Vom Ackerpflug zum Fabrikkamin

Die Industrialisierung, ein sozialer und ökonomischer Wandel, verändert auch den Kanton Zürich stark. Bauernfamilien weben und spinnen von Hand und in Heimarbeit für die Textilindustrie, vor allem im Zürcher Oberland. Bald arbeiten sie in Fabriken. Die ersten mechanischen Webstühle kommen in den 1830er Jahren aus England in die Schweiz.

Die Unternehmer bauen ihre Fabriken dort, wo Wasserkraft für Wasserräder, später für Turbinen, vorhanden ist. Diese ausserordentliche Entwicklung prägt die Landschaft sowie die Dörfer und Städte. Heute sind vor allem die Hochbauten von damals sichtbar: Fabriken, Fabrikantenvillen und Wasserbauten. Wer auf dem Industriepfad des Zürcher Oberlandes wandert, sieht zahlreiche Zeugen der wirtschaftlichen Pionierzeit.

1805

Die Maschinenbauer

Der Architekt Hans Caspar Escher und der Bankier Salomon von Wyss gründen 1805 bei der Zürcher Neumühle eine Baumwollspinnerei. Die beiden setzen auf neuste englische Spinnmaschinen, die sie in der eigenen Maschinenbauabteilung stetig verbessern.

Mit diesem technisch orientierten Unternehmertum legen sie den Grundstein zu einer bedeutenden Firma: Bald ist Escher, Wyss & Cie. der wichtigste Maschinenbauer im Kanton Zürich, im 20. Jahrhundert wächst die Firma zum Weltkonzern heran.

Caspar Escher (1775–1859), der Mitbegründer von Escher, Wyss & Cie

Um 1830

Honegger-Webstühle

In Rüti betreibt die Familie Honegger Landwirtschaft. Als Nebenerwerb hat sie zwei Spinnmaschinen, die sie mit Wasserkraft antreibt. Die Spinnerei in Rüti wird zur Fabrik, der Sohn Caspar Honegger ein erfolgreicher Unternehmer.

Er errichtet in Siebnen eine zweite Fabrik mit mechanischen Webstühlen aus England. Später gründet er eine eigene Werkstatt, in der er selber Webstühle herstellt – die sogenannten Honegger-Webstühle. So ist aus dem Textilfabrikanten ein Maschinenbauer geworden.

Links im Bild ein Honegger-Webstuhl, oben das Fabrikareal in Rüti

1832

Der Brand von Uster

Am 22. November 1832 brennt es in der Spinnerei und Weberei Corrodi & Pfister in Uster lichterloh. Was ist geschehen? Die Zürcher Landschaft ist gegenüber der Stadt benachteiligt. Die Landbevölkerung fordert mit dem «Uster Memorial» eine Verfassungsreform und die Beseitigung der Webmaschinen bei Corrodi & Pfister. Die Maschinen laufen weiter und nach zwei Jahren haben die Heimweber und Kleinfabrikanten aus dem Zürcher Oberland keine Geduld mehr: Sie zerstören die Fabrik. Der Usterbrand ist der bedeutendste Maschinensturm in der Schweiz.

Die brennende Fabrik von Corrodi & Pfister in Uster

1835

Erstes Dampfschiff auf dem Zürichsee

Mit dem Aufschwung von Industrie und Handel modernisiert sich das Zürcher Verkehrswesen. Die «Minerva», Zürichs erstes Dampfschiff, fährt am 19. Juli 1835 unter Kanonendonner und Glockengeläut erstmals auf dem Zürichsee. Damals existieren noch keine Landungsstege. Mit einem Kahn werden die Passagiere aufs Schiff gebracht, das oft weit draussen wassern muss.

Die Zürcher Seepromenade, um 1835

Eisenbahnschienen erreichen die Schweiz

«Der Dampf schafft eine neue Welt, und alle Völker eilen, um sich rechtzeitig in die neue Theilung der Erde zu finden und sich einzurichten», schreibt die «NZZ» 1852.

Dampfgetriebene Maschinen und Dampfloks spielen in der zweiten Phase der Industrialisierung eine grosse Rolle. Die Schweiz beginnt allerdings spät mit dem Eisenbahnbau. 1844 erreichen in Basel erstmals Eisenbahnschienen Schweizer Boden. Die Weiterführung der Strecke ins Mittelland erweist sich als schwierig. In Deutschland, Frankreich und Österreich sind damals schon tausende von Bahnkilometern gebaut.

