Eine gewichtige Hinterlassenschaft

Man nannte ihn einen Bürgerschreck und Oberwildling. Dann wurde er zum Kunstprofessor ernannt. Zuletzt häuften sich die Ehrungen und Preise. Oskar Kokoschka (1886-1980) selber zählte sich zu den Grössten seiner Zeit und war überzeugt davon, dass «heute tatsächlich kein grosser Maler ausser mir existiert».

Aus politischen Gründen lebte OK, wie er kurz genannt wurde, jahrelang im Exil und wechselte mehrmals seine Nationalität. Er wohnte längere Zeit in Österreich, Deutschland, der Tschechoslowakei, Grossbritannien, Frankreich und zuletzt in der Schweiz. Hier fand er seine «Seelenheimat».

Kokoschkas Halt im Leben

Ein wichtiger Halt in Kokoschkas Leben war seine 29 Jahre jüngere Ehefrau Olda Kokoschka-Palkovsky (1915-2004), eine promovierte Juristin aus Prag. Er nannte sie bezeichnenderweise «Hold». Olda Kokoschka wurde seine ergebene Lebensgefährtin, seine grösste Verehrerin, eine gewissenhafte Sekretärin, Organisatorin, Chronistin und zuletzt Nachlassverwalterin. Ihr ist es zu verdanken, dass der international bedeutende schriftliche Nachlass des Künstlers 1981 der ZB Zürich geschenkt wurde.

Eine Auswahl von Dokumenten aus Oskar Kokoschkas schriftlichem Nachlass in der ZB Zürich.

Mehrere Nachlasstranchen zwischen 1981 und 2004

Es ist zwar «nur» Kokoschkas schriftliche Hinterlassenschaft, denn seine künstlerischen Werke wurden der Fondation Oskar Kokoschka (FOK) in Vevey anvertraut. Aber der bisher für die Forschung zugängliche Nachlassteil in der ZB Zürich umfasst eindrückliche 32 Laufmeter: Lebensdokumente, Briefe, schriftstellerische Arbeiten, Fotografien, Werkdokumentationen und Publikationen. Die Übergabe erfolgte in mehreren Tranchen bis zu Olda Kokoschkas Tod 2004.

Auch im schriftlichen Nachlass findet sich das eine oder andere "künstlerische" Werk des Meisters, nämlich in Form von Briefzeichnungen und Buchwidmungen. Hier zum Beispiel ein 1 x 2 cm grosses Croquis zu Kokoschkas Gemälde "Lyon" (1927) auf einer Postkarte an seine Mutter. Das fertige Bild misst 97.4 x 130.4 cm und kann in der Phillips Collection in Washington D. C. (Klick auf das Bild) bewundert werden. (Nachl. O. Kokoschka 204.7.6 / © Fondation Oskar Kokoschka / 2021, ProLitteris)

Briefverzeichnisse und Paralipomena

Als Erstes wurden die schriftstellerischen Manuskripte ins Auge gefasst. Da galt es, zusammengehörige Textversionen zu identifizieren, Fragmente zu entziffern und Berge von Büro- und Heftklammern zu entfernen. Bis zuletzt nur noch ein verwirrendes Häufchen «Paralipomena» mit Einzelblättern und Bruchstücken übrigblieb, das nun auf einen Handschriftenarchäologen wartet. Während sich Abteilungsleiter und Direktoren ablösten, dauert die detaillierte Erschliessung allein der gegen 25'000 Briefe von, an und über Oskar Kokoschka an - auch aus archivrechtlichen Gründen.

"Die Katz lacht weil das Pferdl Strümpf anhat - indess ist die Maus davongelaufen." Eine von vielen humorvollen Briefzeichnungen des Künstlers in seinem schriftlichen Nachlass in der ZB Zürich. (Nachl. O. Kokoschka 24.9 / © Fondation Oskar Kokoschka / 2021, ProLitteris)

Auf der Suche nach dem «wahren» Kokoschka

Oskar Kokoschka war ein charismatischer Erzähler, was sich sowohl in seinen Geschichten und Vorträgen als auch in seinen Briefen niederschlug. Er war aber auch geschäftstüchtig. Alles diente ihm zur Selbstvermarktung. Seine ersten Biografen waren frustriert ob seinem Hang, Fakten und Daten zu erfinden. Man durfte über OK nur Vorteilhaftes berichten. Recherchen im schriftlichen Nachlass an der ZB Zürich ermöglichen nun, den «wahren» Kokoschka zu ergründen und einige verschobene Fakten geradezurücken.

Überblick dank Rekatalogisierung 

Dass der umfangreiche Künstlernachlass über Jahrzehnte verteilt an die ZB gelangte, widerspiegelt sich auch in der Archivtektonik, die dem Provenienzprinzip verpflichtet ist. Eine «Navigationshilfe» für Forschende war daher seit langem ein Desiderat. Erfahrungsgemäss wird Kokoschkas Nachlass nicht nach Serien, sondern punktuell auf Dossierebene erforscht. Die Nutzenden suchen also nach einzelnen Personen oder Jahren - die über den ganzen Bestand verstreut sind. Das machte die Beratung bisher oft zeitaufwendig.

Die Rekatalogisierung und weitere Erschliessung erfolgt mit der Archivsoftware CMI Star, die auch Felder für interne Angaben bietet und die Verwaltung von Schutzfristen und Urheberrechten vereinfacht hat.

Seit 2019 wurde Kokoschkas Nachlass (samt Zukäufen der ZB) in CMI Star rekatalogisiert und unter Berücksichtigung bestehender Schutzfristen in zbcollections.ch publiziert. Das Archivportal hat die Durchsuchbarkeit und die interne Dokumentation wesentlich verbessert. Für viele Teilserien stehen zudem Detailverzeichnisse als PDF zur Verfügung.

Die Benutzeroberfläche von zbcollections.ch schafft einen Überblick über den verästelten Bestand und erlaubt eine Recherche vom Grossen zum Kleinen.

Navigationshilfe und virtuelle Ausstellung auf der Zürich-Seite

Um die Vielfalt des Nachlasses besser sichtbar zu machen und Forschenden den Einstieg zu erleichtern, haben wir auf der Zürich-Seite eine Kokoschka-Webpräsenz aufgeschaltet. Dort erzählen wir auch, wie Kokoschka in die Schweiz und Zürich zu Kokoschka kam. Die positiven Rückmeldungen (z. B. des Oskar-Kokoschka-Zentrums der Universität für angewandte Kunst in Wien) bestätigen, dass die Kombination von virtueller Ausstellung und Recherchehilfe Anklang findet.

Willkommen im Universum Kokoschka!



Handschriftenabteilung

Der Zürcher Purpurpsalter: Ein Rätsel aus Purpur, Silber und Gold

Der Psalter, also ein Buch oder eine Handschrift, welche die biblischen Psalmen enthält, ist in den europäischen Handschriftensammlungen keine Seltenheit. Das erstaunt nicht, waren die Psalmen doch in der Geschichte der Christenheit mit Abstand der wichtigste Text für Gottesdienst und Gebet. Auch im Bestand der Zentralbibliothek Zürich finden sich einige Psalterien, aber einer davon ragt deutlich heraus: Der «Zürcher Purpurpsalter». Was ist das Besondere an diesem in griechischer Sprache geschriebenen und nicht ganz vollständig erhaltenen Band? Es ist keine gewöhnliche Handschrift, sondern ein Kunstwerk aus purpurfarben getränktem, hauchfeinem Pergament, beschrieben mit Silber- und Goldtinte. Purpur war in der Antike hohen Würdenträgern und zeitweise allein dem Kaiser vorbehalten. Höchster Luxus also! Es gibt heute weltweit nur noch ca. ein gutes Dutzend solcher Handschriften. Und vor allem ist der Purpurpsalter die älteste Handschrift in der Bibliothek, sieht man von einigen Fragmenten ab, und wohl auch eine der ältesten in der gesamten Schweiz: Sie wurde vor dem Jahr 600 geschrieben.

Zentralbibliothek Zürich, RP 1, fol 216r

Wie kam die spätantike Luxushandschrift nach Zürich?

Die Antwort kann kurz ausfallen: Man weiss es nicht. Es gibt nur einige Indizien: Konrad Gessner, der gelehrte Zürcher Stadtarzt und geniale Naturforscher, berichtet 1549, er habe von einem kostbaren griechischen Psalter auf der nahen Klosterinsel Reichenau im Bodensee gehört. Weitere Quellen legen nahe, dass der dort verwahrte Psalter bereits im 9. Jahrhundert von einem Reichenauer Abt aus Rom mitgebracht worden war. Zu dieser Zeit könnten auch mit leuchtend roter Farbe die lateinischen Stichwörter auf den Seitenrändern eingetragen worden sein – die Mönche waren im Griechischen wohl nicht ganz sattelfest. Vergleiche mit ähnlichen Handschriften erlaubten schliesslich, die Herstellung der Handschrift noch vor dem Jahr 600 im östlichen Mittelmeerraum, etwa Antiochia oder Konstantinopel, anzusetzen. Die erste Spur des Psalters in der Zürcher Stadtbibliothek findet sich allerdings erst im Jahr 1711 in einem Brief an den Bibliothekar Johann Heinrich Waser. Denkbar wäre es immerhin, dass bereits Konrad Gessner den Psalter nach Zürich gebracht hat, da er bei anderen griechischen Handschriften der Zentralbibliothek als Vorbesitzer nachgewiesen ist.

Tintenfrass und andere Probleme

Auf dem purpurfarbenen Pergament hätte man wegen des schlechten Kontrastes gar nicht mit gewöhnlicher Tinte arbeiten können. Daher bediente man sich auch hier wertvollster Materialien: Der Psalter ist mit Silber- und Goldtinte geschrieben. Während jedoch das Gold auch nach mehr als 1500 Jahren noch glänzt wie am ersten Tag, ist das Silber an vielen Stellen schwarz oxidiert. Bestandteile der Tinte haben das Pergament angegriffen und an einigen Stellen regelrecht zerfressen. Nur auf wenigen Seiten kann man noch den ursprünglichen Silberglanz sehen. Dazu kommt, dass das hauchzarte Pergament – eigentlich ein Zeichen höchster Qualität – extrem klimasensitiv ist und auf Änderungen der Luftfeuchtigkeit sofort reagiert, indem es sich wellt und verformt. Zusammen mit der Zersetzung durch die Tinte hat das dazu geführt, dass auf vielen Seiten Ausbrüche festzustellen sind: Manchmal bleiben von den Buchstaben nur leere Umrisse. Deswegen kann der Purpurpsalter die klimatisierten Magazinräumlichkeiten der Zentralbibliothek nur unter Einhaltung grösster Vorsichtsmassnahmen überhaupt noch verlassen. Übrigens sind die vorhandenen Schäden nicht neu: Aus einer detaillierten Beschreibung der Handschrift von 1748 wissen wir, dass es schon damals nicht besser ausgesehen hat.

Zentralbibliothek Zürich, RP 1, fol. 42v (Ausschnitt)

Restaurierung mit Blaubeersaft

In den 1920er Jahren beschloss man, die kostbare Handschrift restaurieren zu lassen. Offenbar traute sich in der Schweiz niemand an diese Aufgabe, also wurde der Purpurpsalter schliesslich 1928 den Experten des Vatikans anvertraut. Dort zerlegte man den Band zunächst in einzelne Doppelblätter, da die Seiten beim Umblättern sonst immer weiter beschädigt worden wären. Die Blätter wurden geglättet, Risse und Löcher wurden geschlossen: Um die ergänzten Stellen farblich anzugleichen, wurde Blaubeersaft verwendet. Anschliessend wurde für jedes Doppelblatt ein eigenes Mäppchen aus Karton angefertigt: So wird der Purpurpsalter noch heute aufbewahrt.

Der digitale Purpurpsalter

Wegen der schweren Beschädigungen konnte die Handschrift in den letzten Jahrzehnten kaum genutzt, d.h. untersucht und studiert werden. Nur zu sehr seltenen Gelegenheiten wurden einzelne Blätter öffentlich gezeigt. Ein Meilenstein in der Erforschung des Psalters war die 2007 publizierte Untersuchung von Crisci, Eggenberger, Oltrogge und Fuchs, der bereits Bilder auf einer CD-Rom beigegeben waren. Im Sommer 2021 konnte schliesslich ein vollständiges Digitalisat der Handschrift RP 1 auf e-manuscripta.ch aufgeschaltet werden. Damit ist die kostbare Handschrift nun endlich allen Forschenden und anderen interessierten Personen wieder zugänglich geworden. 

Fachtagung «Shades of purple» an der Universität Zürich

Ein glücklicher Zufall war es, dass die Aufschaltung des Purpurpsalters noch rechtzeitig vor dem Workshop «Shades of purple», einem internationalen Expertentreffen zum Thema Purpurhandschriften an der Universität Zürich (25./26.11.2021) erfolgt ist. Es bleibt zu hoffen, dass künftig die Entstehungsumstände und Geschichte der ältesten und vielleicht auch kostbarsten Handschrift der Zentralbibliothek Zürich mit Hilfe der frei verfügbaren Digitalisate noch eingehender erforscht werden.



Stv. Leiter Handschriften

Zürich Film Goes Wikipedia

Die Zentralbibliothek organisiert vom 26. bis 29. November 2021 einen Wikipedia-Edit-a-thon. Micha Rieser und Irene Genhart unterhalten sich über Zürich als «Filmhauptstadt der Schweiz», die Wikipedia als Je-Ka-Mi-Lexikon und was die ZB damit zu tun hat.

Irene: Ich finde die Wikipedia lässig und nutze sie in meiner Arbeit als Filmjournalistin und Fachreferentin täglich. Was verbindet Dich damit?

Micha: Ich bin seit 2005 Autor. Ich habe meinen ersten Artikel über die Gewürzpflanze Langer Pfeffer geschrieben und war später einige Jahre Administrator in der deutschsprachigen Wikipedia. Ich habe nebenberuflich mehrere Schweizer Gedächtnisinstitutionen als Wikipedian in Residence beraten. Was schaust Du in der Wikipedia denn nach?

Irene: Alles. Eintragungen zu Filmen, Filmschaffenden zum Teil auch Firmen, Kinos, auch Filmtechnisches. Ich finde fast immer etwas. Allerdings muss ich dazu oft in anderen Sprachen suchen, als in Deutsch. Auch habe ich gemerkt, dass es sich meist lohnt, wenn in einem Beitrag angeboten wird, diesen in einer anderen Sprache zu lesen, dies auch zu tun. Man findet da oft andere oder zusätzliche Infos. Kannst Du mir erklären, wieso das so ist?

