Robert S. Gessner in seinem Atelier in Zürich, 1958. Der Künstler präsentiert sich mit Pinseln in der Rechten und der Pfeife im Mund. (Bild: Michael Wolgensinger / Archiv RSG / © Archiv Fotoatelier Wolgensinger)

Musik oder Gestaltung? Oder etwas «Solides»?

«Die Leere, der Rhythmus, die Intervalle sind die wichtigsten Mittel zur Erzeugung von Tiefendimensionen des Denkens und Fühlens.»

Robert S. Gessner im «Skizzenheft 4, Ibiza / Zürich 1960–1966» (Archiv RSG)


Der Sohn aus gutem Haus spielte von Kind auf Cello, war musisch begabt und konnte sich Noten leicht merken. Zusammen mit seiner Mutter Alice Anna Gessner, die ihn am Flügel begleitete, gab er Hauskonzerte. Ein Semester lang erhielt Gessner sogar Unterricht am Zürcher Konservatorium, mit Bestnote.

Als er siebzehn Jahre alt war, wusste er genau, was er nicht werden wollte: studierter Akademiker, Architekt oder Ingenieur, etwas «Solides», nach dem Willen des gestrengen Vaters Karl Eduard Gessner. Denn es trieb ihn schon früh «zum Handwerklichen und zum Schaubaren», erinnert sich Gessner in einer unveröffentlichten «Biografischen Notiz».

Dem Zögling blieb nichts anderes übrig, als vorsätzlich schlechte Noten zu schreiben, um den gestalterischen Weg einschlagen zu können. Er war Lehrling für Schaufensterdekoration bei Jelmoli, als sein Herzenswunsch in Erfüllung ging, die Kunstgewerbeschule zu besuchen. Schon bald wechselte er von der Lehre in die Fachklasse Grafik, wo seine künstlerische Begabung entdeckt und gefördert wurde. Wassily Kandinsky und Sophie Taeuber, später Paul Klee, waren Gessners erste grosse Vorbilder.

Vom Grafiker zum Maler


«Die Behauptung, oft geäussert, ich sei ein ‹Konkreter› stimmt wohl auch. Aber bin ich nicht ein ‹romantischer Konstruktivist›?»

Robert S. Gessner in «Skizzen», unveröffentlichtes Manuskript,1933–1972 (Archiv RSG)


Robert S. Gessners Werdegang vom Grafiker zum Maler verlief keineswegs gradlinig. Wie Max Bill, Camille Graeser, Gottfried Honegger und Warja Lavater war auch Gessner als Werbegrafiker und Produktgestalter tätig.

Parallel dazu entwarf er von den 1930ern bis in die 50er-Jahre Bühnenbilder und Kostüme für die Tanzgruppe von Trudi Schoop und das Cabaret Cornichon. Dort lernte er seine erste Frau kennen. Gessner erinnert sich in seiner «Biografischen Notiz» an die schwierigen Jahre: «Hätten meine Eltern nicht durch Ateliermiete und Mittagessen geholfen, meine Frau Edith Carola als Tänzerin nicht ein kärgliches Honorar heimgebracht, wäre es eine schlimme Zeit gewesen».

Im Atelier entwickelte er auch sein künstlerisches Schaffen weiter und es gelang ihm, sich als Maler zu etablieren. Im Jahr 1938 nahm Gessner als neues Mitglied der Künstlervereinigung Allianz an der Ausstellung «Neue Kunst in der Schweiz» in der Kunsthalle Basel teil. Anlässlich seines 40. Geburtstags fand 1949 in der Galerie Orell Füssli in Zürich eine erste vielbeachtete Einzelausstellung statt.

Erste öffentliche Resonanz: das Café Select am Limmatquai

Im Jahr 1935 erhielt der 27-jährige Gessner den Auftrag, ein Wandbild für das bekannte Künstler- und Studio-Café Select am Limmatquai in Zürich zu realisieren. Der Auftraggeber Willy Boesiger war in den 1920er-Jahren Schüler von Le Corbusier in Paris gewesen. Zurück in der Schweiz eröffnete er das von der Künstlerin Anna Indermaur betriebene Nord-Süd, das erste Avantgarde-Kino der Stadt Zürich.

Die Buchstaben CBS auf dem Wandbild stehen für Café Bösiger Select, die Jahreszahl 1935 für das Eröffnungsjahr. Unterstützt von Assistenten führte Gessner das Gemälde vor Ort aus. Mit dem Wandbild wurde er in Zürich einem grösseren Kreis von Avantgardistinnen und Avantgardisten bekannt.

In unmittelbarer Nähe des Select befand sich das Café Odeon, wo sich am späteren Nachmittag Schriftsteller, bildende Künstlerinnen und Grafiker trafen. Im Restaurant Terrasse auf der anderen Strassenseite soll Max Frisch einen Grossteil seiner Tagebücher geschrieben haben. Und keine hundert Meter entfernt befand sich an der Rämistrasse die Buchhandlung von Emil Oprecht, für dessen Europa Verlag Gessner mehrere Bücher gestaltete.

Robert S. Gessner und die Avantgarde in Zürich, Ascona und Ibiza

«Ich glaube eben an Humanisierung des allzu technisch und mathematisch Geplanten.»

Robert S. Gessner in «Skizzen», 1933–1972 (Archiv RSG)


Gessner liebte das Leben und die Menschen, Freundschaften spielten in seinem Privatleben eine wichtige Rolle. Im Freundeskreis konnte er seine teils radikalen Ansichten über Kunst, Literatur, Theater und Musik im offenen Gespräch mit Gleich- und Andersgesinnten teilen.

