Der Künstler Oskar Kokoschka in seinem Atelier – das er selber «Bibliothek» nannte – in Villeneuve VD, 1969. Am Genfersee fand er seine Seelenheimat (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 74 / Foto: Erling Mandelmann, © R. & B. Mandelmann)

«Ich bin gerne bereit zu sagen, was ich gesehen habe; denn ich bin ein Mensch, der mit den Augen die Welt erlebt und nicht mit den Ohren.»

Oskar Kokoschka in seiner Autobiografie «Mein Leben»

Oskar Kokoschka und Zürich

Dass sich der schriftliche Nachlass des weltberühmten Malers Oskar Kokoschka heute in der Zentralbibliothek Zürich befindet, erstaunt viele. Der Künstler, der seine Staatszugehörigkeit mehrmals wechselte und in verschiedenen Ländern wohnte, hat nie über längere Zeit hier gelebt.

Eine Einladung seines Förderers Adolf Loos führte den 23-Jährigen Anfang 1910 erstmals in die Schweiz. Am Genfersee porträtierte er Tuberkulose-Patienten und entwickelte seine künstlerische Vision. (Später datierte er diesen Aufenthalt auf 1908 vor, um sich als Vorreiter des Expressionismus darzustellen.) 1912 reiste er mit seiner Geliebten Alma Mahler zum zweiten Mal in die Schweiz und malte im Berner Oberland.

Zürich spielte in seiner Laufbahn früh eine wichtige Rolle, wie die nachfolgenden Streiflichter zeigen.

1913

Expressionistische Porträts im Kunsthaus

Im Mai 1913 stellt das Kunsthaus Zürich unter Direktor Dr. Wilhelm Wartmann zwölf expressionistische Porträts des in der Schweiz noch weitgehend unbekannten Künstlers aus und landet mit den «fratzenhaften» und «brutalen» Bildern in den Schlagzeilen.

In der «Züricher Post» liest man: «Kommt man [...] dorthin, wo Oskar Kokoschkas Bilder hängen, so tritt man zuerst entsetzt einen Schritt zurück. Es ist als ob E. T. A. Hoffmannsche Gestalten beim Flackerlicht der Kneipe plötzlich auftauchen. [...] Und nach und nach schwindet der erste, abstossende Eindruck, man sieht sich immer mehr in die Bilder hinein, und sie fangen an zu fesseln, zu faszinieren.»

«Nach und nach schwindet der erste, abstossende Eindruck [...]»: Kritik in der «Züricher Post» vom 30. Mai 1913 zu Oskar Kokoschkas Porträts im Kunsthaus (ZBZ)

1917

Zürcher Dada und Kokoschka

Am 14. April 1917 findet in der Galerie Dada an der Zürcher Bahnhofstrasse − ohne Kokoschkas direkte Beteiligung − die Schweizer Premiere seiner Komödie «Sphinx und Strohmann» statt, bei der die Dadaisten Tristan Tzara, Marcel Janco, Hugo Ball, Emmy Hennings und Friedrich Glauser mitwirken. Der jüdische Dichter Albert Ehrenstein liest eigene Verse über Kokoschka vor.

Gleichzeitig zeigt die «Sturm»-Ausstellung der Galerie neben Arbeiten von Max Ernst, Johannes Itten, Wassily Kandinsky und Paul Klee auch Porträts von Kokoschka.

Im gleichen Jahr berücksichtigt ihn das Kunsthaus Zürich in einer Ausstellung deutscher Künstler. Ein Jahr später nochmals − nun unter Wiener Malerei.

Oskar Kokoschka, Köln 1920 (Foto: Hugo Erfurth / Wikimedia Commons)

1923

Kunstsalon Wolfsberg

Im August 1923 reist Kokoschka − unterdessen Kunstprofessor an der Dresdner Akademie − in die Innerschweiz und an den Genfersee. Der Urlaub zusammen mit der Russin Anna (Niuta) Kallin ist eigentlich eine Flucht aus Dresden, das er laut einem Brief an seine Mutter «über die Ohren» satthat.

