Alfred Escher, Holzstich von Emil Friedrich Graf, 1880, Signatur: ZB Graphische Sammlung (GSM) Escher, Alfred I, 2

Alfred Escher und seine Zeit

Familie

Alfred Escher wurde am 20. Februar 1819 in Zürich geboren. Die Familie Escher zum Glas gehörte zu den bedeutendsten Geschlechtern des alten Zürich. Sein Vater, Heinrich Escher, erwirtschaftete in den USA durch Landspekulationen und Handelsgeschäfte ein Millionenvermögen. Zurück in Zürich liess Heinrich Escher das Landhaus «Belvoir» bauen und lebte als Privatier.

Ansichtskarte mit Belvoir-Park, Zürich um 1875, Signatur: ZB Graphische Sammlung (GSM) Zürich 2.1, Belvoir I, 2

In dieser abgeschirmten Umgebung wuchsen die Kinder Clementine und Alfred Escher auf und später auch die Tochter Lydia. 1837 legte Alfred Escher am kantonalen Gymnasium seine Maturaprüfung ab und studierte danach an der Universität Zürich Rechtswissenschaft. Studienaufenthalte in Bonn, Berlin und Paris trugen dazu bei, dass er sich zu einem überzeugten Liberalen entwickelte. Für seine Dissertation erhielt er die Bestnote. Escher forderte eine unabhängige Universität und äusserte sich öffentlich antiklerikal. Der «Züriputsch» von 1839 führte schliesslich zum Wiedererstarken der reaktionären konservativen Elite, sehr zum Missfallen Eschers.

In unserer «Graphischen Sammlung und Fotoarchiv» finden Sie mehrere Portraitbilder und Fotos von Alfred Escher und seinen Familienangehörigen. Viele dieser Bilder können Sie online konsultieren und downloaden.

Alfred Escher mit seinen Eltern Heinrich und Lydia Escher-Zollikofer, Schwester und Schwager Clementine und Caspar Stockar-Escher und deren Söhne Armin und Egbert, Zürich im September 1846, Signatur: ZB Graphische Sammlung (GSB) Escher-Zollikofer, Hrch. I, 2

Polit-Titan und Wirtschaftsmagnat

Der radikal-liberale Winterthurer Anwalt Jonas Furrer überzeugte den 25-jährigen Alfred Escher 1844 für den Grossen Rat zu kandidieren. Es war der Beginn von Alfred Eschers Karriere. «König Alfred I.» nannten ihn die Zürcher bald. Zielstrebig kumulierte er Ämter, gründete Unternehmen wie die «Schweizerische Kreditanstalt (SKA)», förderte den Aufbau der ETH und den Ausbau der Eisenbahn. Vor allem aber pflegte er ein wirkungsmächtiges Netzwerk, das ihm ermöglichte, wirtschaftliche und politische Ziele zu verbinden. Das «System Escher» liess ihn zu einem der einflussreichsten Männer seiner Zeit werden, der Zürichs ökonomischen Aufstieg in die Wege leitete und die Schweiz in die Moderne führte.

Mehr zur Rolle von Alfred Escher beim Ausbau der Eisenbahn sehen Sie im Dokumentarfilm «Gotthardtunnel – Das Jahrhundertwerk» der Reihe SRF DOK.

Ansichtskarte von Paradeplatz mit links dem Gebäude der Schweizerischen Kreditanstalt, von Alfred Escher 1856 mitgegründet, Zürich 1915, Signatur: ZB Graphische Sammlung (GSL) Ansichtskarten, ZH, Kreis 1:J, 2

