Das Familienarchiv Wille sichtbar machen

3. September 2025

Ulrich Wille an seinem Schreibtisch im Hotel Bellevue in Bern, 1914 (ZB Zürich, Hs FA 5f: Bg 1)

Wappen der Familie Wille, 1915 (ZB Zürich,<br> Hs FA 5e: Be 1)Die Zentralbibliothek Zürich lädt dazu ein, an der Transkription von Briefen aus dem Familienarchiv Wille mitzuwirken und diese damit für die Öffentlichkeit sichtbarer zu machen. 

Seit Anfang 2025 ist ein umfangreicher Archivbestand öffentlich zugänglich, der sich zuvor in Privatbesitz befand und der Anlass zu medialen Debatten bot: das Familienarchiv Wille. Die Familie Wille hat ihr sorgfältig geführtes Privatarchiv der Zentralbibliothek Zürich übergeben. Der Bestand wurde inzwischen erschlossen und ist weitgehend frei von Schutzfristen einsehbar.  


General Ulrich Wille – eine umstrittene Figur 

Das bürgerliche Geschlecht der Wille, ursprünglich Vuille genannt, stammt aus La Sagne im heutigen Kanton Neuenburg. Im 18. Jahrhundert siedelte ein Teil der Familie in das Heilige Römische Reich über. Zum wohl prominentesten Vertreter dieses Familienzweigs wurde Ulrich Wille (1848–1925), der im Ersten Weltkrieg der Schweizerischen Armee als General vorstand. 

Ulrich Wille, am 5. April 1848 in Hamburg geboren, wuchs nach dem Umzug der Familie in die Schweiz auf dem Gut Mariafeld in Feldmeilen auf. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften schlug Wille die militärische Laufbahn ein. In der Armee war er unter anderem als Instruktionsoffizier für die Ausbildung von Soldaten zuständig. Willes beruflicher Aufstieg verlief zwar steil, jedoch nicht ohne Rückschläge: 1896 wurde er nach einem Konflikt um eine Beförderung eines Offiziers vom Bundesrat als Waffenchef der Kavallerie entlassen. Nach seiner Rehabilitierung im Jahr 1901 stieg Wille, unterstützt durch seine Befürworter, bis zum Korpskommandanten auf und wurde sogar Professor für Militärwissenschaften an der ETH Zürich. 

Ulrich Wille (r.) am «Kaisermanöver», das 1912 unter seiner Leitung anlässlich des Besuchs des deutschen Kaisers Wilhelm II. (2. v. r.) durchgeführt wurde. (Hs FA 5e: Bd 11)

Ernennungsurkunde zur Generalswahl von Ulrich Wille, 3. August 1914 (ZB Zürich, Hs FA 5e: Bc 1)Sowohl in seinen grundlegenden Schriften als auch in seinem militärischen Wirken orientierte sich Ulrich Wille am Vorbild der preussisch-deutschen Soldatenerziehung, die Drill und eine starke Offiziersautorität vorsah. Mit diesen Methoden wollte Wille eine kampffähige Milizarmee ausbilden. In seinem Staatsverständnis lag die zentrale Aufgabe des männlichen Bürgers im Wehrdienst. Während diese Haltung bei grossen Teilen des Bürgertums und des Offizierskorps Anklang fand, wurde sie vor allem von der politischen Vertretung der Arbeiterschaft sowie teilweise in der Westschweiz abgelehnt. Auch Willes Nähe zum Deutschen Reich wurde von vielen kritisiert.  

Trotz der Widerstände aus dem Parlament setzte sich Ulrich Wille mit Unterstützung des Bundesrats gegen den Kandidaten Theophil Sprecher von Bernegg durch und wurde am 3. August 1914 zum General der Schweizerischen Armee ernannt. Theophil Sprecher, ebenfalls ein hochrangiger Offizier, zog sich im Verlauf der Wahl zurück – die Gründe dafür sind bis heute umstritten. Stattdessen nahm er das Amt des Generalstabschefs an Willes Seite an. 