Der Kunstsalon Wolfsberg in Zürich zeigt im September und Oktober 71 seiner Aquarelle, Zeichnungen und Grafiken und wirbt mit der Farblithografie «Selbstbildnis von zwei Seiten».

Ein Jahr später deponiert Kokoschka seinen ersten grossen Verkaufsgewinn – 70’000 Mark − auf einer Schweizer Bank.

Zürcher Kartengruss von Kokoschka an Alice (Vogerl Colibri) Lahmann, 25. August 1923 (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 202.4.2)

1927

Erste Einzelausstellung im Kunsthaus

Oskar Kokoschkas bis dahin umfassendste Einzelausstellung findet 1927 wiederum im Kunsthaus Zürich statt. Sein umtriebiger Förderer Wilhelm Wartmann will ein möglichst lückenloses Bild vermitteln. Die Einfuhr der (bis auf eins) aus ausländischem Besitz stammenden Exponate bereitet einige Schwierigkeiten. Vier davon sind seither in den Besitz des Kunsthauses gelangt, zwei ans Kunstmuseum Winterthur.

Insgesamt zehn Ausstellungen mit Werken von Kokoschka finden unter Wartmann statt, laut Kokoschka «einer der wenigen Menschen mit echtem Kunstverständnis heute» (Brief an Bettina A., 1. April 1953).

«Avignon», 1925, Öl auf Leinwand, 62 x 81 cm. Eines von Kokoschkas Ausstellungsstücken im Kunsthaus Zürich und heute als Geschenk der Volkart Stiftung im Kunstmuseum Winterthur (Bild: © Fondation Oskar Kokoschka / 2021, ProLitteris)

1935

Zürcher Plattform für einen Angefeindeten

In seinem Buch «Deutsche Kunst und Entartete Kunst» stellt Adolf Dresler 1938 auch Kokoschka an den Pranger. Das Exemplar im Nachlass des Künstlers weist verschiedene Randnotizen auf (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 661)

Trotz den Schwierigkeiten bei der ersten Kokoschka-Einzelausstellung wagt das Kunsthaus Zürich 1935 eine weitere Präsentation mit 25 neuen Landschafts- und Städtebildern.

Kokoschka ist dankbar für das Zürcher Angebot in einer Zeit, «die nur gewohnt ist, auf der modernen Kunst herumzutrampeln und sie zu verraten, wenn es vorteilhaft ist» (Brief an Hans Posse, 7. April 1935). Er erlebt in seiner Heimat infolge der politischen Entwicklung zunehmend Ablehnung und Einbussen. Seine expressiven Menschendarstellungen gelten den Nationalsozialisten als «entartet» und werden 1937 aus den deutschen Kunstsammlungen entfernt. Doch Kokoschka, der seit 1934 in Prag lebt, verweigert sich jeder Anpassung.

1947

Nachkriegs-Retrospektive

1937 schreibt Wilhelm Wartmann, man habe in kaum mehr als zwei Jahrzehnten allein in Zürich 270 Werke von Kokoschka gesehen. Es vergehen aber nochmals zehn Jahre, bis der «entartete Künstler» selber wieder einreisen kann. Anlass ist die grosse Retrospektive 1947 in Basel und im Kunsthaus Zürich. Sie zeigt zahlreiche verschollen geglaubte Gemälde und lohnt sich auch geschäftlich für Kokoschka. Im Sommer erscheinen in der «NZZ» zwei Proben seiner Fabulierlust: «Geschichte von der Tochter Virginia» und «Kinderkrankheit».

Nach zehn Jahren Exil im Londoner Häusermeer malt er in der Schweiz wieder «Landschaften im Licht und im Freien» (Brief an Hans Maria Wingler, 21. Oktober 1947). Im Wallis entsteht das ungewöhnliche Porträt des Mäzens Werner Reinhart, das sich heute im Kunstmuseum Winterthur befindet.

