Diese emphatische Beurteilung der Zentralbibliothek Zürich kurz nach der Fertigstellung des Neubaus geht aus der Korrespondenz der Künstlerin Warja Lavater (1913–2007) mit Bruno Weber, dem damaligen Leiter der Graphischen Sammlung, vom 5. November 1994 hervor. Drei Jahre zuvor hat Warja Lavater der Bibliothek ihr «buchkünstlerisches Werk» als Depositum anvertraut. Die Pressemitteilung vom 29. Mai 1991 streicht neben Skizzenbüchern, Buchillustrationen, druckgrafischen Einzelblättern und Buchobjekten zu Recht ihre «Faltbücher» als Hauptwerke heraus. Diese dreiundfünfzig Leporellos machen heute indes nur einen Teil des reichen Fundus aus. Nach dem Tod der Künstlerin wird das Depositum in eine Schenkung umgewandelt und der vollständige Nachlass gelangt in die ZB. Das Spektrum der rund 2000 Artefakte reicht von grossformatigen Bildern bis hin zu «Objets trouvés», die nur wenige Zentimeter messen.

Abb. 1: Anonym, Achtjährige Warja Lavater in Griechenland, Fotografie, 1921

Eine weltoffene Kindheit

Warja, mit Taufnamen Barbara Esther Lavater, wird als Tochter der Schriftstellerin Mary Helen Sloman (1891–1980) und des Ingenieurs Emil Lavater (1882–1962) am 28. September 1913 in Winterthur geboren. Die ersten neun Jahre ihrer Kindheit verbringt sie in Moskau und Athen. Durch das russische Kindermädchen wird aus dem Namen Warwara für Barbara die Koseform Warja. 1921 kehrt die Familie endgültig nach Winterthur zurück. Das offene Haus ihrer Eltern prägt die Heranwachsende.

Abb. 2: Anonym, Warja Lavater und Gottfried Honegger, Fotografie, 1955

Ausbildung zur Grafikerin

Bestärkt durch ihren Vater entscheidet sich Warja Lavater mit achtzehn Jahren für eine Ausbildung zur Grafikerin an der Kunstgewerbeschule in Zürich. In der Fachklasse «Graphik» besucht sie die Kurse von Ernst Keller (1891–1968). Als Begründer des sogenannten «Swiss Style» wirkt er auf mehrere Generationen von Schülerinnen und Schülern prägend. Ausgehend von den formalen Ansätzen des Bauhauses hinterfragt Keller den illustrativen Stil, um Bildinformationen zu vermitteln. Er initiiert eine neue formale Einheit aus Schrift und Bild. Nach ihrer Ausbildung lernt Warja Lavater über ihren Basler Arbeitgeber Hermann Eidenbenz (1902–1993) Gottfried Honegger (1917–2016) kennen, den sie 1940 heiraten wird. 1937 gründen beide das gemeinsame, von ihnen als «futuristisch» bezeichnete Atelier.

Die Landesausstellung von 1939 und weitere Signete

Als sich Warja Lavater entschliesst, einen Entwurf für das allgemeine Abzeichen der «Landi» einzureichen, liegen dem Generalbüro der Landesausstellung bereits Eingaben von fünfzehn Grafikern vor. Den provisorischen ersten Preis hält bis zu diesem Zeitpunkt Hermann Eidenbenz. In vier Wochen erarbeitet Lavater einen Entwurf, der sich beim Komitee gegen die männliche Konkurrenz durchsetzt. Sie wird als Preisträgerin des Landi-Plakat-Wettbewerbs ausgezeichnet. In der Folge zieht sie weitere wichtige Aufträge an Land und realisiert 1939 beispielsweise das Logo der gekreuzten Schlüssel für den Schweizerischen Bankverein, der späteren UBS. In der für das Atelier schwierigen Zeit des Zweiten Weltkriegs kreiert Warja Lavater das Signet für die Aktion «Mehr Anbauen oder Hungern».

Abb. 3: Anonym, Gäste in der Wohnung an der Kirchgasse 50, Zürich, Fotografie, 1949

«… wir hatten Gäste und Gäste»

Nach dem Krieg lässt sich die junge Familie mit den beiden Töchtern Bettina (* 1943) und Cornelia (* 1944) an der Kirchgasse 50, dem ehemaligen Deutschen Konsulat, nieder. Hier blüht das gesellschaftliche Leben mit illustren Gästen auf: Hier verkehren der Komponist Benjamin Britten (1913–1976), der Schriftsteller und Mitbegründer der Dada-Bewegung Richard Hülsenbeck (1892–1974), der Künstler Max Bill (1908–1994), das Künstlerehepaar Heiner (1909–2003) und Isa Hesse-Rabinovitch (1917–2003) und viele mehr. Ab 1956 baut das Ehepaar Honegger-Lavater zusammen mit Zimmerleuten in Gockhausen zwei Ateliers und ein Wohnhaus aus Holz. Später wird Max Frisch (1911–1991) in den Atelierhäusern, die er als «Institution» bezeichnet, seinen Roman Montauk (1973) schreiben.

