeigt «This is Zurich» analoge Fotografien von Vasil Shterev, die das queere Zürcher Nachtleben aus persönlicher Perspektive dokumentieren: roh, intim und selbstbestimmt. Beide Ausstellungen sind während der Öffnungszeiten im Lesesaal zugänglich.
Das Begleitprogramm vertieft die Auseinandersetzung mit queeren Themen. Am Dienstag, 10. Juni, leite ich gemeinsam mit Stefan Schmidlin, Dozent an der ZHdK und Vorstandsmitglied der IGDA Schweiz in der LGBTQ Special Interest Group, eine interaktive Veranstaltung zum Thema «LGBTQ+ in Games». Wir sprechen über queere Repräsentation in digitalen Spielen, kreative Freiräume und die Herausforderungen, mit denen queere Spielentwickler*innen konfrontiert sind. Am Freitag, 13. Juni, wird im Kino Stüssihof der Dokumentarfilm «Loving Highsmith» gezeigt, gefolgt von einem Gespräch mit Regisseurin Eva Vitija. Der Film beleuchtet die queere Seite der bekannten Autorin Patricia Highsmith. Den Abschluss bildet am Donnerstag, 19. Juni, ein Abend zur queeren Geschichte: Philipp Hofstetter und René Hornung stellen ihr Buch über Jakob Rudolf Forster vor, einen schwulen Aktivisten des 19. Jahrhunderts, der sich in seiner Autobiografie selbst als «Heiratsvermittler von Brunnadern» bezeichnete. Die Zentralbibliothek Zürich digitalisiert dieses seltene Werk und macht es über e-rara zugänglich.
Queere Themen sind in Literatur, Medien und Forschung längst angekommen und die Zentralbibliothek Zürich trägt dazu bei, dass sie sichtbar und zugänglich bleiben. Ihr Sammelauftrag umfasst nicht nur wissenschaftliche Literatur, sondern auch Romane, Kunstbücher, Autobiografien, Musiknoten, Nachlässe, audiovisuelle Medien und mehr. Im Juni zeigt die Bibliothek im Lesesaal exemplarisch Werke, die queere Themen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, für alle, die sich informieren, vertiefen oder wiedererkennen möchten.
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IK, Digitale Dienste & Entwicklung (IDE) |
Betsy Meyer, besorgt um den Nachruhm ihres Bruders Conrad Ferdinand Meyer
7. Mai 2025
Betsy Meyer (1831–1912) hatte ein besonderes Verhältnis zu ihrem sechs Jahre älteren Bruder Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898). Gut 44 Jahre wohnte sie mit dem bekannten Schriftsteller zusammen. Erst als dieser 1875 heiratete, trennten sich ihre Haushalte; dennoch blieb Betsy Meyers Einfluss auf das dichterische Werk ihres Bruders bestehen. Als Korrespondentin und langjährige Mitarbeiterin war sie massgeblich an der Überarbeitung und Herausgabe der Schriften von Conrad Ferdinand Meyer beteiligt. Teilweise kann ihr sogar eine Mitautorschaft an seinen Werken zugesprochen werden. Aus diesem Grund startete die Zentralbibliothek Zürich (ZB) am 5. Mai 2025 eine Citizen Science-Kampagne zu ausgewählten Briefen seiner Schwester Betsy.
Mit der Transkriptionssoftware Transkribus hat die ZB automatisch Rohtranskriptionen von rund hundert Briefen von Betsy Meyer an das Ehepaar Adolf (1855–1920) und Lina Frey-Beger (1853–1942) erstellt. Diese Rohfassungen können nun im Transkriptionstool von e-manuscripta.ch von Citizen Scientists korrigiert und ergänzt werden.

«Material könnte ich Ihnen unendlich viel liefern an Erinnerungen und Briefen»
Mitarbeiterin an der ersten Conrad Ferdinand Meyer-Biografie
Aufgrund des engen Verhältnisses zwischen Betsy und Conrad Ferdinand Meyer hatte der Bruder ihr schon früh eine bedeutende Rolle im Erinnerungs- und Gedenkprozess zugeschrieben. Im Vorwort zur ersten Meyer-Biografie, «Conrad Ferdinand Meyer. Sein Leben und seine Werke», die im Jahr 1900 erschien, schrieb der Autor Adolf Frey (Vorwort, S. III–IV):
«Als mich Conrad Ferdinand Meyer, der seine Vergangenheit außerordentlich zu beschweigen liebte, in aller Form als denjenigen bezeichnete, der sein Leben beschreiben sollte, gab er gleichzeitig der Schwester, «die allein Bescheid noch weiß von allen Augenblicken seines Lebens», den Auftrag, mir bei meinem Vorhaben zur Seite zu stehen, wenn dereinst die Zeit gekommen sein würde.»