1947 malt Oskar Kokoschka im Wallis das farbenreich vibrierende Porträt des Winterthurer Kunstmäzens Werner Reinhart (1884-1951) (Bild: © Fondation Oskar Kokoschka / 2021, ProLitteris)

1952-1956

Zürcher Veröffentlichungen

«Die Schweiz wird jetzt auch ‹gegenstandslos› und abstract und Museumsdirektoren hier wie anderswo überschätzen die wildgewordenen Textilzeichner unserer Zeit zu Ungunsten der klassischen, europäischen Malerei», schreibt Kokoschka 1954 an den Zürcher Mäzen Emil Bührle.

Zu seinen Gunsten setzen sich verschiedene Zürcher Kunstfreunde ein: Der Rascher-Verlag veröffentlicht 1952 «Gestalten und Landschaften». 1955 gibt Walter Kern in Winterthur die laut Kokoschka vorbildlich gestaltete «Thermopylae»-Mappe heraus und doppelt in der Zeitschrift «Das Werk» nach.

Im Atlantis-Verlag erscheint 1956 Kokoschkas Erzählband «Spur im Treibsand» mit einer «schönen Liebesgeschichte» und «viel Aufregendem» (Brief an Bettina A., 21. Dezember 1956).

Briefe im Nachlass belegen, wie gezielt sich Kokoschka um seine Förderer bemühte.

Im Austausch mit Zürcher Kunstfreunden: von Kokoschka umadressierter Briefumschlag an den Verleger Walter Kern (1898-1966) in Winterthur, 1954 (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 275.1)

1982-1983

Reisenotizen eines Malers

Anlässlich der Nachlass-Schenkung von Olda Kokoschka eröffnet die ZB Zürich im Dezember 1982 die Ausstellung «Oskar Kokoschka − Reisenotizen eines Malers»Skizzen, Fotos, Manuskripte, Drucke und Briefe vermitteln laut den «Neuen Zürcher Nachrichten» «das Bild des intimen Kokoschka». Auch auf die enge Verbindung zu Zürich wird hingewiesen. Die von Dr. Günter Birkner, Leiter der Musikabteilung, kuratierte Präsentation stösst auf so grosses Interesse, dass sie bis in den Februar 1983 verlängert wird.

Musik und Beziehungen haben bei der Schenkung eine Rolle gespielt: 1976 hat bereits Elisabeth Furtwängler den Nachlass des 1954 verstorbenen deutschen Dirigenten Wilhelm Furtwängler der ZB Zürich übergeben. Die Musikerwitwe lebt in Clarens VD und ist eng mit Olda Kokoschka befreundet.

Kokoschka beim Zeichnen in Korinth, 1956. Eine der Fotografien, die die Künstlerwitwe 1982 in der ersten Nachlass-Tranche der ZB Zürich übergab (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 852.4 / Fotograf unbekannt)

2010

Neue Einsichten dank der ZB Zürich

100 Jahre nach Kokoschkas erstem Aufenthalt in der Schweiz findet in Zürich die Ausstellung «Spur im Treibsand − Oskar Kokoschka neu gesehen» statt. In Zusammenarbeit mit der Fondation Oskar Kokoschka (FOK) in Vevey liefert die ZB Zürich neue Einblicke in das schriftliche und bildnerische Schaffen des Künstlers und zu seiner Biografie.

Die Kuratorinnen Dr. Régine Bonnefoit (FOK) und Ruth Häusler (Handschriftenabteilung der ZB) zeigen viele bisher nicht bekannte Dokumente aus dem Nachlass-Zuwachs von 2004. Ihre Begleitpublikation stösst in der Fachwelt auf viel Anerkennung.

Als Hommage an Oskar und Olda Kokoschka wählt die ZB Zürich für ihr Ausstellungsplakat 2010 eine Widmungszeichnung des Künstlers für seine Ehefrau (Bild: © Fondation Oskar Kokoschka / 2021, ProLitteris)

Der Nachlass in der ZB Zürich

Olda Kokoschka (1915-2004), der Witwe des Künstlers, ist es zu verdanken, dass der schriftliche Nachlass 1981 der ZB Zürich zugesprochen wurde. Die Vision des damaligen Musikabteilungsleiters Dr. Günter Birkner, in Zürich einen Kokoschka-Schwerpunkt zu schaffen, überzeugte sie. 1982 fand eine erste Übergabe statt. 1988 rief die Witwe die Fondation à la mémoire de Oskar Kokoschka (FOK) mit Sitz in Vevey ins Leben, in deren Obhut der künstlerische Nachlass gegeben wurde.

