«Wie lauter Gold funkelten die Strahlen der Maisonne…»
KI-Transkriptionen des einzigen überlieferten Werkmanuskripts von Johanna Spyri korrigieren
Mit ihrem Roman «Heidi» (1879) hat Johanna Spyri (1827–1901) ein Stück Weltliteratur geschaffen und wurde international bekannt. Ihre zahlreichen Werke erschienen schon zu ihren Lebzeiten in mehrfachen Auflagen. Von den Manuskripten jedoch fehlt heute jede Spur. Nur ein einziges ist überliefert.
Es handelt sich um das Fragment einer bisher unveröffentlichten Erzählung von 112 Seiten, deren erstes Kapitel den Titel «Ein stilles Haus» trägt. Ein zweites kurzes Fragment von wenigen Seiten gehört möglicherweise als Variation des Anfangs zur gleichen Erzählung. Die Papierbögen sind mittig gefaltet und nur rechtsspaltig beschrieben, um links Platz für Korrekturen zu lassen. Sie bieten die einzigartige Möglichkeit, der Autorin während des Schreibprozesses gleichsam über die Schulter zu schauen.
2027 feiern wir den 200. Geburtstag von Johanna Spyri. Das ist die Gelegenheit, sie neu zu entdecken. Im Jubiläumsjahr soll das Manuskript als Leseausgabe veröffentlicht werden. Die ZB lädt Sie herzlich dazu ein, an der Erstellung der Textgrundlage mitzuwirken und die Geschichte des kleinen Mädchens Xanderli, der unzertrennlichen Freunde Chim und Max, von Max’ Geschwistern Wally und Helmi sowie die bewegenden Schicksale von Frau Käthe und dem alten Baron aus der Archivschachtel lebendig werden zu lassen.
Die Kampagne ist Teil des strategischen Schwerpunkts Citizen Science der Zentralbibliothek Zürich.
Anleitung
Dieses Video-Tutorial bietet eine Einführung in die Grundlagen zum Transkriptionstool auf e-manuscripta.ch.
Dieses Video-Tutorial bietet eine Einführung in das Arbeiten mit dem Editor von e-manuscripta.ch.
Im PDF «Wichtige Grundsätze für das Arbeiten mit dem neuen Editor» finden Sie wichtige Hinweise zur Bearbeitung der Rohtranskriptionen des Werkmanuskripts von Johanna Spyri, insbesondere zum Umgang mit den zahlreichen Streichungen und Korrekturen.
In der Übersicht der Schreibschrift Johanna Spyris finden Sie Beispiele zu den einzelnen Buchstaben ihrer Handschrift.
Sie gelangen direkt zu den einzelnen Manuskript-Seiten auf e-manuscripta.ch, indem Sie die einzelnen Kästchen im Fortschrittsdiagramm anklicken. Die ersten zwei Seiten des Manuskripts sind bereits abgeschlossen und können als Muster genutzt werden.
Sie sind eingeladen, Ihre Transkriptionskorrekturen jeweils möglichst bei den Kapitelanfängen zu beginnen.
Die Erfolgsautorin Johanna Spyri
Die zeitgenössische Literaturkritik nannte sie «Frau Gottfried Keller»: Johanna Spyri (1827–1901), als Tochter der pietistischen Dichterin Meta Heusser-Schweizer und des Landarztes Johann Jakob Heusser in Hirzel geboren, lebte nach ihrer Heirat mit dem späteren Stadtschreiber Johann Bernhard Spyri in Zürich, wo sie sich u. a. für die Mädchenbildung engagierte. Als Schriftstellerin etablierte sie sich erst in der zweiten Lebenshälfte und veröffentlichte in ihrer literarisch produktivsten Phase Kinder- und Jugendbücher im Jahrestakt. «Heidi» erschien 1879 und machte sie weltberühmt.
Das Johanna Spyri-Archiv des SIKJM (Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien) zählt seit 2023 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Es bewahrt Literatur und Zeugnisse zu Leben und Werk der Autorin und enthält neben Briefen, Fotografien und Familiendokumenten auch die beiden zu transkribierenden Manuskripte. Die handschriftlichen Dokumente werden seit 2011 als Depositum in der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrt. Seit 2025 sind sie auf e-manuscripta.ch digital zugänglich.
Die Manuskriptfragmente Johanna Spyris
Manuskript 1: Ein stilles Haus
Das Manuskript umfasst fünf Kapitel einer weitverzweigt angelegten Geschichte mit verwickelten Erzählsträngen, deren Auflösung fehlt, da sie unvollendet geblieben ist. Die Schauplätze wechseln vom Genfersee, wo der Anfang der Erzählung spielt, nach Interlaken. «Das stille Haus» ist genaugenommen nur die Überschrift des ersten Kapitels, die jedoch, da ein Titel fehlt, für das gesamte Fragment verwendet wird. Ein zweites, weit kürzeres Fragment von 7 Textseiten gehört vermutlich zur gleichen Geschichte und könnte eine Variation des Anfangs sein (hierzu und zur nachfolgenden Inhaltsangabe vgl. Willy Hess 1977).
