100 manuelle Transkriptionen als Grundlage für die Künstliche Intelligenz

29.06.2022

Die Künstliche Intelligenz hat auch im Bereich der Editionswissenschaften Einzug gehalten und vermag mittlerweile recht gut Handschriften aus dem 18./19. Jahrhundert automatisch zu erkennen. Gemeinsam mit der Zentralbibliothek können Sie dazu beitragen, ein digitales Editionsprojekt vorzubereiten: Wir benötigen bis Ende Jahr 100 manuelle Transkriptionen von Briefen von Hans Georg und Hermann Nägeli. Die ZB bewahrt die Korrespondenz und den Nachlass der beiden auf.

Einflussreicher europäischer Musikverleger, Komponist und Musikpädagoge

Im kommenden Jahr soll zum 250. Geburtstag von Nägeli ein gross angelegtes Digitalisierungs- und Editionsprojekt der Korrespondenz von Hans Georg Nägeli (1773–1836) und seines Sohnes Hermann Nägeli (1811–1872) starten. Das Projekt ist unter der Leitung von PD Dr. Louis Delpech in enger Zusammenarbeit mit dem Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich geplant.

Hans Georg Nägeli, der «Sängervater» aus Zürich (1773-1836) Hermann Nägeli (1811-1872)















Hans Georg Nägeli gilt bis heute als eine der herausragendsten Persönlichkeiten nicht nur der Zürcher, sondern gar der europäischen Musikgeschichte. Er druckte 1794 als erstes eigenes Verlagsprodukt sein bis heute noch gesungenes Arrangement des Gesellschaftslieds «Freut euch des Lebens», verfasste bedeutende musikalische Lehrwerke und gab Musikstücke von Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven oder Georg Friedrich Händel erstmals heraus. Mit der Gründung seines «Singinstituts» setzte er sich für den Aufbau eines alle Volksschichten umfassenden Chorwesens ein und ermunterte seine Zeitgenossen eifrig dazu, weitere Kinder- und Männerchöre zu gründen. Darüber hinaus schrieb er Hunderte von Vokal- und Chorwerken und erhielt dafür schon bald den Übernamen «Sängervater». Nägeli war aber nicht nur Komponist, Musikverleger und Pädagoge mit europaweitem Renommee; ebenso engagiert trat er auch als Schriftsteller und Politiker in Erscheinung. Ab 1831 wirkte er bis zu seinem Tode als Zürcher Erziehungs- und Grossrat. Sein Sohn Hermann Nägeli setzte als Geschäftsnachfolger die Tätigkeiten seines Vaters fort. 

3’000 Nägeli-Briefe in der ZB

Der Nachlass von Hans Georg Nägeli gehört zu den bedeutendsten musikhistorischen Nachlässen der ZB. Rund 3000 Briefe haben sich in unserem Bestand erhalten und bezeugen die verschiedenen Facetten der Tätigkeiten und Interessen. Neben privaten Mitteilungen finden sich viele geschäftliche Korrespondenzen darunter, die er mit europäischen Musikverlagen, Pädagogen im Umfeld von Johann Heinrich Pestalozzi, international bedeutenden Musikern und musikalischen Gesellschaften austauschte. Sein Sohn Hermann fertigte Abschriften von Briefen an, korrespondierte jedoch auch selbst. Die Privat- und Geschäftskorrespondenz der beiden bietet die einzigartige Möglichkeit, das musikalische Selbstverständnis der Schweiz um 1800 und die europäische Reichweite von Zürcher Netzwerken aus musikhistorischer Perspektive kennenzulernen.

Seien Sie Wegbereiter der ersten digitalen Nägeli-Edition!

Zu den wichtigen ersten Arbeiten für die digitale Edition gehört es, eine gewisse Anzahl transkribierter Briefseiten als Trainingsmaterial zu erstellen. Hierfür bitten wir Sie um Ihre Unterstützung! Im Transkriptionstool von e-manuscripta.ch erstellen Sie Ihre Abschrift vom Digitalisat des Briefes und schicken diese zur Freigabe an die Redaktion. Die Transkriptionen werden zunächst auf e-manuscripta.ch aufgeschaltet. Anschliessend sollen diese vom Editionsteam dazu genutzt werden, mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz ein Handschriftenerkennungsmodell zu erstellen, das es erlaubt, die weiteren Briefe der beiden Nägelis und ihrer Korrespondenzpartner automatisch zu transkribieren. In der englischen Fachterminologie nennt man dieses Verfahren «Handwritten Text Recognition», abgekürzt «HTR».

Screenshot aus dem Videotutorial «Transkribieren auf e-manuscripta.ch»

Transkribieren Sie mit uns Nägeli-Briefe

Wir laden Sie hiermit ein, zusammen mit uns ausgewählte Briefe von Hans Georg und Hermann Nägeli zu transkribieren. Bereits haben wir 50 Briefe von Hans Georg digitalisiert und auf e-manuscripta.ch zur Transkription freigeschaltet. Davon sind schon 23 Briefe fertig transkribiert oder in Arbeit. Ab heute, dem 29.6. werden wir dort wöchentlich fünf Briefe von Hermann Nägeli publizieren. Unser Ziel ist es, bis Ende Jahr von beiden Nägelis je 50 Briefe zu transkribieren. Weitere Informationen zu den Briefen und zum Transkribieren finden Sie hier.