Frauenbewegung 

Dreizehn Jahre nach Kriegsende fordern Frauen in der ganzen Schweiz das Wahl- und Stimmrecht. Das politische Anliegen ist während der zweiten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) von 1958 von zentraler Bedeutung. Warja Lavater wird für die Gestaltung des Hauptplatzes der SAFFA-Insel angefragt. Sie entwirft unter anderem elf monumentale Wandtafeln, die den Titel Die Linie tragen. Die figurativen Darstellungen sind vorbildlichen Frauengestalten der Eidgenossenschaft gewidmet. Auch in den nachfolgenden Jahren setzt sich Lavater mit Fragen zur Stellung der Frau in der Gesellschaft auseinander. Anlässlich der Annahme des Frauenstimmrechts der Stadt Zürich pflanzen am 14. September 1969 politisch aktive Frauen, wie Emilie Lieberherr (1924–2011), auf dem Lindenhof einen Lindenbaum. Auf dieses Ereignis bezieht Warja Lavater eine Lithografie mit herzförmig emporschwebenden Lindenblättern. In die Darstellung fügt sie den ersten Artikel der Menschenrechtscharta «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren». Für die Feier am 14. Juni 1996 aus Anlass von 25 Jahren Frauenstimmrecht und 15 Jahren Gleichstellungsartikel in der Bundesverfassung gestaltet die Künstlerin die Einladungskarte.

Abb. 4: Anonym, Warja Lavater auf der Terrasse ihres Penthouses in New York, Fotografie, 1959

Aufbruch zu neuen Ufern

Angestossen durch einen zweijährigen Aufenthalt in den USA von 1958–1960 treten ihre bisherigen Arbeitsbereiche als Grafikerin und Illustratorin, beispielsweise für die schweizerische Zeitschrift Jugend-Woche, in den Hintergrund. Sie begibt sich als Künstlerin auf neues Terrain. Es entstehen Gouachen, die sie als «quasi Pop Art» bezeichnet. Gleichwohl empfindet sie sich nicht als Malerin und entdeckt für sich ein neues Medium, das Faltbuch. Abstrakte Zeichen, die jeweils in einer Legende aufgeschlüsselt sind, legen sich wie ein Bildteppich über das gefaltete Papierband des Leporellos. Sie erzählt auf eine vollkommen neue Art und Weise Märchen, Fabeln oder Legenden, die die Trennung von Text und Illustration aufhebt. Ihre ersten Künstlerbücher heissen Folded Stories, später bezeichnet Lavater diese als Imageries. Die Leporellos erscheinen in Basel bei Basilius Presse, als Sonderedition des Museum of Modern Art in New York und in Paris bei Adrien Maeght. Zu den bekannten abstrakten Bilderzählungen gehören Wilhelm Tell und Rotkäppchen.

Erzählkunst und Abstraktion

Warja Lavater bleibt Zeit ihres Lebens – wie sie es selbst ausdrückt – der «Book-Art» als Ausdrucksmittel verbunden. 1986 nimmt sie an der ersten Biennale der Papierkunst, der PaperArt, am Leopold-Hoesch-Museum in Düren teil. Im Bereich der Papierkunst entstehen unter anderem raumgreifende skulpturale Objekte, die sich formal auf Buchdeckel beziehen. Kleinformatige handgeschöpfte Papierobjekte stehen der «Konzeptkunst» nahe. Zwischen 1971 und 1981 wird Lavater von der städtischen Wasserversorgung Zürich mit Wand- und Raumgestaltungen in Keramik für die Anlagen Strickhof, Gontenbach und Hardhof beauftragt. Auch im monumentalen Bereich orientiert sich Lavater für die Visualisierung des Wasserkreislaufes an der von ihr in den Folded Stories entwickelten Erzählkunst.

La Belle au Bois dormant / Dornröschen

Spätestens seit der Ausstellung Die Perzeption im Zürcher Helmhaus (Dezember 1990 – Januar 1991) ist Warja Lavater einem breiten Publikum bekannt. Die Ausstellung verdankt ihren Titel der gleichnamigen Gedichtsammlung von 1973, in der sich die Künstlerin mit dem Alphabet und Piktogrammen auseinandersetzt.

Und heute? Die Zentralbibliothek Zürich widmet 2021 dem Œuvre im Grenzbereich zwischen Literatur und Bildkunst eine Ausstellung. Rund dreissig Jahre nach der Übergabe des Depositums möchte die Retrospektive Sing-Song-Signs & Folded Stories den Nachlass aus dem Dornröschenschlaf erwecken. In der Schatzkammer werden einige der wichtigsten Werke Lavaters präsentiert. Die Gastkuratorin Carol Ribi, die eine Dissertation zur Künstlerin verfasst, legt dabei den Schwerpunkt auf die Folded Stories und die Imageries. Der Themenraum Turicensia beleuchtet wichtige Zürcher Stationen der Künstlerin.

Vorarbeiten für die Ausstellung

Die Vorbereitungen für die Ausstellung sind seit 2019 in vollem Gang. Nach dreissig Jahren ist es an der Zeit, die konservatorischen Bedingungen kritisch unter die Lupe zu nehmen. Tatkräftig unterstützt von I+D-Auszubildenden und von der Abteilung Bestandserhaltung ist der Nachlass weiter erschlossen und nach heutigen Standards umgepackt worden. In bewährter Manier erstellte das Digitalisierungszentrum Reproduktionen in höchster Qualität. Die digitalen Aufnahmen stehen den Besuchenden auf Tablets während der Ausstellung zur Verfügung.

Stv. Leiterin Graphische Sammlung 

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