Opposition

Bald glich die neue liberale Elite aus Finanz- und Industrie jener des bereits vergessen geglaubten Ancien Régime. Die Kritik am «System Escher» wuchs. Nach dem Wahlsieg der Demokraten in Zürich und der Annahme einer Kantonsverfassung 1869 durch das Stimmvolk war das «System Escher» am Ende. Eine wichtige Rolle spielte er nach wie vor beim Bau der Gotthardbahn. Probleme bei der Finanzierung des Projektes führten schliesslich zum Bruch mit Bundesrat Emil Welti, der ihn zum Rücktritt als Direktionspräsident aufforderte. Damit war Eschers tiefer Fall besiegelt. Zum Durchstich des Tunnels 1880 wurde er nicht eingeladen, nicht einmal sein Name fand Erwähnung. Zur Eröffnung der Gotthardbahn 1882 erhielt er zwar eine Einladung, war aber bereits todkrank. Ein halbes Jahr später, am 6. Dezember, starb Alfred Escher.

Der Dokumentarfilm «Aufstieg und Fall des Schweizer Wirtschaftspioniers» aus der Reihe SRF DOK gibt Einblick in diese Zeit als sich die Schweiz von einem Agrar- zu einem Industrieland entwickelte. Damit einher gingen tiefgreifende, gesellschaftliche Umwälzungen.

Lebenslauf

1819-1834

Geburt und Umzug der Familie ins Belvoir

Geburt am 20. Februar 1819 im «Kleinen Neuberg» am Hirschengraben in Zürich. Sein Vater Heinrich Escher ist ein Kaufmann und Insektensammler. Mutter Lydia Zollikofer von Altenklingen stammt aus einem sankt-gallischen Kaufmannsgeschlecht.

※※※※※

1831 bezieht die Familie Escher das herrschaftliche Landhaus Belvoir in der Gemeinde Enge, heute Teil der Stadt Zürich. Alfred Escher und seine Schwester werden hier privat unterrichtet. Der Vater will vermeiden, dass die Kinder unkontrollierbaren Einflüssen ausgesetzt sind. Alfred wird hauptsächlich in den Fächern Latein, Griechisch, Mathematik, Geographie und Naturkunde unterrichtet. Da er ein schmächtiges und kränkliches Kind ist, erhält er auch Turnunterricht.

Das Belvoirpark in einer Druckgraphik um 1835.
ZB Graphisce Sammlung, Signatur: Zürich 2.1, Belvoir I, 1

1834-1837

Kantonsschule

Von 1834 bis 1837 besucht Alfred Escher die neu gegründete Kantonsschule und erlangt die Maturität. Er interessiert sich vor allem für die Naturwissenschaften. Zum ersten Mal bewegt sich der Jugendliche Alfred in einem Klassenverband. Er initiiert einen literarischen Verein, einen Lesezirkel und einen naturwissenschaftlichen Zirkel.

Die damalige Kantonsschule (heute ein Gebäude der Universität Zürich) in einer kolorierten Aquatinta um 1860.
ZB Graphische Sammlung, Signatur: Zürich G1, Universitäts-Qu., Kantonsschule I, 7

1837-1842

Studium und Promotion

Von 1837 bis 1842 studiert Alfred Escher Rechtswissenschaften an der vier Jahre zuvor gegründeten Universität Zürich. Während des Studiums verbringt er ein Aufenthaltssemester in Bonn und Berlin, das er aber wegen einer schweren Krankheit vorzeitig abbrechen muss.

※※※※※

Während des Studiums ist Escher Mitglied der Studentenverbindung Zofingia, von 1840 bis 1841 amtet er sogar als Zentralpräsident. Die liberal ausgerichtete Zofingia ist damals eine der drei grossen Studentenverbindungen der Schweiz. Der Verein hat grossen Einfluss auf Eschers Persönlichkeitsentwicklung und staatspolitische Meinungsbildung.

Als Student verkehrt Escher im Café Baur (heute Ristorante Orsini), wo auch Gottfried Keller oft anzutreffen ist.

※※※※※

Alfred Escher erlangt die Promotion 1842 mit der Doktorarbeit «De testium ratione quae Romae Ciceronis aetate obtuinit». Anschliessend verbringt er ein halbes Jahr in Paris. Dort besucht er Vorlesungen und schmiedet politische Pläne.