Abteilungsleiter Digitale Produktion und Plattformen











Zürcher Familiengeschichte – Der «Keller-Escher» wird digital

15.06.2022

In Zürich gibt es eine lange Reihe alter Bürgergeschlechter, deren Angehörige die Geschichte der Stadt seit dem Mittelalter prägten. Zürcher Bürgersinn hat deswegen schon früh die Erforschung der Geschichte der einzelnen Familien und ihrer Mitglieder befördert. Besonders dabei hervorgetan hat sich Carl Keller-Escher, 1851-1916, aus dem alten Geschlecht der Keller vom Steinbock. Der rührige Familienforscher hat die Stammbäume und Abstammungslinien von über 250 Altzürcher Familien von Aberli bis Zoller akribisch erforscht und handschriftlich aufgezeichnet. In sieben grossformatigen Bänden mit dem etwas sperrigen Titel «Promptuarium genealogicum» finden sich die Ergebnisse seiner Recherchen. Die meisten heutigen Benutzenden reden einfach nur vom «Keller-Escher». Nach dem Tod des Forschers 1916 schenkte seine Witwe Anna Maria, geborene Escher vom Glas, das Werk der gerade erst eröffneten Zentralbibliothek. Die Bände werden heute in der Handschriftenabteilung aufbewahrt.


Carl Taeschler-Signer, Basel, 1835-1917: Doppelporträt Carl Keller-Escher mit seiner Verlobten, Anna Maria (Ausschnitt), Fotografie, vermutlich 1879, Albuminabzug auf Vistikarte, 9,5 x 5,8 cm.


Wer aber war Carl Keller-Escher? Im Organ der Schweizerischen Heraldischen Gesellschaft ist nach seinem Tod ein Nachruf erschienen, der einen guten Überblick über seine Forschungen auf dem Gebiet der Genealogie und der Heraldik gibt.

Allerdings war Carl Keller-Escher im Hauptberuf Pharmazeut: Von 1879 bis 1904 amtete er als Zürcher Kantonsapotheker. Die unten abgebildete Dankesurkunde vom Apothekerverein des Kantons Zürich aus dem Jahr 1904, zu Kellers 25-jährigem Jubiläum und Rücktritt von seinem Amt angefertigt, zeigt uns, wie gross sein Ansehen auch als Naturwissenschaftler war.


Kaligr. v. Gebrüder Fretz, Zürich: Urkunde für Carl Caspar Keller. Zeichnung, Feder, Pinsel, Goldfarbe, weiss gehöht ; 33,8 x 19 cm.


In seiner Freizeit war Carl Keller-Escher ein passionierter Fotograf. Auf www.e-manuscripta.ch finden sich heute etliche von ihm angefertigte Aufnahmen. Die erhaltenen Beispiele datieren fast alle aus dem Jahr 1891: Die seltene «Seegfrörni» – das komplette Überfrieren des Zürichsees – war damals der Anlass für vielfältige Vergnügungen und ein reges Stelldichein der Zürcherinnen und Zürcher auf der Eisfläche vor der Stadt. Für einen Fotografen war das natürlich ein gefundenes Fressen. Auch manche Zürcher Prominente der damaligen Zeit kamen ihm dabei vor die Linse, z.B. Schulpräsident Heinrich Paulus Hirzel.


Schulpräsident Hirzel (in der Bildmitte) samt Spaziergängern und Schlittschuhläufern auf dem gefrorenen Zürichsee im Jahr 1891. Fotografie, Silbergelatineabzug, 8,1 x 11,4 cm.


Am Beispiel von Schulpräsident Hirzel zeigt sich in exemplarischer Weise die Bedeutung, die Carl Keller-Eschers genealogischen Forschungen heute noch zukommt: Die sogenannte «Gemeinsame Normdatei» (GND), die zentrale Nachweis- und Norm-Datenbank für Personen, Körperschaften, Kongresse, Geografika, Sachschlagwörter und Werktitel, führt als Quelle für die ausführlichen Personendaten zu Heinrich Paulus Hirzel das Werk von Carl Keller-Escher an.

Der Forscher legte dieses heute unersetzliche Nachschlagewerk nicht zum Selbstzweck an. Es war ihm Quelle für verschiedene Auftragswerke, gedruckte Monographien – etwa zur Geschichte der Familie Grebel oder den Escher vom Glas. Auch diente es ihm als Grundlage zur Beantwortung familiengeschichtlicher Anfragen. In den Jahren nach Keller-Eschers Tod waren die Bände, nun öffentlich zugänglich in der Zentralbibliothek Zürich, nicht nur für Familienforschende, sondern für alle, die sich mit Zürcher Geistes- und Kulturgeschichte befassen, unverzichtbar. Leider hat die intensive Benutzung über mehr als 100 Jahre Spuren hinterlassen. Einband und Papier sind heute stark geschädigt. Um den «Keller-Escher» auch in Zukunft zu bewahren, ihn aber zugleich unseren Nutzerinnen und Nutzern bestmöglich zur Verfügung stellen zu können, haben wir die Bände digitalisiert und auf www.e-manuscripta.ch veröffentlicht:

Band 1 (A bis B), Band 2 (C bis F), Band 3 (G bis Holzhalb), Band 4 (H bis Lavater), Band 5 (Leemann bis Nüscheler), Band 6 (O bis Schulthess), Band 7 (Sp bis Z)

Das Layout der Bände ist doppelseitig angelegt. Jeweils rechts beginnt der Haupteintrag zu einer neuen Familie. Zunächst wird meist ein kurzer Abriss der jeweiligen Familiengeschichte gegeben. Handelt es sich um eine grössere Familie, findet sich eine schematische Darstellung des Stammbaums. Danach werden in aufsteigender Zählung die (männlichen) Namensträger genannt; Ehefrauen und Kinder folgen, soweit bekannt. Die Nummerierung der Personen ist durchgehend. Von der eigentlichen Personennummer mit einem Punkt abgetrennt ist die als Verweis hinzugefügte Nummer des Vaters.


Ms Z II 1, Seite 640-641: Stammbaum und Geschichte der Familie Bürkli.


Da heute nicht alle Interessierten die altertümliche Handschrift Keller-Eschers ohne Schwierigkeiten entziffern können, möchten wir den Text mit der Hilfe von Lesekundigen im Transkriptionstool von e-manuscripta transkribieren und online für alle zur Verfügung stellen.