Eine Vorstellung des Umfangs der Wikipedia schafft die Installation «From Aaaaa! to ZZZap!», ein Modell einer gedruckten Wikipedia, von Michael Mandiberg in der Denny Gallery, 2015. CC-BY-SA-4.0 Wikimedia Commons / Theredproject

Micha: In der Wikipedia darf jede und jeder mitschreiben. Die Artikel werden häufig auch von Laien geschrieben, die meistens einfach auffindbare Literatur in ihrer Sprache konsultieren und weiterverwenden. Dabei verfügen sie nicht über denselben Wissenstand wie wissenschaftliche Expertinnen und Experten, die ein Fachgebiet sprachübergreifend überblicken können. Obwohl die Wikipedia Belege verlangt, bedeutet das also nicht, dass ein Artikel den aktuellen Forschungsstand wiedergibt. Findest bei deinen Suchen auch Einträge zu Filmen und Filmschaffenden aus Zürich, oder hast du noch andere Quellen?

Irene: Ich werde zum Teil fündig, zum Teil nicht. Angaben zu Filmen und Filmschaffenden finde ich auch auf der IMDB (Internet Movie Data Base), zu Schweizerischem auch auf der Homepage von Swiss Films. Die Homepage der Zürcher Filmstiftung verrät mir, welche Filme in Zürich gefördert werden, bei derjenigen vom BAK finde ich Statistiken zum Filmschaffen in der Schweiz. Geht es um Älteres, Filmtechnisches oder Filmgeschichtliches, konsultiere ich den ZB-Katalog und hole mir auch schon mal ein Buch aus dem ZB-Magazin. Und wenn ich genau wissen will, ob man in einem Film, der in der Stadt Zürich spielt, die Stadt Zürich auch als solche erkennt, leihe ich mir die DVD aus der ZB aus und schaue diese an. Es gibt auch Filme, die in Zürich spielen, aber in Prag gedreht wurden wie „The Bourne Identity“ und „Wall Street“. Da sind die blauen Zürcher Trams dann plötzlich rot. Du hast vorhin gesagt, jede und jeder kann mitmachen. Wie garantiert die Wikipedia die Qualität der Artikel? Oder garantiert sie diese nicht?

Micha: Die Wikipedia gibt Standards vor. So verlangt Wikipedia nach reputablen Quellen und verlangt Belege. Allerdings kann von der Community nicht umfassend geprüft werden, welche Quellen sich für das Thema wirklich eignen. Die Artikelqualität hängt somit von der Literatur-Auswahl der Autorin oder des Autors ab und ein Artikel kann je nach Verfasser inhaltlich schlecht bis brillant sein. Man muss als Rezipientin oder Rezipient deshalb selber Quellen vergleichen und nicht bloss den Wikipedia-Artikel lesen. Unsere Veranstaltung heisst «Zürich Film Goes Wikipedia». Gibt es Experten zum Zürich Film?

Während der viertägigen Schreibwerkstatt «Zürich Film Goes Wikipedia» möchten wir gemeinsam mit Ihnen die Zürcher Filmgeschichte in die Wikipedia eingehen lassen.

Irene: Jein. Es gibt ein paar gute Kenner der Szene, den einen oder anderen von ihnen, bzw. deren Homepages und/oder Bücher werde ich am Workshop vorstellen. Vieles wissen die Leute, welche in Zürich Filme produzieren, Kinos betreiben oder in einer Institution wie der Zürcher Filmstiftung oder im Forschungs- und Archivierungszentrum Zürich der Cinémathèque Suisse arbeiten. Sozusagen ein Superexperte ist Stefan Haupt, den wir für die Auftaktveranstaltung zu einem Gespräch eingeladen haben. Er ist gebürtiger Zürcher, wohnt mit seiner Familie hier und dreht Filme. Viele von ihnen –  etwa «Der Kreis» und «Zwingli» - spielen nicht nur in der Stadt Zürich, sondern setzen sich auch mit Zürichs Geschichte auseinander. Wieso soll eine Institution wie die ZB bei der Wikipedia mitmachen?

Micha: Eine Bibliothek oder ein Archiv bewahrt nicht bloss Bücher oder Dokumente auf, sondern möchte auch, dass diese aktiv genutzt werden. Das rechtfertigt das eigene Dasein. Wikipedia gehört zu den fünf meistkonsultierten Webseiten der Welt. Die Inhalte kommen via Wikipedia sehr einfach und schnell an die Benutzenden. Es ergibt deshalb Sinn, Schreibtätigkeit zu fördern und auch selbst Inhalte beizusteuern. Die ZB hat noch nie eine Wikipedia-Schreibwerkstatt, einen sogenannten Edit-a-thon durchgeführt. Wieso tut sie das jetzt?

Irene: Nicht nur die ZB, sondern alle Bibliotheken befinden sich derzeit in einem grossen Wandel. In einer Zeit, in der Infos digital sozusagen überall zugänglich sind, ist es wichtig, dass sie sich lokal etablieren. «Zürich Film Goes Wikipedia» ist ein Citizen Science Angebot, das die Bürgerbeteiligung fördert und passt damit prima zur Wikipedia.



Fachreferentin Film

IDE

CAS Datenmanagement und Informationstechnologien (DMIT)

Durch die Digitalisierung entstehen in Gedächtnisinstitutionen neue Aufgaben. Der CAS DMIT vermittelt Kenntnisse, um diese anzugehen.

Der erste Durchgang

2021 fand unser neuer Weiterbildungsstudiengang zum ersten Mal statt. 18 Absolvent*innen aus Bibliotheken, Museen oder Archiven beschäftigten sich ein halbes Jahr lang intensiv mit Themen wie Automatischer Erschliessung, Digitalen Editionen, IIIF, Information Retrieval oder Forschungsdatenmanagement.

Viliana Parusheva (Absolventin 2021): «Für den CAS habe ich mich entschieden, weil ich hier eine neue Programmiersprache erlernt habe. Trotz Online-Kurs habe ich viele gute Freundschaften gefunden.»

Vielfältige Projektarbeiten

Im Praxismodul lernten sie zudem die Arbeit mit XML und Python kennen. Die daraus entstandenen Projektarbeiten waren sicherlich eines der Highlights des CAS DMIT. Überwiegend aus dem Berufsalltag gegriffene Fragestellungen führten zu bemerkenswerten Resultaten. Datenbereinigungen und -anreicherungen mit OpenRefine, Datenkontrolle mittels XML-Schema, IIIF-Projekte, Massendownloads von Suchresultaten oder Webarchivierung sind nur einige Beispiele.

Abschluss-Workshop

Am Abschluss-Workshop stellten die Absolvent*innen die Projekte vor und diskutierten im zweiten öffentlichen Teil mit Expert*innen deren Beiträge zu Digitalen Sammlungen, Data Science und Forschungsdateninfrastrukturen. Die spannende Diskussion mit der Fachcommunity gewann dank der neu erworbenen Kenntnisse.

Digital digital

Fast zu tief in die Materie ein tauchten wir mit der pandemiebedingten komplett virtuellen Durchführung. Zwar traf man sich zu Online-Kaffeepausen, meditierte in Zoom und ging gar auf eine "Exkursion". Dennoch hoffen wir fest, dass der CAS 2022 an der ZB durchgeführt werden kann und wir uns vor Ort mit Fragen zu Linked Open Data, Discovery Systemen und automatischer Handschriftenerkennung beschäftigen.

Freie Plätze

Wir blicken auf einen lehrreichen und spannenden ersten CAS DMIT zurück und starten im Januar 2022 mit dem zweiten Durchgang. Wenn Sie sich mit anderen Interessierten rund um informationstechnologische Themen in Gedächtnisinstitutionen weiterbilden und vernetzen möchten, freuen wir uns auf Sie, die Anmeldung ist noch offen.



Aus- und Weiterbildung

Zürcher Frauengeschichte entdecken

Vor 50 Jahren erhielten die Schweizerinnen endlich das Stimm- und Wahlrecht. Wir haben uns das Jubiläum zum Anlass genommen, darüber nachzudenken, wie sich Frauen vorher eine Stimme verschafft und welche Spuren sie in der Geschichte Zürichs hinterlassen haben. Entstanden ist die Ausstellung «Starke Zürcherinnen – Wie sie vor 1971 Einfluss nahmen». Sie ist noch bis zum 11. Dezember im Themenraum Turicensia und in der Schatzkammer der Zentralbibliothek zu sehen.

Frauenleben erforschen

Für die Ausstellung haben wir unsere Sammlungen nach spannenden Dokumenten von und über Frauen durchforscht, um Besucherinnen und Besuchern Einblick in Zürcher Frauenleben vor 100, 300 oder 500 Jahren zu geben. Unsere Schau kann aber nur einige wenige der Frauen würdigen, die Zürich mitgeprägt haben. Viele Geschichten warten noch darauf, entdeckt zu werden. Deshalb haben wir in Kooperation mit dem Frauenstadtrundgang Zürich einen Workshop entwickelt, um Interessierte in die Frauengeschichtsforschung einzuführen. Wenn Sie sich für die Erforschung von Frauenleben in früheren Zeiten interessieren und mehr darüber erfahren möchten, wie uns Schriftstücke aus Archiven und Bibliotheken Einblicke in diese Lebenswelten ermöglichen, sind Sie bei uns genau richtig.

Abschnitt zur Geschichte des Fraumünsters in Heinrich Bullingers «Tigurinerchronik»

Blick in die Archive

Obwohl sich Historikerinnen und Historiker seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts vermehrt mit Frauengeschichte auseinandergesetzt haben, wird heute noch vergleichsweise wenig zu Frauen geforscht. Ein Grund dafür sind auch die Quellen: Viele Archive bewahren hauptsächlich Dokumente aus Gesellschaftsbereichen auf, die lange Zeit von Männern dominiert wurden. Ein Beispiel dafür sind Nachlässe von einflussreichen Persönlichkeiten aus der Politik, der Wirtschaft oder der Wissenschaft. Das Familien- und Arbeitsleben von Frauen, aber auch von Männern aus den unteren sozialen Schichten, ist hingegen weniger gut dokumentiert.

Spurensuche in der ZB

Um Quellen zur Frauengeschichte ausfindig zu machen, ist deshalb oft etwas Findigkeit gefragt. Expertinnen und Experten aus der ZB und vom Frauenstadtrundgang verraten Ihnen, wie man vorgeht, teilen Recherchetipps und -tricks und zeigen historische Originaldokumente. Sie erfahren auch, welche Quellenbestände in der ZB aufbewahrt werden, und wie man mit Archivmaterialien arbeitet.

Diplom von Marie Heim-Vögtlin, der ersten Schweizer Ärztin

Interesse geweckt?

Die Veranstaltung richtet sich an alle Geschichtsinteressierten, die mehr über die Zürcher Frauengeschichte und die Sammlungen der ZB wissen möchten. Es sind keine besonderen Vorkenntnisse notwendig. Der Workshop findet zweimal statt, und zwar am 13. und 20. November jeweils von 14 bis 15.30 Uhr. Melden Sie sich jetzt an!



Handschriften

Die ZB an den Schweizer Digitaltagen 2021

20. Oktober 2021

Die Zentralbibliothek Zürich beteiligt sich 2021 zum dritten Mal an den Schweizer Digitaltagen. Wir bieten dieses Jahr ein gezielt auf Lehrpersonen zugeschnittenes Programm.

«Geschichte digital – Aus dem Archiv ins Web»

Während der Veranstaltung am 2. Oktober führten wir die Teilnehmenden während einer Stunde durch den Digitalisierungsprozess der ZB. Welche Dokumente werden digitalisiert und weshalb? Welche Herausforderungen stellen sich bei der Digitalisierung wertvoller Kulturgüter? Was geschieht mit den Digitalisaten und wie können sie gefunden werden?

Eine Zusammenstellung der präsentierten Dokumente, Plattformen und Kataloge finden Sie hier.

Digitale Tools im Unterricht

Computer und Tablets allein machen noch keine Medienbildung. Man braucht die richtigen Tools für den passenden Einsatz. Während eines zweistündigen Workshops demonstrierte Guido Knaus, wie digitale Tools im Unterricht mit Mehrwert eingesetzt werden können. Wir entwickelten Lernszenarien, die für den eigenen Unterricht adaptiert und gewinnbringend eingesetzt werden können.

Guido Knaus ist Lehrbeauftragter für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen.

Wie geht es weiter?

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion am Mittwoch, 10. Dezember 2021, soll das Thema breiter reflektiert werden. Welchen Einfluss hatte die Corona-Pandemie auf die Digitalisierung der Lehre und was wird davon auch langfristig zu spüren sein? Wo stehen die Schweizer Mittelschulen und Lehrpersonen heute? Was funktioniert und wo gibt es Handlungsbedarf? Welche Vor- und Nachteile bietet die Digitalisierung? Und wie wirkt sich das auf den Alltag von Lehrpersonen und Lernenden aus?

Es diskutieren...

  • Moderation: Florian Schoop, NZZ
  • Prof. Dr. Dominik Petko, Institut für Erziehungswissenschaft UZH
  • Katarina Gromova, Lehrerin KZO Wetzikon
  • Julia Tschudi, Schülerin

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Das Projekt ist Teil des strategischen Schwerpunkts Citizen Science der Zentralbibliothek Zürich.



Marketing und Kommunikation

Zürich zwischen zwei Buchdeckeln

6. Oktober 2021

Am 3. November liest und erzählt Ina Boesch im Lesesaal der Zentralbibliothek aus ihrem Buch «Weltwärts - Die globalen Spuren der Zürcher Kaufleute Kitt». Dieser Anlass ist der Auftakt zu unserer neuen Reihe «Zürich im Buch», die wir gemeinsam mit «Einfach Zürich» lancieren. «Einfach Zürich» ist der Verein, der auch hinter dem Zürich-Fenster im Landesmuseum steht. Darüber hinaus vermittelt er Zürcher Kulturgeschichte und vernetzt verschiedene Partner in Stadt und Kanton für entsprechende Aktivitäten.

Belletristik und Sachbücher

Gemeinsam stellen wir künftig dreimal pro Jahr Belletristik und Sachbücher vor, die Zürich thematisieren, zum Schauplatz machen oder in einer anderen Weise spiegeln, wie diese Stadt tickt. Die Veranstaltungen sind gratis. Anmelden kann man sich über die ZB-Website.

So zeigt Ina Boeschs Buch die kolonialen Verwicklungen ihrer eigenen Vorfahren, der Zürcher Familie Kitt, auf. Die Spurensuche führte sie von der Karibikinsel St. Eustatius bis nach Kairo. Gleichzeitig wirft das Buch auch ein Schlaglicht auf eine unbekannte Seite Zürichs. Reflexartig denken wir an das britische Empire, an Frankreich oder Spanien, wenn wir «Kolonialismus» hören. Aber auch in Zürich liefen in dieser Epoche überraschend viele Fäden zusammen. Anmelden können Sie sich hier.

Nina Kunz zu Gast

Am 23. März 2022 wird dann die junge Zürcher Autorin Nina Kunz im ZB-Lesesaal zu Gast sein. Ihr Buch «Ich denk, ich denk zu viel» stand über Monate auf der Sachbuch-Bestsellerliste der Schweiz. Nina Kunz schreibt Kolumnen für «Das Magazin» und wurde 2018 und 2020 zur «Kolumnistin des Jahres» gewählt. Texte von ihr erschienen auch in der «Neuen Zürcher Zeitung» und der «Zeit».