Dank dem unermüdlichen Einsatz namentlich von Günter Birkner und Hermann Köstler, ZB-Direktor und im Stiftungsrat der FOK, gelangten über Jahrzehnte weitere Nachlass-Teile und Zukäufe in die ZB Zürich.

Oskar und Olda Kokoschka, New York 1966 (Oskar Kokoschka Zentrum, Universität für angewandte Kunst Wien, IN 10.860/1/FP / Foto: Trude Fleischmann)

Die letzte Tranche bildete 2004 der Nachlass der Witwe mit Lebensdokumenten (z.B. Notizbücher, Agenden, Ausweise), Fotos, frühen Familienbriefen und Korrespondenz nach 1980, verschiedenen vom Künstlerpaar angelegten Dokumentationen und Arbeiten anderer über Kokoschka. Durch Zukäufe reichert die ZB Zürich diesen Kernbestand laufend an.

Im Folgenden werden drei Schwerpunkte vorgestellt, die im Nachlass reich dokumentiert sind: Kokoschka als Porträtist, als Dichter und Schriftsteller und als Briefschreiber.

Der Porträtist

Kokoschka zählt zu den bedeutendsten expressionistischen Porträtmalern des 20. Jahrhunderts. Er malte Berühmtheiten wie den Cellisten Pablo Casals, Politiker wie Konrad Adenauer, führende Experten ihrer Zeit wie Auguste Forel, Künstler und Kunstfreunde wie den Winterthurer Mäzen Werner Reinhart und viele nicht näher bekannte Gesichter an den Orten, die er auf seinen Reisen besuchte.

Dabei ging es ihm nicht um das äussere Abbild, sondern um die wesentlichen Eigenschaften der porträtierten Person − um ihre geistige oder seelische Physiognomie.

1948 malte Oskar Kokoschka in Fiesole dieses eindringliche Selbstbildnis in Öl auf Leinwand, 65,5 x 55 cm. Es befindet sich in der Fondation Oskar Kokoschka, Musée Jenisch, Vevey  (Bild: © Fondation Oskar Kokoschka / 2021, ProLitteris)

Aus Briefen von und über diejenigen, die ihm Modell sassen, gehen interessante Details über die Malsitzungen und fortdauernde Freundschaften hervor. Immer wieder porträtierte Kokoschka auch sich selber und befragte malend seinen seelischen Zustand. Das Augenpaar in unserem Header stammt aus dem «Selbstbildnis (Fiesole)» von 1948.

Der Erzähler, Dramatiker und Mahner

Oskar Kokoschka war auch ein kühner Bühnenautor, ein begabter Geschichtenerzähler und ein eigenwilliger Redner. Die Schriftstellerei war für ihn einerseits eine schöngeistige Beschäftigung und sozialpolitisches Engagement, andererseits eine Einnahmequelle. Die «NZZ» bezeichnete seinen Redestil 1953 als «bekenntnishafte Causerie» und «einziges Manifest wider etwas, das er als das Akademische bezeichnet».

Die schriftlichen Werke im Nachlass umfassen eigenhändige Notizen zu kunstgeschichtlichen und politischen Essays, Vorträge, frühe Entwürfe seiner Erzählungen und Theaterstücke, dazu Zwischenversionen, Umarbeitungen für die Edition, unveröffentlichte Texte und Übersetzungen.

Dieses eigenhändige Manuskript von Kokoschkas «Lebensgeschichte» (1933) erwarb Olda Kokoschka um 1981 im Auktionshandel zurück (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 5a)

Der Briefschreiber

Die Menge der in der ZB Zürich aufbewahrten Briefe an, von und über Oskar und Olda Kokoschka ist überwältigend: über 25'000. Es handelt sich sowohl um Originale als auch um Abschriften und Kopien.

Von 1984 bis 1988 veröffentlichten Olda Kokoschka und Heinz Spielmann eine Auswahl der von Kokoschka geschriebenen Briefe in vier Bänden. Mit dem Nachlass gelangten zahlreiche der dazugehörigen Gegenbriefe in die ZB.

