Thaliens Tempel

Die Brandruine des Aktientheaters 1890

Das Aktientheater Zürich von seinen Anfängen 1834 bis zum Brand 1890

Ausstellung der Zentralbibliothek Zürich im Opernhaus Zürich, 2010/2011

Am Abend des 1. Januar 1890, kurz vor zehn Uhr, schreckt der Feueralarm Zürich auf: Das Theater brennt! Glücklicherweise können sich alle Besucher und Schauspieler rechtzeitig in Sicherheit bringen, aber das Gebäude wird mit allem was sich darin befindet – u.a. Dekorationen, Kostüme und die wertvolle Theaterbibliothek – vollständig zerstört. Ironie des Schicksals: Es wird gerade Der Leiermann und sein Pflegekind von Charlotte Birch-Pfeiffer gegeben, eine Komödie derjenigen Direktorin, unter deren Leitung das Zürcher Theater seine Glanzzeit erlebte.

Nachdem mehrere Versuche einer Theatergründung am Widerstand von Konservativen und Kirche gescheitert waren, konnte am 10. November 1834 das Aktientheater mit einem Festakt und Mozarts Zauberflöte eröffnet werden. Direktor Deny begrüsst die neue Ära mit theatralischen Worten: «Sie ist erschienen, die ersehnte Stunde: Thaliens Tempel seht ihr offen stehn.» Wie zu erwarten, wurde das neue Theater sehr kontrovers aufgenommen. Das konservative Freitags-Blatt beklagt in politisch unruhigen Zeiten den Sittenzerfall. Der Schreiber stellt die verletzte Eitelkeit der «hochnäsigten Dämchen» und den erbärmlichen Text der Zauberflöte des «krächzenden Raben» Schikaneder in den Mittelpunkt des Artikels. Selbst der «königliche Adler» Mozart könne den Kunstgenuss nicht mehr retten. Die fortschrittliche Neue Zürcher Zeitung dagegen begrüsst das Ende der theaterfeindlichen Zeit in Zürich. Das Theater biete für die Männer endlich eine Alternative zur «Nahrung des Spiessbürgertums» in den Kneipen, und die Frauen seien nicht mehr zu «Trikoteuses» (Stricken) und zum «Coquetage» (Tratschen) verdammt.

Deny gelang es aber ebenso wenig wie seinem Nachfolger Beurer das Haus rentabel zu führen. Erst Charlotte Birch-Pfeiffer (1800–1868), der ein Ruf als grosse Schauspielerin vorauseilte, konnte das Theater zu einem ersten Höhepunkt führen. Die Stuttgarterin war 1837 für ein Gastspiel nach Zürich gekommen, wo sie u.a. in ihrem ersten Zürcher Stück Ulrich Zwingli’s Tod dessen Gattin spielte. Die Schauspielerin überzeugte dermassen, dass die Zürcher sie als Theaterdirektorin engagierten. Sie leitete das Haus bis 1843, schliesslich musste aber auch sie vor den finanziellen Schwierigkeiten kapitulieren. Die Finanzsorgen blieben den Direktoren treu. 1855 fasste die Gesellschaft gar den Beschluss, das Theater zu liquidieren «falls nicht für die nächsten drei Jahre von Behörden und Privaten eine jährliche Subvention von wenigstens Frk. 5000 erhältlich sei». In derselben Saison brachte Richard Wagner, der von 1849 bis 1858 in Zürich lebte und in der Saison 1850/1851 als Gastdirigent am Aktientheater wirkte, seinen Tannhäuser zur Zürcher Erstaufführung.

Wagner traf in Zürich auch auf einen anderen Missstand. Mit der Theatergründung mussten die Mitglieder des AMG-Orchesters – Laien, verstärkt durch Berufsmusiker – zusätzlich die Theaterdienste übernehmen. Wie sich zeigte war dies eine zu hohe Belastung, die zu zahlreichen Absenzen und teils völlig ungenügender Vorbereitung führte. Wagner sah sich deshalb genötigt, von den Musikern eine professionelle Probenmoral einzufordern. Aber erst ab 1868 stand mit dem Tonhalle-Orchester ein ständiges Berufsorchester zur Verfügung, das Friedrich Hegar als Tonhalle-Dirigent und Lothar Kempter als Kapellmeister der Oper auf ein seit Wagners Zeiten nicht mehr gehörtes Niveau und zu internationalem Ansehen führten.

Auch das Theatergebäude genügte den modernen Ansprüchen nicht mehr. Die Stadt war inzwischen stark gewachsen und hatte sich städtebaulich und kulturell rasant entwickelt. Mit dem Brand in der Neujahrsnacht 1890 wurde die seit geraumer Zeit immer wieder auftauchende «Theaterfrage» dringlich. Die Aktionäre beschlossen an einer ausserordentlichen Generalversammlung ein neues Theatergebäude zu bauen. Die Stadt stellte den Bauplatz und beteiligte sich an den Baukosten. Dem «alten, unansehnlichen, engen und zugigen Kasten» wurde keine Träne nachgeweint.

 

 

Ausstellungskonzept: Angelika Salge, Eva Hanke