Wollen auch Sie mithelfen? Bringen Sie mit uns die Stammbäume von Stadtzürcher Geschlechtern wie den Bosshard, Erni, Füssli, Keller, Pestalozzi oder Stucki ins Internet!

Erfahren Sie mehr an unserem Workshop vom 2. Juli 2022.

Das Projekt ist Teil des strategischen Schwerpunkts Citizen Science der Zentralbibliothek Zürich.

Haben Sie Fragen/Anmerkungen zum Projekt? Melden Sie sich bei uns!






Stv. Leiter Handschriftenabteilung


Handschriftenabteilung











Der Stammbaum spricht ...

... ein etwas anderer Einblick in die Bestandserhaltung

31.05.2022

Thomas Raff schreibt in seinem Buch «Die Sprache der Materialien», dass, «wer die Aussage eines Kunstwerkes verstehen will, auch die Sprache seiner Materialien verstehen muss. »

Im letzten Jahr fand ein eher ungewöhnliches Objekt in unserem Alltag von Büchern und Briefen seinen Weg in die Werkstatt der Bestandserhaltung, der Stammbaum der Familie Simmler.

Wenn auch nicht unter dem Gesichtspunkt der Ikonologie von Werkstoffen oder einer Katalogsbeschreibung wurde während der Restaurierung die Sprache der Materialität dieses Objektes zu einem geflügelten Wort.

«Der Stammbaum spricht!»

Wir liessen uns von der Sprache der Materialität leiten, daraus wurde eine Art Kommunikation, ein Zuhören, Spüren und Finden des Weges. Daran würden wir Sie gerne teilhaben lassen.


Ausgangspunkt

Der Stammbaum kam in die Werkstatt, grossformatig, angegriffenes Papier, mit Gewebe doubliert, wie eine Karte mit Holzstangen versehen, gerollt und handgemalt. Das Objekt hing mit Sicherheit einige Jahre wie eine Schulkarte ungeschützt in einem Raum und zeigte deutliche Schäden.

Was damit tun? Wie es aufbewahren?

Laut Auskunft der Handschriftenabteilung ist der Stammbaum wahrscheinlich zwischen 1700 und 1710 entstanden und ist durch die Hochzeit von Catharina Simmler mit Hans Jacob Fäsi im Jahr 1749 in den Besitz der Familie Fäsi gelangt. 2019 wurde er mit einer familiengeschichtlichen Sammlung der Familie Fäsi in die ZB transferiert.


Wie sieht das Objekt aus? Von was reden wir?

Um eine Restaurierungsvorgehensweise festzulegen, ist es vorab wichtig zu definieren, in welchem Zustand sich das Objekt befindet und was das Ziel ist.

Der Stammbaum im Format 101 cm x 111 cm wurde auf 6 Einzelblätter, die auf einer Leinwand zu einem grossen Format geklebt wurden, gemalt. Die Schriftfelder wurden mit Eisengallustinte beschrieben. Dargestellt ist ein Baum mit Ästen und Verzweigungen, eine Landschaft im Hintergrund und verschiedene Personendaten mit entsprechenden Wappen. Die linke und die rechte Kante wurden mit einem 1 cm breiten, schwarzen Rand versehen. An der oberen und unteren Kante war je ein Holzstab angebracht, um den Stammbaum aufhängen zu können.

Er ist ein Unikat und besitzt eine Wichtigkeit für die familiengeschichtliche Sammlung.

Er hing wahrscheinlich für eine gewisse Zeit ungeschützt in einem Wohnraum und wurde später gerollt aufbewahrt. Beides hat neben den alterungsbedingten Schäden mechanische Schäden hervorgerufen. Um das Objekt in der ZB lagern zu können, sollte es gesichert und möglichst adäquat verpackt werden.


Schadensbild

Man findet Oberflächenschmutz und Staub. Das Papier ist generell sehr fragil, an manchen Stellen abgebaut. Alle Kanten, die schwarz eingefasst sind, weisen Risse, Knicke und Fehlstellen auf.

Durch die gerollte Lagerung sind Risse, Knicke und sich ablösende Partikel entstanden. Auch durch das Rollen wurden Quetschfalten verursacht.

Es gibt eine grosse Fehlstelle in der oberen Mitte und viele Risse im Bereich der angebrachten Holzstangen.

Auf der Rückseite finden sich alte Reparaturen in Form von Flicken aus Leinen, gummierten Packpapier und Selbstklebestreifen.

Die gesamte Karte ist leicht bräunlich und die Farben sind ausgebleicht. Wasserlöslichkeitstests (siehe Foto) ergaben, dass die rote Farbe wasserlöslich ist, blau und grün sind wasserempfindlich.

Im Bereich der Tinte liegt Tintenfrass vor.

Was sagt uns der Stammbaum also hier? Die Schäden sind so hervortretend, dass sie vor einer endgültigen Lagerung in der ZB behandelt werden müssen. Durch die Wasserempfindlichkeit des Objektes sollte möglichst trocken gearbeitet werden.


Restaurierungsvorgehen

Das Format, die Doublierung, die Wasserempfindlichkeit und die Papierschäden sind zusammen betrachtet eine grosse restauratorische Herausforderung. Die Vorgehensweise geschieht Stück für Stück, in kleinen Schritten. Entsprechend kann man immer in der Aufmerksamkeit, wie sich das Objekt verhält (hier das Papier, das Gewebe und die Farben), sofort reagieren und sich auf neue Begebenheiten einstellen.


Schritt 1: Lösen der Holzstangen und Schritt 2: Trockenreinigung

Diese ersten 2 Schritte waren problemlos durchführbar und leiteten uns zu:


Schritt 3: Lösen der Leinwand, Entfernung alter Leimreste und sofortiges Schliessen der Risse mit Japanpapier und Unterfassen von Knickstellen und Quetschfalten

Wegen des Schadens und der Wasserempfindlichkeit arbeiteten wir in Quadraten von 2 cm x 2 cm bis zu 4 cm x 4 cm an den verschiedenen Enden des Objektes. Das Gewebe wurde möglichst trocken gelöst, der Leim mit einem Kissen, welches kontrolliert die Feuchtigkeit abgibt, angelöst und mit einer Skalpellspitze Millimeter für Millimeter abgehoben. Das Papier trockneten wir sofort mit einem Glättkolben oder leicht beschwert, schlossen dann die Risse von hinten und unterfassten die Knicke und Falten bevor wir die Nachbarstelle bearbeiteten.