Diese schier unüberschaubare Korrespondenz ist eine reiche Quelle für die Forschung. Sie umfasst das ganze Spektrum zwischenmenschlicher Kommunikation: vom Liebesbrief bis zum bitteren Vorwurf, Flirtereien mit jungen Damen und euphorische Berichte samt humorvollen Zeichnungen, Geschäftliches und Tiefpersönliches, Grusskarten, auch Handwerkerrechnungen, Visitenkarten und Belege.

Kokoschka versah Briefe an seine Familie und seine Freunde oft mit witzigen Zeichnungen. Hier erklärt er seiner Schwester Berta (Bibschl) Patocka den Trick mit zwei Spiegeln für ein gelungenes Selbstporträt. Dezember 1959 (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 24.8)

Oskar Kokoschka im Zeitraffer: Lebensstationen

Mit Datierungen nahm es Oskar Kokoschka oft nicht so genau − teils aus Nachlässigkeit, teils weil er sein Image steuern und sich durch Vordatierungen in der Kunstgeschichte als «frühreifes Genie» platzieren wollte (mehr dazu bei Régine Bonnefoit).

Die Biografen zu Kokoschkas Lebzeiten litten unter der chronologischen und biografischen Konfusion in seinen Angaben. Nachforschungen im schriftlichen Nachlass haben seither manche Klarstellung ermöglicht.

Zu jeder Station in diesem reichen Künstlerleben finden sich Spuren in der ZB Zürich.

1886-1906

Von der Chemie zur Malerei

Oskar Kokoschka wird am 1. März 1886 als zweites Kind von Gustav Kokoschka (1840-1923), einem Goldschmied aus Prag, und Romana geb. Loidl (1861-1934) in Pöchlarn, Niederösterreich, geboren. Er wächst mit seinen jüngeren Geschwistern Berta (1889-1960) und Bohuslav (1892-1976) in ärmlichen Verhältnissen in Wien auf.

Hier durchläuft er die staatlichen Schulen und möchte zunächst Chemiker werden. Von seiner Mutter laut Bohuslav Kokoschka «in den Künstlerberuf statt in den Beamtenberuf hineinbugsiert» und früh von Förderern ermutigt, verlegt er sich jedoch auf die Malerei.

Der Zeichenlehrer Johann Schober vermittelt dem Maturanden 1904 ein Stipendium für die Kunstgewerbeschule in Wien (heute Universität für angewandte Kunst). Im Sommer 1906 entstehen erste Ölporträts und die «Lassinger Madonna».

Kokoschkas Geburtshaus in Pöchlarn im Februar 1964. Die Fotografie aus dem Nachlass zeigt den Zustand vor der Einrichtung der Gedenkstätte 1973 (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 851.1 / Foto: © NLK Nechuta)

1907-1909

Wiener Werkstätte und Theaterskandal

Als Mitarbeiter der Wiener Werkstätte illustriert der Kunststudent Kokoschka 1907 seine eigene Dichtung «Die träumenden Knaben» mit märchenhaften Farblithografien.

Sowohl als Zeichner als auch als Dramatiker provoziert er. Die Uraufführung seines Einakters «Mörder, Hoffnung der Frauen» im Juli 1909 beschert ihm den Ruf eines «Oberwildlings» und «Bürgerschrecks». Er schliesst sich dem Literatenkreis um Karl Kraus und Peter Altenberg an.

Beeindruckt von van Gogh, sucht er nach suggestiven Ausdrucksmitteln und einem emotionalen Farbauftrag. Er malt seine Porträts nicht nur mit dem Pinsel, sondern bearbeitet sie auch mit den Händen und Fingernägeln. Diese unkonventionelle Malweise dient dem Ausdruck eines «inneren Gesichts».