General Wille und Generalstabschef Sprecher von Bernegg auf einer Militärgrusskarte, 1914 (ZB Zürich, Hs FA 5e: Bd 13)

Ulrich Wille mit Familie bei seinem ersten Besuch als General in Mariafeld, 1914. Fotografie: Renée Schwarzenbach-Wille (ZB Graphische Sammlung, scr F RS IX 109)











Ein Buch sorgt für Aufsehen 

Eine Kontroverse um General Wille entfachte in den 1980er Jahren das Buch des Journalisten Niklaus Meienberg, Die Welt als Wille und Wahn. Gestützt auf Briefe Ulrich Willes an seine Frau Clara entwarf Meienberg das Porträt eines antidemokratischen, deutschfreundlichen und im Laufe seiner Amtszeit zunehmend senilen Generals. Das Buch, das nach seiner Erscheinung 1987 zum Bestseller wurde, löste eine intensive Debatte nicht nur über die Rolle des Generals im Ersten Weltkrieg, sondern auch über Archivpolitik und Methoden der Geschichtsschreibung aus. Meienberg hatte sich nämlich unerlaubt Zugang zu den Quellen verschafft und vermischte in seinem journalistischen Zugang Fakten mit fiktiven Elementen. 

Viele Fragen um General Wille sind bis heute nicht abschliessend geklärt – etwa seine Rolle im Landesstreik 1918 oder die Hintergründe seiner Wahl zum General 1914. 2024 erschien zuletzt eine kurze Biografie von Rudolf Jaun zu General Wille, eine umfassende wissenschaftliche Biografie steht jedoch noch aus. 

Ein weit verzweigtes Netzwerk 

Doch das Familienarchiv Wille birgt nicht nur interessante Quellen zu General Wille: Es dokumentiert über mehrere Generationen hinweg das Beziehungsnetz einer einflussreichen Zürcher Familie mit internationalem Wirkungskreis. In Briefen, Fotoalben und persönlichen Dokumenten werden soziale, politische und wirtschaftliche Netzwerke sichtbar.  

Eliza Wille-Sloman, um 1865 <br> (ZB Zürich, Hs FA 5e: B 11)François Wille, 1865 <br> (ZB Zürich, Hs FA 5ba: Cb 5)

Die Eltern Ulrich Willes, der liberale Journalist François Wille (1811–1896) und die Schriftstellerin Eliza Wille, geb. Sloman (1809–1893), emigrierten nach dem Scheitern der liberalen Bewegung im deutschen Vormärz in die Schweiz. Dort pflegten sie Kontakte zu namhaften Persönlichkeiten des geistigen und kulturellen Lebens der Zeit. Frauen der Familie hatten einen wesentlichen Anteil daran, diesen intellektuellen Austausch zu fördern. So lud etwa Eliza Wille regelmässig prominente Gäste auf den Wohnsitz der Familie in Meilen ein. Im Archiv sind unter anderem Briefe von Richard und Cosima Wagner, Heinrich Heine, Gottfried Keller, Houston Stewart Chamberlain und König Wilhelm I. von Württemberg überliefert. Auch die nachfolgenden Generationen vernetzten sich innerhalb der Zürcher Eliten, etwa Ulrich und Clara Willes Tochter Renée, die den Seidenindustriellen Alfred Schwarzenbach heiratete und deren Tochter Annemarie Schwarzenbach als Schriftstellerin und Fotografin bekannt wurde.

Seite aus einem Brief Heinrich Heines an François Wille, 1853 (ZB Zürich, Hs FA 5d: Ec 15.1)

Erschliessung und Digitalisierung des Familienarchivs

Zum Schutz und zur erleichterten Nutzung der teilweise fragilen Bestände digitalisiert die Zentralbibliothek Zürich derzeit ausgewählte Dokumente. Erste Digitalisate, beginnend mit den Briefen Ulrich Willes an Clara Wille, sind auf der Plattform e-manuscripta.ch verfügbar. 

Um diese wichtigen historischen Quellen besser zugänglich zu machen, ist nun Ihre Mitarbeit gefragt: 

Im Rahmen einer Citizen-Science-Kampagne können Interessierte ab dem 13.9.2025 bei der Transkription einer Auswahl von Briefen von Ulrich an Clara Wille mitwirken. Die 120 Briefe stammen aus dem Zeitraum vom 3. August 1914 bis zum 31. März 1915 – also den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Sie bieten Einblicke in die persönliche Sicht des Generals auf das Kriegsgeschehen und in die Beziehung der Eheleute. 

Von den 120 Briefen werden durch die Transkriptionssoftware Transkribus Rohtranskriptionen erstellt. Wir laden Sie ein, die Rohtranskriptionen mit Hilfe des Transkriptionstools von e-manuscripta zu korrigieren und zu optimieren. Die Ergebnisse Ihrer Arbeit werden online auf der Plattform publiziert.  

Die Kampagne ist Teil des strategischen Schwerpunkts Citizen Science der Zentralbibliothek Zürich.   

Das Transkriptionstool auf e-manuscripta.ch

 

Handschriftenabteilung