Das Hauptgebäude der Universität Zürich in einer Druckgraphik von F. Walthard aus 1915.
ZB Graphische Sammlung, Signatur: Zürich, Universität I, 15

1844-1848

Privatdozent und Anfang der politischen Karriere

Von 1844 bis 1847 hält Escher als Privatdozent Vorlesungen über deutsches, französisches und schweizerisches Recht an der Universität Zürich.

※※※※※

Ab 1844 ist Escher Mitglied des Zürcher Kantonsrats (Grossrat). Er präsidiert sogar den Rat mehrmals und wird den Sitz bis zu seinem Tod innehalten.

※※※※※

Vom 29. Juni 1847 bis Ende 1848 ist Escher Staatsschreiber des Kantons Zürich. Gottfried Keller absolviert unter ihm ein Volontariat in der Zürcher Staatskanzlei.

※※※※※

Vom 26. Juni 1848 bis 1855 ist Escher Regierungsrat des Kantons Zürich, während vier Jahren sogar Regierungspräsident.

※※※※※

Am 15. Oktober 1848 wird Escher Mitglied des ersten Nationalrates. Er bleibt bis zu seinem Tod Nationalrat und amtet mehrmals als Nationalratspräsident.

※※※※※

Während den 1840er-Jahren trifft sich Escher im Café littéraire mit anderen aufstrebenden Jungen Liberalen, unter anderem auch Gottfried Keller, in der Mittwochsgesellschaft. 

Der Weinplatz mit Rathausbrücke auf einer kolorierten Aquatinta von Johannes Ruf um 1835, eine Rathausfassade (ganz links) und der Rote Turm (das hohe Giebelhaus rechts) mit dem Café Litteraire sind gut erkennbar.
ZB Graphische Sammlung, Signatur: Zürich, Weinplatz I 8 Pp A4

1853-1856

Direktionspräsident der Schweizerischen Nordostbahn

Am 12. September 1853 wird Escher Direktionspräsident der Schweizerischen Nordostbahn.

Im Vorjahr setzt er sich auf eidgenössischer Ebene für das Eisenbahngesetz ein. Es überträgt den Bau und Betrieb der Bahnen an private Unternehmen, die Konzession für die Vergabe der Linien den Kantonen.

※※※※※

Am 2. August 1854 wird er Vizepräsident des Eidgenössischen Schulrats für das Polytechnikum (heute ETH Zürich).

※※※※※

Von 1856 bis 1877 ist Alfred Escher Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA), heute Credit Suisse. Sie wird gegründet, um den hohen Kapitalbedarf des Bahnbaus zu decken. Nach Nordostbahn und Polytechnikum ist sie eine weitere grosse Gründung, für die sich Escher eingesetzt hat.

Ansichtskarte des Paradeplatzes mit Schweizerischem Kreditanstalt um 1910.
ZB Graphische Sammlung, Signatur: Ansichtskarten, ZH, Kreis 1:J, 19

1857

Heirat und Lebensversicherungs- und Rentenanstalt

Am 23. April 1857 heiratet Alfred Escher heiratet die damals 19jährige Auguste Uebel.

※※※※※

 Im Dezember 1857 Aufsichtsrat der Schweizerischen Lebensversicherungs- und Rentenanstalt (heute Swiss Life).

Die Ehefrau Eschers Auguste Uebel um 1855.
ZB Graphische Sammlung, Signatur: Escher-Uebel, Auguste I, 1

1858-1864

Kinder und Tod der Ehefrau

Am 10. Juli 1858 kommt Eschers erstes Kind zur Welt, Lydia Escher.

※※※※※

Im Jahr 1861 kommt die zweite Tochter Hedwig Escher auf die Welt, sie verstirbt aber im Folgejahr.

※※※※※

1864 stirbt Eschers Ehefrau Auguste im Alter von 26 Jahren an Tuberkulose.