Kurz vor oder nach seiner Reise in die Schweiz 1910 begann Kokoschka seine «Dame mit Federhut». Diese Fotografie aus der Werkdokumentation zeigt das um 1922 überarbeitete Porträt in einem früheren Zustand (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 802 / Bild: © Fondation Oskar Kokoschka / 2021, ProLitteris)

1910-1911

Berlin und Wien

Nach seinem ersten Schweiz-Aufenthalt Anfang 1910 zieht Kokoschka vorübergehend nach Berlin und wirkt in der Redaktion der expressionistischen Kunstzeitschrift «Sturm» von Herwarth Walden mit. Der Berliner Galerist Paul Cassirer richtet ihm eine erste Ausstellung mit Ölgemälden, Illustrationen und Aktzeichnungen aus.

Bereits im Januar 1911 kehrt Kokoschka nach Wien zurück und malt eine Reihe religiöser Bilder. Von Freunden und Gönnern unterstützt, betätigt er sich als Maler, Illustrator, Dramatiker und Zeichenlehrer und findet auch im Ausland Beachtung.

Grusskarte aus der «Schweizerischen Freud- & Leidgenossenschaft» an «Kököschke Stilllebemann» in Wien, 1911 (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 482.37)

1912-1916

Alma Mahler, Krieg und Krise

1914 malt Kokoschka ein Meisterwerk: das dramatisch bewegte Doppelporträt «Die Windsbraut», heute im Kunstmuseum Basel. Es zeigt ihn mit seiner Geliebten Alma Mahler. Als die Musikerwitwe die Amour fou beendet, meldet er sich freiwillig zum Kriegsdienst im k. u. k. Dragonerregiment Nr. 15.

In Galizien und der Ukraine wird er zweimal schwer verwundet. Fortan will er sich, wie es in der Monografie «Kokoschka – Beziehungen zur Schweiz» heisst, «von keinen Ideologien, nationalen Vormachtansprüchen und religiösen Ausrichtungen mehr vereinnahmen» lassen.

Der seelische und körperliche Heilungsprozess ist langwierig. Während sich Kokoschka im Sanatorium auf dem Weissen Hirsch bei Dresden kuriert, schliesst er sich dem Theaterkreis um Käthe Richter und Walter Hasenclever an. Ein Vertrag mit dem Kunsthändler Paul Cassirer sichert ihn bis 1930 finanziell ab.

Der 29-jährige Oskar Kokoschka 1915 in der Uniform des k. u. k. Dragonerregiments Nr. 15 (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 71.1 / Foto: H. Schieberth)

1917-1924

Professor Kokoschka in Dresden

Dass Kokoschka 1918 von der Puppenmacherin Hermine Moos eine lebensgrosse Puppe nach dem Vorbild von Alma Mahler anfertigen lässt, die ihm zur Gesellschaft und als Modell dienen soll, fasziniert die Forschung anhaltend. Kunstexperten entdecken in seinen Figurenbildern Hinweise auf psychische Labilität, Lebensangst und Isolation.

1919 wird er als Kunstprofessor an die Dresdner Akademie berufen. Gemälde mit der Aussicht aus seinem Atelierfenster auf die Dresdner Neustadt zeigen laut dem Kunsthistoriker Norbert Werner eine neue «pastose Farbgewebestruktur». Es entstehen auch Lithographien und Aquarelle.

Kokoschka findet Anerkennung als Maler und Bühnenautor. Seine Stücke «Mörder, Hoffnung der Frauen» (Paul Hindemith, 1921) und «Orpheus und Eurydike» (Ernst Krenek, 1926) werden erfolgreich als Opern aufgeführt.

Auf einer am 26. Juli 1922 abgestempelten Postkarte an seine Mutter zeichnete Oskar Kokoschka sein Dresdner Atelier an (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 227.2)

1924-1933

Reisejahre

Auf dieser Reisepostkarte skizzierte OK sich, die Empfängerin Alice (Colibri) Lahmann und Anna (Mirli) Kallin. «Nurmi hat keinen Platz zum Rennen», steht in Anspielung auf den finnischen Langstreckenläufer am unteren Bildrand (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 204.4.5)

1924 packt Kokoschka die Reiselust. Er lässt sich beurlauben und unternimmt ausgedehnte Reisen durch Europa, nach Vorderasien und Nordafrika. In nahezu täglich versandten Postkarten hält er seine Angehörigen über seine Bilder und seine Route auf dem Laufenden und berichtet von den vielfältigen Eindrücken vor Ort, die sich unmittelbar in seiner Malweise niederschlagen.

