Aus Frauenhand – Künstlerinnen aus Zürich gestern und heute
Im Herbst 2025 widmete sich die Ausstellung «In Frauenhand | In Her Hand» in der Zentralbibliothek Zürich dem Schaffen von Künstlerinnen zwischen dem 17. und 21. Jahrhundert. Darunter befinden sich zahlreiche Zürcherinnen, die ihr künstlerisches Leben auf ganz unterschiedliche Weise «in die Hand genommen» haben.
Künstlerinnen in der Zentralbibliothek

Einige Zürcher Künstlerinnen wie Anna Waser oder Warja Lavater waren zu Lebzeiten sehr erfolgreich und blieben über ihren Tod hinaus bekannt – viele ihrer Werke befinden sich in der Graphischen Sammlung. Andere, etwa Carolina Port besetzten künstlerische Nischen wie die Wissenschaftsillustration – Port lieferte zahlreiche Illustrationen zu einem botanischen Atlas –, gerieten später aber in Vergessenheit. Seit Jahren untersuchen wir in der Graphischen Sammlung der ZB Zürich die Bestände auf Werke von bekannten und vergessenen Künstlerinnen. Wir erschliessen künstlerische Arbeiten aus dem Altbestand und ergänzen die Sammlungen gezielt durch Vor- und Nachlässe.
In der Ausstellung «In Frauenhand | In Her Hand» fächerten wir die Geschichten und Werke bekannter und weniger bekannter Künstlerinnen in einem breiten Bogen auf. Im Folgenden stellen wir fünf Zürcher Künstlerinnen vor, von denen ausgewählte Werke in der Schatzkammer der Zentralbibliothek zu sehen waren sowie in einer Online-Ausstellung noch immer zu sehen sind.
Antoinette Lisette Fäsi – eine Scherenschneiderin als Bildchronistin
Im Alter von über 60 Jahren fertigte Antoinette Lisette Fäsi (1730–1808) mehrere Scherenschnitte an. In der ZB werden ihr zwei Porträts von Johann Caspar Lavater und zwei Darstellungen von Kanonengefechten zugeschrieben. Zu sehen ist jeweils unter zierlichen Blätterranken die erfolglose Beschiessung Zürichs durch helvetische Truppen im Sommer 1802.
In einem vermuteten Porträt Fäsis aus der Sammlung Johann Caspar Lavater sehen wir wohl Fäsi beim Schneiden eines Porträts von Lavater, den sie wortwörtlich «in ihrer Hand» hat. Wie sie zum Scherenschnitt gekommen ist, kann heute nur vermutet werden. Ihr Ehemann Heinrich Fäsi und der Zürcher Pfarrer Johann Caspar Lavater gehörten beide der Zunft zur Saffran an; vermutlich bewegte sich Fäsi auch im Umkreis Lavaters. Dieser hat als Physiognomiker um 1800 massiv zur Verbreitung der Silhouettierkunst und des Scherenschnitts beigetragen.
Die Themen der Scherenschnitte reichen von Porträts über pastorale Idyllen und aufmerksame Beobachtungen des Alltags bis zum Kriegsgeschehen ihrer Zeit. Die Fäsi zugeschriebenen Schnitte bezaubern durch ihre kompositionelle und erzählerische Dichte wie auch durch die filigrane Schnitttechnik.
Elisabeth Pfenninger – «die seinerzeit sehr bekannte Miniaturmalerin»
Elisabeth Pfenninger (1772–1837/1847) wurde als privilegierte Frau in eine einflussreiche Zürcher Dynastie geboren. Ihre Porträts waren Vorlagen für Drucke etablierter Künstler. So diente ihre Zeichnung des Zürcher Theologen Johann Caspar Häfelin als Grundlage für das gedruckte Porträt von Johann Heinrich Lips.
Pfenninger erhielt ihre private Ausbildung in Zürich, Genf und ab 1807 in Paris, wo sie sich in Künstlerkreisen bewegte, zu denen auch die bekannte Künstlerin Elisabeth Vigée-Le Brun gehörte. Als gemäss Kruse «seinerzeit sehr bekannte Miniaturmalerin» wurde Pfenninger vor allem für ihre exquisiten, sehr begehrten Aquarelle geschätzt.
Ihre Könnerschaft zeigt sich sowohl in der Miniaturen-Kopie «La Pudeur» nach einem Werk von Claude-Marie Dubufe als auch in ihren Selbstporträts – einmal in Trauerkleidung und einmal als pastorales Genrebildnis in der Zürcher Landschaft. Noch 1908 gehörten die Werke von Elisabeth Pfenninger «jedenfalls zum Besten, was die deutsche Schweiz in dem hier selten gepflegten Gebiete der Miniaturmalerei aufzuweisen hat», so das Schweizerische Künstler-Lexikon von damals.
Clementine Stockar-Escher – Malen aus Liebhaberei?
Die Familie von Clementine Stockar-Escher (1816–1886) gehörte der Zürcher Hautevolee an. Durch ihre finanzielle Situation war Stockar-Escher die Ausübung der Kunst möglich. Künstlerische Anregungen erhielt sie von Franz Xaver Winterhalter, einem renommierten Maler, der die grossen Persönlichkeiten des europäischen Hochadels porträtierte.
Als Schwester des Eisenbahnpioniers Alfred Escher waren Clementine Stockar-Escher jedoch enge gesellschaftliche Grenzen gesetzt. Ihre Aquarelle erwerbsmässig zu veräussern, war undenkbar. Da ihre Werke nicht dem Broterwerb im Sinne einer Profession dienten, wurden sie dem Bereich des so genannten Dilettantismus zugeordnet. Die nach heutigem Verständnis abschätzige Konnotation hätte Stockar-Escher wohl von sich gewiesen.