Wie lange braucht man zum Anlösen der jeweiligen Stelle? Was passiert mit der Farbe während der Feuchtigkeitszufuhr? Wie reagiert die unterschiedlich abgebauten bzw. geschädigten Papierstellen? Wie die Falten? Wie die Risse? Was sagt der Stammbaum? Was sagt das Material?

Immer wieder musste reagiert werden…eine zusätzliche Schutzschicht, um die rote Farbe zu fixieren…eine spezielle Trocknungstechnik…länger warten…schneller vorgehen…in noch kleineren Quadraten arbeiten…Anlösetechnik ändern…Geduld und immer wieder: Hör dem Stammbaum zu!


Nachdem das Objekt in der Form gesichert war, folgte Schritt 4: Ergänzung der Fehlstellen, um wieder eine Materialebene schaffen zu können.


Schritt 5: Kaschieren in 6 Stücken aus Japanpapier

Wieder ein herausfordernder Arbeitsschritt! Die Kaschur ersetzt die Leinwand. Um eine bessere Kontrolle zu haben, kaschierten wir das Objekt in 6 Etappen.



Die Herausforderung: Unterschiedliches Dehnungsverhalten bei der Feuchtigkeitszufuhr, Gefahr der Bildung von Falten und unterschiedlichen Spannungsverhältnissen, wellige Objektoberfläche, Feuchtigkeitsempfindlichkeit der Farben.

Immer wieder mussten wir während des Arbeitsprozesses prüfen, wie das Objekt reagiert und eventuell einen zusätzlichen Arbeitsschritt einfügen.


Schritt 6: Spannen

Nach dem Schliessen der Risse und dem Ergänzen der Fehlstellen wies der Stammbaum viele wellige Stellen auf. Um ihn plan legen zu können, wurde der Stammbaum nun durch gezieltes Feuchten und Trocknen mit Hilfe eines Spannrandes unter Spannung auf einem Brett gespannt.

Diesen Prozess muss man je nachdem bis zum gewünschten Ergebnis mehrmals wiederholen.


Schritt 7: Da das Objekt unter anderem von seiner Bildsprache geprägt ist, entschlossen wir uns zu einer Retusche der hervorstechenden Fehlstellen, um wieder ein Gesamterlebnis zu erlauben.

Der schwarze Rand wurde nicht retuschiert, da die farblichen Lücken dort nicht zu einer Entfremdung der Gesamtaussage führen, sondern die Geschichte des Schadens erzählt.


Schritt 8: noch auszuführen; Montage für endgültige Lagerung


Abschluss

Somit ist die Restaurierung des Stammbaums abgeschlossen.

Das Verständnis der Materialität und das sich darauf Einlassen spielte eine grosse Rolle, um die Restaurierung gelingen zu lassen.


Bestandserhaltung











Rahn transkribieren

19.04.2022

Am 7. Mai startet mit einem Workshop das Transkriptionsprojekt der Briefe von Johann Rudolf Rahn, dem Vater der Schweizer Kunstgeschichte und Denkmalpflege.

Ernst Stückelberg (1831–1903), Porträt Johann Rudolf Rahns im Alter von 36 Jahren, 1877, Öl auf Leinwand, Privatbesitz


Vater der Schweizer Kunstgeschichte und Denkmalpflege

Zehn Jahre nach der grossen Retrospektive zum 100. Todesjahr von Johann Rudolf Rahn (1841–1912) ist die Bevölkerung eingeladen zu helfen, seine handschriftliche Korrespondenz in Druckschrift zu übertragen. Rahn entstammt einem alteingesessenen Zürcher Zunftmeister- und Ratsherrengeschlecht. Aufgrund seiner Hauptschrift, der Geschichte der bildenden Künste in der Schweiz (1873–1876), gilt er heute als Vater der Schweizer Kunstgeschichte. 1878 wurde er ordentlicher Professor der Kunstgeschichte an der Universität Zürich; 1883 erhielt er zusätzlich das Ordinariat am Polytechnikum, der heutigen ETH Zürich. Seine nach Kantonen geordnete Statistik der Schweizer Kunstdenkmäler (1872–1888) markierte den Beginn einer flächendeckenden Inventarisierung schweizerischer Kulturgüter. Rahn gilt deswegen als Mitbegründer der Denkmalpflege in der Schweiz, zumal er 1880 die Vaterländische Gesellschaft für Erhaltung historischer Denkmäler, die heutige Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK), mit initiierte. Darüber hinaus war Rahn ein talentierter Zeichner, dessen Œuvre rund 5’000 Blätter umfasst. Diese geben in dokumentarischer Intention meist historischen Bauten und architektonische Details wieder.

Johann Rudolf Rahn, Fresken an der Südwand in St. Arbogast in Oberwinterthur, 1877, Feder, aquarelliert, Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv


Briefe als wichtige Quellen

Trotz Rahns Bedeutung für die Entwicklung der Kunstgeschichte als eigenständige Forschungsdisziplin in der Schweiz ist seine Korrespondenz wissenschaftlich noch nicht aufgearbeitet. Da die Briefe prominente Adressaten wie die Universitätsprofessoren Carl Brun, Jacob Burckhardt, Paul Ganz und Josef Zemp, Repräsentanten der frühen Archäologie und Denkmalpflege wie Ferdinand Keller, Albert Naef, Robert Durrer und Theodor Vetter und Vertreter des Sammlungswesens wie Heinrich Angst und Heinrich Zeller-Werdmüller umfassen, kann davon ausgegangen werden, dass sich aus den Korrespondenzen wichtige Erkenntnisse über die Anfänge der Denkmalpflege in der Schweiz, über die Entwicklung des Faches Kunstgeschichte an den hiesigen Universitäten, über das Museumswesen des jungen Bundesstaates wie auch über die Genese der Publikationen Rahns gewinnen lassen.