Dementsprechend kam Betsy Meyer der Anfrage von Adolf Frey gerne nach und lieferte ihm seit 1892 Informationen über ihren Bruder. Die Briefe des Citizen Science-Projektes zeugen von diesem Austausch. Betsy Meyer hatte freilich auch eigene Vorstellungen davon, wie die Biografie über ihren Bruder gestaltet sein sollte. Am 19. Oktober 1892 bat sie Adolf Frey, das Buch ähnlich zu verfassen wie seine im selben Jahr veröffentlichten «Erinnerungen an Gottfried Keller» (ZB Zürich, Ms CFM 392.4):
«Ja, lieber Freund, so mahlen Sie einst auch das Bild meines geliebten Bruders. Kann und darf ich Ihnen dabei Farbenreiberdienste thun mit Erzählen alter lieber Erinnerungen, so benützen Sie mich, soweit möglich […].»
Im Vorwort seiner Biografie von 1900 äusserte Adolf Frey die Hoffnung, dass er diesem Wunsch nachgekommen sei und er den «Hauch der Liebe und des feinen Geistes» (Vorwort, S. IV) von Betsy Meyer in sein Werk über Conrad Ferdinand Meyer mitaufgenommen habe. Der Schwester schickte er ein gedrucktes Exemplar mit persönlicher Widmung (ZB Zürich, CFM 1204):
Das Widmungsexemplar ist Teil der Autorenbibliothek von Conrad Ferdinand Meyer, die von der ZB digitalisiert und im ZBlog vom 30. Januar 2025 kontextualisiert wurde.
Die Eheleute Frey-Beger und ihr Interesse am Werk von Conrad Ferdinand Meyer
Adolf und Lina Frey-Beger waren beide Literaturwissenschaftler:innen. Lina Beger war die erste Frau, die an der Philosophischen Fakultät der Universität Bern promovierte. 1892 veröffentlichte sie zudem die Untersuchung «Conrad Ferdinand Meyer’s Gedichte und Novellen», welche die Eheleute an Betsy Meyer schickten. Diese war sehr angetan von der Beurteilung ihres Bruders durch die Autorin, wie sie in einem Brief vom 9. September 1892 an Adolf Frey mitteilte (ZB Zürich, Ms CFM 392.1):
«Natürlich machen Sie mir große Freude durch Zusendung des Essais Ihrer lieben Frau, die so großes Verständnis für den poetischen Charakter meines Bruders hat.»
Die Eheleute Frey-Beger bereiteten die Biografie über Conrad Ferdinand Meyer gemeinsam mit Betsy Meyer vor. In den Briefwechseln zwischen den Dreien geht es nicht nur um Anekdoten über den Dichter, sondern auch um Besuche und Geschenke – Geschäftliches und Persönliches vermischen sich dabei.
Die Erschliessung der Brief Betsy Meyers an Adolf und Lina Frey-Beger
Helfen Sie mit, die Briefe von Betsy Meyer an Adolf und Lina Frey-Beger zu korrigieren! Sie können verfolgen, wie über die Zeitdauer von knapp fünf Jahren freundschaftliche Themen ausgetauscht werden, und Sie können erkennen, wie sehr Betsy Meyer daran interessiert war, dass die Biografie von Adolf Frey ihren Bruder in ein positives Licht rücke.
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Abteilung Plattformen und Daten |
Die ZB öffnet ihren Raum für Begegnung, Kreativität und Austausch
25. März 2025
Die Zentralbibliothek Zürich erweitert ihr Profil: Neben ihrer Rolle als Ort des Lernens, der Bereitstellung von Wissen und der Kulturförderung schafft sie nun noch mehr Raum für kreative Zusammenarbeit, Austausch und Begegnung. Wissen soll nicht nur gesammelt, sondern auch erlebt, diskutiert und gemeinsam weiterentwickelt werden.
Mit dieser Neuausrichtung schafft die ZB vielfältige Formate, die aktuelle gesellschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Themen aufgreifen. Sie fördert aktiv die Zusammenarbeit mit Communities und öffnet sich für neue Zugänge zu Wissen, Inspiration und Partizipation.