Selbstbewusst präsentierte sie ihre Arbeiten unter anderem an Turnusausstellungen des Schweizerischen Kunstvereins und an Ausstellungen der Künstlergesellschaft Zürich. Ihr zeichnerisches Œuvre, zu dem Genreszenen, Porträts und Stillleben gehören, ist mit über 800 Werken für eine Künstlerin des 19. Jahrhunderts bemerkenswert umfangreich.
Gertrud Escher – Exlibris, Ansichten, Porträts
Die gesellschaftlichen Restriktionen setzten auch Gertrud Escher (1875–1956) Grenzen. Die fortschrittliche Haltung ihres Vaters, Professor an der ETH Zürich, ebnete ihr jedoch den Weg für eine professionelle Ausbildung zur Künstlerin. Sie studierte von 1893 bis 1896 in Zürich an der Kunstgewerbeschule. Ab 1898 besuchte sie die Damenakademie des Künstlerinnenvereins in München, wo sie die Landschaftsmalerei erlernte, auch Paris gehörte zu ihrem Ausbildungsweg. Escher war kurze Zeit mit Augusto Giacometti verlobt. Eine Tuberkuloseerkrankung zwang Giacometti, die Verbindung zu lösen und Escher blieb zeitlebens unverheiratet.
Bei Hermann Gattiker erlernte Gertrud Escher die anspruchsvolle Technik der Radierung. Folgerichtig wurde sie später Mitglied der Walze, der Vereinigung Schweizerischer Künstler-Graphiker. Ihre zahlreichen Exlibris – für Personen wie den Tonhallendirektor Friedrich Hegar oder für die Zentralbibliothek – spiegeln die gesellschaftliche Einbindung der Künstlerin wider. Ihr breites künstlerisches Repertoire umfasst neben der Landschaftsmalerei auch die Porträtkunst.
Maja Zürcher – Abstraktion und Jazz
Wie viele Schweizer Künstlerinnen ihrer Generation erhielt Maja Zürcher (1945–1997) ihre erste Ausbildung an der Zürcher Kunstgewerbeschule. Danach bildete sie sich an Kunstschulen in London und ab 1970 in Paris weiter. Sie spezialisierte sich auf den Holzschnitt und nutzte diesen, um farbenprächtige, abstrakte Bildkompositionen zu schaffen.
Eine wichtige Inspirationsquelle war ihr dabei die Musik: Zürcher war der Überzeugung, dass es auch mit abstrakten Bildern möglich sei – ähnlich wie in der Musik –, «eine direkte Botschaft zu vermitteln». Dies gelang ihr in Coverdesigns für Schallplatten, aber auch in grossformatigen Hommagen an Musikerinnen und Musiker ihrer Zeit wie die Jazz-Sängerin Betty Carter oder den Jazz-Pianisten Mal Waldron.
Die Künstlerin, die ihre Werke zu Lebzeiten in 160 Ausstellungen gezeigt hat, war Mitglied im Holzschnittverein Xylon und in der Gesellschaft Schweizer Malerinnen, Bildhauerinnen und Kunstgewerblerinnen. Politisch engagierte sich Zürcher, indem sie gleichsam als «Gegenbewegung» zur von ihr kritisch gesehenen Missionstätigkeit Holzschnittkurse in Mosambik gab.
Literaturhinweise
Das Buch zur Ausstellung und weitere Publikationen erinnern an die Künstlerinnen und ihr Werk:
- Publikation zur Ausstellung: «In Frauenhand | In Her Hand. Künstlerinnen aus fünf Jahrhunderten», 978-3-299-00040-1, erhältlich in der Zentralbibliothek Zürich
- «Politik, Solidarität und Jazzmusik. Untersuchungen zu den abstrakten Holzschnitten Maja Zürchers» von Noemi Albert
- «‹Eine sehr geistreiche und geübte Aquarellmalerin›. Leben und Werk der Clementine Stockar-Escher» von Jochen Hesse in der Zeitschrift «Librarium»
- «Bombardements unter Blätterranken. Eine Scherenschneiderin in Zürich um 1800» von Anna Lehninger in der Zeitschrift «Schnittpunkt»
- «Starke Schweizer Frauen. 30 Porträts» von Daniele Muscionico, mit einem Vorwort von Kathleen Bühler
- «Verwandlung in Bilder. Aufschluss über Antoinette Lisette Fäsi» von Bruno Weber, ehemaliger Leiter der Graphischen Sammlung der Zentralbibliothek Zürich in der Bibliografie der Graphischen Sammlung
Barbara Dieterich, stv. Leiterin Graphische Sammlung und Fotoarchiv
Anna Lehninger, Projektmitarbeiterin, Graphische Sammlung und Fotoarchiv
Alice Robinson-Baker, stv. Leiterin Graphische Sammlung und Fotoarchiv
August 2025
Die hier vorgestellten Zürcherinnen sind unbeirrt ihren künstlerischen Weg gegangen und haben wunderbare, erstaunliche und anregende Werke hinterlassen. Ausgewählte Arbeiten von ihnen und vielen weiteren Künstlerinnen präsentierte im Herbst 2025 die Schau «In Frauenhand | In Her Hand».
Header-Bild: Ausschnitt aus dem Selbstporträt von Clementine Stockar-Escher, ca. 1840. (ZB Zürich)