Leiterin Marketing und Kommunikation


Boom der E-Medien

29. September 2021

Noch nie wurden E-Medien sosehr nachgefragt und noch nie wurde die Digitalisierung vieler Bereiche (Arbeitsabläufe, neue Arbeitsformen, neue Lernformate, Videokonferenzen etc.) so schnell vorangetrieben wie im ersten Halbjahr 2020. Es wurde fast das papierlose Büro erreicht.

Steigerung der Nachfrage 

Kaum war der Lockdown da, wurden die Abteilung E-Medien im Minutentakt mit Anfragen unserer Kundschaft nach online Publikationen überrollt. Dank der Kulanz der Verlage und einer Initiative der International Coalition of Library Consortia (ICOLC) konnten wir in einem ersten Schritt bereits lizenzierte, aber auch zusätzliche Ressourcen kostenlos freischalten. In kürzester Zeit wurden Verträge abgeschlossen, um den Zugang von ausserhalb der Bibliothek zu erleichtern, etwa mit dem plug-in LeanLibrary.

Zunahme der Nutzung

Das Phänomen widerspiegelt sich auch in den Nutzungsstatistiken der Frühlingsmonate. Insbesondere E-Books und Datenbanken der grösseren Verlage hatten ihren Höhepunkt im April/Mai 2020, aber auch allgemein wissenschaftliche Plattformen wie PressReader und swissdox. Man kann sagen, dass im Durchschnitt über die analysierten E-Ressourcen hinweg die Nutzung um rund 20 Prozent gestiegen ist, bei einigen sogar um über 50 Prozent.

Es seien hier nur ein paar Paradebeispiele genannt (die Zahlen basieren auf den Zahlen von Campus ZB/UZH und wurden Ende September 2020 erhoben):

Sehr beliebt ist immer das Onleihe-Angebot des e-Thek Verbunds. Seit seiner Einführung steigen die Nutzungszahlen stetig; in den drei Monaten des Corona-Lockdowns (März-Mai) haben sie sich im Vergleich zur Vorperiode 2019 sogar verdoppelt (rund +51 Prozent):

Die Corona Top Ten (März-Mai 2020)

Dies waren die meistgenutzten Titel unserer Kunden während des Lockdowns:

Lockdown verleiht Online-Angeboten weiteren Aufwind

Die Nutzung ist zwar ab dem zweiten Halbjahr 2020 wieder leicht zurückgegangen, die Tendenz bleibt aber steigend je nach Medium und Format.

Die Erkenntnisse des letzten Jahres haben uns dazu bewegt, vermehrt in alternative Angebote für das breite Publikum, also für Nichthochschulangehörige, und in den uneingeschränkten Zugang, sprich Open-Access-Angebote, zu investieren. Dazu bemühen wir uns, die Auswahl an E-Produkten für unseren PURA-Service (Angebot für öffentliche Privatnutzende von zuhause) ständig zu ergänzen.

Zudem hat sich auch der Weltmarkt mit dem «Covid Impact» bewegt, hat den digitalen Transformationsprozess beschleunigt, neue differenziertere und bedarfsgerechte E-Book-Modelle für neue Nutzergruppen und Genres entwickelt, was den Bibliotheken mehr Spielraum bei der Auswahl gewährt.

Audiovisuelle Medien vermehrt über Streaming

Auch im Bereich AV-Medien sind wir stark gefordert, denn die Ausleihen von DVDs gehen seit einigen Jahren zurück und die Scheiben sind nur offline verfügbar.

Deshalb sind unsere prioritären Ziele der nächsten Jahre Streaming Projekte voranzutreiben und mit einem ausgewählten Streaming-Plattformen-Angebot abzurunden.



Abteilungsleitern E-Medien und Periodika



Stipendien fürs Forschen in der ZB

8. September 2021

Die aktuellen Debatten, die in den Sozialen Medien unter den Hashtags #IchBinHanna oder #WasPostdocsWollen geführt werden, werfen ein grelles Licht auf die prekären Arbeitsverhältnisse junger und junggebliebener Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Polemisch zusammengefasst lässt sich das Dilemma vielleicht so charakterisieren: viel Arbeit bei minimaler Entlöhnung der temporären (Projekt-)Stelle und darüber hinaus auch noch miese Karriereaussichten. Etwas Linderung in einer solchen Zwangslage bieten möglicherweise die von der Zentralbibliothek Zürich ausgeschriebenen Willy-Bretscher-Fellowships. Die Forschungsstipendien sind mit CHF 4000 pro Monat dotiert und werden finanziert aus einem grosszügigen Legat der Witwe von Willy Bretscher, Dr. Katharina Bretscher-Spindler. Sie werden in diesem Jahr erstmals ausgeschrieben.

Forschungsprojekte im Bereich der Digital Humanities

Forschende, die ein Digital-Humanities-Projekt realisieren möchten, das sich auf Bestände oder Daten der Zentralbibliothek Zürich stützt und dabei den zeitlichen Schwerpunkt im 20. Jahrhundert hat, können sich um ein Fellowship bewerben. Das Stipendium kann je nach Projektidee eine Dauer von drei bis maximal zwölf Monate haben und kann frühestens am 1. April 2022 angetreten werden. Erwartet wird von den Fellows, dass sie ihren Forschungsmittelpunkt nach Zürich verlegen, ihre Zeit überwiegend dem Forschungsvorhaben widmen und dieses der interessierten Öffentlichkeit vorstellen.

Die ZB als Partnerin der Forschung

Mit der Vergabe von Willy-Bretscher-Fellowships nimmt die Zentralbibliothek Zürich ihre Aufgabe als geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungsbibliothek und Partnerin der Forschung wahr. Die ZB ist bereit, den Fellows die fürs Vorhaben benötigte IT-Infrastruktur (Soft- wie Hardware) sowie Digitalisate und die notwendigen Metadaten zur Verfügung zu stellen. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten erhalten während ihres Forschungsaufenthalts einen Freiraum, um sich ganz auf die Realisierung ihrer innovativen Ideen konzentrieren zu können. Die Anträge werden von einer Auswahlkommission bestehend aus Angehörigen der Zentralbibliothek und der Universität Zürich beurteilt.

Willy Bretschers Interesse an Themen des 20. Jahrhunderts

Die zeitliche und thematische Profilierung der Fellowships schliesst ans Schaffen und Wirken von Willy Bretscher (1897-1992) an. Willy Bretscher war von 1933 bis 1967 NZZ-Chefredaktor, zudem von 1951 bis 1967 FDP-Nationalrat und von 1948 bis 1968 Vizepräsident der Liberalen Weltunion. Er «wandte sich als Chefredaktor der NZZ sowohl gegen die Anpassung an den Nationalsozialismus wie gegen den Kommunismus im Kalten Krieg und setzte dagegen die Positionen des Liberalismus» (Historisches Lexikon der Schweiz). Sein Leben war somit geprägt von den grossen Themen des 20. Jahrhunderts und er gestaltete dieses als Journalist und Politiker mit.



Leiter Produktionsmanagement Digitalisierung

«Bücher, Daten, Räume. Die Hochschulbibliothek im 21. Jahrhundert»

1. September 2021

Nicht nur der Mai macht vieles neu, wie ein altes Sprichwort sagt, sondern auch der Januar. Besonders der Januar des Jahres 2022. Dann nimmt nämlich die neue Universitätsbibliothek Zürich ihren Betrieb auf und es beginnt damit auch eine neue Zeit der vertieften Kooperation zwischen der UB Zürich und der Zentralbibliothek Zürich.

Als Auftakt zu dieser neuen Ära findet im Herbst an der Universität Zürich eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel «Bücher, Daten, Räume. Die Hochschulbibliothek im 21. Jahrhundert» statt. Sie wird gemeinsam von der Universität Zürich und der Zentralbibliothek Zürich organisiert und richtet sich an ein sehr breites Publikum: von Mitarbeitenden in Bibliotheken und Informationseinrichtungen über Hochschulangehörige bis hin zur interessierten Öffentlichkeit – alle sind herzlich willkommen!

Die Veranstaltungsreihe möchte in verschiedenen Veranstaltungsformaten wichtige Trends und Entwicklungen aus der Welt der Hochschulbibliotheken aufgreifen wie beispielsweise Anforderungen an den Raum und die Services einer Hochschulbibliothek, Bibliotheken als «smart facilities», Lese- und Lernverhalten, Open Access, Forschungsdaten und ihr Management oder Labs als Innovationsinkubatoren. Es konnten zahlreiche Expertinnen und Experten renommierter Institutionen aus dem In- und Ausland dafür gewonnen werden und wir freuen uns, Ihnen ein reichhaltiges und vielfältiges Programm anbieten zu können, welches Sie hier genauer einsehen können.

Die Veranstaltungen finden vom 28. September bis 14. Dezember jeweils am Dienstag ab 18.15 Uhr in der Aula der alten Kantonsschule statt (Rämistrasse 59, Raum RAA G01). Wir bitten um Verständnis dafür, dass die Durchführung den jeweils geltenden behördlichen Bestimmungen angepasst werden muss. Wir empfehlen Ihnen daher, kurz vor dem Termin die Websites der UB Zürich oder der Zentralbibliothek Zürich zu konsultieren und die Veranstaltungshinweise der beiden Institutionen auf den Social-Media-Kanälen zu beachten.



wissenschaftliche Mitarbeiterin Direktion

«Hallo, mein Name ist Ms C 6b»

Mein Name ist «Ms C 6b» - …zumindest steht es so auf meinem Rücken. Ich stehe schon seit Jahrzehnten im Tresor der Zentralbibliothek, gebunden zwischen Buchdeckeln. Ich bin eine Sammlung der wenigen erhalten gebliebenen Fragmenten der ältesten Jahrzeitbücher des Zürcher Grossmünsters und des Fraumünsters. In die Jahrzeitbücher wurde im Mittelalter säuberlich eingetragen, wer der Kirche etwas geschenkt oder gestiftet hatte, damit man jedes Jahr zur richtigen (Jahr-)Zeit für deren Seelenheil beten konnte. Meine Einzelbestandteile sind also viele Hundert Jahre alt. Auch bekannte Persönlichkeiten wie der 1489 hingerichtete Zürcher Bürgermeister Hans Waldmann haben in den Fragmenten, aus denen ich bestehe, einen Eintrag. Meistens sehe ich nicht viel, weil mich ein Schuber vor Licht und Staub schützt. Aber heute hat mich Gunnar Dalvit aus dem Regal genommen und geöffnet. Er hat ganz zaghaft und vorsichtig geblättert und auf einmal habe ich gespürt, dass etwas Aufregendes passieren wird.

Der Kurator Gunnar Dalvit holt die Fragmente aus dem Tresor, dem die ZB ihre wertvollsten Handschriften verwahrt.

Ich wusste schon immer, dass ich was Besonderes bin

Nun liege ich auf dem Schreibtisch mit vielen anderen Objekten. Da ist links neben mir ein ganzer Stapel Frauensilhouetten aus der Graphischen Sammlung, ein Reisepass von Emmie Oprecht und rechts ein wunderschönes rotes Siegel und ein Manuskript der Elsbeth von Oye (ca. 1300 – 1350). Viele Augen starren mich begeistert an und diskutieren. Und jetzt ist es endlich soweit … ich bin ausgewählt ... ausgewählt, um gezeigt zu werden ... in der neuen Ausstellung «Starke Zürcherinnen» in der Schatzkammer der Zentralbibliothek.

Fragmente der ältesten Jahrzeitbücher des Grossmünsters und Fraumünsters

Zuerst aber lande ich in der Bestandserhaltung

Auf einmal geht’s Schlag auf Schlag! So wie ich aussehe, kann ich natürlich nicht ausgestellt werden. Ich soll also ein bisschen aufgehübscht werden. Und von wegen ein bisschen schön machen…ich krieg das volle Programm.

… wie eine sanfte Streichmassage

Zuerst geht’s an die Reinigung. Mit dem Latexschwamm wird der oberflächliche Schmutz entfernt. Das fühlt sich an wie eine sanfte Streichmassage. An einigen Stellen kratzt ein Skalpell Leimreste und alte Schmutzverkrustungen weg. Ich war doch ganz schön dreckig!

Gerade liege ich bei der Restauratorin Dagmar Kuhl auf dem Tisch. Sie schneidet die Heftfäden auf und trennt «uns» Fragmente von der Buchdecke. Jetzt gehen wir erstmal getrennte Wege.

Ohne diese lästigen Verklebungen fühl ich mich doch gleich viel beweglicher

Überall kleben noch Papier- und Pergamentstreifen, die dazu dienten, dass wir zu einem Buch zusammengebunden werden konnten. Die Verklebungen haben mich doch ziemlich wellig werden lassen und auch etwas Schrift verdeckt. Und weil ja alles wieder sichtbar sein soll, müssen alle Verklebungen gelöst werden. Erst mechanisch mit dem Skalpell und dann noch mit Feuchtigkeit. Hier kommt Kleister auf die Verklebung und löst den Klebstoff langsam an. Dafür braucht die Restauratorin ein bisschen Geduld, aber dann lässt sich alles ganz leicht entfernen.

Pergament- und Papierfälze halten die einzelnen Seiten zusammen.


Mit einem Pergamentstreifen und zwei Fragmenten wurde eine neue Lage gebildet.

Heute geht’s meinen Falten und Wellen an den Kragen

Das freut mich sehr, denn ich schaue wirklich nicht mehr ganz so «nice» aus. Die vergangenen Jahrzehnte sieht man mir doch deutlich an. Jetzt komme ich in den «Zedernholzkasten», so heisst diese wundervolle Klimakammer. Dies ist ein Holzrahmen, der mit einem Plexiglas abgedeckt wird. In die Kammer kommt eine Wanne mit Wasser, ein Messgerät für Temperatur und Luftfeuchtigkeit, sowie ein Sieb. Auf diesem werde ich platziert und schwebe quasi ganz entspannt in einem Nebel aus Feuchtigkeit. Die Entspannung tut mir unglaublich gut. Und nach 2 Tagen habe ich dann auch fast meine ursprüngliche Form zurück.

Viele Verklebungen und Feuchtigkeit haben das Pergament wellig werden lassen.

Störrisches Pergament wird im Zedernholzkasten mit einer Luftfeuchtigkeit von fast 90 Prozent wieder geschmeidig gemacht.