Anonym, Porträt Robert Durrer, um 1934, Photogravüre, Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv


Transkribieren

Rahns Briefe umfassen auf knapp 10'000 Seiten einen Zeitraum von fast fünfzig Jahren, von April 1863 bis in den November 1911. Im Herbst 2021 wurden sie digitalisiert und auf e-manuscripta online veröffentlicht. Die Namensregister werden von Mitarbeitenden der ZB transkribiert, die Briefempfänger identifiziert und mit Hilfe der Gemeinsamen Normdatei GND beschlagwortet. Dies erlaubt den gezielten Zugriff auf Briefe an einzelne Korrespondenzpartner. Das Transkriptionstool von e-manuscripta bietet allen Interessierten die Möglichkeit, ausgewählte Briefe in Druckschrift zu übertragen, ihre Transkriptionen online zugänglich zu machen und so Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung zu stellen.


Johann Rudolf Rahn an Karl Bossard, 28. Oktober 1890



Leiter Graphische Sammlung und Fotoarchiv


Zugang zur Medienausleihe für Sans-Papiers

Bibliotheken sollen sich für mehr Offenheit in Wissenschaft und Gesellschaft einsetzen und den Zugang zu Information für die ganze Bevölkerung möglich machen. Bibliotheken sollen barrierefrei und inklusiv sein: Das heisst einen uneingeschränkten Zugang für alle Nutzenden gewährleisten, unabhängig von ihren Einschränkungen und eine gleichberechtigte Teilhabe an unseren Angeboten. Das betrifft nicht nur Menschen mit körperlichen Einschränkungen, sondern auch solche in prekären sozialen Verhältnissen wie zum Beispiel Sans-Papiers. 

Wer sind Sans-Papiers? 

Sans-Papiers sind Migrantinnen und Migranten ohne geregelten Aufenthaltsstatus. Über die Anzahl der Sans-Papiers in der Schweiz gibt es keine genauen Zahlen. Nach den aktuellsten Schätzungen leben alleine im Grossraum Zürich 19’000 Sans-Papiers. 

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum eine Person Sans-Papiers wird. Primäre Sans-Papiers haben nie einen Aufenthaltsstatus in der Schweiz besessen (zum Beispiel Personen mit verfallenem Touristenvisum, nicht bewilligter Familiennachzug, Einreise ohne Visum). Sekundäre Sans-Papiers haben aus unterschiedlichen Gründen ihre Bewilligung in der Schweiz zu leben verloren (zum Beispiel ehemalige Saisonniers oder Migrantinnen und Migranten mit abgelaufener Aufenthaltsbewilligung für eine Ausbildung). Mehr Informationen zu den Sans-Papiers findet man hier. 

Zusammenarbeit mit der PBZ und der SPAZ 

Die PBZ Pestalozzi-Bibliothek Zürich (PBZ) und Zentralbibliothek Zürich (ZB) führen in Zusammenarbeit mit der Sans-Papiers Anlaufstelle Zürich (SPAZ) den Zugang zur Medienausleihe für Sans-Papiers ein. Ab 1. April haben Sans Papiers Zugang zur Bücherausleihe beider Häuser. 

Bis anhin war die Einschreibung für ein Bibliothekskonto für Sans-Papiers in diesen beiden Institutionen nicht möglich, da ein gültiger amtlicher Ausweis für eine Mitgliedschaft nötig war. Ein Postulat des Gemeinderats der Stadt Zürich gab den Anstoss, nach Lösungen zu suchen, um auch Sans Papiers den Zugang zu Büchern und anderen Medien zu ermöglichen. 

Mit dieser nun gemeinsam ausgearbeiteten Regelung machen die PBZ mit ihren 14 und die ZB, als eine der grössten Schweizer Bibliotheken, einen weiteren Schritt, der ganzen Bevölkerung der Stadt Zürich und des Kantons Zürich Zugang zur Bücherausleihe zu ermöglichen. 


IK, Digitale Dienste & Entwicklung (IDE)


90 Jahre SJW-Hefte

„Wie fein, dass wir nun auch ein eigenes schweizerisches Jugendschriftenwerk besitzen!“, frohlockte die Schweizerische Lehrerinnenzeitung (S. 179-180) im Februar 1933 und stellte die erste Serie von zwölf Leseheften für Kinder vor, die im März 1932 im Schweizerischen Jugendschriftenwerk (SJW) erschienen war. Das 1931 gegründete SJW hatte es sich zum Ziel gesetzt, im Kampf gegen «Schund und Schmutz» dem jugendlichen Lesepublikum «gute» Literatur in Heftform zu einem günstigen Preis anzubieten (Abb. 1). Gegründet wurde es von Lehrpersonen und Jugendschriftstellern, Mitgliedern der Schweizerischen Jugendschriftenkommission und der Pro Juventute. Die Chefredaktion hatte von 1937 bis 1970 der Lehrer und Autor Fritz Aebli inne. Schon bald gab es die Hefte in den anderen Landessprachen, inzwischen sind auch Ausgaben in Englisch und in Brailleschrift erhältlich. Verkauft wurden die Lesehefte direkt an den Schulen durch die Lehrerschaft, wodurch ein effizientes und konstantes Vertriebsnetz gesichert war. Die Ausstellungsboxen für Schulen gibt es immer noch, die Leseförderung wird aber heute auch mit Lesungen von SJW-AutorInnen betrieben.

