Zürcher Familiengeschichte – Der «Keller-Escher» wird digital
In Zürich gibt es eine lange Reihe alter Bürgergeschlechter, deren Angehörige die Geschichte der Stadt seit dem Mittelalter prägten. Zürcher Bürgersinn hat deswegen schon früh die Erforschung der Geschichte der einzelnen Familien und ihrer Mitglieder befördert. Besonders dabei hervorgetan hat sich Carl Keller-Escher, 1851-1916, aus dem alten Geschlecht der Keller vom Steinbock. Der rührige Familienforscher hat die Stammbäume und Abstammungslinien von über 250 Altzürcher Familien von Aberli bis Zoller akribisch erforscht und handschriftlich aufgezeichnet. In sieben grossformatigen Bänden mit dem etwas sperrigen Titel «Promptuarium genealogicum» finden sich die Ergebnisse seiner Recherchen. Die meisten heutigen Benutzenden reden einfach nur vom «Keller-Escher». Nach dem Tod des Forschers 1916 schenkte seine Witwe Anna Maria, geborene Escher vom Glas, das Werk der gerade erst eröffneten Zentralbibliothek. Die Bände werden heute in der Handschriftenabteilung aufbewahrt.
Wer aber war Carl Keller-Escher? Im Organ der Schweizerischen Heraldischen Gesellschaft ist nach seinem Tod ein Nachruf erschienen, der einen guten Überblick über seine Forschungen auf dem Gebiet der Genealogie und der Heraldik gibt.
Allerdings war Carl Keller-Escher im Hauptberuf Pharmazeut: Von 1879 bis 1904 amtete er als Zürcher Kantonsapotheker. Die unten abgebildete Dankesurkunde vom Apothekerverein des Kantons Zürich aus dem Jahr 1904, zu Kellers 25-jährigem Jubiläum und Rücktritt von seinem Amt angefertigt, zeigt uns, wie gross sein Ansehen auch als Naturwissenschaftler war.
In seiner Freizeit war Carl Keller-Escher ein passionierter Fotograf. Auf www.e-manuscripta.ch finden sich heute etliche von ihm angefertigte Aufnahmen. Die erhaltenen Beispiele datieren fast alle aus dem Jahr 1891: Die seltene «Seegfrörni» – das komplette Überfrieren des Zürichsees – war damals der Anlass für vielfältige Vergnügungen und ein reges Stelldichein der Zürcherinnen und Zürcher auf der Eisfläche vor der Stadt. Für einen Fotografen war das natürlich ein gefundenes Fressen. Auch manche Zürcher Prominente der damaligen Zeit kamen ihm dabei vor die Linse, z.B. Schulpräsident Heinrich Paulus Hirzel.
Am Beispiel von Schulpräsident Hirzel zeigt sich in exemplarischer Weise die Bedeutung, die Carl Keller-Eschers genealogischen Forschungen heute noch zukommt: Die sogenannte «Gemeinsame Normdatei» (GND), die zentrale Nachweis- und Norm-Datenbank für Personen, Körperschaften, Kongresse, Geografika, Sachschlagwörter und Werktitel, führt als Quelle für die ausführlichen Personendaten zu Heinrich Paulus Hirzel das Werk von Carl Keller-Escher an.
Der Forscher legte dieses heute unersetzliche Nachschlagewerk nicht zum Selbstzweck an. Es war ihm Quelle für verschiedene Auftragswerke, gedruckte Monographien – etwa zur Geschichte der Familie Grebel oder den Escher vom Glas. Auch diente es ihm als Grundlage zur Beantwortung familiengeschichtlicher Anfragen. In den Jahren nach Keller-Eschers Tod waren die Bände, nun öffentlich zugänglich in der Zentralbibliothek Zürich, nicht nur für Familienforschende, sondern für alle, die sich mit Zürcher Geistes- und Kulturgeschichte befassen, unverzichtbar. Leider hat die intensive Benutzung über mehr als 100 Jahre Spuren hinterlassen. Einband und Papier sind heute stark geschädigt. Um den «Keller-Escher» auch in Zukunft zu bewahren, ihn aber zugleich unseren Nutzerinnen und Nutzern bestmöglich zur Verfügung stellen zu können, haben wir die Bände digitalisiert und auf www.e-manuscripta.ch veröffentlicht:
Band 1 (A bis B), Band 2 (C bis F), Band 3 (G bis Holzhalb), Band 4 (H bis Lavater), Band 5 (Leemann bis Nüscheler), Band 6 (O bis Schulthess), Band 7 (Sp bis Z)
Das Layout der Bände ist doppelseitig angelegt. Jeweils rechts beginnt der Haupteintrag zu einer neuen Familie. Zunächst wird meist ein kurzer Abriss der jeweiligen Familiengeschichte gegeben. Handelt es sich um eine grössere Familie, findet sich eine schematische Darstellung des Stammbaums. Danach werden in aufsteigender Zählung die (männlichen) Namensträger genannt; Ehefrauen und Kinder folgen, soweit bekannt. Die Nummerierung der Personen ist durchgehend. Von der eigentlichen Personennummer mit einem Punkt abgetrennt ist die als Verweis hinzugefügte Nummer des Vaters.
Da heute nicht alle Interessierten die altertümliche Handschrift Keller-Eschers ohne Schwierigkeiten entziffern können, möchten wir den Text mit der Hilfe von Lesekundigen im Transkriptionstool von e-manuscripta transkribieren und online für alle zur Verfügung stellen.
Wollen auch Sie mithelfen? Bringen Sie mit uns die Stammbäume von Stadtzürcher Geschlechtern wie den Bosshard, Erni, Füssli, Keller, Pestalozzi oder Stucki ins Internet!
Erfahren Sie mehr an unserem Workshop vom 2. Juli 2022.
Das Projekt ist Teil des strategischen Schwerpunkts Citizen Science der Zentralbibliothek Zürich.
Haben Sie Fragen/Anmerkungen zum Projekt? Melden Sie sich bei uns!
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