Der unterste Stock wird neu: Ein Raum für Ideen und Kultur
Ein erster Schritt in diese Richtung ist die Neugestaltung eines Bereichs im Parterre des Lesesaals (P0) auf der Seite Mühlegasse. Ab April entsteht hier ein offener Raum für kreative Projekte, interaktive Veranstaltungen und den Austausch von Ideen – mitten in der ZB.
Künftig werden hier Diskussionen zu gesellschaftlichen Themen, interaktive Formate zu Kultur und Medien sowie Workshops und Community-Projekte stattfinden. Auch kleinere Präsentationen und kuratierte Ausstellungen sollen den Raum lebendig machen.
Provisorische Einrichtung – eine Chance für Neues
Der neue Bereich wird zunächst mit vorhandenem Mobiliar eingerichtet. Da unsere Mittel aktuell auf die Sanierung des Altbaus konzentriert sind, nutzen wir die Bauphase bewusst als Gelegenheit, neue Nutzungsmöglichkeiten auszuprobieren. Die Erfahrungen aus dieser Zeit fliessen in die langfristige Gestaltung unserer Räume ein.
Gestalten Sie mit!
Dieser Raum soll nicht nur von der ZB bespielt werden, sondern auch für externe Gruppen und Initiativen offenstehen. Wer eigene Veranstaltungen oder Projekte umsetzen möchte, ist herzlich eingeladen, diesen Raum mitzugestalten. Sind Sie interessiert? Dann schreiben Sie mir unter fuehrungen@zb.uzh.ch.
Und was passiert mit den Arbeitsplätzen?
Viele der bisherigen Einzelarbeitsplätze aus diesem Bereich stehen ab April im 1. Stock (P1) zur Verfügung. Dort haben wir das Angebot erweitert, um weiterhin genügend ruhige Arbeitsplätze bereitzustellen.
Mit der Neugestaltung des Lesesaals gehen wir einen weiteren Schritt in Richtung einer lebendigen, offenen Bibliothek – als Treffpunkt für Stadt und Kanton, der Kreativität, Austausch und Zusammenarbeit fördert.
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IK, Digitale Dienste & Entwicklung (IDE) |
Lesefreude aus Finnland – Onnea Fennica!
Zum Glück versorgt uns die Bibliotheca Fennica seit 70 Jahren mit Büchern und Filmen aus und über Finnland.
27. Februar 2025
Seit 1955 hat die finnische Kultur einen festen Platz in der Zentralbibliothek Zürich. Die Bibliotheca Fennica ist mit rund 9000 Titeln und 300 DVD die grösste finnische Bibliothek der Schweiz. Sie ist ein Geschenk der Schweizerischen Vereinigung der Freunde Finnlands SVFF an alle Lesenden und eine der sorgfältig kuratierten thematischen Sammlungen, welche die Vielfalt der ZB ausmachen.
Ein Stück finnisch-schweizerische Kulturgeschichte
Zur Gründung und Entwicklung der Fennica trugen geschichtliche und gesellschaftliche Besonderheiten einen wesentlichen Teil bei. Dazu gehört die Beziehung zwischen Finnland und der Schweiz während und nach dem zweiten Weltkrieg und natürlich die finnische Leselust. Bis heute verströmt die Fennica in der ZB zudem internationales Flair: 2022 wurde sie im Finnischen Bibliotheksmagazin portraitiert, 2024 von der finnischen Kalevala Society besucht.
Ein gutes Buch ist der beste Freund - Hyvä kirja on paras ystävä
Finnland liest: viel. Die kostenlose Versorgung aller Menschen mit Literatur und medialen Dienstleistungen ist seit 1928 im nationalen Bibliotheksgesetz festgeschrieben. Bibliotheken sind für viele Menschen ein zweites Wohnzimmer. In abgelegene Gegenden fahren Bibliotheksbusse, Bibliothekshunde sind im Einsatz, lange auch ein Bibliotheksboot. Ein finnisches Sprichwort sagt: ein gutes Buch ist der beste Freund.


Vereinsbibliothek – Depotbibliothek – öffentliche Bibliothek
Die Bibliotheca Fennica wurde 1955 von der Schweizerischen Vereinigung der Freunde Finnlands SVFF als Vereinsbibliothek gegründet. Sie konnte sich auf viele Freundschaften verlassen. Die grossen finnischen Verlage, mehrere Institutionen sowie Privatpersonen und Gesellschaften sorgten am 11. März 1955 für einen Anfangsbestand von 240 Titeln. Belletristik und Kinderbücher in den Sprachen Finnisch und Finnlandschwedisch sowie in Übersetzungen und Sachbücher zur Geschichte und Kultur Finnlands bilden seither den Schwerpunkt der Sammlung.