Es entstehen atmosphärische Stadt-Panoramen von Venedig, Avignon, London, Lyon, Jerusalem, Istanbul und zuletzt Wien. Sie sind zugleich seine Interpretation und Imagination der Orte. Auch das Kunsthaus Zürich stellt 1935 die neue Werkreihe vor.

Obwohl Kokoschka unterdessen zu den prominentesten europäischen Malern zählt, verschlechtert sich infolge der Weltwirtschaftskrise seine finanzielle Situation.

1934-1938

Als entarteter Künstler im Prager Exil

Unter dem politischen Druck in Deutschland und Österreich zieht Kokoschka 1934 nach Prag, wo seine Schwester Berta Patocka wohnt und schon seine Vorfahren gelebt haben. Hier lernt er seine spätere Ehefrau, Oldriska Aloisie Palkovska (1915-2004), kennen. Sie ist promovierte Juristin.

Kokoschka nimmt kritisch Stellung zum Zeitgeschehen. Er macht sich Gedanken über eine Erziehungsreform und entwirft das Drama «Comenius».

Die 1937 vom Reichsminister Goebbels initiierte Wanderausstellung «Entartete Kunst» stellt auch Kokoschkas Werke an den Pranger. Im Juli werden 417 seiner Bilder in deutschen Sammlungen beschlagnahmt. Neun davon werden 1939 in Luzern versteigert, darunter «Die Windsbraut».

Eine Propagandakarte zeigt Kokoschkas Porträt von Robert Freund (1909), das die Gestapo nach der Besetzung Wiens am 5. Mai 1938 in vier Teile zerschnitt (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 275 / Bild: © Fondation Oskar Kokoschka / 2021, ProLitteris)

1938-1953

Im englischen Exil

Nach dem Anschluss Österreichs und der Mobilmachung in der Tschechoslowakei flieht Kokoschka mit Olda Palkovska im Oktober 1938 nach London. «OK has made some beautiful pictures [...], but of course all our future plans collapsed with war and market is practically none now»berichtet diese ihren Eltern 1939 aus dem Fischerort Polperro. In Cornwall und Schottland entstehen Buntstiftzeichnungen und lyrische Aquarelle.

Am 15. Mai 1941 heiratet das Paar in einem Londoner Luftschutzkeller.

Während des Kriegs engagiert sich Kokoschka mit Aufsätzen, Reden, und allegorischen Bildern wie «What We Are Fighting For». Er ist Mitgründer und Präsident des antifaschistischen Freien Deutschen Kulturbunds und unterstützt Hilfswerke. Nach der tschechischen (1938) wechselt das Ehepaar Kokoschka 1947 zur britischen Staatsbürgerschaft.

Aus Kokoschkas Buntstift-Phase: humorvolle Buchwidmung für sein schottisches Modell Minona McEwen (1929-2013) (ZBZ, Ms. Z VI 715 / Bild: © Fondation Oskar Kokoschka / 2021, ProLitteris)

1946-1952

Die Nachkriegsjahre

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erhält Oskar Kokoschka wieder häufiger Porträtanfragen. 1947 setzt er seine Reisetätigkeit auf dem europäischen Festland fort und kehrt auch in die Schweiz zurück. Ausstellungen und Lehraufträge führen ihn nach 1948 mehrmals in die USA.

In London realisiert er 1950 sein grösstes Gemälde: Das dreiteilige, an Barockmalerei anknüpfende Deckenbild «Die Prometheus-Saga» misst insgesamt 2,39 mal 8,17 Meter und bricht «mit Absicht alle Tabus [...], die heute internationale Geltung haben».

Nach dem Besuch der grossen Munch-Ausstellung in Zürich 1952 schreibt Kokoschka für die «NZZ» über dessen symbolischen Expressionismus – nicht ohne Seitenhieb gegen die «modische gegenstandslose Kunst».