Ab den 1930er-Jahren hielt er sich häufig im Ferienhäuschen seiner Eltern in Saleggi auf. Unter den Avantgardistinnen und Avantgardisten in diesem Neubaugebiet bei Ascona sind vor allem Hans Arp und Sophie Taeuber, aber auch Verena Loewensberg und ihr Mann Hans Coray zu erwähnen.

Entscheidend wurde die Begegnung mit Selma Bührer, einer Zürcher Autorin und Vorkämpferin für das Stimm- und Wahlrecht der Frauen, die er 1941 in dritter Ehe heiratete. Zusammen legten sie den Grundstein zu ihrem gemeinsamen und individuellen Wirken, das bis zu Gessners Tod ganze vier Jahrzehnte umspannte.

Neben Zürich und Ascona war Ibiza ein wichtiger Ort für den Zürcher Künstler. Zwischen 1955 und 1982 folgten regelmässig längere Aufenthalte. In einem kleinen Haus mit Atelier direkt am Meer entstanden an die 500 Werke.

«Tierra de Ibiza» oder Malen mit Sand

«Die glatten, perfekt gestrichenen Flächen gehören nicht ganz zu mir, so wichtig ich sie bei anderen Künstlern finde.
Ich selbst möchte auch im strengsten Bild noch einen Rest des Untechnischen sehen, das Handwerk eines Einzelnen. Individualismus? Altmodische Einstellung zu unserer ‹technokratischen› Zeit?»

Robert S. Gessner in «Skizzen», 1933–1972 (Archiv RSG)


Auf die Frage, ob er als Abstrakter immer noch Landschaften darstelle, antwortet Gessner in seinen «Skizzen» lakonisch: «Früher fast immer. Jetzt immer. Ich male sogar mit Sand aus meinem Garten aus Ibiza!» Tatsächlich mischte Gessner in vielen seiner geometrisch-konstruktiven Gemälde der 1960er-Jahre Sand in die Ölfarbe.

«Tierra de Ibiza» von 1963 trägt Erde und Sand von Ibiza sogar im Titel. Mit minimalen Mitteln lässt uns der Künstler unmittelbar in das Erlebnis von Sonne, Licht und Atmosphäre einer mediterranen Insel eintauchen. «Robert S. Gessner verlandschaftlicht den Konstruktivismus», schrieb ein Kunstkritiker im Tages-Anzeiger, als ihm dieses Bild im Helmhaus Zürich 1964 ins Auge fiel.

In den folgenden Jahren entstanden auch mehrere Kleinplastiken aus Plexiglas, welche höchste Transparenz in der Behandlung des Materials veranschaulichen. Um nicht der Routine zu verfallen, wechselte Gessner oft seine Formate ebenso wie das Material, die Bildträger, das Bindemittel und die Werkzeuge. Im Jahr 1963 schuf er «Sol y Sombra», sein erstes gültiges Relief aus sandgestrahltem Ahorn.

Gessners «Gegenstände»

 

«In einem Bild mag der Gegenstand ‹gelb› sein, in einem zweiten ‹l’amour›, in einem dritten ‹kalt›. Ich glaube, dass nur die ‹ungegenständliche› Kunst alle ‹Gegenstände› darstellen kann.»

Robert S. Gessner in «Skizzen», 1933–1972 (Archiv RSG)


Wie «Gegenstände» in seine «ungegenständliche» Kunst fanden, beschreibt Gessner in seinen «Skizzen»: «Tatsächlich haben sich meine Kreise oft – nachträglich – als Formen erwiesen, die nichts dagegen hatten, Sol, Sole, Sonne genannt zu werden.»

Neben Himmelsköpern bevölkern auch männliche und weibliche Figuren den gessnerischen Kosmos. Sie stehen als Idole archetypisch für die Geschlechter, verkörpern mythische Gegensatzpaare oder verbinden oben und unten, links und rechts, Fläche und Raum durch sich kreuzende Energiebahnen im Verhältnis des Goldenen Schnitts. Schöpferische Ur-Symbole wie «Puerta Magica III» und «Grosses Omega II» wiederum beschwören Grenzsituationen, die sich dem sprachlichen Zugriff entziehen.

Einige Werke scheinen den Alltag am Bildschirm unseres digitalen Zeitalters vorwegzunehmen, etwa «Kalter Satellit II» oder «Laser II», vor allem aber «Figur I/2», die in einer kühlen Farbskala gehalten sind. In seinem späten Schaffen thematisiert Gessner auch führende Figuren aus Gesellschaft, Politik und Kunst, etwa mit «El Obispo», einer Hommage an den Erzbischof Dom Helder Camara.

Literatur


Bernhard von Waldkirch, Kunsthistoriker und Kurator
März 2026


Robert S. Gessner – romantisch und konstruktiv

Ab dem 13. März 2026 widmet sich die Ausstellung «Robert S. Gessner – romantisch und konstruktiv» dem Schaffen des Zürcher Konkreten Künstlers (1908–1982). Auf der Gratwanderung zwischen Spieltrieb auf der einen und geometrischen Gesetzmässigkeiten auf der anderen Seite gelangen Gessner, dem selbsternannten «romantischen Konstruktivisten», filigrane Werke von grosser Suggestivkraft.

Zentralbibliothek Zürich, Schatzkammer und Themenraum Turicensia, 13. März bis 13. Juni 2026

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Header-Bild: Robert S. Gessner um 1958. (Fred Mayer / Archiv RSG, © Ilse und Fred Mayer Archiv, Zürich)