Die erstgeborene Tochter Lydia Escher um 1860.
ZB Graphische Sammlung, Signatur: Nachlass Clementine Stockar-Escher, Fotoalbum 1

1871-1880

Gotthardbahn-Gesellschaft

1871 ratifizieren Italien und das Deutsche Reich den Gotthardvertrag, der Bau der Gotthardbahn ist beschlossen.

Bei der Gründung der Gotthardbahn-Gesellschaft wird Escher zum Direktionspräsidenten gewählt. Er übernimmt das erste Departement (eisenbahnpolitische Angelegenheiten, Bauwesen).

※※※※※

1874 zeigt sich, dass der Bau massiv mehr kostet. Zudem ist der Tunnelbau im Rückstand.

Die eidgenössischen Räte gewähren den schweizerischen Anteil der Nachsubvention unter der Bedingung, dass Escher als Mitglied und Direktionspräsident der Gotthardbahn-Gesellschaft zurücktritt.

Zur gleichen Zeit wie die Gotthardbahn gerät auch die Nordostbahn in die Krise.

※※※※※

Am 28. Februar 1880 erfolgt der Gotthard-Durchstich. Alfred Escher ist nicht zur Feier des Durchstichs eingeladen. Sein Name wird an der Feier nicht mal erwähnt.

Auch bei der Jubiläumsfeier des Polytechnikums ist Escher nicht auf der Gästeliste und sein Name bleibt unerwähnt.

Im selben Jahr wird Escher erneut zum Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Kreditanstalt gewählt

Die Gotthardbahn bei Amsteg um 1900.
ZB Graphische Sammlung, Signatur: Sammlung Photochrom, Schweiz

1882

Eröffnung Gotthardbahn und Tod

Anders als beim Durchstich wird Escher dieses Mal zur feierlichen Eröffnung der Gotthardbahn am 2. Mai 1882 eingeladen. Er muss aber aus gesundheitlichen Gründen absagen. Sein Name und seine Verdienste werden an der Eröffnungsfeier erwähnt.

※※※※※

Sein Gesundheitszustand macht Alfred Escher immer mehr zu schaffen und er stirbt am 6. Dezember 1882 im Alter von 63 Jahren.

Der 60-jährige Alfred Escher in einer Radierung von Édouard Jeanmaire aus 1883.
ZB Graphische Sammlung, Signatur: Escher, Alfred I, 9

1889

Alfred-Escher-Denkmal

1889 wird das Alfred-Escher-Denkmal auf dem Zürcher Bahnhofplatz eingeweiht.

Ansichtskarte der Bahnhofstrasse mit Alfred-Escher-Denkmal um 1912.
ZB Graphische Sammlung, Signatur: Ansichtskarten, ZH, Kreis 1:K, 68

Nachlässe

Die Handschriftenabteilung führt die Familienarchive Escher vom Glas und Escher vom Luchs. Im Familienarchiv der Escher vom Glas finden Sie einen Teil des Nachlasses von Alfred Escher, der Hauptbestand befindet sich im Schweizerischen Bundesarchiv in Bern.

Der Korrespondenznachlass wurde von der Alfred Escher Stiftung publiziert. Tauchen Sie ein in die Digitale Escher-Briefedition und entdecken Sie den Netzwerker Alfred Escher.

Alfred Escher in der Presse

Sie wollen wissen, was über Alfred Escher in Zeitungen und Zeitschriften geschrieben wird? Dann konsultieren Sie die Zürcher Bibliographie.

Literatur über Alfred Escher

Literatur zu Alfred Escher im Bestand der Zentralbibliothek finden Sie im Rechercheportal.

200 Jahre Alfred Escher und Gottfried Keller

Begeben Sie sich auf die Spuren der Zukunft und nehmen Sie Teil an verschiedenen Anlässen, welche die Bedeutung der beiden Zürcher aus unterschiedlichen Sichtweisen beleuchten.

Logo des Vereins «200 Jahre Alfred Escher und Gottfried Keller», spurenderzukunft.ch