Lifting 2.0

Neben mir ertönt auf einmal ein lautes Geräusch. Das kommt vom Nasssauger, der an den Saugtisch angeschlossen ist. Der Zedernholzkasten wird geöffnet und vier Hände legen mich auf den Saugtisch. Ich merke, wie mich die Luft regelrecht auf den Tisch saugt. Zwei Hände fixieren mich rechts, während die beiden anderen an mir zerren. Nach und nach merke ich, wie auch die letzte kleine Falte verschwindet. So liege ich nun frisch geliftet auf dem Saugtisch, der mir allmählich die Feuchtigkeit entzieht. Nach ein paar Stunden werde ich zwischen Vlies und Löschkarton gebettet und bleibe für die nächsten Monate in der Schlagpresse. Dort kann ich langsam vor mich hin trocknen, ohne dass die gemeinen Falten zurückkommen werden.

Die beiden Restauratorinnen, Dagmar Kuhl und Franziska Richter, versuchen, jede noch so kleine Falte des Pergamentes auf dem Saugtisch auszustreichen.

Raus aus der Presse liege ich nun auf dem Arbeitstisch. Schön flach und ohne Falten schliesst Dagmar mit kleinen chirurgischen Eingriffen noch ein paar Risse und Fehlstellen. Das Japanpapier wurde davor schon, meinem Hautton passend eingefärbt, dass am Ende sogar jegliches Makeup überflüssig ist. Und so erstrahle ich heute weise, aber mit jugendlichem Teint.

Risse und Fehlstellen werden mit Japanpapier und Störleim (Hausenblase) geschlossen.

Bereit fürs Fotoshootig?

Nach Monaten in der Bestandserhaltung führt mich mein Weg heute ins Digtalisierungszentrum. Dort soll ich abgelichtet werden. Weisse Baumwollhandschuhe drehen und wenden mich. Ich werde von allen Seiten begutachtet. Der «SupraScan Quartz A1» soll mich ablichten. Sanft werde ich auf dunklem Karton platziert, zusammen mit dem Tisch fahre ich nach oben und kurz vor der Glasplatte stoppe ich. Und plötzlich geht’s los. Jitka Sebrlova, die Scanoperatorin, drückt den Auslöser und ein Lichtstreifen scannt mich von links nach rechts ab. Vor den 400 dpi Auflösung habe ich nun keine Angst mehr, man darf ruhig alles sehen, bis ins kleinste Detail…Fältchen hab ich ja keine mehr.

Jitka Sebrlova scannt die Fragmente der Handschrift, damit diese auch digital zur Verfügung stehen.

Jetzt sind es nur noch ein paar Tage bis zur Eröffnung der Ausstellung. Auf einem säurefreien Passepartoutkarton werde ich so mit Mylarstreifen montiert, dass ich quasi daliege wie eine «1». Nichts darf verrutschen, alles muss für die nächsten 3 Monate in der Ausstellungsvitrine an Ort und Stelle sitzen.

Dann endlich werde ich in die schöne Schatzkammer getragen. Das ist alles ziemlich aufregend, denn ich bin so gespannt, was mich in meiner Vitrine erwartet. Die Rückwand ziert ein Zitat «Der grossen Frau zu Zürich bin ich vereidet» – Landmann aus Uri in Friedrich Schillers «Wilhelm Tell» [TI1] .

Die beiden Restauratorinnen, Cornelia Haas und Kerstin Ebenau, öffnen meine Vitrine. Alle anderen Schätze liegen bereits darin, nur ich fehle noch. Ich werde links hinten auf einem Plexiglasständer platziert, dann rücken die beiden mich noch etwas nach vorne. Die passende Legende wird vor mir aufgestellt. Mit dezenten, aber ausreichenden 50 Lux werde ich angestrahlt und dann ist die Vitrine auch schon wieder zu und wird verschlossen. Ich bin so gespannt wie viele Augen mich die nächsten Wochen bestaunen werden.

Pergamentfragment in der Wandvitrine der Ausstellung «Starke Zürcherinnen»

Warum wir noch vorhanden sind…

Nach unserem ersten Leben als Pergamenthandschrift, wurden wir auseinandergenommen um dann in unserem zweiten Leben verschiedene Drucke und Handschriften als Einband zu schützen. Pergament war schon immer etwas sehr Wertvolles und so wurden wir quasi als Einbandmaterial recycelt. Das kann man besonders gut an den Einschlägen sehen. Die vier Ecken wurden so abgeschnitten, dass sie sich zu einer schönen Ecke formen lassen. Parallel zum Rücken im Falz sieht man deutlich noch die Schnitte, an denen die Pergamentriemchen der Heftung durchgezogen wurden. Und unser drittes Leben wurde gerade aufgelöst und so geht es jetzt voller Elan und aufgehübscht ins Vierte.

Um die Handschrift als Einband zu verwenden, schnitt man alle 4 Ecken an den Einschlägen ab.

Links und rechts der Lagenmitte sieht man jeweils zwei kleine Schnitte dicht nebeneinander. Durch diese wurden die Pergamentriemchen gezogen, um den Buchblock mit der Buchdecke zu verbinden. Auch der ehemalige Einschlag oben ist deutlich sichtbar.

Man sieht deutlich den ehemaligen Buchrücken, mit der hellen Stelle des einstigen Signaturschildes. 4 Bünde, quer zum Rücken, sind durch die vielen kleinen Heftlöcher sichtbar. Das Einbandpergament wurde dort mit dem Buchrücken verbunden.

Ein Pergamentband mit fünf durchgezogenen Pergamentriemchen am Gelenk zwischen Buchrücken und Buchdeckel.



Stv. Leiterin Bestandserhaltung

Schul(zeit)reisen zu den Originalquellen

Worum geht es?

Die Zentralbibliothek Zürich baut gezielt ein digitales Angebot mit Unterrichtsmaterialien auf. Mit dem neuen Format der «Schul(zeit)reisen digital» wendet sie sich an Lehrpersonen an Gymnasien und weiterführenden Schulen: Sie werden zur regen Nutzung eingeladen und zugleich um Rückmeldungen aller Art gebeten. Die ZB Zürich will die Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler durch einen verlässlichen, kostenfreien und jederzeit leicht erreichbaren Beitrag unterstützen, gerade in Zeiten der Pandemie.

Johannes Ganz: Die Dorfschule, Zürich (?), Radierung um 1850

Was bieten wir?

Unsere Spezialistinnen und Spezialisten wählen aus einer Vielzahl an Dokumenten der historischen Bestände der ZB Zürich und ihrer Partnerinstitutionen geeignete Arbeitsmaterialien zur Ergänzung oder Vertiefung des Unterrichts. Die im Mittelpunkt stehenden originalen Dokumente werden in einen thematischen Rahmen gestellt, erläutert und für Lehrerinnen und Lehrer mit weiterführenden Literaturhinweisen ergänzt.

Gottfried Keller: Zeichnung aus der Kinderzeit, um 1832

Die einzelnen didaktischen Einheiten stehen auf unserer Website zur Verfügung und werden laufend ergänzt. Ein Newsletter kündigt in Abständen von zirka drei Monaten die jeweils neusten Beiträge an. Die Materialien werden als PDF-Dokumente angeboten. Die vorgestellten Originaldokumente sind in der Regel auch online auf den Plattformen e-manuscripta und e-rara verfügbar. Die Abbildungen hier stammen übrigens sämtlich aus unseren Dossiers.

Johannes Hegi: Überschwemmung von Küssnacht am 8. Juli 1778. Radierung

Die Vermittlung...

...ist der ZB Zürich ein wichtiges Anliegen, wofür wir ein vielfältiges Angebot bereithalten. Richtet sich das hier vorgestellte Programm zwar in erster Linie an Lehrkräfte, so ist doch selbstverständlich jede Leserin dieser Zeilen und jeder Interessierte herzlich eingeladen, die Dossiers zu studieren. Bei diesen geht es uns nicht darum, einen Gegenstand umfassend darzustellen oder ein Thema abschliessend zu behandeln. Vielmehr sollen Einzeldokumente einen vertieften Blick in der Lehre ermöglichen und zu Übungen und eigenen Recherchen ermuntern.

Vielleicht haben Sie selbst Pädagoginnen in Ihrem Umfeld, Kinder oder Enkel, welchen Sie unser Angebot bekannt machen wollen. Es ist uns sehr daran gelegen, die Arbeitsblätter nach den Bedürfnissen im Unterricht zu gestalten. Um das Projekt voranzutreiben sind wir für Ihre Anregungen, Kritik und Fragen sehr dankbar!

Anonym: Zürcher Töchterschule, Lithografie, circa 1853 (Ausschnitt)

Ihr Mitwirken

ist gefragt. Im Bestreben, die Zusammenarbeit von professionell und ehrenamtlich tätigen Forschenden zu unterstützen und mitzugestalten, engagiert sich die Zentralbibliothek Zürich mit verschiedenen Projekten im Bereich Citizen Science: Siehe hierzu auch den Eintrag etwas weiter unten. «Schul(zeit)reisen digital» ist Teil dieses Programms.

Die ersten Einheiten haben wir im April lanciert, unter anderem zu einer Unwetterkatastrophe im Jahr 1778. Inzwischen sind neue Arbeitsblätter etwa zur Kurrentschrift oder zum Leben während der Pandemie 1918 erschienen. In Kürze werden weitere hinzukommen. Könnten Sie sich vorstellen, selbst Quellen aus den ZB-Beständen für den Schulunterricht aufzubereiten? Verschaffen Sie sich einen Überblick über unsere aktuellen Unterrichtseinheiten! Wir laden Sie herzlich zum Mitmachen ein.



Mitarbeiter Handschriftenabteilung

Durch Raum und Zeit: Online mitforschen

14.7.2021

Die Öffentlichkeit ist seit dem 10. Juni 2021 eingeladen, über 2500 digitalisierte alte Zürcher und Schweizer Landkarten der Abteilung Karten und Panoramen der ZB geografisch zu verorten. Interessierte bearbeiten die Landkarten auf der Webplattform «Georeferencer».

Intuitives Tool

Das Werkzeug zur Georeferenzierung ist einfach in der Handhabung: Eine ausgewählte alte Karte wird mit einer modernen verglichen, auf beiden werden identische Merkmale identifiziert und Referenzpunkte gesetzt. Dies ermöglicht es, die alte Landkarte zu entzerren und als Überblendung auf einer aktuellen Karte darzustellen.

Alte Karten im Allgemeinen stark verzerrt

Das «Eigentliche Verzeichnuss der Städten, Graffschafften und Herrschafften, welche in der Stadt Zürich-Gebiet und Landschafft gehörig sind», zeigt, wie verzerrt Ausgangskarten bisweilen sein können. Bei der 4. Ausgabe der sogenannten Murer-Karte handelt es sich um einen Wiederabdruck von Anfang des 18. Jahrhunderts der originalen Druckstöcke. Gezeichnet hatte die Karte Jos Murer (1530-1580).

4. Ausgabe der Murer-Karte (oben) und dieselbe georeferenzierte, also geometrisch «zurechtgerückte» Karte als Überblendung (unten)

Bereits mehr als die Hälfte der Karten georeferenziert

In rund einem Monat wurden von der engagierten Crowd über 1300 Karten erfolgreich geografisch verortet. Um eine möglichst einheitliche Qualität zu gewährleisten, werden die georeferenzierten Landkarten vor ihrer späteren Freigabe auf Old Maps Online geprüft.

Erste Beobachtungen 

Es zeigt sich, dass das Ergebnis massgeblich von der Anzahl und Verteilung der Referenzpunkte abhängt: Gute Resultate werden im Allgemeinen erzielt, wenn die gewählten Punkte keine Cluster bilden, sondern über das ganze Kartenfeld verteilt sind.

Auffällige Abweichungen

Wenig überraschend ist, dass die älteren Karten besonders im Gebirge die stärksten Verzerrungen aufweisen. Diese sind unter anderem auf die im 16. und 17. Jahrhundert noch enorm schwierige Vermessung der Erdoberfläche zurückzuführen. Es zeigt sich zudem, dass einige stehende Gewässer wie Zürich-, Boden- und Genfersee oder Lago Maggiore in ihrer Gestalt ungenau erfasst und erheblich zu breit eingezeichnet wurden.

Wandel erfahren

Mit jeder Karte, die Citizen Scientists bearbeiten, erfahren sie mehr darüber, wie sich die Landkarten über die Zeit verändert haben. Wie wurden Gebirge und Gewässer, wie Städte, Dörfer, Strassen und Wege dargestellt? Gleichzeitig bieten sich Vergleiche an, wie sich die Landschaft, Siedlungen und Verkehrsinfrastruktur in der Zeit bis 1900 entwickelt haben.

«Die Landschaft Toggenburg», entworfen vom Zürcher Johann Jacob Scheuchzer (1672-1733)

Entdecken Sie kartografische Trouvaillen und georeferenzieren Sie Landkarten aus der Sammlung. Wir freuen uns auf Ihr Engagement! Das Projekt ist Teil des strategischen Schwerpunkts Citizen Science der Zentralbibliothek Zürich.


Mitarbeiter Abteilung Karten und Panoramen

Zurich Open Platform

30.6.2021

Die Zentralbibliothek Zürich, lanciert die Zurich Open Platform (ZOP) für digitales Kulturgut. In diesem Online-Archiv finden Sie Bestände der ZB Zürich wie auch anderer Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen des Kantons Zürich. Die ZB nutzt ZOP für Zürcher Publikationen, die nach 1800 bis heute erschienen sind. Diese Spezialsammlung wird von der Abteilung Turicensia betreut.

Turicensia

Die Zentralbibliothek Zürich, Kantons-, Stadt- und Universitätsbibliothek, sammelt Publikationen

  • zum Thema Zürich
  • von Zürcher Autorinnen und Autoren 
  • die im Kanton erschienen sind
  • so vollständig wie möglich, macht diese zugänglich und bewahrt sie auf. 

Damit übernimmt die ZB Zürich eine wichtige Rolle für das historische/kulturelle Gedächtnis des Kantons Zürich. Die Kantonale Sammlung umfasst breite und wissenschaftliche Literatur.

Bisher beschränkte sich diese Aufgabe darauf, Bücher, graue Literatur und Zeitungen sowie Zeitschriften in gedruckter Form zu sammeln und zu archivieren. In den letzten zwei Jahrzehnten sind vermehrt elektronische Medien in unterschiedlichen Formaten hinzugekommen – von Verlagspublikationen, vorwiegend E-Books, über Websites, Zeitungen, Zeitschriften bis hin zu multimedialen Produkten. Es sind kommerzielle wie auch nicht-kommerzielle Publikationen, neben Verlagen von Privatpersonen und Institutionen herausgegeben.

Open Access

Die Publikationsprozesse veränderten sich tiefgreifend. Weltweit erscheinen immer mehr digitale Publikationen, die Nachfrage steigt ebenfalls. Die Open-Access-Bewegung und die Forderungen nach digitaler Langzeitarchivierung führen dazu, dass Bibliotheken vermehrt Publikationsserver, sogenannte Repositorien, aufbauen. Damit machen sie zahlreiche digitale Publikationen online zugänglich.

Sitzplan des Corso-Theaters, aus dem digitalisierten Adressbuch von 1937.