Von Beginn an war die Fennica in der ZB beheimatet, anfangs als sogenannte Depotbibliothek. Ganz im Sinn ihrer eigenen Geschichte gehöre «Bibliotheken aufzunehmen […] zur vornehmen Tradition der Zentralbibliothek», heisst es in der Festschrift 50 Jahre Bibliotheca Fennica. Wir wiederum sind stolz auf unsere sorgfältig kuratierten speziellen Bestände.
1973 wurde die Fennica Bibliothekskommission gegründet, die sich bis heute um die Neuerwerbungen der Bibliothek kümmert. Ein Jahr später öffnete die Fennica ihre Türen für alle Interessierten. 2001 Schenkte die SVFF die Fennica der ZB. Bis heute finanziert die SVFF sämtliche Ankäufe der Fennica über den Mitgliederbeitrag des Vereins.
Gebildete Finninnen
Das Gedeihen der Fennica lag und liegt zu einem grossen Teil in der Hand der Frauen. Initiantin der Bibliothek war Aduli Kaestlin-Burjam, eine in der Schweiz lebende Finnin aus Karelien, die auch als Übersetzerin wirkte. Besonders ab den 1960er Jahren wanderten viele überdurchschnittlich gut ausgebildete, berufstätige Finninnen in die Schweiz ein. Entsprechen gross war der Bücherbedarf.
Finnland, Zürich und die Schweiz
Die Beziehungen zwischen Finnland und der Schweiz waren während und nach dem zweiten Weltkrieg sehr freundschaftlich. Zum Interesse an Finnland trug auch die finnlandfreundliche Berichterstattung der NZZ während des Kriegs bei. Als Kulturvermittlerin engagiert sich die Fennica seit ihrer Gründung aktiv dafür, Finnland in der Schweiz bekannt zu machen, unter anderem mit eigenen Ausstellungen und Leihgaben.
Übersetzen!
Bemerkenswert ist, dass der Büchertransport aus Finnland – etwa von Belletristik auf Finnisch oder Finnlandschwedisch – während 70 Jahren im privaten Reisegepäck erfolgte, neben anderen Notwendigkeiten wie Roggenbrot, eingemachten Preiselbeeren oder Lakritz. Lesen hat eben Gewicht. Seit Finnlands Gastauftritt an der Frankfurter Buchmesse 2014 dürfen wir uns zudem über viele hervorragende (Neu-)Übersetzungen finnischer Belletristik auf Deutsch freuen. Aber das sind nur einige von über 9400 Gelegenheiten, nach Finnland überzusetzen!
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Fachreferentin für Finnougristik Betreuerin der Bibliotheca Fennica in der ZB |
Ihre Feedbacks im Jahr 2024
12. Februar 2025
„Ist mir zu leise hier drinnen :(“ – so lautete eines der 381 Feedbacks, die uns im Jahr 2024 erreicht haben. Seit 2018 sammelt die Zentralbibliothek Zürich (ZB) über verschiedene Kanäle Rückmeldungen ihrer Nutzerinnen und Nutzer. Unter „Feedback“ verstehen wir jede zweckbestimmte Meinungsäußerung über uns und unser Angebot. Diese Rückmeldungen sind für uns äußerst wertvoll, da sie uns nicht nur direktes Feedback zu unseren Angeboten liefern, sondern auch helfen, unseren Service kontinuierlich zu verbessern.
Häufig genannte Themen
Im vergangenen Jahr beschäftigten einige Themen unsere Nutzenden besonders. Die meisten Rückmeldungen betrafen die Bereiche Infrastruktur und Hausregeln. Dazu gehörten Themen wie swisscovery, Arbeitsplatz- oder Aufenthaltsqualität, Klima im Lesesaal, Hygiene, Verpflegung (inklusive Mikrowellen), Verhaltensregeln oder Lärm.
Besonders häufig wurden das unerlaubte Reservieren der Arbeitsplätze und der Lärm im Lesesaal angesprochen. Beschwerden gab es auch bezüglich des Collab Space, der seit der zweiten Jahreshälfte im Lesesaal eingerichtet wurde und einigen zu laut war. Im Collab Space ist der Austausch erwünscht. Hier kann man gemeinsam arbeiten, sich austauschen und auch Online-Meetings halten. Der Collab Space wurde eingerichtet, um den vielfach geäusserten Wunsch nach einer besseren Trennung verschiedener Arbeitsweisen zu erfüllen. Mit diesem Konzept möchten wir den unterschiedlichen Bedürfnissen unserer Nutzerinnen und Nutzer gerecht werden.