Kapitel 1 (S. 1-19): «Ein stilles Haus»
Szene am Genfersee, ein stilles, altes Landgut mit Blick auf die Savoyer Alpen: In einem Gespräch zwischen der jungen Lorette und der alten Wirtschafterin des Hauses wird die Geschichte des alten Barons aufgerollt, der das Gut bewohnt. Seine drei Söhne hatte er für die militärische Laufbahn vorgesehen. Der jüngste wollte lieber Maler werden und verliess den Vater, die beiden anderen starben.
Kapitel 2 (S. 19-34): «Frau Käthe reist auch»
Szenenwechsel nach Interlaken: Frau Käthe, Witwe eines Bergführers, ist zusammen mit ihrem Pflegetöchterchen Xanderli unterwegs zur Familie des Professors Fabrizius. Diese bewohnt ein Sommerhäuschen im Berner Oberland. Frau Käthe half Jahre zuvor beim Einrichten. Die Kinder des Professors, Helmi, Max und Wally, sind befreundet mit Frau Käthes Sohn Chim; insbesondere Max und Chim sind unzertrennliche Freunde.
Kapitel 3 (S. 34-81): «In der Familie vom Herrn Professor»
Frau Käthe trifft Max und Chim im Garten des Professors. Sie will ihren Sohn Chim abholen, damit dieser bei ihrem Bruder das Handwerk eines Sennen erlernt, obschon er lieber in die Fussstapfen des Vaters treten und Bergführer werden möchte. Im Gespräch wird die Geschichte von Xanderli angesprochen. Sie ist die Tochter eines deutschen Malers, der mit seiner todkranken Frau einst bei Frau Käthe wohnte. Nach dem Tod der beiden Eltern nahm Frau Käthe Xanderli bei sich auf. Dieses Kapitel enthält die Schilderung einer Szene am Familientisch, in welcher eine Dame erwähnt wird, die aus gesundheitlichen Gründen zur Familie des Professors ins Berner Oberland kommen soll (siehe Manuskript 2).
Kapitel 4 (S. 81-107): [Chim und Xanderli wandern]
Chim und Xanderli auf Wanderschaft zur Feier des Abschieds von Interlaken: Chims Leidenschaft für die Berge und den ersehnten Beruf kommen zur Sprache.
Kapitel 5 (S. 107-112): «Am Festtag»
Dieses Kapitel ist unvollständig. Es spielt am Geburtstag des Professors. Helmi berichtet von seinen Streifzügen und der Begegnung mit dem alten Baron, der ihm unheimlich war.
Manuskript 2: Fragment einer Erzählung
Kapitel 1 (S. 1-7): [An der Steige]
Helmi und seine Geschwister sind in diesem Fall die Kinder einer Pfarrersfamilie in Interlaken. Die Tochter einer Freundin des Hauses soll ins Berner Oberland kommen, um sich gesundheitlich zu erholen und gleichzeitig als Erzieherin für die Kinder zu wirken. Dieses Fragment weist Bezüge zu Kapitel 3 auf (siehe oben).
Fortschritt
Manuskriptfragment 1
| 71 Seiten zu korrigieren (59 %) | |
| 37 Seiten in Arbeit (31 %) | |
| 12 Seiten abgeschlossen (10 %) | |
Veranstaltungen
Workshop zum Spyri-Manuskript
Am Samstag, den 11. April 2026, veranstalteten wir im Seminarraum C der Zentralbibliothek Zürich einen Workshop zum gemeinsamen Korrigieren des Spyri-Manuskripts. Vielen Dank allen Teilnehmenden für ihr Engagement!
Allgemeine Einführung ins Transkriptionstool von e-manuscripta.ch
Ausserdem bieten wir eine allgemeine Einführung ins Transkriptionstool von e-manuscripta.ch an. In dem zweistündigen Workshop lernen Sie, wie Sie KI-basierte Transkriptionen korrigieren und ergänzen können, um digitalisierte Handschriften besser zugänglich zu machen. Der Workshop eignet sich zum Einsteigen ebenso wie für Personen, die bereits Erfahrungen mit dem Transkriptionstool gesammelt haben und ihre Kenntnisse auffrischen möchten. Er wird dreimal durchgeführt.
Termine:
Donnerstag, 16. April 2026, 12 bis 14 Uhr
Ort: Zentralbibliothek Zürich, Seminarraum C
Editionsprojekt zum Jubiläumsjahr: Die Erstausgaben von Johanna Spyri
In einem neuen Editionsprojekt im Hinblick auf das Jubiläum 2027 baut die ZB zusammen mit externen Partnerinnen eine digitale Edition der Erstausgaben von Johanna Spyris Werken auf. Diese versammelt erstmals sämtliche Erzählungen und Romane der Schweizer Autorin und macht sie an einem Ort zugänglich. Sie kommt damit dem dringlichsten Desiderat der Spyri-Forschung nach: einen gesicherten Text der Werke Spyris zu erstellen, der bislang fehlte.
Kontakt
Haben Sie Fragen/Anmerkungen zum Projekt? Melden Sie sich bei uns! Wir sind gerne für Sie da.
Header-Bild: © Naomi Wenger / Johanna Spyri-Archiv, SIKJM