Noemi Scherrer: Von der Schwester her – zur Schwester hin: Sophie und Erika Taeuber im Dialog (1905–1942)

Laufzeit: 1.4.2026 – 31.3.2027

Das Projekt rückt die wenig beachtete Figur der «Schwester» in den Fokus; jene Figur, die eine Leerstelle markiert, sowohl innerhalb der patriarchal organisierten Familie wie auch der seit der Aufklärung als brüderlich installierten modernen Gesellschaft.

In dieser Absicht wird aus mikrohistorischer Perspektive Schrifttum und Beziehungspraxis von Sophie (1889–1943) und Erika Taeuber (1884–1973) untersucht. Grundlage bildet ihre nahezu lebenslange Korrespondenz, die seit 2012 in der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrt wird. Dieser Korpus von knapp 300 Briefen und Postkarten (1905–1942) wird mithilfe computergestützter Verfahren als Ort spezifischer Sprechweisen und Sprachformen analysiert, in denen sich die schwesterliche Beziehung performativ ereignet.

Ausgehend von aktuellen Forschungen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte einerseits, zu Korrespondenznetzwerken und zur epistolografischen Praxis andererseits, soll im Rückgriff auf Verfahren und Methodologien der Digital Humanities ein weiterer Fragehorizont entwickelt werden: Im Anschluss an Anna Leyrers Überlegungen zur Figur der «Freundin» wird erforscht, ob ein «Von-der-Schwester-her-Denken» neue Perspektiven für die Frage nach den konkreten Nahbeziehungen öffnen kann, die letztlich eine Gesellschaft und ihren Zusammenhalt bestimmen.

Yiğit Topkaya: Seidene Fäden und globale Netzwerke. Die Geschäftsstrategie der Desco Handels AG während der Weltwirtschaftskrise von 1929

Laufzeit 1.4.2026 – 31.3.2027

Die Weltwirtschaftskrise von 1929 hatte einschneidende Auswirkungen auf globale Handelsströme, insbesondere in Ostasien, wo Seide zu den wichtigsten Exportgütern zählte. Der drastische Rückgang der Nachfrage nach Luxusgütern liess den Preis für japanische und chinesische Rohseide und mithin das Exportvolumen in den 1930er Jahren deutlich einbrechen. Handelsfirmen, die die Weltwirtschaftskrise überlebten, mussten ihre Geschäftsstrategien an die neuen Marktbedingungen anpassen. Zu letzteren zählte auch die Desco Handels AG mit Hauptsitz in Zürich. Die 1889 gegründete Firma spezialisierte sich auf den ostasiatischen Rohseidenhandel und baute ein globales Handelsnetzwerk mit Zweigniederlassungen, Agenturen und Geschäftspartnern in Europa, Ostasien und in den USA auf. Das Projekt nimmt dieses «Spinnennetz» der Zürcher Handelsfirma in den Blick und analysiert die Strategie der Krisenbewältigung in den Folgejahren der Weltwirtschaftskrise. Hierfür stützt sich das Projekt auf das umfangreiche Firmenarchiv und wendet digitale Ansätze des Text Mining/LLMs sowie webbasierter Tools für die Analyse und Visualisierung historischer Daten an.

Hendrikje Schauer: Elisabeth Brock-Sulzer (1903-1981) als Publizistin und Netzwerkerin

Laufzeit: 1.4.2025 – 30.9.2025

In der Mitte des 20. Jahrhunderts konnten sich eine Reihe von Autorinnen, Publizistinnen und Übersetzerinnen an den Rändern des Literaturbetriebs etablieren. Eine von ihnen ist die promovierte Romanistin Elisabeth Brock-Sulzer (1903–1981). Bekannt ist sie vor allem als Werkbiographin Friedrich Dürrenmatts, auch als Übersetzerin von Charles Ferdinand Ramuz. Das Projekt rückt sie als Publizistin und Netzwerkerin in den Blick: In den Vordergrund gelangen damit zum einen die Theaterkritiken und Beiträge, die sie regelmäßig für „Die Tat“, aber auch für andere Zeitungen und Zeitschriften verfasst hat. Zum anderen kommen – ausgehend vom Nachlass der Autorin in der ZB sowie archivarischen und bibliothekarischen Metadaten – die Netzwerke der Autorin in den Fokus. Ziel des Projekts ist es, ein Modell für die Geschichte der Literatur- und Theaterkritik zu entwickeln, das geschlechterspezifische Rollenkonzepte reflektiert. Das Projekt steht im Kontext eines größeren Forschungsprojekts, das sich mit Modellierungen von Öffentlichkeit nach 1945 befasst.