Das ganze Jahr über erhielten wir zudem allgemeine Beschwerden über Lärm im Lesesaal, verursacht durch andere Benutzende oder Bauarbeiten.
Auffallend waren Feedbacks von Benutzenden, die angaben, sich im Pausenraum nicht wohlzufühlen. Sei es wegen fehlender Aufsicht oder wegen auffälligen Personen, die sich im Pausenraum einrichten und z.B. am Boden schlafen. Das Problem ist zwar erkannt, es wäre aber sinnvoll, sich weiter zu überlegen, wie man unsere verschiedenen Zielgruppen ungestört nebeneinander in der ZB aufhalten können und sich sicher fühlen.
Lob erhielten wir vor allem für unsere unterstützenden Dienstleistungen bei Recherche, Bereitstellung von Medien, Digitalisierung, Fernleihe und unseren neuen Gesprächsboxen. Das kostenlose WLAN wird von den Bibliotheksbesuchern sehr geschätzt, und unsere Infrastruktur rund um die Arbeitsplätze bleibt insbesondere während der Prüfungszeiten sehr begehrt.
Auch wenn es teilweise unerfreuliche Situationen gab, wurden unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr geschätzt. Der persönliche Kontakt und die Kundenfreundlichkeit wurden mehrheitlich sehr positiv bewertet.

Was nehmen wir aus unseren Feedbacks mit?
Die Anregungen helfen uns, unser Angebot stetig weiter zu verbessern. So konnten wir beispielsweise alternative Lösungen für die Bezahlung der Gebühren vor Ort anbieten – dies ist nun neu möglich.
Probleme, die regelmäßig Beschwerden verursachen und nicht zeitnah behoben werden, können das Vertrauen in unser Feedbackmanagement beeinträchtigen. Ein Beispiel dafür ist die nicht immer optimale Luftqualität im Lesesaal. Dies ist eine grössere Aufgabe und kann leider nicht sofort behandelt werden. Es wird aber zu einem späteren Zeitpunkt angegangen.
Auch wenn im Jahr 2024 nicht allen Wünschen entsprochen werden konnte, bleiben wir an den noch ungelösten Themen dran und freuen uns auch in diesem Jahr wieder auf möglichst zahlreiche Rückmeldungen unserer Nutzenden.
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Feedbackmanagement | Feedbackmanagement |
Die Bibliothek Conrad Ferdinand Meyers digitalisiert: eine Spurensuche
30. Januar 2025
In Conrad Ferdinand Meyers Bibliothek stöbern? Sie sind herzlich dazu eingeladen! Welche Bücher besass der grosse Schweizer Schriftsteller? Was war seine Lieblingslektüre? Mit welchen Stellen in seinen Werken war er nicht zufrieden? Welche Ideen für sein eigenes Schreiben gewann er beim Lesen? Diese und weitere Fragen können Sie nun von Ihrem eigenen Schreibtisch aus erforschen.
Pünktlich zum Jubiläumsjahr des 200. Geburtstags von C.F. Meyer (1825-1898) hat die Zentralbibliothek nämlich die Privatbibliothek, die sich im Conrad Ferdinand Meyer-Haus in Kilchberg befindet, digitalisiert und im Netz bereitgestellt. Fast zwei Jahre lang wurden mehr als 1’500 Bücher in Tranchen – das Museum sollte natürlich nicht über einen längeren Zeitraum ganz leergeräumt sein – in die ZB transportiert, dort wo nötig restauriert, neu katalogisiert, digitalisiert, die Digitalisate aufgeschaltet und die Bücher dann wieder zurückgebracht.
Auf der Plattform für alte Drucke e-rara.ch kann die digitale Privatbibliothek nun hier aufgerufen werden. Sie reiht sich damit in eine immer grösser werdende Anzahl von bereits von der ZB digitalisierten Privatbibliotheken grosser Zürcher Persönlichkeiten von Aretius bis Zwingli ein.
C.F. Meyers Arbeitszimmer in Kilchberg
Die physische Privatbibliothek von Conrad Ferdinand Meyer befindet sich auch heute noch im ehemaligen Arbeitszimmer des Dichters in seinem Haus an der Alten Landstrasse 170 in Kilchberg, das er mit seiner Frau Luise Meyer-Ziegler und der gemeinsamen Tochter Camilla Meyer seit 1877 bewohnt hatte, und in dem Frau und Tochter nach C.F. Meyers Tod 1898 weiter verblieben.