E-Turicensia

2013 erweiterte die Zentralbibliothek Zürich den Sammelauftrag für Turicensia auf Dokumente in elektronischer Form. Die ZB Zürich passt das «Sammelprofil Turicensia nach 1800» entsprechend an. Die Spezialsammlungsabteilung Turicensia baute deshalb ein Open Access Repositorium für Zürcher E-Publikationen auf. Bei diesen handelt es sich sowohl um digitalisierte Perlen des 19./20. Jahrhunderts als auch um Born Digital Turicensia, vorwiegend in den Datenformaten PDF, JPG, Audio und Video.

ZOP Zurich Open Platform

ZOP ist ein Open Access Repositorium auf Basis der Open Source Software DSpace. Partner beim Aufbau von ZOP war die Firma «The Library Code» aus Berlin. Deren Gründer, Pascal-Niclolas Becker, bringt umfassende Erfahrungen beim Aufbau und der Pflege von Repositorien mit und beteiligt sich als Mitglied der DSpace Submitter Group und Service Provider massgeblich an der Weiterentwicklung der Open Source Software DSpace. Diese wird von einer weltweiten Community getragen. Mit einem eigenen DSpace-Repositorium ist die Zentralbibliothek Zürich Teil einer globalen Community mit einem starken Bekenntnis zum offenen Wissensaustausch.

Stöbern und recherchieren Sie in unseren «Adressbüchern der Stadt Zürich» und den digitalisierten «Nekrologen» zu Zürcher Persönlichkeiten, dem Turicana Podcast oder den wissenschaftlichen Publikationen und Berichten der Kantonalen Denkmalpflege und Kantonsarchäologie. Die E-Turicensia Sammlung nach 1800 wird laufend ausgebaut.

ZOP Zurich Open Platform

zop@zb.uzh.ch



Abteilungsleiterin Turicensia



Zschokke transkribieren!

23.6.2021

Vor rund drei Monaten, am 22. März, hätte Heinrich Zschokke seinen 250. Geburtstag feiern können. Diesen Jahrestag nimmt auch die ZB zum Anlass, sich mit dem Vermächtnis von Zschokke (1771-1848), einem der bedeutendsten Vordenker der modernen Schweiz, zu beschäftigen. Als Politiker, Pädagoge, Publizist und Schriftsteller nahm Zschokke auf die politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit mit grossem Engagement Einfluss und stand mit vielen bekannten Personen seiner Zeit in regem Austausch.

Zschokke und die Zürcher

Die ZB besitzt ca. 300 Briefe von und an Zschokke. Sie wurden bereits im Vorfeld des Jubiläumsjahrs digitalisiert und auf e-manuscripta.ch aufgeschaltet. Am 3. Juli findet nun in der ZB ein Transkriptionsworkshop statt, an dem Sie sich sehr gerne beteiligen können! Wir wollen einige Briefe von Zschokke und bekannten Zürcher Persönlichkeiten transkribieren. Wollen Sie erfahren, wie Zschokke mit dem Politiker, Verleger und Publizist Johann Heinrich Füssli (1745-1832) ein Zeitschriftenprojekt plante und umsetzte? Möchten Sie wissen, was Zschokke dem Pfarrer und Schriftsteller Johann Caspar Lavater über den «Schweizerboten» mitteilte und warum sie sich über den Berner Staatsrechtler Karl Ludwig von Haller (1768-1854) stritten? Oder über was er mit dem Musikpädagogen und Komponisten Hans Georg Nägeli (1773-1836) korrespondierte? – Dann melden Sie sich hier zu unserem Workshop an.

 Brief von Heinrich Zschokke an Paulus Usteri, 30. Juli 1796

Transkriptionsworkshop am 3. Juli in der ZB

Der Workshop beginnt um 10 Uhr mit einer kurzen thematischen Einführung und der Möglichkeit, die originalen Briefe von Zschokke zu betrachten. Danach lernen Sie die Funktionsweisen des Transkriptionstools kennen. Sie können sich nach eigenem Interesse einen Brief aussuchen und ihn transkribieren. Nach einem gemeinsamen, von der ZB offerierten Imbiss zeigen wir Ihnen am Nachmittag unser Digitalisierungszentrum. Neben einer Scanner-Demonstration erfahren Sie, welche Herausforderung die Digitalisierung historischer Dokumente mit sich bringt – von der Restaurierung über das Scannen bis zur Datenverarbeitung. Das genaue Programm finden Sie hier.

Wir freuen uns auf die gemeinsame Arbeit!

Die Veranstaltung ist Teil des strategischen Schwerpunkts Citizen Science der Zentralbibliothek Zürich.



Leiter Produktionsmanagement Digitalisierung

Bibliophilie - eine besondere Liebe

10.6.2021

Bibliophilie, die Liebe zum Buch, ist eine ganz besondere Leidenschaft – auch im digitalen 21. Jahrhundert. Landläufig bezeichnet sie das Sammeln von schönen, seltenen oder historisch wertvollen Büchern. Zum Kreis der Bibliophilen zählen nicht nur Sammler, sondern alle Menschen, die – beruflich oder privat – die Freude am erlesenen Buch verbindet. 

100 Jahre Gesellschaft Schweizer Bibliophiler

Die Schweizerische Bibliophilen-Gesellschaft/Société suisse des bibliophiles/ Società Bibliofila Svizzera vereinigt alle Freundinnen und Freunde von Buch- und Schriftkunst, seien dies Leser, Sammler, Forscher, Drucker und Verleger, Buchhändler und Bibliothekare, kurz alle, die am Buch, von der mittelalterlichen Handschrift bis zum modernen Comic, interessiert sind. 1921 in Bern gegründet, feiert die Gesellschaft in diesem Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass erscheint eine Jubiläumsausgabe der zweimal jährlich publizierten, international renommierten Gesellschafts-Zeitschrift Librarium, deren ältere Ausgaben unter www.e-periodica.ch eingesehen werden können.

Jubiläumsausgabe des Librarium zum Thema Bibliophilie

Abweichend vom sonst üblichen Inhalt des Librarium mit seinen wissenschaftlichen Artikeln zu Buchkunst und Grafik widmet sich die Jubiläumsausgabe dem zentralen Thema der Gesellschaft, der Bibliophilie. 33 Persönlichkeiten aus allen Teilen der Schweiz, die in unterschiedlichster Weise mit Büchern zu tun haben, sei es, dass sie Bücher schreiben, illustrieren, drucken, binden, verlegen, sammeln, betreuen oder verkaufen, wurden gebeten, in persönlich gehaltenen Essays über ein Buch zu schreiben, das in ihrem beruflichen oder privaten Leben eine ganz besondere Rolle spielte oder noch immer spielt.

Entstanden ist ein in seiner Vielfalt faszinierendes Spektrum, das spannende, erhellende und auch berührende Geschichten erzählt:

  • vom ersten Buch in einem Kinderleben
  • einem glücklichen Fund in einem Antiquariat
  • von den Schätzen der eigenen Bibliothek
  • den Freuden und Qualen des Sammelns
  • den Herausforderungen einer Verlegerin im 21. Jahrhundert
  • dem besonderen Verhältnis eines Bibliothekars zu einer ihm anvertrauten Kostbarkeit
  • den bibliophilen Neigungen und Ansprüchen eines Illustrators oder eines Buchbinders

Die Vernissage findet am 15. Juni 2021, um 18 Uhr, im Escher-Saal der Zentralbibliothek Zürich statt und wird hier online übertragen.

Bibliophilie – 33 Essays über die Faszination Buch. Im Auftrag der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft zum Anlass ihres 100-jährigen Bestehens (1921-2021) herausgegeben von Wolfram Schneider-Lastin, Weinfelden 2021 (ISBN 978-3-033-08479-7).



Redaktor Librarium

ZB goes Bibliothekartag

3.6.2021

Für viele ist der deutsche Bibliothekartag das Ereignis des Jahres: Man informiert sich dort nicht nur über die neusten Themen und Trends in der Bibliothekswelt und kann sich darüber mit vielen Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Bibliothektypen austauschen. Der Bibliothekartag ist darüber hinaus auch ein hervorragender Ort der Netzwerkpflege.

Ein Jahr Pause, nun bald in Bremen und an anderen Orten

Nachdem der Bibliothekartag im vergangenen Jahr aufgrund der Pandemie abgesagt werden musste, war das Bedauern in der Community gross und man hörte hier und da leise hoffend: «Aber dann im nächsten Jahr wieder…?» Ja, in diesem Jahr findet der Bibliothekartag wieder statt und zwar vom 16. bis 18. Juni in Bremen. Und nicht nur dort, sondern eigentlich auch an vielen weiteren Orten, denn coronabedingt wird die Veranstaltung hybrid durchgeführt: Einige wenige sind nach Bremen eingeladen, die meisten schalten sich jedoch von ihren jeweiligen Wohn- oder Arbeitsorten aus zu.

Virtuelle Durchführung als Chance

Mit Blick auf den informellen Austausch, auf die sich zufällig ergebenden Gespräche und Begegnungen ist das sicher ein kleiner Wermutstropfen. Die virtuelle Durchführung eröffnet vielen jedoch auch die Möglichkeit zur spontanen Teilnahme oder zur Teilnahme nur an einzelnen Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden, ohne dass man eine lange Anreise auf sich nehmen muss; ohne dass die Abwesenheiten abgestimmt und Dienstpläne angepasst werden müssen; oder ohne das Budget mit weiteren Spesen zu belasten. Für viele, vor allem kleinere Bibliotheken, kann dies wohl als grosses Plus gewertet werden. Man darf also gespannt sein, wie sich die hybride Durchführung des Bibliothekartags bewährt.

Auch die ZB ist aktiv dabei

Passend zu diesem für den Bibliothekartag neuen Format lautet das diesjährige Motto gut hanseatisch «buten un binnen – wagen un winnen» (deutsch: In der Fremde und Zuhause – wagen und gewinnen) und stellt einmal mehr die Innovationskraft von Bibliotheken ins Zentrum. Das Programm ist, wie man das aus den Vorjahren kennt, enorm breit und reichhaltig und es sind auch einige Mitarbeitenden der ZB unter den Referierenden:

  • Christian Oesterheld referiert zusammen mit Benjamin Scher (Universität St. Gallen) über die Strategiepraxis an der ZB. Sie geben Einblicke in ein gemeinsam mit dem RISE Management Innovation Lab der Universität St. Gallen dazu durchgeführtes Forschungsprojekt.
  • Susanne Uhl informiert zusammen mit Lukas Hefti (Kantonsbibliothek Thurgau) über die Revision der Schweizer Bibliotheksstatistik.
  • Claudius Lüthi erläutert, wie Scrum und agile Produktentwicklung im Projekt- und Arbeitsalltag der ZB eingesetzt werden.
  • Stefan Wiederkehr zeigt auf, welche neuen Chancen sich aus Citizen Science gerade für wissenschaftliche Bibliotheken ergeben.

Bibliothekartag – man kann eigentlich nur gewinnen

Und übrigens: Der Bibliothekartag ist nicht nur etwas für Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Stöbern Sie im Programm und lassen Sie sich inspirieren. Eine Anmeldung ist auch noch während der Veranstaltung möglich. Alle notwendigen Informationen können der Website entnommen werden.

    

Wissenschaftliche Mitarbeiterin Direktion 

Nehmen Sie das Heft in die Hand!

18.5.2021

«Citizen Science» ist in aller Munde. Und sie wird gelebt: Professionell und ehrenamtlich tätige Forschende arbeiten zusammen. Gemeinsam entwickeln sie wissenschaftliche Fragestellungen, sammeln Daten, analysieren und interpretieren diese.

Ein globaler Trend

Citizen Science ist ein aktueller Trend. Vor allem Naturwissenschaften und Medizin nutzen die Chancen von Citizen Science. Dies zeigen die Überblickseiten zur schweizerischen und internationalen Projektlandschaft. Die Open Science-Bewegung und die Digitalisierung beschleunigen den Wandel zu neuen Formen von Kooperation in der Forschung.

Citizen Science in den Geisteswissenschaften

Forschung ausserhalb der Universitäten hat in den Geisteswissenschaften eine lange Tradition. Gelehrte Gesellschaften oder publizierende Lehrerinnen und Lehrer mögen als Stichworte genügen. In jüngster Zeit entstehen aber auch in den Geisteswissenschaften Citizen Science-Initiativen, in denen hauptamtlich Forschende und Freiwillige zusammenkommen. So wird etwa am Deutschen Seminar der Universität Zürich die Entwicklung der Schweizer Dialekte von 1930 bis 2000 in einem Citizen Science-Projekt erforscht. Erfolgreich abgeschlossen ist die Korrekturkampagne des Projekts «Bullinger digital». Hier verbesserten engagierte Freiwillige die vom Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte ursprünglich auf rund 10'000 Karteikarten zusammengetragenen Informationen zum Briefwechsel von Heinrich Bullinger. Wer im deutschen Sprachraum Orientierung sucht, dem sei der Blog «Bürger Künste Wissenschaft. Citizen Science in Kunst und Geisteswissenschaften» empfohlen.

Die ZB engagiert sich für Citizen Science

Die Zentralbibliothek Zürich versteht es als ihre strategische Aufgabe, diese Entwicklung zu unterstützen und mitzugestalten. Als Kantons- und Stadtbibliothek einerseits, Universitätsbibliothek andererseits ist sie dafür prädestiniert, breite Bevölkerung und Wissenschaft zusammenzubringen.

Machen Sie mit!

Citizen Science hat viele Gesichter. Entdecken Sie mit uns neue Dokumente und Objekte! Stellen Sie Ihr Wissen der Öffentlichkeit zur Verfügung und bringen Sie es in die Forschung ein. Und lernen Sie Menschen mit gleichen Interessen kennen.

«Aufbereitet für Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler: Mädchenbildung im Zürich des 18. und 19. Jahrhunderts»

Begeben Sie sich ab sofort auf Schul(zeit)reisen mit der ZB und teilen Sie uns mit, welche Themen Ihnen im Schulunterricht fehlen. Oder möchten Sie lieber digitalisierte Zürcher und Schweizer Karten verorten? Dann beteiligen Sie sich am besten ab Juni 2021 an unserem Projekt Durch Raum und Zeit: Georeferenzierung von historischen Zürcher und Schweizer Karten. Und alte Schriften entziffern wir gemeinsam am 3. Juli bei der Veranstaltung «Mein Brief ist lang geworden» – Zschokke transkribieren.

Im Herbst 2021 ist der Launch weiterer Projekte der ZB geplant. Unser Citizen Science-Newsletter und unsere Facebook Gruppe halten Sie auf dem Laufenden.


