Johanna Spyri in den 1870er Jahren, ZB, Graphische Sammlung, Spyri, Johanna I, 2Die Zentralbibliothek Zürich lädt im Rahmen eines Citizen Science-Projekts dazu ein, die KI-Transkription des einzigen erhaltenen und bisher unveröffentlichten Werkmanuskripts von Johanna Spyri zu korrigieren und damit eine neue Geschichte aus der Feder der Heidi-Autorin für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

Mit einer Auflage von über 50 Millionen Büchern und Übersetzungen in über 50 Sprachen gilt Johanna Spyri (1827–1901) weltweit als erfolgreichste Schweizer Autorin. Berühmt ist aber weder sie noch ihr Gesamtwerk, sondern ihre Romanfigur Heidi, hinter der die Autorin fast gänzlich verschwindet. 

Der Erfolgsroman «Heidi» (1879) machte Johanna Spyri international bekannt. Die Geschichte des Schweizer Bergkinds ging um die Welt, während ihre übrigen Werke heute grösstenteils in Vergessenheit geraten sind. 2027 feiern wir den 200. Geburtstag der Autorin. Das ist die Gelegenheit, sie neu zu entdecken – und Neues zu entdecken. 



Das Manuskriptfragment «Ein stilles Haus», © Naomi Wenger / Johanna Spyri-Archiv, SIKJM Das einzige überlieferte Werkmanuskript

«Ein stilles Haus» heisst das erste Kapitel der unvollendeten Erzählung. Bei den 120 Seiten kleinformatiger Papierbögen handelt es sich um das einzige überlieferte Werkmanuskript von Johanna Spyri. Alle übrigen gelten als verschollen. In Gotha, wo der Grossteil von Spyris Büchern erschienen ist, sucht man sie vergeblich. Das Archiv ihres deutschen Verlags Friedrich Andreas Perthes ist nur in einer Trümmerüberlieferung erhalten. Gut möglich, dass die Manuskripte während des zweiten Weltkriegs zerstört wurden.

Auch im Nachlass der Autorin ist kein Manuskript ihrer gedruckten Erzählungen überliefert. Johanna Spyri habe vor dem Tod ihren schriftlichen Nachlass verbrannt, so ist es in der von der Grossnichte Marguerite Paur-Ulrich verfassten Biografie nachzulesen, die ein gutes Vierteljahrhundert nach Spyris Tod erschien (S. 89): «Keine Zeile, kein Wort der Aufzeichnung, kein Manuskript, kein Fragment eines solchen, keine Studie, keine Skizze hatte sie zurückgelassen.» 

In ihrer Absolutheit trifft diese Aussage jedoch nicht zu. Das bezeugen nicht nur das erhaltene Manuskriptfragment, sondern auch weitere überlieferte Briefe und Schriftstücke. Belegt ist, dass Johanna Spyri ihre Briefe in den späten Jahren zurückforderte. So schreibt sie 1892 an ihre enge Jugendfreundin Betsy Meyer: «Ich möchte […] Dich bitten, liebe Betsy, mir meine Briefe u. auch die alten Gedichte zurück zu senden. Briefe können ja nur für einen einzigen Menschen bestimmt sein […]. Ich thue diese Bitte nicht nur an Dich und hoffe, Du kannst sie wohl verstehen.» (27.11.1892, ZB Zürich, Ms CFM 398.19). Anlass zu dieser Äusserung gab die intensive Vorbereitung der Biografie von Conrad Ferdinand Meyer durch Adolph Frey. Verbrannt aber wurden diese Briefe nicht. Sie werden heute zusammen mit den Briefen an den Bruder Conrad Ferdinand Meyer in der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrt.

Die Zurückhaltung dem Persönlichsten und Innersten gegenüber, die Scheu die «eigene Seele vor der Welt zu seziren» (nach Heer, Spyri, S. 76), wird in den frühen Spyri-Biografien wiederholt betont. Fakt ist, dass die Quellenlage gemessen an der Bekanntheit der Autorin eher dünn ist. Gerade dies macht das unvollendete Werkmanuskript umso wertvoller.  

Es gelangte als Geschenk von Spyris Grossneffen 1968 in den Besitz des damals neu gegründeten Johanna Spyri-Archivs des heutigen Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM). Dieses bewahrt Literatur und Zeugnisse zu Leben und Werk der Autorin und zählt seit 2023 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Die handschriftlichen Dokumente werden seit 2011 als Depositum in der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrt und sind auf e-manuscripta.ch digital zugänglich.

Das Manuskriptfragment soll zum Jubliäum von Johanna Spyris 200. Geburtstag als Leseausgabe gedruckt werden. Es bietet die einmalige Gelegenheit, einen Blick in die Schreibwerkstatt Johanna Spyris zu werfen. 