Luise Meyer-Ziegler starb 1915, ihre Tochter 1936, woraufhin das Arbeitszimmer mitsamt der Bibliothek des Schriftstellers als Ganzes der Zentralbibliothek Zürich vermacht wurde.
Die Zentralbibliothek hat die Privatbibliothek des Dichters im Arbeitszimmer belassen, da dieses als Schaffensraum des Schriftstellers einen musealen Wert besitzt. Das Conrad Ferdinand Meyer-Haus wurde 1943 von der Gemeinde Kilchberg erworben und ist bis heute Gedenkstätte und Museum für den grossen Schweizer Dichter.
Das Arbeitszimmer mit diversen Utensilien wie einer ledernen Schreibmappe, einem Vergrösserungsglas oder einer Petrolstehlampe befindet sich dabei in dem Zustand, wie der Dichter es in den gut zwanzig Jahren, in denen er das Haus bewohnte, benutzt hatte. Die Privatbibliothek aber, die erst 1936 in den Besitz der Zentralbibliothek kam, ist zwar annähernd, jedoch nicht exakt in dem Zustand, wie der Schriftsteller sie hinterlassen hat, da C.F. Meyers Frau und Tochter nach seinem Tod noch mehrere Jahrzehnte in dem Haus wohnten und in dieser Zeit auch ihre eigenen Bücher in die Bibliothek aufnahmen. Auch nach dem Tod des Dichters erschienene, teilweise fremdsprachige Belegexemplare von C.F. Meyers Werken sowie Bücher über den Dichter wurden von seiner Familie gesammelt; diese, sowie einige wenige Werke mit handschriftlichen Anmerkungen, hat die Zentralbibliothek jedoch unmittelbar nach Camilla Meyers Tod 1936 in die ZB überführt. Zudem nahm Camilla Meyer 1912 nach dem Tod von Betsy Meyer, der Schwester des Dichters, die nachweislich eine wichtige Rolle im Schaffensprozess der Werke ihres Bruders innehatte, einen Teil deren Nachlasses in die Bibliothek ihres verstorbenen Vaters auf, sofern dieser eindeutig zu C.F. Meyers Werk in Bezug stand.

Die Privatbibliothek
Diese bewegte Bestandsgeschichte wirft die Fragen auf: was kann uns die Bibliothek, so wie wir sie heute vorfinden, noch über die Arbeitsweise, den Umgang mit Büchern und die Lesegewohnheiten von Conrad Ferdinand Meyer sagen? Welche Erkenntnisse können wir aus der Zusammenstellung der Bücher gewinnen? Und: welchen Mehrwert bringt eine Digitalisierung des gesamten Inhalts der Bibliothek?
Die im Arbeitszimmer des Autors verbliebene Bibliothek besteht aus 1'513 Bänden resp. 1’105 Werken, da viele mehrbändige Werke darunter sind. Ins Magazin der ZB überführt wurden 208 Werke, und neun Werke, die handschriftliche Anmerkungen enthalten, befinden sich in der Handschriftenabteilung der ZB. Im Ganzen handelt es sich somit um einen Bestand von 1'322 Werken resp. 1'730 Bänden.
Der Bestand umfasst vorwiegend deutschsprachige und sehr viele französischsprachige Bücher sowie einige italienisch- und englischsprachige, lateinische und altgriechische Werke und sogar zwei ungarische Titel. Ein grosser Teil davon sind zeitgenössische Werke zur Geschichte, denen C.F. Meyer viel Hintergrundwissen für sein eigenes Schaffen entnommen hat. Auch viele Werke der klassischen Literatur befinden sich in der Bibliothek, ebenso eine grosse Anzahl zeitgenössischer Belletristik.
Von den vielen Werken der zeitgenössischen Belletristik enthalten 355 eine persönliche Widmung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin, das heisst, sie wurden C.F. Meyer als Geschenke überreicht und bilden wohl nicht in jedem Fall den persönlichen Lesegeschmack des Dichters ab. Darunter befinden sich Widmungen von Julius Rodenberg, Mathilde Wesendonck oder Carl Spitteler. Eine Lücke fällt besonders auf: Obwohl die beiden grossen Schweizer Dichter Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer zur gleichen Zeit in und bei Zürich wohnten und beide viele Werke voneinander besassen, findet sich in Meyers Bibliothek kein einziges Exemplar von Kellers Werken, das Keller für Meyer signiert hätte – in Kellers Bibliothek hingegen befinden sich drei Bücher von Meyer mit persönlicher Widmung an Keller.