Chefbibliothekar Spezialsammlungen

Tinte frisst – Bestandserhaltung rettet

4. Mai 2021

Eine wichtige Aufgabe der Zentralbibliothek Zürich ist es, Bücher, Briefe, Manuskripte und vieles mehr für die Zukunft zu erhalten. Genau dies machen wir Restauratorinnen und Restauratoren in der Abteilung Bestandserhaltung. Unsere Aufgabe ist es, die Bestände der Bibliothek zu hegen und zu pflegen. Dies gelingt uns mit präventiven Massnahmen wie Verpackungen und Klimakontrolle in den Magazinräumen und ganz besonders dadurch, dass wir die Objekte reinigen und "verarzten".

Die Bestände der ZB sind sehr breit gefächert. Es gibt unterschiedliche Materialien und eine ganze Bandbreite von verschieden Objekttypen. Auch reichen die Bestände bis ins 5. Jahrhundert zurück. Unsere "Patienten" haben manchmal schon wirklich viel durchgemacht. All diese Faktoren machen unseren Job extrem spannend, aber sie stellen uns auch vor ganz unterschiedliche Herausforderungen.

Rettet das Familienarchiv Hirzel

Ich wurde für ein ganz besonderes Projekt eingestellt: die Restaurierung des Familienarchivs Hirzel. Es handelt sich um ein sehr reiches Archiv dieser alten Züricher Familie. Der Bestand umfasst unzählige Handschriften, Briefe und sonstige Unterlagen wichtiger Staatsmänner und Gelehrter mit denen die Familie korrespondierte (unter anderem Jean-Jacques Rousseau, Jakob Gujer, Julie Bondeli und Sophie von La Roche). Die Sammlung ist für die Forschung von grossem Interesse, da sie ein breites Spektrum an sozial- und lokalgeschichtlichen wie auch linguistischen Aspekten abdeckt. Um sie für künftige Generationen zu erhalten, haben die Familienstiftung Hirzel und die Zentralbibliothek im April 2020 eine Vereinbarung über die Restaurierung und Konservierung des Familienarchivs geschlossen. Das heisst, der Erhalt des Archivs wird von der Familie finanziert und meine Aufgabe ist es, dies restauratorisch umzusetzen.

Als erstes habe ich mir einen Überblick über das über 550 Signaturen umfassende Familienarchiv Hirzel verschafft. Ein Problem stand dabei im Vordergrund: Tintenfrass!

Ausbrüche im Schriftbild (FA Hirzel 235)

Tinte frisst Handschriften

Bei Tintenfrass handelt es sich um ein Schadensphänomen an Papieren durch Eisengallustinten. Eisengallustinte war vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert das am weitesten verbreitete Schreibmittel. Die Tinten bestehen aus Eisenvitriol, Galläpfeln und Gummi arabicum. Verdünnt wurden sie meist mit Wasser oder Rotwein. Die genaue Zusammensetzung kann jedoch sehr stark variieren, da jeder Schreiber seine Tinte selbst gemischt hat.

Die Eisenionen in der Tinte reagieren mit Feuchtigkeit (zum Beispiel mit Wasserbestandteilen in der Luft), So bildet sich Schwefelsäure. Im ersten Schritt bewirkt diese Reaktion, dass die Tinte tiefschwarz wird. Leider gehen die Reaktionen der Schwefelsäure über die Jahre immer weiter und früher oder später werden die Papierfasern angegriffen. Erst bilden sich sogenannte Höfe um die Buchstaben, ein Teil der Eisenionen «wandert» in das Papier. Die Ionen und die Säuren bewegen sich nicht nur links und rechts neben den Buchstaben, sondern «rosten» durch das Papier hindurch. Der Tintenfrass kann so weit gehen, dass ganze Buchstaben aus den Seiten herausfallen.

Beginnender Tintenfrass, links die Vorderseite eines Briefes, rechts die Rückseite, besonders um die dicken Tintenstriche sind Höfe erkennbar (FA Hirzel 31aa)

Fortgeschrittener Tintenfrass, der Text ist bereits stark auf der Rückseite sichtbar (FA Hirzel 326)

Stark fortgeschrittener Tintenfrass. Vorder- und Rückseite sind nicht mehr klar zu unterscheiden, einzelne Textteile sind bereits herausgebrochen (FA Hirzel 326)

Tinte frisst – aber was denn alles?

In der Bestandserhaltung haben wir tagtäglich tintenfrassgeschädigte Objekte auf dem Tisch. Das Familienarchiv Hirzel ist keine Ausnahme. Tintenfrass ist aber nicht die einzige Herausforderung, mit der wir Restauratorinnen und Restauratoren uns auseinandersetzen müssen. Ich habe sowohl Bücher als auch einzelne Briefe, grossformatige Karten oder gerollte Urkunden, um die ich mich kümmern muss. Viele Objekte haben neben der Tinte, die sich durch das Papier frisst, noch andere Schäden. Die Lagerung und die Benutzung haben Spuren hinterlassen: Objekte sind oft verschmutzt, Papier ist eingerissen und Einbände von Büchern sind beschädigt. Ich muss mir also bei jedem Objekt überlegen, wie ich mit dem Mix an Schäden umgehe.

Tintenfrass in einem Pergamentband: Der Text geht teilweise bis in den Bund, wodurch die Bearbeitung erschwert wird (FA Hirzel 11)

Es gibt unterschiedliche Methoden, um den Tintenfrass zu verlangsamen oder gar zu stoppen. Momentan werden vor allem zwei praktiziert. Einerseits das partielle Sichern und andererseits eine chemische Behandlung. Beide Methoden setzen besondere Fachkenntnisse und eine spezielle Infrastruktur im Atelier voraus. Leider sind nicht alle Methoden bei allen Objekten sinnvoll.

Klebstoff sichert

In der Regel sichere ich Risse mit einem dünnen Papier und Kleister. Der Kleister ist aber auf Wasserbasis und würde damit den Tintenfrass beschleunigen. Ich brauche also eine Methode, um Risse im Schriftbild zu sichern und ganze Texte zu stabilisieren ohne Wasser einzubringen. In der Bestandserhaltung der ZB arbeiten wir deshalb in solchen Fällen mit einem Klebstoff (KlucelG) welcher durch Ethanol aktiviert wird.

Im Video zeigt meine Kollegin Cornelia, wie sie in einem Buch tintenfrassgeschädigte Seiten sichert. Sie legt ein 3g/qm Japanpapier, mit KlucelG beschichtet, auf den Text. Das dünne Papier sichert einzelne Seiten, ist aber quasi unsichtbar. Der Tintenfrass wird dadurch aber leider nicht gestoppt, wir gewinnen lediglich ein bisschen mehr Zeit.

Chemie stoppt

Es gibt eine chemische Methode um dem Tintenfrass Einhalt zu gebieten, die Calcium-Phytat-Behandlung. Dabei werden die freien Eisenionen ausgewaschen und die verbleibenden durch Komplexierung unschädlich gemacht. Es handelt sich jedoch um ein sehr aufwändiges und vor allem wässriges Einzelblattverfahren. Wenn ich ein ganzes Buch so schützen möchte, muss ich es zuerst komplett zerlegen und nach der Behandlung wieder einbinden. Ausserdem muss ich nach der chemischen Behandlung noch alle Risse schliessen. Der Vorteil der Phytabehandlung ist, dass der Tintenfrass dadurch gestoppt werden kann. In meinem Projekt muss ich jedoch bei jedem Objekt abwägen, wie viel Zeit ich investieren kann. Auch sind wir in der ZB nicht für eine solche Behandlung ausgestattet. Wir müssen unsere Objekte an externe Ateliers geben, was mit zusätzlichen Kosten verbunden ist.

Im Video wird gezeigt, wie die Phytatbehandlung in einem externen Atelier an Objekten der ZB durchgeführt wird. Erst werden die Einzelblätter in Siebe gebettet, mehrfach gewässert, in der Phytatlösung gebadet, mit Gelatine nachgeleimt und zum Schluss mit einem hauchdünnen Japanpapier stabilisiert.

Unsere Bestände retten – ein Blick in die Zukunft

Die beschriebenen Massnahmen sind aktuell die besten Massnahmen, die zur Behandlung von Tintenfrass zur Verfügung stehen. Aber beide Methoden haben ihre Grenzen und Nachteile. Das Sichern mit dünnem Papier ist eine rein mechanische Methode. Es ist sehr zeitaufwändig und behebt das Tintenfrassproblem nicht, da chemisch nichts verändert wird. Die Phytatbehandlung stoppt den Tintenfrass langfristig, da die Eisenionen chemisch gebunden werden. Nach wie vor ist eine Papierrestaurierung nötig.

Wie schön wäre es, eine Methode zu haben, mit der ich gleichzeitig den Tintenfrass stoppe und das Papier festige, die ich ohne besondere Ausrüstung anwenden kann und die für alle Objekttypen geeignet ist. - Wer weiss, vielleicht wird eine solche Methode ja bald erfunden…



Restauratorin

Vermissen Sie etwas?

21. April 2021

Die Zentralbibliothek hat eine der grössten Sammlungen an gedruckten und elektronischen Medien der Schweiz. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Benutzende einen bestimmten Titel in unserem Bestand vermissen. In solchen Fällen ist es möglich, uns einen Anschaffungsvorschlag zu machen. Wir freuen uns über solche Vorschläge, denn Sie, unsere Benutzerinnen und Benutzer, zeigen uns damit, wo Sie Lücken in unserem Bestand erkannt haben.

Leider können wir aber nicht alle Anschaffungsvorschläge berücksichtigen, da wir an unser Erwerbungsprofil gebunden sind. Ausserdem ist vorgegeben, dass Sie, wenn Sie uns Vorschläge machen wollen, in der ZB als Benutzerin oder Benutzer eingeschrieben sein müssen.

Einfach per Bild-Upload

Um Ihnen das Mitteilen von Vorschlägen zu erleichtern, haben wir das bisherige Vorgehen leicht verändert. Sie können uns nun im Formular ein Foto des gewünschten Buches zuschicken, falls Sie über ein solches verfügen. Am besten ist die Titelseite, aber der Umschlag geht auch. Wenn Sie uns ein Foto schicken, müssen Sie das Formular mit den Angaben zum Buch (Autor, Titel, Verlag usw.) nicht ausfüllen. Natürlich können Sie uns aber auch wie bisher das ausgefüllte Formular schicken.

Wenn Sie das Buch möglichst schnell lesen möchten, merken Sie den Titel bitte im Formular mit Kreuz an der entsprechenden Stelle vor. Unsere Fachreferentinnen und Fachreferenten prüfen jeden Anschaffungsvorschlag einzeln, und Sie erhalten dann von uns so bald als möglich eine Antwort, ob wir den Titel anschaffen werden oder nicht.

Leiter Fachreferate Kultur- und Geschichtswissenschaften


Digitale Wissenshäppchen

26. März 2021

Digitale Lernangebote und die Nutzung von E-Medien haben krisenbedingt in letzter Zeit stark zugenommen. Nicht immer muss es ein aufwändiges E-Learning oder ein virtueller Rundgang sein. Soziale Medien oder andere Kommunikationstools erlauben es auch, Wissen in kleinen Häppchen zu verteilen und Interessierte unkompliziert im virtuellen Raum zu beraten.

Dienstagstipps auf Twitter

Zwischen Juni und Dezember 2020 hat die ZB über ihren Twitter-Account jeden Dienstag kleine Recherchetipps unter dem Hashtag #Recherchedienstag vorgestellt: Sie reichten von theoretischen Inhalten wie dem Recherchezyklus über Online-Werkzeuge für das Finden von Suchbegriffen bis hin zur Reverse-Image-Search.

Die beliebtesten Tipps betrafen legale Methoden, um bei wissenschaftlichen Artikeln die Paywall zu umgehen, das Thema Zeitungsrecherche in Pressehosts oder eine Datenbank für geschlechtergerechte Formulierungen. Auch witzige Hinweise wie jener auf das Museum of Endangered Sounds wurden geliked und geteilt.

Seit Januar präsentieren wir wöchentlich eine nützliche, witzige oder erfinderische Datenbank unter #Datenbankdienstag. Wir weisen dabei auf neue Zugänge der Zentralbibliothek Zürich für UZH-Studierende oder PURA-Nutzer hin, bewerben aber auch ZB-«fremde» Datenbanken, die für alle Arten von Recherchen hilfreich sind. Unser Zielpublikum fassen wir breit und die Tipps sollen nicht nur Studierenden und Forschenden dienen, sondern auch ein öffentliches Publikum, das sich für alle Sorten von digitalen Sammlungen interessiert, ansprechen.

Individuelle Rechercheberatung

Es geht aber auch persönlicher: Mit Beginn des Lockdowns vor einem Jahr ging auch unsere individuelle Rechercheberatung in den virtuellen Raum. Unsere vertiefte Beratung für Studierende, Maturandinnen und Maturanden, die an einer Arbeit schreiben, Long Life Learners oder Forschende hilft bei Recherchefragen per Microsoft Teams oder Zoom. Diese Kommunikationstools bieten einen schnellen und unkomplizierten Weg, um unsere Kundschaft zu beraten und ihr unsere Angebote zu zeigen. Die interessanten Recherche-Themen, welche die Nutzenden mitbringen, eröffnen auch unseren Fachpersonen neue Gebiete. Erfahrungsgemäss erreichen uns am meisten Anfragen aus den Wirtschaftswissenschaften. Durchschnittlich gelangen im Moment 1-2 Beratungsanfragen pro Woche an uns. Vor allem für unsere jüngsten Forscherinnen und Forscher gibt es also noch genug Kapazitäten für Unterstützung. Corona-bedingt können wir ja im Moment keine Schulungen vor Ort anbieten.

Neue Wege auch nach Corona

Wir sehen die momentane Situation als Chance, neue Wege zu gehen, um unsere Kundinnen und Kunden zu erreichen. Noch vor einem Jahr hätte der Gedanke an virtuelle Rechercheberatungen die eine Mitarbeiterin oder den anderen Mitarbeiter der Zentralbibliothek vermutlich ins Schwitzen gebracht. Heute ist das der neue Alltag.

Weiterführende Links:





Abteilung Informationskompentenzvermittlung /
Digitale Dienste / Entwicklung


Wie die ZB Innovation fördert

9. März 2021

Die Abteilung «Innovation» vereint unterschiedliche Themen und Aufgaben, immer mit dem Ziel, die ZB weiterzubringen.

Innovation geschieht in der gesamten ZB. Die Abteilung Innovation gibt hierfür zusätzliche Impulse, unterstützt Prozesse methodisch und schafft Räume, in denen Neues ausprobiert werden kann – wie zum Beispiel im Methodencafé. Mit einem jährlichen Innovationsbudget unterstützt die Abteilung unkompliziert kleinere innovative Vorhaben, damit Ideen in der ZB flexibel und schnell umgesetzt werden können. Damit wurde beispielsweise in jedem Sitzungszimmer eine kleine Kreativithek» mit Moderations- und Workshoputensilien eingerichtet, damit man in Besprechungen schnell kreativ werden kann. Ein weiteres Beispiel ist die Realisierung des neuen Formats «Insta Novel» auf Instagram.