Eine Postkarte vom 4. August 1949 an seine Ehefrau Olda in London zeigt Kokoschka beim Unterrichten in Pittsfield, USA (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 251.3 / Fotograf unbekannt)

1953-1980

Letzte Schaffensjahre in Villeneuve

In seinen letzten 27 Lebensjahren ist Oskar Kokoschka in Villeneuve VD stationiert. Er reist viel, beschäftigt sich mit der Antike, Griechenland, Theater und Oper und findet moderne Ausdrucksformen für eigene Erfahrungen und zeitbezogene Botschaften. Vehement setzt er sich für ein humaneres Europa ein.

1953 gründet er mit dem Kunsthändler Friedrich Welz in Salzburg die Internationale Sommerakademie, wo er bis 1963 den Kurs «Schule des Sehens» leitet. 1955 lanciert er in Sion eine zweite «Schule des Sehens».

1974 wird der mit Ehrungen und Aufträgen umworbene Künstler wieder österreichischer Staatsbürger. Wegen nachlassender Sehkraft gibt er Ende 1976 das Zeichnen auf. Er stirbt am 22. Februar 1980 im Spital von Montreux.

Oskar und Olda Kokoschka im Schatten ihrer Villa Delphin in Villeneuve VD. Grusskarte an Walter Kern, Ende 1954 (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 275.3 / Fotograf unbekannt)

Sammlungen und Dokumentationen

Eine der über 590 Reisepostkarten von Oskar Kokoschka. Er markierte seinen Malplatz in Tunis rechts aussen: «Ich male auf dem Dach, wo ein Zeichen darauf ist.» 10. Januar 1928 (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 205.1.7)

Der Nachlass enthält verschiedene Sammlungen und Dokumentationen des Ehepaars Kokoschka, die mehr oder weniger vorsortiert an die ZB Zürich gelangten, darunter:

Oskar Kokoschka live

Oskar Kokoschka mit Teilnehmenden seiner «Schule des Sehens» an der Internationalen Sommerakademie in Salzburg, um 1954 (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 275.10 / Foto: © Internationale Sommerakademie Salzburg)

Haben wir Ihr Interesse für den Künstler Oskar Kokoschka und seine Lebensspuren in der Zentralbibliothek Zürich geweckt? Möchten Sie vor Ort einen Einblick in das Universum Kokoschka erhalten? Auf Anfrage führt die Nachlassbearbeiterin Monica Seidler-Hux Präsentationen für Gruppen ab zehn Personen durch. Bitte melden Sie sich bei uns:

Monica Seidler-Hux

monica.seidler-hux@zb.uzh.ch

Recherchehilfe

Sind Sie auf der Suche nach Kokoschkas Spuren? Der schriftliche Nachlass von Oskar und Olda Kokoschka kann im Archivportal zbcollections.ch durchsucht und im Handschriftenlesesaal eingesehen werden. Als Einstieg haben wir ein Merkblatt zusammengestellt. Bei Fragen wenden Sie sich bitte direkt an die Handschriftenabteilung:

Urheberrecht

Ein Beispiel für Oskar Kokoschkas oft skurrile Briefzeichnungen: «Ein Affe schaut den andern an», Sommer 1926 (ZBZ, Nachl. O. Kokoschka 51.1)

Der vorliegende Text wurde von Monica Seidler-Hux, Kunsthistorikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Handschriftenabteilung, auf Grundlage der im Merkblatt zur Recherche aufgeführten Standardliteratur und von Originaldokumenten im Nachlass verfasst.

Kokoschkas Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Copyright liegt bei der Fondation Oskar Kokoschka, Vevey / 2021, ProLitteris, Zürich. Sämtliche Reproduktionen sowie jede andere Nutzung ohne Genehmigung durch ProLitteris – mit Ausnahme des individuellen und privaten Abrufens der Werke – ist verboten. Copyright der übrigen Abbildungen (Dokumente, Fotos) gemäss Bildnachweis.

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Monica Seidler-Hux, wissenschaftliche Mitarbeiterin Handschriftenabteilung


Header-Bild: Oskar Kokoschka, «Selbstbildnis», Fiesole 1948 (© Fondation Oskar Kokoschka / 2021, ProLitteris)