Lukas Posselt: Im Schatten des Wohlstands: Dynamiken Schweizer Armutsdiskurse im 20. Jahrhundert

Laufzeit 1.4.2025 – 31.3.2026

Wie veränderten sich Schweizer Armutsdiskurse im 20. Jahrhundert? Das Forschungsprojekt untersucht diese Frage mit Text-Mining-Methoden und zeigt, wie sich die Sicht auf Armut in Fachkreisen der Sozialpolitik im letzten Jahrhundert verändert hat. Dafür greife ich auf einen Textkorpus zurück, der unter anderem tausende Artikel umfasst, die in den wichtigsten sozialpolitischen Fachzeitschriften erschienen sind. Historische Studien über Armut und Sozialpolitik in der Schweiz haben bisher untersucht, wie die Verwissenschaftlichung des Sozialen im frühen 20. Jahrhundert Reformen der Armenpflege beeinflusste und sich unter dem Einfluss der Eugenik in der Zwischenkriegszeit neue Erklärungsansätze der Armut festsetzen, die in der Nachkriegszeit allmählich von modernen Theorien der sozialen Arbeit verdrängt werden. Das Forschungsprojekt untersucht diese Entwicklungen, einschliesslich der bislang weniger beachteten Debatten über die «neue Armut» in den 1990er-Jahren, und macht so langfristige Dynamiken im Schweizer Armutsdiskurs sichtbar.

Judith Müller: Elias Canetti (1905-1994) im Netz der Sprachen: Eine Spurensuche in Bibliothek und Nachlass

Laufzeit 1.4.2024 – 31.8.2024

Das Projekt situiert Elias Canetti als Intellektuellen in seinem sprachlichen Netzwerk. Elias Canetti im Netz der Sprachen fragt daher dezidiert nach der sprachlichen Prägung Canettis und möchte Entwicklungen im Denken über Sprache, aber auch in der Auseinandersetzung mit der Anzahl von und dem Einfluss durch verschiedene Sprachen jenseits des Deutschen aufdecken. Im Rahmen des Willy-Bretscher-Fellowships verortet Judith Müller Elias Canetti als Lesenden im Sprachenkontext seiner Bibliothek; der Fokus liegt dabei auf der Erfassung der Vielsprachigkeit seiner Bücher, seinem notierenden Auseinandersetzen mit Sprache und dem Zugang zu ausgewählten Sprachen – im Besonderen dem Hebräischen sowie der Sprache seines letzten Wohnortes Schweizerdeutsch. Untersuchungsgrundlage sind die Bestände des Canetti-Nachlasses, insbesondere die Canetti-Handbibliotheken (Londoner und Zürcher), die in der ZB beherbergt sind. Neben der statistischen Sichtbarmachung des mehrsprachigen Bestandes, sollen durch die inhaltliche Erfassung von Anstreichungen Interessen des Lesers Canetti nachvollziehbar gemacht werden.

Bigna Guyer: «Sonja Sekulas Werk im Spiegel der historischen Kunstkritik»

Laufzeit 1.4.2024  31.3.2025

Bigna Guyers Projekt nimmt das Schaffen der bedeutenden, aber bisher in der Forschung unterrepräsentierten Künstlerin Sonja Sekula (* 1918 in Luzern, † 1963 in Zürich) zum Ausgangspunkt, um die Mechanismen des historischen Zürcher Kunstbetriebs und die kunstkritischen Diskurse in den 1950er- und 1960er-Jahren zu beleuchten. Das Projekt stützt sich massgeblich auf kunstkritische journalistische Beiträge aus der genannten Zeit – zum Beispiel von Konrad Farner, Manuel Gasser und Walter Jonas, deren Nachlässe sich in der ZB befinden – sowie auf Korrespondenz, Notizen, Aufsätze und Vorträge von Kunstkritiker:innen, Künstler:innen, Museumsdirektoren, Journalist:innen und Galerist:innen in den Beständen der Zentralbibliothek Zürich.

Die Forschungsergebnisse werden in einer Online-Ausstellung zum Werk Sekulas im Spiegel der historischen Kunstkritik und zu Zürich als Ort der kunstkritischen Meinungsbildung öffentlich präsentiert.

Das mit dem Willy-Bretscher-Fellowship verfolgte Projekt ist Teil der monographischen Dissertation zu Sonja Sekula, die Bigna Guyer an der Humboldt-Universität zu Berlin verfolgt.