Animation zum Insta Novel "Der letzte Sommer" von Ricarda Huch.

Initiativen zu digitalen Forschungsservices 

Seit Anfang 2019 ist ein Schwerpunkt der Abteilung, den Aufbau weiterer digitaler Forschungsservices in der ZB zu koordinieren. Dafür bringen wir die unterschiedlichen Akteure innerhalb der ZB an einen Tisch, wie beispielsweise in der Arbeitsgruppe «Forschungsservices», in der unter anderen die Idee zum ZB-Lab entwickelt wurde. In diesem Kontext ist uns die Gestaltung von Kooperationen besonders wichtig, wie etwa mit den entsprechenden Abteilungen der künftigen Universitätsbibliothek UBZH.

Projekte und Portfolio 

Wir unterstützen unsere Kolleginnen und Kollegen bei der Projektarbeit von der Idee bis zur Einführung. Welche Projekte und Massnahmen in der ZB laufen, wird in unseren Portfolios und auf der internen Projektlandkarte abgebildet. Mit der Koordination der Portfolios und der zugehörigen Prozesse wie dem Reporting sorgen wir für die Grundlagen der strategischen Führung durch die Geschäftsleitung.

Die ZB-Projektlandkarte.

Das ZB-Lab 

Im ZB-Lab, das im November 2020 gestartet ist, arbeiten Data Librarians und Softwareentwicklerinnen und -entwickler in einer Matrixorganisation zusammen. Das ZB-Lab ist ein Raum zum Experimentieren mit Daten. Die Handlungsfelder reichen von der Bereitstellung von Tools zur besseren Nutzung unserer Daten bis hin zur datenseitigen Unterstützung von Digital Humanities-Projekten oder Citizen Science-Initiativen. Im ZB-Lab wollen wir Prototypen entwickeln und auf diese Weise Ansatzpunkte für neue Services finden. 

Von links nach rechts: Elias Kreyenbühl, Lothar Schmitt, Anja Weng, Annabelle Wiegart, Anna Keller

Kollaboration

Wir wollen innovative Arbeitsformen und -methoden in der ZB aktiv fördern. Unter dem Schwerpunkt «Kollaboration» kümmern wir uns ab April 2021 auch um die Weiterentwicklung des ZB-Intranets und des virtuellen Workspace. Geeignete digitale Tools sollen die interne und externe Zusammenarbeit unterstützen. Damit dies gelingt, regen wir unsere Kolleginnen und Kollegen an, Neues auszuprobieren, und beraten sie, wie sie neue Tools sinnvoll einsetzen.





Leiterin Innovation


«Die Zentral-Bibliothek ist neu und sehr sehr ergreifend schön …»

Diese emphatische Beurteilung der Zentralbibliothek Zürich kurz nach der Fertigstellung des Neubaus geht aus der Korrespondenz der Künstlerin Warja Lavater (1913–2007) mit Bruno Weber, dem damaligen Leiter der Graphischen Sammlung, vom 5. November 1994 hervor. Drei Jahre zuvor hat Warja Lavater der Bibliothek ihr «buchkünstlerisches Werk» als Depositum anvertraut. Die Pressemitteilung vom 29. Mai 1991 streicht neben Skizzenbüchern, Buchillustrationen, druckgrafischen Einzelblättern und Buchobjekten zu Recht ihre «Faltbücher» als Hauptwerke heraus. Diese dreiundfünfzig Leporellos machen heute indes nur einen Teil des reichen Fundus aus. Nach dem Tod der Künstlerin wird das Depositum in eine Schenkung umgewandelt und der vollständige Nachlass gelangt in die ZB. Das Spektrum der rund 2000 Artefakte reicht von grossformatigen Bildern bis hin zu «Objets trouvés», die nur wenige Zentimeter messen.

Abb. 1: Anonym, Achtjährige Warja Lavater in Griechenland, Fotografie, 1921

Eine weltoffene Kindheit

Warja, mit Taufnamen Barbara Esther Lavater, wird als Tochter der Schriftstellerin Mary Helen Sloman (1891–1980) und des Ingenieurs Emil Lavater (1882–1962) am 28. September 1913 in Winterthur geboren. Die ersten neun Jahre ihrer Kindheit verbringt sie in Moskau und Athen. Durch das russische Kindermädchen wird aus dem Namen Warwara für Barbara die Koseform Warja. 1921 kehrt die Familie endgültig nach Winterthur zurück. Das offene Haus ihrer Eltern prägt die Heranwachsende.

Abb. 2: Anonym, Warja Lavater und Gottfried Honegger, Fotografie, 1955

Ausbildung zur Grafikerin

Bestärkt durch ihren Vater entscheidet sich Warja Lavater mit achtzehn Jahren für eine Ausbildung zur Grafikerin an der Kunstgewerbeschule in Zürich. In der Fachklasse «Graphik» besucht sie die Kurse von Ernst Keller (1891–1968). Als Begründer des sogenannten «Swiss Style» wirkt er auf mehrere Generationen von Schülerinnen und Schülern prägend. Ausgehend von den formalen Ansätzen des Bauhauses hinterfragt Keller den illustrativen Stil, um Bildinformationen zu vermitteln. Er initiiert eine neue formale Einheit aus Schrift und Bild. Nach ihrer Ausbildung lernt Warja Lavater über ihren Basler Arbeitgeber Hermann Eidenbenz (1902–1993) Gottfried Honegger (1917–2016) kennen, den sie 1940 heiraten wird. 1937 gründen beide das gemeinsame, von ihnen als «futuristisch» bezeichnete Atelier.

Die Landesausstellung von 1939 und weitere Signete

Als sich Warja Lavater entschliesst, einen Entwurf für das allgemeine Abzeichen der «Landi» einzureichen, liegen dem Generalbüro der Landesausstellung bereits Eingaben von fünfzehn Grafikern vor. Den provisorischen ersten Preis hält bis zu diesem Zeitpunkt Hermann Eidenbenz. In vier Wochen erarbeitet Lavater einen Entwurf, der sich beim Komitee gegen die männliche Konkurrenz durchsetzt. Sie wird als Preisträgerin des Landi-Plakat-Wettbewerbs ausgezeichnet. In der Folge zieht sie weitere wichtige Aufträge an Land und realisiert 1939 beispielsweise das Logo der gekreuzten Schlüssel für den Schweizerischen Bankverein, der späteren UBS. In der für das Atelier schwierigen Zeit des Zweiten Weltkriegs kreiert Warja Lavater das Signet für die Aktion «Mehr Anbauen oder Hungern».

Abb. 3: Anonym, Gäste in der Wohnung an der Kirchgasse 50, Zürich, Fotografie, 1949

«… wir hatten Gäste und Gäste»

Nach dem Krieg lässt sich die junge Familie mit den beiden Töchtern Bettina (* 1943) und Cornelia (* 1944) an der Kirchgasse 50, dem ehemaligen Deutschen Konsulat, nieder. Hier blüht das gesellschaftliche Leben mit illustren Gästen auf: Hier verkehren der Komponist Benjamin Britten (1913–1976), der Schriftsteller und Mitbegründer der Dada-Bewegung Richard Hülsenbeck (1892–1974), der Künstler Max Bill (1908–1994), das Künstlerehepaar Heiner (1909–2003) und Isa Hesse-Rabinovitch (1917–2003) und viele mehr. Ab 1956 baut das Ehepaar Honegger-Lavater zusammen mit Zimmerleuten in Gockhausen zwei Ateliers und ein Wohnhaus aus Holz. Später wird Max Frisch (1911–1991) in den Atelierhäusern, die er als «Institution» bezeichnet, seinen Roman Montauk (1973) schreiben.

Frauenbewegung 

Dreizehn Jahre nach Kriegsende fordern Frauen in der ganzen Schweiz das Wahl- und Stimmrecht. Das politische Anliegen ist während der zweiten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) von 1958 von zentraler Bedeutung. Warja Lavater wird für die Gestaltung des Hauptplatzes der SAFFA-Insel angefragt. Sie entwirft unter anderem elf monumentale Wandtafeln, die den Titel Die Linie tragen. Die figurativen Darstellungen sind vorbildlichen Frauengestalten der Eidgenossenschaft gewidmet. Auch in den nachfolgenden Jahren setzt sich Lavater mit Fragen zur Stellung der Frau in der Gesellschaft auseinander. Anlässlich der Annahme des Frauenstimmrechts der Stadt Zürich pflanzen am 14. September 1969 politisch aktive Frauen, wie Emilie Lieberherr (1924–2011), auf dem Lindenhof einen Lindenbaum. Auf dieses Ereignis bezieht Warja Lavater eine Lithografie mit herzförmig emporschwebenden Lindenblättern. In die Darstellung fügt sie den ersten Artikel der Menschenrechtscharta «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren». Für die Feier am 14. Juni 1996 aus Anlass von 25 Jahren Frauenstimmrecht und 15 Jahren Gleichstellungsartikel in der Bundesverfassung gestaltet die Künstlerin die Einladungskarte.

Abb. 4: Anonym, Warja Lavater auf der Terrasse ihres Penthouses in New York, Fotografie, 1959

Aufbruch zu neuen Ufern

Angestossen durch einen zweijährigen Aufenthalt in den USA von 1958–1960 treten ihre bisherigen Arbeitsbereiche als Grafikerin und Illustratorin, beispielsweise für die schweizerische Zeitschrift Jugend-Woche, in den Hintergrund. Sie begibt sich als Künstlerin auf neues Terrain. Es entstehen Gouachen, die sie als «quasi Pop Art» bezeichnet. Gleichwohl empfindet sie sich nicht als Malerin und entdeckt für sich ein neues Medium, das Faltbuch. Abstrakte Zeichen, die jeweils in einer Legende aufgeschlüsselt sind, legen sich wie ein Bildteppich über das gefaltete Papierband des Leporellos. Sie erzählt auf eine vollkommen neue Art und Weise Märchen, Fabeln oder Legenden, die die Trennung von Text und Illustration aufhebt. Ihre ersten Künstlerbücher heissen Folded Stories, später bezeichnet Lavater diese als Imageries. Die Leporellos erscheinen in Basel bei Basilius Presse, als Sonderedition des Museum of Modern Art in New York und in Paris bei Adrien Maeght. Zu den bekannten abstrakten Bilderzählungen gehören Wilhelm Tell und Rotkäppchen.

Erzählkunst und Abstraktion

Warja Lavater bleibt Zeit ihres Lebens – wie sie es selbst ausdrückt – der «Book-Art» als Ausdrucksmittel verbunden. 1986 nimmt sie an der ersten Biennale der Papierkunst, der PaperArt, am Leopold-Hoesch-Museum in Düren teil. Im Bereich der Papierkunst entstehen unter anderem raumgreifende skulpturale Objekte, die sich formal auf Buchdeckel beziehen. Kleinformatige handgeschöpfte Papierobjekte stehen der «Konzeptkunst» nahe. Zwischen 1971 und 1981 wird Lavater von der städtischen Wasserversorgung Zürich mit Wand- und Raumgestaltungen in Keramik für die Anlagen Strickhof, Gontenbach und Hardhof beauftragt. Auch im monumentalen Bereich orientiert sich Lavater für die Visualisierung des Wasserkreislaufes an der von ihr in den Folded Stories entwickelten Erzählkunst.

La Belle au Bois dormant / Dornröschen

Spätestens seit der Ausstellung Die Perzeption im Zürcher Helmhaus (Dezember 1990 – Januar 1991) ist Warja Lavater einem breiten Publikum bekannt. Die Ausstellung verdankt ihren Titel der gleichnamigen Gedichtsammlung von 1973, in der sich die Künstlerin mit dem Alphabet und Piktogrammen auseinandersetzt.

Und heute? Die Zentralbibliothek Zürich widmet 2021 dem Œuvre im Grenzbereich zwischen Literatur und Bildkunst eine Ausstellung. Rund dreissig Jahre nach der Übergabe des Depositums möchte die Retrospektive Sing-Song-Signs & Folded Stories den Nachlass aus dem Dornröschenschlaf erwecken. In der Schatzkammer werden einige der wichtigsten Werke Lavaters präsentiert. Die Gastkuratorin Carol Ribi, die eine Dissertation zur Künstlerin verfasst, legt dabei den Schwerpunkt auf die Folded Stories und die Imageries. Der Themenraum Turicensia beleuchtet wichtige Zürcher Stationen der Künstlerin.

Vorarbeiten für die Ausstellung

Die Vorbereitungen für die Ausstellung sind seit 2019 in vollem Gang. Nach dreissig Jahren ist es an der Zeit, die konservatorischen Bedingungen kritisch unter die Lupe zu nehmen. Tatkräftig unterstützt von I+D-Auszubildenden und von der Abteilung Bestandserhaltung ist der Nachlass weiter erschlossen und nach heutigen Standards umgepackt worden. In bewährter Manier erstellte das Digitalisierungszentrum Reproduktionen in höchster Qualität. Die digitalen Aufnahmen stehen den Besuchenden auf Tablets während der Ausstellung zur Verfügung.

Stv. Leiterin Graphische Sammlung 

und Fotoarchiv

Onlinekurse für Maturanden und Lifelong Learners

Corona und der Lockdown haben die Entwicklung von E-Learning Angeboten der Abteilung IDE (Abteilung Informationskompetenz, Digitale Dienste und Entwicklungen) beschleunigt. Diese wurden agil mit Scrum entwickelt. Anfangs Januar 2020 planten wir einen Online-Kurs für Lifelong Learners, die sich möglichst zeit- und ortsunabhängig Recherchekompetenzen aneignen wollen. Im Sommer 2020 ging Recherche.fit live und wurde bereits 760-mal genutzt.

Die zweite Corona-Welle nahmen wir zum Anlass, weitere Schulungsprodukte digital anzubieten.

«ZBfit» für Maturanden

Unser Modul ZB.fit richtet sich an Schulklassen, die eine Einführung in die Literaturrecherche und die Bibliotheksbenutzung für die Vorbereitung auf die Maturaarbeit haben möchten. Comicfiguren als Peers begleiten die Schülerinnen und Schüler durch den Online-Kurs. Eine App ermöglicht es, orts- und zeitunabhängig mittels Handy Recherche- und Bibliothekskompetenz zu vermitteln.

Eine Comicfigur führt durch den Kurs.

Wir suchten einen spielerischen Zugang zur Literaturrecherche und zur Nutzung der ZB. Zudem sollte das Online-Angebot für diese Zielgruppe über das Handy nutzbar und mit Gamification-Elementen angereichert sein. Mit der App Actionbound konnten wir all diese Kriterien erfüllen. In Actionbound können Punkte gesammelt und Quiz gelöst werden.

Inhaltlich haben wir auf folgende Schwerpunkte gesetzt: Bibliotheks- sowie Recherchekompetenz vermitteln. Der Umgang mit Google und Wikipedia als medienpädagogische Erweiterung zum Rechercheportal swisscovery fand ebenfalls Eingang in den Kurs. Eine virtuelle Führung durch die ZB soll bei der Orientierung vor Ort helfen. Dazwischen haben wir auch eine kleine Auflockerung eingebaut.