1847

Dampf, Rauch und Spanischbrötli

Die Schweizerische Nordbahn will eine Bahnstrecke von Zürich nach Basel bauen. Doch fehlende rechtliche Grundlagen bremsen das Bauvorhaben aus, die Nordbahn fährt vorerst nur zwischen Zürich und Baden.

Eine Dreiviertelstunde dauert die Bahnfahrt zwischen den zwei Städten, eine Postkutsche wäre zwei bis drei Stunden unterwegs – ein enormer Zeitgewinn. Die vornehmen Zürcher Haushalte können sich ihre Spanischbrötli, eine Spezialität aus Baden, nun bequem nach Zürich liefern lassen. Bald heisst die Nordbahn im Volksmund Spanischbrötli-Bahn.

Eisenbahnbrücke über die Thur bei Andelfingen. Der Künstler hat die Brücke und die Eisenbahn realistisch gemalt. Die Umgebung entspringt eher seiner Fantasie

1856

Geld für die Eisenbahn

Für seine Eisenbahnvorhaben benötigt der Zürcher Politiker und Eisenbahnpionier Alfred Escher Geld – sehr viel Geld. Um von ausländischen Geldgebern unabhängig zu sein, gründet er zusammen mit Gleichgesinnten aus Politik und Textilindustrie die Schweizerische Kreditanstalt (SKA). Bald ist sie die wichtigste Handelsbank der Schweiz und für die Finanzierung des Eisenbahnbaus sehr bedeutend. Die Gründung der SKA ist für den Finanzplatz Zürich ein Meilenstein.

Alfred Escher (1819–1882), bedeutender Zürcher Wirtschaftspolitiker

1883

Landesausstellung Zürich

Die erste Schweizerische Landesausstellung findet 1883 in Zürich auf dem Platzspitz-Gelände statt. Mit 5000 Ausstellenden und 1,7 Millionen Besucherinnen und Besuchern ist sie ein nationales Grossereignis.

Im Fokus stehen die wirtschaftliche und industrielle Wettbewerbsfähigkeit des Landes und der Fortschrittsglaube. Von besonderem Interesse ist die Industrieausstellung, in der die modernsten Erzeugnisse der damaligen Ingenieurskunst zu sehen sind. Die Ausstellungsstrasse in Zürich erinnert noch heute an diese Landesausstellung.

Eingang zur Maschinenhalle in der Landesausstellung von 1883

Belle Epoque und Kanonendonner

Alles wird grösser und glamouröser während der Belle Epoque. Das Bürgertum mit seinem auf Wissenschaft und Technologie basierenden Fortschrittsglauben ist während diesen zwei Jahrzehnten vor 1914 in einer starken Position, aber auch die Arbeiterschaft profitiert vom allgemeinen Wachstum.

Dann nimmt der Aufschwung ein abruptes Ende – der Erste Weltkrieg bricht aus. Trotzdem sind Gründungen und Entwicklungen aus diesen frühen Jahren des 20. Jahrhunderts noch heute prägend, so die Verstaatlichung der Eisenbahnen, schweizweite Betriebszählungen und die Schweizerische Nationalbank. Die Zwischenkriegszeit bringt einen kurzen wirtschaftlichen Aufschwung, am Ende der 20er Jahre schliesslich die Weltwirtschaftskrise. 

1910

Von Propellern und Düsen

Flugpioniere erobern zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch die Schweiz. Experten sind sich einig, dass ein Gelände bei Dübendorf besonders gut für ein Flugfeld geeignet ist, und bereits 1910 eröffnet die Schweizerische Flugplatzgesellschaft den Flugplatz Dübendorf.

Als erster Militärflugplatz der Schweiz, zeitweise Drehscheibe des europäischen Zivilluftverkehrs, durch Flugmeetings oder Auguste Piccards Start zu seinem Stratosphärenflug ist der Flugplatz immer wieder im Fokus der Aufmerksamkeit. Heute gilt Dübendorf als Wiege der Schweizer Luftfahrt.

Renée Schwarzenbach fliegt mit ihrer Ju F 13 vom Flugplatz Dübendorf nach München

1918

Landesstreik

Vom 12. bis am 14. November 1918 streikt die arbeitende Bevölkerung der Schweiz, der Landesstreik geht als schwerste politische und soziale Krise des Bundesstaats in die Geschichtsbücher ein.

Die Rationierung der Lebensmittel, die Verarmung der Arbeiterschaft und andere Auswirkungen des Ersten Weltkriegs sind dem landesweiten Generalstreik vorausgegangen. Der Ausbruch der Spanischen Grippe verschärft die Notlage zusätzlich.