Abb. 1: SJW-Titelbilder zwischen 1932 und 1970
Obere Reihe: Der Klub der Spürnasen, (Nr. 1, 1932), Die Freundschaftsprobe (Nr. 22, 1933), Menschen im Schnee (Nr. 97, 1940), Die rote Mütze (Nr. 330, 1962), Arrivo il Circo! (Nr. 536, 1955)
Untere Reihe: Wilde Tiere (Nr. 1041, 1969), Summervögeli rot und blau (Nr. 840, 1964), Der Wolf (Nr. 540, 1955), Es Spyl vom Broot (Nr. 1076, 1970), Boulou-Kalari (Nr. 671, 1959)

Erklärter Feind des SJW war die sogenannte «Schundliteratur»: Billige, am Kiosk erhältliche Hefte über Abenteurer und Krimihelden wie Frank Allen und Harry Piehl, versehen mit auffälligen Umschlägen. Diese waren Verfechtern der «guten» Kinderliteratur wie Fritz Brunner, Schriftsteller und Mitbegründer des SJW, ein Dorn im Auge und galten als qualitativ und moralisch verwerflicher «Schmutz», dem man qualitätvolle Literatur entgegensetzen wollte. Neben der Auswahl von Schriften namhafter und beliebter SchriftstellerInnen wie Olga Meyer, Traugott Vogel, Fritz Wartenweiler oder Johanna Spyri galt es, das Lesepublikum durch eine auffallende, aber geschmackvolle und künstlerisch anspruchsvolle Gestaltung zu gewinnen.

Heft Nr. 1

Abb. 2: Gregor Rabinovitch, Der Klub der Spürnasen, 1932

Das Titelbild als Kaufhilfe und Eingangstor zum Leseerlebnis gleichermassen spielte eine wichtige Rolle, wie es am ersten SJW-Heft Der Klub der Spürnasen von Fritz Aebli abzulesen ist: Gekonnt setzte der Grafiker Gregor Rabinovitch im Titelbild (Abb. 2) Elemente just aus der Gestaltung der verfemten Schundhefte (und auch von Filmplakaten) ein und wandelte sie für das Rätselheft ab: Der unheimliche Schatten hinter dem Jungen im Zentrum, der gleichsam ein Eigenleben entwickelt, die plakative Farbigkeit sowie die grelle Beleuchtung der Gesichter von schräg unten, die eine mysteriöse, unwirkliche Stimmung erzeugt. Während im Heftinneren eher harmlose Rätsel und Denkaufgaben zu finden sind, hat Rabinovitch gerade mit dem ersten Heft mutig die künstlerische Brücke vom Schundheft zum anerkannten Lese- und Beschäftigungsheft geschlagen.

In den nächsten Jahrzehnten buchstabierten die Illustrationen der SJW-Hefte die Bildsprache verschiedener politischer und künstlerischer Strömungen durch. Als Zeitdokumente illustrieren sie in Verbindung mit den ausgesuchten Texten den Zeitenwandel von der Geistigen Landesverteidigung über die Nachkriegszeit bis ins 21. Jahrhundert.

Künstlerische Entwicklungen und der Zeitgeist

Abb. 3: Donald Brun, Pack den Rucksack, 1945

Abb. 4: Donald Brun, L’enfant des flots, 1978

Individuelle Werdegänge Schweizer KünstlerInnen lassen sich ebenso an ihren Illustrationen nachverfolgen wie die zeithistorischen Hintergründe. So hat der Basler Grafiker und Plakatkünstler Donald Brun zwischen 1945 und 1980 elf SJW-Hefte gestaltet. An dieser Zeitspanne lässt sich einerseits die Weiterentwicklung des Künstlers ablesen, anderseits aber auch die Veränderung des Zeitstils: Das Titelbild der Geschichte Pack den Rucksack von Otto Binder 1945 ist noch ganz der figürlich-realistischen Darstellungsweise der 1940er Jahre verhaftet: Ein Junge mit Wanderausrüstung schreitet fröhlich aus einer miniaturhaften, mit Hochhäusern, Baukränen und Fabrikschloten als Stadt markierten Gegend einer unverbauten, alpinen Landschaft entgegen, an deren Ende das schneebedeckte Matterhorn vom strahlenden Morgenrot der aufgehenden Sonne hinterfangen wird. Der Aufbruchsgeist der Nachkriegszeit wird hier in einer klaren, eingängigen Bildsprache gefasst. Hingegen erschliesst sich der Inhalt von Bruns Titelgestaltung von L’enfant des flots von 1978 nicht sofort: Eine grünlich-bläulich schimmernde Unterwasserszene, ein Mädchengesicht, das, umschwommen von kleinen bunten Meerestieren, gleichsam aus einer Koralle herauszuwachsen scheint, mutet schon beinahe psychedelisch an und ist klar ein ästhetisches Kind der 1970er. Als Collage aus Seidenpapier, Aquarellzeichnung und einer vermutlich als Abklatsch aufgebrachten Farbstruktur wird der geheimnisvolle Inhalt auch im Bild diffus und schleierhaft.

Für weitere Auflagen erfolgreicher Hefte wurden gerne neue Illustrationen in Auftrag gegeben, um den Kauf attraktiv zu machen – somit gibt es von manchen Themen ganz unterschiedliche künstlerische Interpretationen. Im SJW-Archiv werden auch verschiedene, verworfene oder abgeänderte Entwürfe einzelner KünstlerInnen bewahrt und somit ein Einblick in künstlerisch-verlegerische Entwicklungsprozesse der Hefte vermittelt.