Eine neue Herausforderung war, dass wir alle Inhalte Handy-gerecht in Actionbound erstellen und einpflegen mussten. Bis heute wurde ZB.fit über 350 mal gespielt und wird sehr gerne genutzt. Bereits sind wir an der Entwicklung eines E-Learning Angebots für eine dritte Zielgruppe: die Studierenden der Universität.

Falls Sie Fragen haben stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.



Productownerin Recherche.fit

Productownerin ZB.fit

Die ZB-Strategie für 2021–2024

Was nimmt sich die ZB für die kommenden Jahre vor? Worauf wollen wir unsere Kräfte bündeln, unsere Ressourcen fokussieren und unsere Fähigkeiten ausrichten? Um diese Fragen zu beantworten, benötigt eine Organisation eine Strategie. Projekte, Aktivitäten und Initiativen sollen sich in einen Rahmen einschreiben, der die übergeordneten Ziele definiert, allen Mitarbeitenden Orientierungsmarken für ihr Handeln an die Hand gibt und dafür sorgt, dass die Bibliothek die Herausforderungen des Wandels frühzeitig erkennt und entschlossen angeht.

Ein Kompass für den Umgang mit Wissen in der digitalen Welt

2016 veröffentlichte die ZB ihre Strategie für die Zeit bis 2020 unter dem Titel «Die ZB zeigt Profil». Vielen der formulierten Ziele sind wir nähergekommen – zugleich beanspruchen die grundlegenden Inhalte von "ZB 2020", welche unsere institutionellen Aufträge spiegeln, weiterhin Gültigkeit. Bei der Erarbeitung der Strategie 2021–2024 ging es darum, die strategische Ausgangslage zu analysieren und die Komplexität der Strategiesituation zu verstehen, wenn wir unsere Relevanz im aktuellen Umfeld erhalten wollen. Dies wurde flankiert von einer Umwelt- und Organisationsbetrachtung. 

Welche sind die wichtigsten Elemente der neuen ZB-Strategie? Zur Vision «Die ZB ist Kompass für den Umgang mit Wissen in der digitalen Welt» haben wir drei Schlüsselthemen identifiziert:

  • Digital Literacy: Wir wollen bessere Orientierung in der Informationsfülle ermöglichen und neue Instrumente und Hilfestellungen bereithalten, damit sich Nutzerinnen und Nutzer ein fundiertes Bild über den Kontext und die Werthaltigkeit von Informationen machen, diese kompetent auswählen und für sich organisieren können. Damit tragen wir auch dem Bildungsauftrag der Bibliothek Rechnung.
  • User Experience und Einfachheit des Zugangs: Das Internet hat das Potenzial für vernetzte, intuitiv zu handhabende und bruchlose Informationsbeschaffung und -nutzung, doch die konkrete Nutzererfahrung sieht – gerade bei digitalen Ressourcen – oft anders aus. Wir glauben, dass es sich lohnt, mehr Energie in intuitive Benutzeroberflächen und leistungsstarke Suchinstrumente zu investieren. Dafür ist eine vertiefte Analyse des Nutzungsverhaltens und der verstärkte Einbezug der Kunden in die Angebotsentwicklung wichtig.
  • Partnerin der Forschung: Die ZB verfügt über viel Erfahrung in der Digitalisierung von Quellen und im Umgang mit Metadaten. Die Bibliothek kann aber im gesamten Lebenszyklus eines Forschungsprojektes unterstützen. Hierfür wollen wir passgenaue Angebote schaffen. Wir wollen uns an der Debatte um Standards und Praxiskriterien für digital scholarship beteiligen, uns in den Aufbau von nachhaltigen, kooperativ organisierten Forschungs- und Dateninfrastrukturen einbringen und Initiativen im neuen Feld der Citizen Science lancieren, wofür die Sammlungen der ZB reiches Material bieten.

Im Jahr 2021 geht es darum, Wege und Massnahmen zur Umsetzung zu definieren. Alle in der ZB sollen dazu beitragen, die Strategie lebendig und greifbar werden zu lassen, damit die Vision zu einem Ziel wird, das uns gemeinsam inspiriert und miteinander weiterbringt.


Direktor


Open Access heisst nicht kostenlos

Immer mehr wissenschaftliche Publikationen erscheinen in Open Access, das heisst, dass sie weltweit von jeder interessierten Person kostenlos im Internet gelesen werden können. Aber: Open Access heisst nicht kostenlos. Nicht selten müssen die Autorinnen und Autoren der Publikationen für die Veröffentlichung in Open Access eine sogenannte Article Processing Charge (APC, oder im Fall von Büchern: Book Processing Charge, BPC) bezahlen. Damit werden die Kosten für Publikationen von den Lesenden auf die Autorinnen und Autoren verschoben. Nicht selten steht für Publikationsprojekte – gerade von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern – aber kein Geld zur Verfügung. Deshalb hat die Zentralbibliothek neu einen Unterstützungsfonds geschaffen.

Die Zentralbibliothek finanziert Publikationen zur Sozial- und Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts

Die Zentralbibliothek kann seit diesem Jahr die Forschenden der Universität Zürich unterstützen, indem sie die Publikationsgebühren bis maximal 2000 Franken pro Artikel unterstützt. Ermöglicht wird dies durch den Willy Bretscher-Fonds. Dieser Fonds wurde aus dem Nachlass des früheren NZZ-Chefredaktors Willy Bretschers und seiner Gattin Katharina Bretscher-Spindler gebildet. Der Zweck des Fonds erlaubt die Unterstützung von Publikationen zur Sozial- und Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts aus allen Fakultäten der Universität. Mit diesem Fonds unterstützt die Zentralbibliothek die Idee von Open Access und leistet einen wichtigen Beitrag auf dem Weg zum Ziel, das von swissuniversities definiert wurde: dass alle an öffentlichen Institutionen wie Universitäten entstandenen wissenschaftlichen Publikationen bis 2024 frei zugänglich, eben Open Access, sein sollen. 

Was müssen Sie tun?

Falls Sie Angehöriger der Universität Zürich (ab Stufe Doktorat) sind, können Sie der Zentralbibliothek einen Antrag zur Übernahme der APC bzw. BPC für Ihren Zeitschriftenartikel, einen Beitrag in einem Sammelband oder eine Monografie stellen, sofern die Publikation thematisch dem Fondszweck und formal den Richtlinien des Fonds entspricht. Hier finden Sie die detaillierten Richtlinien des Fonds und hier das Antragsformular.

Leiter Fachreferate Kultur- und Geschichtswissenschaften


Produktentwicklung mit Scrum

Die Abteilung Informationskompetenz Digitale Dienste und Entwicklung (IDE) erarbeitet Produkte mit Scrum. Dieses Vorgehen ist in der agilen Softwareentwicklung weitverbreitet. Wir entwickeln jedoch agil ausschliesslich Produkte jenseits von Software.

Scrum ist ein Vorgehensmodell für agiles Produktmanagement. Es besteht aus fest definierten Rollen, Ereignissen und Artefakten. Scrum ist in der agilen Softwareentwicklung weit verbreitet. Es eignet sich jedoch sehr gut auch für Produktentwicklung in anderen komplexen Bereichen. Im Gegensatz zu traditionellen Projektvorgehensweisen, die mit fixen Phasen (Planen, Entwickeln, Testen, Ausrollen) arbeiten, geht Scrum inkrementell und iterativ vor: In kurzen Zyklen von höchstens vier Wochen wird ein fertiges Produkt entwickelt, das bereits benutzt werden kann. Aufgrund der Rückmeldungen kann entschieden werden, ob und was weiterentwickelt werden soll.

Was hat Scrum in einer Bibliothek zu suchen?

Bibliotheken sind wie fast alle Unternehmen mit den Herausforderungen der Digitalisierung konfrontiert. Diese gehen einher mit einem sich schnell wandelnden Umfeld, stetig ändernden Kundenwünschen und überraschend auftauchender Konkurrenz. Immer schneller müssen auch Bibliotheken auf Veränderungen der Umwelt reagieren. Mit einem Wort: Sie müssen agiler werden.

Es ist daher keineswegs abwegig, Scrum für die Entwicklung von komplexen Produkten in einer Bibliothek einzusetzen.

Vom Problem zum Produkt

Ausgangspunkt ist immer ein Problem, das für jemanden gelöst werden soll. Eine Product Ownerin analysiert das Problem und erarbeitet die Produktvision. Danach beginnt sie, die einzelnen Wünsche und Anforderungen der unterschiedlichen Stakeholder und Endnutzenden zu sammeln und zu priorisieren. An einer Planungssitzung stellt die Product Ownerin die wichtigsten Anforderungen an das Produkt vor. Das Entwicklungsteam bestimmt, wie viele dieser Anforderungen es in den nächsten drei Wochen umsetzen kann, sodass am Ende ein potentiell auslieferbares Produkt entsteht. Nach der Sitzung beginnt die Umsetzung. Täglich trifft sich das Team zu einer kurzen Besprechung. Nach drei Wochen wird das Produktinkrement den Stakeholdern und den Kunden vorgestellt. Diese geben Rückmeldung zum Produkt. Diese Rückmeldungen fliessen wiederum in die Planung der nächsten Iteration ein. Das Team hält nach jedem Sprint eine Retrospektive ab, in der das Team untersucht, wie es die Zusammenarbeit für die nächste Iteration verbessern könnten. Danach beginnt der Prozess wieder von vorne mit der nächsten Planungssitzung.

Bisher entwickelte Produkte

Bisher hat das Team ein Escape Game, eine Kundenforschungsstudie und mehrere E-Learning-Angebote für Kantonsschulen, Lifelong Learners und Studierende auf diese Weise erarbeitet. Weitere Produkte werden folgen.

Früh scheitern

Wir haben inzwischen gelernt, die Rückmeldungen von echten Anwenderinnen und Anwendern zu schätzen. Früh zu scheitern mit einer Idee lohnt sich immer. Wir fokussieren uns nun viel mehr auf den Wert, den wir für die Kundinnen und Kunden erbringen. Da agiles Arbeiten Transparenz, Selbstorganisation und intensive Teamarbeit erfordert, haben wir auch viel über erfolgreiches Zusammenarbeiten gelernt. Die im System eingebaute kontinuierliche Verbesserung hilft dabei, sich stets weiterzuentwickeln. So wird das Team sich weiter verbessern und in Zukunft noch viele Produkte jenseits von Software mit Scrum entwickeln.



Leiter Infomationskompetenzvermittlung
Digitale Dienste / Entwicklung

J. U. Müller - Gottfried Kellers feuriger Freund

"Ferner hatte ich um die Zeit einen feurigen und lebhaften Freund, welcher meine Neigungen stärker teilte als alle anderen Bekannten, viel mit mir zeichnete und poetisch schwärmte [...]." 

So erzählt Gottfried Keller in seinem Bildungsroman «Der grüne Heinrich».  Dieser feurige Freund spielt eine fragwürdige Rolle. Die in einen schwärmerischen Briefwechsel verlagerte Freundschaft zerbricht nämlich, als Kellers Alter Ego Heinrich Lee entdeckt, dass ihn der andere an der Nase herumgeführt hat. Er hat sich in seinen Briefen mit fremden Federn geschmückt.

Eine zwiespältige Romanfigur

Schon kurz nach Kellers Tod 1890 wurde bekannt, dass die Romanfigur ein Vorbild in der Wirklichkeit hatte: den Frauenfelder Baumeistersohn Johann Ulrich Müller (1819-1888). 18 seiner Briefe samt Beilagen blieben erhalten und kamen mit Kellers Nachlass an die Stadtbibliothek Zürich und später an die ZB. Doch genau gelesen hat sie bisher kaum jemand.


Der erste Brief mit einer Skizze des Schlosses Frauenfeld, 1.3.1837

Ein Holzweg in Kellers Leben?

Das Urteil über den Frauenfelder stand in der Keller-Forschung schon fest: Ihre Beziehung sei «einer der vielen Holzwege» im Leben des Dichters gewesen, aus Müller sei «nichts Rechtes» geworden (Erwin Ackerknecht, 1939). Das konnte ich als gebürtige Frauenfelderin nicht ungeprüft stehen lassen.

Wirklichkeit vs. Fiktion 

Also machte ich mich im Hinblick auf das Gottfried-Keller-Jubiläum 2019 auf die Suche nach Quellen, um Fiktion und Wirklichkeit zu trennen. Mein freier Arbeitstag war fortan mein «Müller-Thurgau»-Tag. Ein Ausgangspunkt waren Johann Müllers Briefe von 1837 bis 1848 in der Handschriftensammlung. Sie erlaubten es, die Fährte erfolgreich wieder aufzunehmen. 

Nur scheinbar langweilige Archivalien

Ein zweiter Ausgangspunkt waren Akten im Bürgerarchiv der Stadt Frauenfeld und in den Staatsarchiven Thurgau und Zürich: Einträge in Bürgerlisten, Steuerbüchern, Ratsprotokollen und andere nur scheinbar langweilige alte (analoge) Archivalien. Schnell weitete sich der Suchraum aus, nach Basel, München, Wien, schliesslich über den Atlantik.

Digitale Ressourcen

Wertvolle Informationen lieferten digitalisierte Schweizer und amerikanische Zeitungen , genealogische Datenbanken sowie Online-Archive mit lokalgeschichtlichen Büchern und Dokumenten. Zahlreiche Bibliotheksmitarbeitende und HistorikerInnen im In- und Ausland unterstützten mich hilfsbereit und machten - gerade auch während des Lockdowns im ersten Halbjahr 2020 - manche Ressource zugänglich. 

Ein Geschenk aus Amerika

Eine Überraschung hielt die Kartensammlung der ZB bereit: 1871 gelangten als Geschenk der US-Bundesregierung 34 amtliche Seekarten an den zürcherischen Kartenverein. Dieser übergab sie 1897 an die Stadtbibliothek. Wer hätte gedacht, dass hinter dem Namen des Kartografen J. U. Mueller der Thurgauer Gottfried-Keller-Freund steckt! 

Gottfried Keller (links) und J. U. Mueller

Neuanfang als John U. Mueller

Nicht nur der gescheiterte Landschaftsmaler Keller, auch der verschuldete Baumeister Müller rappelte sich wieder auf. Und so ist es höchste Zeit für eine Rehabilitierung. Die nun vorliegende Monografie «Gottfried Kellers feuriger Freund» (Verlag Hier und Jetzt) will dies leisten. Sie versteht sich auch als Hommage an all die Schätze, die in Archiven und Bibliotheken weltweit aufbewahrt, erschlossen und zugänglich gemacht werden. 

Am 19. November findet an der ZB die Buchvernissage statt. Wir laden alle Interessierten herzlich ein! Bitte melden Sie sich hier an.



wiss. Mitarbeiterin Handschriftenabteilung

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