Rhea Rieben: Digital Storytelling mit Fritz Platten

Laufzeit: 1.8.2023 – 31.3.2024

Das Kerngeschäft der Public History ist das Interpretieren und Vermitteln von Geschichte für eine interessierte Öffentlichkeit. Seit einigen Jahren wird in dem Bereich auch das Potenzial der digitalen Vermittlung diskutiert. Rhea Rieben setzt sich in ihrem Forschungsprojekt als Willy-Bretscher-Fellow mit Formen des Digital Storytelling auseinander. Dabei ergründet sie, welche Chancen digitale Tools für multimediales historisches Erzählen bieten. Sie reflektiert in ihrem Vorhaben, wie sich die Linearität von historischem Erzählen durch die digitalen Tools verändert und wie die digitalen Geschichten erfolgreich in die Öffentlichkeit getragen werden können. Für ihr Projekt beschäftigt sie sich mit dem Schweizer Kommunisten Fritz Platten (1883-1942), dessen Spuren im Archiv der Zentralbibliothek Zürich zu finden sind (Nachlass Franz Dübi-Bernasconi), und zu dem sie auch in ihrem Dissertationsprojekt forscht. Im Rahmen des Stipendiums entstand die digitale Ausstellung Fritz Platten: drei digitale Rundgänge.

Die digitale Ausstellung lädt ein zu einer Erkundungstour von Fritz Plattens Leben. In drei Rundgängen können Sie sich mit den Fakten seiner Biografie vertraut machen, verschiedene Perspektiven auf sein Leben kennenlernen und schliesslich eintauchen in Erinnerungen seiner Zeitgenossen an ihn. Entscheiden Sie selbst: Was ist Ihre Perspektive auf Fritz Platten?

Erarbeitet wurde die digitale Ausstellung von Rhea Rieben, Willy-Bretscher-Fellow an der Zentralbibliothek Zürich, gemeinsam mit Jan Zimmermann und Elias Kreyenbühl vom ZB-Lab.

Miriam Leimer: Die Russische Bibliothek Zürich (RBC) (1927-1983)

Laufzeit 1.4.2022 – 31.3.2023

Seit 2002 verwahrt die ZB die Bestände und das Archiv der Russischen Bibliothek Zürich (RBC). Die Bibliothek bestand von 1927 bis 1983 und umfasste Werke der Belletristik, der Geistes- und Naturwissenschaften sowie Zeitschriften und eine Reihe illustrierter Kinderbücher. Neben den russischen Klassikern finden sich auch die Schriften anderer slavischer sowie westlicher Autoren in den Beständen. Einen Schwerpunkt bilden die Werke der emigrierten Schriftsteller, die in der Sowjetunion selbst nicht mehr erscheinen durften. Zu den 883 Mitgliedern des Vereins, der die Bibliothek betrieb, gehörten so wichtige Persönlichkeiten wie der Literaturnobelpreisträger Aleksandr Solženicyn. Die Ergebnisse der Recherchen wurden als Beitrag auf der Website der ZB in der Rubrik Zürich veröffentlicht.


Joel Floris: Die «Spanische Grippe» in Zürich erzählen

Laufzeit 1.4.2022 – 31.3.2023

Das Ziel des Forschungsprojektes besteht darin, den Verlauf der Influenza-Pandemie von 1918/1919 in Stadt und Kanton Zürich zu verstehen. Drei Leitfragen stehen im Vordergrund: Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf Sterbefälle, Erkrankungen und Geburten? Welche Effekte hatten die behördlichen Massnahmen auf den Verlauf der Pandemie? Und wie wurde in den Zeitungen und Chroniken über die Grippe berichtet? Das Forschungsprojekt untersucht demnach die regionalen Auswirkungen eines globalen Phänomens. Es setzt den Schwerpunkt auf den epidemiologischen Verlauf, den demographischen Auswirkungen und den behördlichen Massnahmen sowie auf die Berichterstattung über die Pandemie. Analysiert werden digitalisierte Bestände der Zentralbibliothek Zürich wie zum Beispiel statistische Berichte und Mitteilungen, Zürcher Zeitungen und zeitgenössische Landchroniken aus den Gemeinden des Kantons Zürich. Als Teil des Forschungsprojektes wurde auf der Zürich-Website der Zentralbibliothek Zürich ein Schaufenster erstellt, das einen Blick auf die «Spanische Grippe» in Zürich in Grafiken, Tabellen und Visualisierungen wirft.


Weitere Informationen zu den Willy-Bretscher-Fellowships finden Sie hier.