Das SJW als Standbein und Sprungbrett für Illustratorinnen

Abb. 5: Regina de Vries, Allerlei Handwerker, 1950

Während manche Künstlerinnen wie Martha Pfannenschmid, Regina de Vries (Abb. 5) oder Helen Kasser über mehrere Jahre hinweg für das SJW illustrierten, blieben andere wie Lill Tschudi, Klara Fehrlin oder Johanna Fülscher bei einem einmaligen Gastspiel als Illustratorinnen. Aufträge wurden auch an eher unbekannte Zeichnerinnen wie Trudi Haas vergeben, die 1939 eine ganze Serie von Geschichten Johanna Spyris illustrierte. Sita Jucker hat über drei Jahrzehnte hinweg 26 Hefte gestaltet und gehört damit zu den aktivsten SJW-Illustratorinnen. Das SJW bildete für die einen ein dauerhaftes Standbein, für andere hingegen eine Zwischenstation auf ihrem künstlerischen Werdegang. Die später als Experimentalfilmerin bekannt gewordene Isa Hesse-Rabinovitch hat ebenfalls einige Hefte gestaltet. Während sie für ihre Gestaltungen der 1950er- und 1960er-Jahre Zeichentechniken wie Neocolor und Tusche eingesetzt hatte, verwendete sie für die Reisereportage Ceylon, die paradiesische Insel von 1970 ausschliesslich Fotografien (Abb. 6).

Abb. 6: Isa Hesse-Rabinovitch, Ceylon, die paradiesische Insel, 1970

Vom Gestern ins Morgen

2022 wird das SJW-Heft 90 Jahre alt. Nach wie vor erscheinen die sorgfältig und ansprechend gestalteten Lesehefte. Illustrationen von Anete Melece, Kathrin Schärer oder das Illustratorinnen-Duo It's Raining Elephants tragen zum heutigen Erscheinungsbild der Hefte bei. 2007 fand im Lesesaal der ZB eine Ausstellung über Geschichte und Bedeutung des SJW statt und auch die Forschung hat sich bereits dem SJW und seinen Themen gewidmet.

Die seit 1932 verwendeten Originale für Umschläge und Innenillustrationen werden seit 1990 im SJW-Archiv in der Graphischen Sammlung der Zentralbibliothek Zürich bewahrt. Über 140 Schachteln enthalten die Entwürfe und Vorlagen sowie die gedruckten Hefte, seit einigen Jahren auch die digitalen Vorlagen. Eine Auswahl der Originalvorlagen wurde digitalisiert und bildet einen Querschnitt durch die Jahrzehnte, der in swisscovery abrufbar ist. Darüber hinaus ist eine Übersicht der Hefte von Nr. 1 bis 2300 mit Hinweisen auf die vorhandenen Originale in zbcollections verfügbar.

Links & Literatur

«Schweizerisches Jugendschriftenwerk (SJW)», in: Schweizerische Lehrerinnenzeitung, 1933. (S. 179-180)

«Kampf der Schundliteratur – 20 Jahre SJW», in: Schweizerische Lehrerinnenzeitung, 1951. (S. 216-218)

«25 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk», in: Schweizerische Lehrerinnenzeitung, 1956. (S. 84)

Fritz Brunner, 50 Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk, Zürich: Schweizerisches Jugendschriftenwerk, 1981.

Charles Linsmayer, «Ein geistiges Rütli für die Schweizer Jugend.» 75 Jahre SJW Schweizerisches Jugendschriftenwerk / «Un Grutli spirituel pour la Jeunesse Suisse». 75 an OSL Oeuvre Suisse des Lectures pour la Jeunesse, Zürich: Schweizerisches Jugendschriftenwerk, 2007.

Fritz Franz Vogel, SJW-Heftli. Ein gutes Stück Schweizer Illustrationsgeschichte, Wädenswil: Verlag im Pfeil im Auge, 2008.

Pirmin Meier, «Eine unheroische Zeit: Der Erste Weltkrieg in Heften des Schweizer Jugendschriftenwerks (SJW)». In: Der vergessene Krieg. Spuren und Traditionen zur Schweiz im Ersten Weltkrieg, hrsg. von K. J. Kuhn und B. Ziegler, Baden: Hier + Jetzt, 2014.


Kunsthistorikerin

Die Inkunabelsammlung der Zentralbibliothek Zürich und ihre digitale Transformation

Die Erfindung des Buchdrucks um das Jahr 1450 stellt ein bedeutendes Ereignis in der Menschheitsgeschichte dar. Die Produkte der frühen Druckkunst heissen Inkunabeln. Eine internationale Kooperation von wissenschaftlichen Bibliotheken setzt modernste Technologie für die Zusammenführung dieser Bücher ein und hat mit «Material Evidence in Incunabula» (MEI) eine Datenbank geschaffen, die für den Umgang und das Hosting von Forschungsdaten Modellcharakter beanspruchen kann. Die Zentralbibliothek Zürich, die rund 1600 Inkunabeln besitzt, hat an diesem Projekt des Consortiums of European Research Libraries (CERL) aktiv mitgearbeitet. Dank MEI können die Ausbreitung, die Überlieferung und die Benutzung der Texte durch ihre Besitzer und in den jeweiligen Institutionen nachverfolgt sowie heute verstreute Sammlungen rekonstruiert werden.

Nicolaus de Lyra, Postilla super totam Bibliam, [Strassburg ca. 1477]. Beginn des zweiten Teils, Zierinitiale, Halbbordüre aus farbigem, von Tieren belebtem Akanthus, Süddeutschland Ende 15. Jh

Die Inkunabelsammlung der Zentralbibliothek Zürich

Die Inkunabelsammlung der Zentralbibliothek Zürich zeichnet sich durch lokale Überlieferung aus. Ein Teil stammt aus Zürcher Klöstern, die 1525 im Zug der Reformation aufgelöst wurden. Aus einigen Einrichtungen wie dem Barfüsserkloster sind nur wenige Bände in Zürich überliefert, etwa der Bibelkommentar von Nicolaus de Lyra, geschenkt vom Konstanzer Weihbischof Daniel Zehender. Anders verhält es sich mit dem Grossmünsterstift, das als einzige kirchliche Einrichtung die Reformation überlebt hat. Beinahe hundert Titel stammen aus der vorreformatorischen Stiftsbibliothek.