1001 Werke in C.F. Meyers Bibliothek tragen das Exlibris von C.F. Meyer (48 das von Camilla Meyer, neun das der Schwester Betsy Meyer), das jedoch erst nach dem Tod des Dichters angebracht wurde. Unter ihnen befinden sich auch Bücher, die noch von C.F. Meyers Eltern stammten. Auch enthält ein Buch ein Exlibris von C.F. Meyer, das nachweislich nicht aus seinem Besitz stammt. Obwohl Letzteres eine Ausnahme darstellen dürfte, so zeigt sich doch, dass nicht alleine aus den Exlibris der C.F. Meyer-Bibliothek geschlossen werden kann, dass diese Bände ganz sicher vom Dichter erworben, gelesen oder gar für seinen eigenen Werkprozess verwendet wurden. Nur 53 Bücher der Bibliothek sind mit handschriftlichem Besitzeintrag von C.F. Meyer versehen, jedoch waren mit Sicherheit viel mehr in seinem direkten Besitz. Andererseits hat Meyer nachweislich für seine Recherchen sehr viele Bücher aus der Stadtbibliothek Zürich ausgeliehen und somit nicht selbst besessen. So ist von den Quellen, die C.F. Meyer für seine eigenen Werke konsultiert hat, nur etwa ein Drittel in der Meyer-Bibliothek vorhanden. Dennoch verraten uns die vorhandenen Bände und die Spuren darin so einiges über den Dichter und seine Lesegewohnheiten sowie seinen Schreib- und Denkprozess. Die Digitalisierung bietet nun die Möglichkeit, diese Prozesse nachzuverfolgen.
C.F. Meyers Umgang mit seinen Büchern
C.F. Meyer scheint nicht sehr viel Wert auf kostbare Buchausgaben gelegt zu haben, da seine Bibliothek nur wenige wertvolle Ausgaben enthält. Dazu gehören ein militärtheoretisches Werk von Flaminio della Croce von 1617, Luthers Tischreden in einer Ausgabe von 1621, eine Luxusausgabe der Werke Machiavellis von 1782 sowie eine Montaigne-Ausgabe von 1783.
Eine wertvolle Ausgabe, die sich heute in der C.F. Meyer-Bibliothek befindet, nämlich Dantes «Convivio» von 1531, hat der Dichter zu seinen Lebzeiten sogar verschenkt, wie der Grusstext C.F. Meyers auf einem dem Buch beigelegten Kärtchen an Adolf Frey beweist: «[…] dafür bescheere ich Ihnen das Convivio von Dante in einer ziemlich seltenen Ausgabe, welche ich unter meinen Büchern entdeckt habe.» Das Buch kam wieder in die Kollektion, da Adolf Freys Neffe es 1943 der ZB als Geschenk zurückgab. Diesen wenigen wertvollen Ausgaben gegenüber stehen knapp 100 Werke, die Meyer in billigen Reclam-Ausgaben besass. Der Rest der Bibliothek besteht aus gängigen zeitgenössischen Handelsexemplaren.
Aus Gebrauchsspuren lässt sich ablesen, welche Werke C.F. Meyer besonders viel benutzt hat. Ganz besonders abgegriffen ist eine Ausgabe des Neuen Testaments von 1854 in der Übersetzung von Martin Luther. Ebenfalls sehr abgenutzt ist eine Ausgabe von Titus Livius’ «T. Livii ab urbe condita libri», das C.F. Meyer wohl bereits als Schulbuch besessen hatte, und in dem sich auf einigen leeren Blättern Entwürfe für Gedichte des Autors finden:
Dass C.F. Meyer nicht zimperlich mit Werken seiner Bibliothek umging, zeigt ein interessanter handschriftlicher Eintrag in einer Ausgabe von Goethes Sämtlichen Werken, in dem in Band 2 auf dem Vorsatzblatt ein Entwurf für ein Szenarium eines Jenatsch-Dramas überliefert ist:
Auch Druckausgaben seiner eigenen Werke hat er für Notizen benutzt. So finden sich auf den Vorsatzblättern einer Ausgabe von «Zwanzig Balladen von einem Schweizer» Entwürfe zu Briefen, u.a. an den Theologen und Bibelforscher Gustav Adolf Wislicenus und den Theologen und Schriftsteller Johann Gottfried Kinkel:
Dieser Usus, in Bücher hineinzuschreiben, zeigt sich bereits beim Vater C.F. Meyers, Ferdinand Meyer (1799-1840), von dem sich viele Bücher in der Arbeitsbibliothek C.F. Meyers befinden; so sehen wir beispielsweise in einer Homer-Ausgabe von 1804-1807 eine Zeichnung mit der Datierung 1812, die Ferdinand als 13-Jähriger ins Buch hineingekritzelt hatte, sowie zahlreiche handschriftliche Notizen:
Weitere interessante handschriftliche Einträge von C.F. Meyer selbst finden sich in Exemplaren seiner eigenen Bücher, die er teilweise verschenkt und gleichzeitig mit Korrekturen versehen hat: So brachte er in einem Exemplar zur dritten Ausgabe seiner «Gedichte», das er seiner Frau geschenkt und gewidmet hat, je eine Korrektur zu den zwei Gedichten «Der trunkene Gott» und «Der Botenlauf» an, und in einer anderen Ausgabe dieser Gedichte findet sich auf dem Vorsatzblatt ein Sechszeiler ohne Überschrift, beginnend mit dem Vers «Wer bist du, dunkles Angesicht?», worunter steht: «Epilog der Gedichte (Nach meinem Ende hinter die Gedichte zu drucken)».