Johanna Spyris schriftstellerische Karriere begann mit einem bescheidenen Büchlein, einer Erzählung für Erwachsene, die in Bremen erschien; mit ihren Geschichten für Kinder wurde sie zur Erfolgsautorin

Literarischer Austausch mit Conrad Ferdinand Meyer 

«Sie sind ein grosses Talent, liebe Freundin!» Conrad Ferdinand Meyer an Johanna Spyri, Kilchberg, 8.12.1887, Hs FA 4aa: E 1.43«Ein erster Wurf ist meistens das beste» – so charakterisiert Johanna Spyri ihren Arbeitsstil in einem Brief an den befreundeten Dichter Conrad Ferdinand Meyer (10.11.1882, ZB Zürich, Ms CFM 340.27.11). Der Briefwechsel zwischen dem ungleichen Dichterpaar gibt Einblick in die literarische Schaffens- und Gedankenwelt Johanna Spyris. Sie zeigt sich dabei als begeisterte Leserin und feinsinnige Kritikerin Meyers, der sich den persönlichen Austausch mit Spyri explizit wünschte, um ihr seine Manuskripte vorzulegen und mit ihr zu diskutieren. Er schlägt ihr im November 1882 regelmässige vierzehntägliche Treffen vor, anlässlich derer er ihr jeweils seine «Sachen mitteilen dürfe» (9.11.1882, ZB Zürich, Hs FA 4aa: E 1.7). Umgekehrt enthalten Meyers Briefe auch kritische Beobachtungen und Bemerkungen zu Spyris Werk.

Abgesehen von diesem literarischen Briefwechsel wird die Erforschung von Spyris Schaffen und Werkgenese zur Spurensuche in ihren Briefen, die nur einzelne, teils fast beiläufige Hinweise dazu enthalten. Das Manuskriptfragment «Ein stilles Haus» bietet daher die einzigartige Möglichkeit, der Autorin während des Schaffensprozesses gleichsam über die Schulter zu schauen und etwas über ihre Arbeitsweise zu erfahren. 

Das Schreibpapier ist mittig gefaltet und nur rechtsspaltig beschrieben, um links Platz für Korrekturen und Ergänzungen freizulassen. Der Entwurf wirkt keineswegs «leicht u. sicher hingeworfen» (8.12.1887, ZB Zürich, Hs FA 4aa: E 1.43).  Die zahlreichen Korrekturen und Streichungen deuten auf eine spätere Schaffensphase hin, in welcher die Feder nicht mehr so leicht über das Papier glitt, und ihr der selbst auferlegte Druck, jedes Jahr ein Buch zu veröffentlichen, zunehmend beschwerlich geworden zu sein scheint. Erhalten sind nur fünf Kapitel und ein kurzes Manuskriptfragment von wenigen Seiten, bei dessen Inhalt es sich möglicherweise um eine Variation des Anfangskapitels handelt.

Das 1886 abgebrochene Stadthaus im Zürcher Kratzquartier, das Johanna Spyri als Frau Stadtschreiber bewohnte. Mit Vorliebe soll sie im Erker mit Blick auf See und Alpen geschrieben haben. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie in die Escherhäuser am Zeltweg.   Zentralbibliothek Zürich, Zürich H2 Fraumünster-Qu. Altes Stadthaus I,19

Verschiedene Erzählstränge und ungeahnte Verbindungen  

In der breit angelegten Erzählung verknüpfen sich auf wundersame Weise die Schicksale eines verbitterten Herrn Baron und des kleinen Waisenmädchens Xanderli. Alles ist darauf ausgelegt, das stille Haus am Ende wieder mit Kinderlachen zu füllen.

Wie die verschiedenen Erzählstränge zusammengeführt und der Knoten gelöst worden wäre, bleibt offen. Johanna Spyri hat die Geschichte nicht zu Ende geschrieben, jedoch so grosszügig angelegt, dass angenommen werden darf, dass sie zu einem umfangreichen Werk geworden wäre. Denn neben den genannten Schlüsselfiguren bringt Spyri weitere Hauptpersonen ins Spiel, die zusätzliche Erzählstränge eröffnen, allen voran die Familie von Herrn und Frau Professor Fabrizius, deren drei Kinder Max, Wally und Helmi in enger Freundschaft zu Xanderli und ihrem Bruder Chim stehen. Die zukünftige Leserschaft darf sich auf weitere humorvolle und von Spyris besonderer Beobachtungsgabe zeugende Kinderszenen freuen.


Mittels Transkriptionssoftware Transkribus wurde eine Rohtranskription des Manuskripts hergestellt. Diese kann im Transkriptionstool von e-manuscripta.ch durch Citizen Scientists korrigiert und ergänzt werden.

Helfen Sie mit, die verschlungenen Schicksale aus der Archivschachtel lebendig werden zu lassen. Ein interaktiver Workshop am 11. April lädt dazu ein, gemeinsam die KI-Transkriptionen des handschriftlichen Originals zu korrigieren, Fragen zu stellen und sich auszutauschen. Zum 200. Geburtstag der Autorin soll das Manuskriptfragment «Ein stilles Haus» veröffentlicht werden. Als Citizen Scientist haben Sie die einmalige Gelegenheit, an der Textgrundlage mitzuwirken.

Spyris Werke greif- und erforschbar machen 

Die Erstausgaben von Spyris Werken sind heute nur in den zeitgenössischen Ausgaben antiquarisch oder in Sondersammlungen greifbar. Zum Jubiläum erarbeitet die Zentralbibliothek Zürich neben der Veröffentlichung des Manuskriptfragments in enger Kooperation mit der Forschung eine digitale Edition der Erstausgaben von Johanna Spyris Werken. Damit entsteht ein autorisierter Text, der die Voraussetzung für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Werk Spyris und die Grundlage für eine zeitgemässe Spyriforschung bildet.



Abteilung Plattformen und Daten



Header-Bild: © Naomi Wenger / Johanna Spyri-Archiv, SIKJM