Odofredus, Lectura super Codice Iustiniani, Lyon 1480Beginn des ersten Teils, historisierende Initiale mit Autorenporträt, Frankreich ca. 1480. Johannes Mantz erwarb das juristische Werk während seiner Studien in Frankreich, liess es später in Zürich binden und vermachte es 1518 testamentarisch dem Grossmünster.

Der Hebraist Konrad Pellikan (1478-1556) baute ab 1532 die Bibliothek neu auf. In die neue Stiftsbibliothek gelangten unter anderem die Bücher aus dem Vorbesitz des Reformators Huldrych Zwingli (1484-1531) und 87 Inkunabeln aus dem aufgelösten Augustiner-Chorherrenstift St. Martin. Insgesamt stammen nachweislich 382 Inkunabeln aus der reformierten Stiftsbibliothek am Grossmünster.

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1) Lexicon graecum, Mailand 1499, Titelseite mit handschriftlichen Besitzvermerken von Huldrych Zwingli und des Grossmünsterstifts Zürich. Digitalisat online via e-rara.                                                                                                       

2) Augustinus, Explanatio psalmorum, [Niederlande ca. 1486/87]. Textbeginn des dritten Teils, Zierinitiale mit auslaufender Akanthusranke, aus dem Kloster St. Martin. 

Die 1629 gegründete Stadtbibliothek Zürich besass vor ihrer Auflösung 800 Inkunabeln.

Die 1629 gegründete Stadtbibliothek Zürich besass vor ihrer Auflösung 800 Inkunabeln. Die älteren Provenienzen sind dank Besitzvermerken in den Bänden und dank des handschriftlichen Donatorenbuchs oft gut dokumentiert. Zum Beispiel lässt sich die Herkunft einer 1477 in Augsburg gedruckten deutschen Bibel genau zurückverfolgen: der Druck muss noch im Erscheinungsjahr in Augsburg von einem namentlich bekannten Buchbinder gebunden und durch den in Zürich wohnhaften Chronisten Gerold Edlibach (154-1530) gekauft worden sein, anschliessend versah der Käufer die Bibel mit eigenen Illustrationen, bevor sie ein Nachfahre Edlibachs 1634 zusammen mit anderen Büchern der Stadtbibliothek schenkte.

 

Deutsche Bibel, Augsburg 1477. Genesis 19: Untergang Sodoms und Gomorrhas, aquarellierte Randfederzeichnung.

Bei anderen Inkunabeln ist die Herkunft dagegen weniger gewiss und das Eingangsdatum in die Stadtbibliothek nur mit einem terminus ante quem anzugeben wie bei Malermis italienischer Bibel, die 1471 in Venedig im Druck erschienen ist. Ein Mitglied der venezianischen Patrizierfamilie Priuli muss sie erworben und den künstlerisch hochstehenden Buchschmuck in Auftrag gegeben haben. Spätestens im Jahr 1760 befand sich die prächtige Bibel in die Stadtbibliothek Zürich.

Italienische Bibel, Venedig 1471. Textbeginn der Genesis und des Samuelbuchs, Malereien des Pico-Meisters.

312 weitere Inkunabeln der Zentralbibliothek Zürich, darunter sechs Unikate, stammen ursprünglich aus der 1862 säkularisierten Benediktinerabtei Rheinau. Über den Zuwachs des Rheinauer Bestandes im Lauf der Jahrhunderte ist indessen nur wenig bekannt. Immerhin wurden bei der Erwerbung mancher Bände das Exlibris des amtierenden Abtes in den Buchspiegel geklebt, oder es wurde mit einer Notiz auf den Büchertausch mit einer anderen kirchlichen Einrichtung hingewiesen.

 Breviarium Benedictinum, [Nürnberg] 1493. Beginn des Psalters, historisierende Silbergrundinitiale (König David), mit Blumen besetzte Rankenwerkbordüre, und Beginn des Winterteils, Zierinitiale mit Rankenwerkbordüre, Süddeutschland um 1500. Digitalisat online via e-rara.

Aus dem Bestandskatalog wurde eine Datenbank

Mit der Eröffnung im Jahr 1917 vereinigte die Zentralbibliothek Zürich die Inkunabelsammlungen der Vorgängerinstitutionen. Bis zum Beginn des 21. Jahrhundert war es ziemlich umständlich, einen Eindruck dieses interessanten Buchbestandes zu bekommen oder eine spezifische Frage hierzu zu klären, weil eine genaue Recherche stets mit einem Besuch vor Ort verbunden war. Wesentlich einfacher wurde es, als vor 15 Jahren alle Inkunabeln in der eigenen Katalogdatenbank erschlossen wurden. Seither kann über das Internet nach Autoren, Titeln oder Provenienzen gesucht werden. Zudem steht dem Benutzer seit 2009 ein gedruckter Katalog mit exemplarspezifischen Beschreibungen zur Verfügung. 2019 wurde entschieden, die vorhandenen Daten in die Datenbank MEI zu exportieren. Die Vorteile von MEI sind zum einen eine höhere Sichtbarkeit des eigenen Inkunabelbestandes, zum anderen ermöglichen die strukturierten exemplarspezifischen Beschreibungen neue oder vertiefte Erkenntnisse zur Buchgeschichte. Zu diesem Zweck wurden die exportierten Daten sorgfältig nachbearbeitet, indem alle Einträge zeitlich und geographisch markiert, unklare Beschreibungen präzisiert und die Normeinträge korrigiert oder neu erstellt wurden. Nutzbringend ist auch die Verlinkung auf 251 Digitialisate und auf externe Quellen via e-rara und e-manuscripta. Ende 2021 konnte die Bearbeitung der ZB-Daten in MEI abgeschlossen werden. Aus einem Bestandskatalog wurde so eine Datenbank, die offen und mit anderen Daten vernetzt ist, was der Forschung neue Möglichkeiten bietet.


MEI, Öffnung und Vernetzung der Daten hinsichtlich der Inkunabelsammlung der Zentralbibliothek Zürich


Stv. Leiter Abt. Alte Drucke und Rara  


  


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