J. U. Müller - Gottfried Kellers feuriger Freund
"Ferner hatte ich um die Zeit einen feurigen und lebhaften Freund, welcher meine Neigungen stärker teilte als alle anderen Bekannten, viel mit mir zeichnete und poetisch schwärmte [...]."
So erzählt Gottfried Keller in seinem Bildungsroman «Der grüne Heinrich». Dieser feurige Freund spielt eine fragwürdige Rolle. Die in einen schwärmerischen Briefwechsel verlagerte Freundschaft zerbricht nämlich, als Kellers Alter Ego Heinrich Lee entdeckt, dass ihn der andere an der Nase herumgeführt hat. Er hat sich in seinen Briefen mit fremden Federn geschmückt.
Eine zwiespältige Romanfigur
Schon kurz nach Kellers Tod 1890 wurde bekannt, dass die Romanfigur ein Vorbild in der Wirklichkeit hatte: den Frauenfelder Baumeistersohn Johann Ulrich Müller (1819-1888). 18 seiner Briefe samt Beilagen blieben erhalten und kamen mit Kellers Nachlass an die Stadtbibliothek Zürich und später an die ZB. Doch genau gelesen hat sie bisher kaum jemand.

Der erste Brief mit einer Skizze des Schlosses Frauenfeld, 1.3.1837
Ein Holzweg in Kellers Leben?
Das Urteil über den Frauenfelder stand in der Keller-Forschung schon fest: Ihre Beziehung sei «einer der vielen Holzwege» im Leben des Dichters gewesen, aus Müller sei «nichts Rechtes» geworden (Erwin Ackerknecht, 1939). Das konnte ich als gebürtige Frauenfelderin nicht ungeprüft stehen lassen.
Wirklichkeit vs. Fiktion
Also machte ich mich im Hinblick auf das Gottfried-Keller-Jubiläum 2019 auf die Suche nach Quellen, um Fiktion und Wirklichkeit zu trennen. Mein freier Arbeitstag war fortan mein «Müller-Thurgau»-Tag. Ein Ausgangspunkt waren Johann Müllers Briefe von 1837 bis 1848 in der Handschriftensammlung. Sie erlaubten es, die Fährte erfolgreich wieder aufzunehmen.
Nur scheinbar langweilige Archivalien
Ein zweiter Ausgangspunkt waren Akten im Bürgerarchiv der Stadt Frauenfeld und in den Staatsarchiven Thurgau und Zürich: Einträge in Bürgerlisten, Steuerbüchern, Ratsprotokollen und andere nur scheinbar langweilige alte (analoge) Archivalien. Schnell weitete sich der Suchraum aus, nach Basel, München, Wien, schliesslich über den Atlantik.
Digitale Ressourcen
Wertvolle Informationen lieferten digitalisierte Schweizer und amerikanische Zeitungen , genealogische Datenbanken sowie Online-Archive mit lokalgeschichtlichen Büchern und Dokumenten. Zahlreiche Bibliotheksmitarbeitende und HistorikerInnen im In- und Ausland unterstützten mich hilfsbereit und machten - gerade auch während des Lockdowns im ersten Halbjahr 2020 - manche Ressource zugänglich.
Ein Geschenk aus Amerika
Eine Überraschung hielt die Kartensammlung der ZB bereit: 1871 gelangten als Geschenk der US-Bundesregierung 34 amtliche Seekarten an den zürcherischen Kartenverein. Dieser übergab sie 1897 an die Stadtbibliothek. Wer hätte gedacht, dass hinter dem Namen des Kartografen J. U. Mueller der Thurgauer Gottfried-Keller-Freund steckt!

Gottfried Keller (links) und J. U. Mueller
Neuanfang als John U. Mueller
Nicht nur der gescheiterte Landschaftsmaler Keller, auch der verschuldete Baumeister Müller rappelte sich wieder auf. Und so ist es höchste Zeit für eine Rehabilitierung. Die nun vorliegende Monografie «Gottfried Kellers feuriger Freund» (Verlag Hier und Jetzt) will dies leisten. Sie versteht sich auch als Hommage an all die Schätze, die in Archiven und Bibliotheken weltweit aufbewahrt, erschlossen und zugänglich gemacht werden.
Am 19. November findet an der ZB die Buchvernissage statt. Wir laden alle Interessierten herzlich ein! Bitte melden Sie sich hier an.
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wiss. Mitarbeiterin Handschriftenabteilung |