Auch in literarischen Werken wie Kurt Guggenheims Zürcher Epochenroman «Alles in Allem» finden die Ereignisse ihren Niederschlag.

Die Kavallerie sperrt den Zugang zum Paradeplatz ab. Stadtarchiv Zürich, V.L. 82

1937

Metall, Maschinen und Abrissbirnen

Der Erste Weltkrieg verleiht der florierenden metallverarbeitenden Industrie weiteren Auftrieb. Zürich ist eine blühende Metropole, weil Unternehmertum und Bankwesen effizient ineinanderspielen. Die Sozialpartner vereinbaren 1937 das Friedensabkommen in der Schweizer Metall- und Maschinenindustrie, das den Arbeitsfrieden in der damals streikfreudigen Branche sichern soll und bis heute prägend ist.

Nach dem Boom in den 50er bis 70er Jahren folgt der Niedergang. Nicht mehr benötigte Produktionsstätten wie das Sulzer-Areal in Winterthur werden anderweitig genutzt oder niedergerissen.

Vermutlich die Giesserei im Sulzer-Areal in Winterthur. Das Unternehmen produziert zuerst Dampfkessel und Dampfmaschinen, später auch Turbinen und Pumpen

Boom nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Nachkriegszeit ist geprägt durch eine nie dagewesene Hochkonjunktur, die bis in die 1970er Jahre anhält. Eine starke Bautätigkeit und die wachsende Mobilität verändern das Gesicht Zürichs und der Schweiz.

Das Land wendet sich von der Kriegswirtschaft ab und der sozialen Marktwirtschaft zu. Es folgen Boomjahre: Die Wasserkraftgewinnung wird ausgebaut, zusätzliche Strassen und die ersten Autobahnen entstehen und die Schweiz festigt mit der Einführung der AHV und der IV den Wohlfahrtsstaat. Das Wirtschaftswachstum steigert ab den 60er Jahren die Nachfrage nach ausländischen Arbeitskräften für Bau und Tourismus. Mit der Ölkrise der 70er Jahre geht die Hochkonjunktur abrupt zu Ende.

1945

Geld, Gold und Mythos

Der Banken- und Finanzplatz Zürich steigt während der zwei Weltkriege in die erste Liga auf. Nach 1945 bricht das «Golden Age of Swiss Banking» an, wie der «Economist» Jahre später titelt. Die Rolle der Schweiz während der Kriegsjahre, das seit den 30er Jahren bestehende Bankgeheimnis, die Schweizer Steuerpolitik und der starke Schweizer Franken machen Zürich zu einer der wichtigsten Drehscheiben des internationalen Kapitals. Das Zentrum des Bankenplatzes Zürich ist der Paradeplatz.

Paradeplatz, 1920er Jahre: Neben der Schweizerischen Kreditanstalt (rechts) ist das imposante Gebäude des Schweizerischen Bankvereins zu sehen

1973

Von Ölscheichen und Fahrrädern

Die Erdölkrise versetzt der Weltwirtschaft einen gewaltigen Schlag: Absprachen zwischen den erdölexportierenden Ländern führen zu einem schockartigen Anstieg der Preise für Erdölprodukte. Der Schweizerische Bundesrat veranlasst drei autofreie Sonntage, es gilt ein landesweites Fahrverbot für Motorfahrzeuge. Die Strassen werden zum Fahrradweg, auch in Zürich.

Erster autofreier Sonntag im November 1973 in Zürich

2001

Crash einer Ikone

Am 2. Oktober 2001 stellt die nationale Fluggesellschaft Swissair ihren Betrieb mangels Liquidität ein. Auf der ganzen Welt sitzen Passagiere und Piloten fest, auch am Flughafen Zürich-Kloten. Das sogenannte Grounding ist der wohl spektakulärste Bankrott der Nachkriegszeit und ein Ereignis, das die Öffentlichkeit tief bewegt.

Vorausgegangen ist ein Niedergang in Raten, der bereits Ende der 1980er Jahre beginnt. Im liberalisierten Luftverkehr kann sich die Swissair nicht behaupten.

«Gegroundete» Swissair-Flugzeuge. Werner Loosli, Flughafen Zürich

Weiterführende Literatur

Das Fachreferat Wirtschaft empfiehlt:

Die Abteilung Turicensia empfiehlt Bücher, Artikel, Videos und mehr zum Thema aus der Zürcher Bibliographie. Weitere spannende Einblicke in die Textilindustrie bietet das Familien- und Firmenarchiv Schwarzenbach in der Handschriftenabteilung.