Es ist bekannt, dass Meyer Zeit seines Lebens an seinen bereits veröffentlichten Gedichten weiterarbeitete, neue Gedichte zu bestehenden Gedichtsammlungen hinzufügte und andere strich. Das oben genannte letzte Gedicht, das der Autor explizit erst nach seinem Tod in ebendiesem Gedichtband am Schluss abgedruckt haben wollte, verleiht dem ganzen Gedichtband einen deutlich schwermütigeren Abschluss. Dieser Wunsch wurde allerdings erst 1958, also ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, in einer historisch-kritischen C.F. Meyer-Ausgabe berücksichtigt.
Nicht nur an den Gedichten, sondern auch an den Prosawerken wurde nach dem ersten Druck weitergearbeitet: in der digitalen Privatbibliothek befindet sich eine Erstausgabe von C.F. Meyers Novelle «Das Amulet» von 1873, in der er zahlreiche Druck-, Komma- und Darstellungsfehler anstrich, aber auch ganze Passagen änderte, woraufhin in den darauffolgenden Auflagen der Text anders lautete. Nicht alle diese Verbesserungen fanden jedoch ihren Weg in die späteren Ausgaben, wie ein Vergleich einer Passage aus der dritten Auflage von «Das Amulet» aus dem Jahr 1882 zeigt: in ein und demselben Satz wurde eine Änderung übernommen, eine andere jedoch nicht:
Weitere aufschlussreiche handschriftliche Eintragungen sind diejenigen, die C.F. Meyers Schwester Betsy Meyer in den Werken ihres Bruders angebracht hat. Es ist heute unbestritten, dass Betsy Meyer einen wesentlichen Anteil an den Dichtungen ihres Bruders hatte; an den folgenden Eintragungen in einer Ausgabe der siebten Auflage von «Huttens letzte Tage» lässt sich etwas davon erahnen:
Die letzte Besonderheit aus C.F. Meyers Bibliothek, die hier genannt werden soll, ist ein militärtheoretisches Werk von Flaminio della Croce aus dem Jahr 1617: es enthält einen Besitzeintrag von keinem geringeren als dem historischen Bündner Militärführer Jörg Jenatsch (1596-1639), dem Protagonisten des historischen Romans «Jürg Jenatsch», einem der bekanntesten Werke C.F. Meyers. Der Besitzeintrag lautet: «Georgius Jenatius me jure possidet» - «Georgius Jenatius besitzt mich [das Buch] rechtmässig».
C.F. Meyer hat diesen Besitzeintrag in seiner Novelle «Der Schuss von der Kanzel» literarisch verwertet, allerdings platzierte er diesen dort in einer Ausgabe der Odyssee, über welche die fiktiven Figuren General Wertmüller und Pastorenkandidat Pfannenstiel sprechen.
Die Privatbibliothek Conrad Ferdinand Meyers gibt somit Aufschluss über eine ganze Reihe von Lese-, Schreib- und Sammelgewohnheiten des Schriftstellers, und mit der Digitalisierung verfügt nun sowohl die Forschung als auch ein interessiertes Laienpublikum über ein leicht zugängliches Instrumentarium, um weitere Erkenntnisse literaturhistorischer und biographischer Art zu gewinnen.
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Abteilung Plattformen und Daten |
















































