Die Zentralbibliothek organisiert vom 26. bis 29. November 2021 einen Wikipedia-Edit-a-thon. Micha Rieser und Irene Genhart unterhalten sich über Zürich als «Filmhauptstadt der Schweiz», die Wikipedia als Je-Ka-Mi-Lexikon und was die ZB damit zu tun hat.

Irene: Ich finde die Wikipedia lässig und nutze sie in meiner Arbeit als Filmjournalistin und Fachreferentin täglich. Was verbindet Dich damit?

Micha: Ich bin seit 2005 Autor. Ich habe meinen ersten Artikel über die Gewürzpflanze Langer Pfeffer geschrieben und war später einige Jahre Administrator in der deutschsprachigen Wikipedia. Ich habe nebenberuflich mehrere Schweizer Gedächtnisinstitutionen als Wikipedian in Residence beraten. Was schaust Du in der Wikipedia denn nach?

Irene: Alles. Eintragungen zu Filmen, Filmschaffenden zum Teil auch Firmen, Kinos, auch Filmtechnisches. Ich finde fast immer etwas. Allerdings muss ich dazu oft in anderen Sprachen suchen, als in Deutsch. Auch habe ich gemerkt, dass es sich meist lohnt, wenn in einem Beitrag angeboten wird, diesen in einer anderen Sprache zu lesen, dies auch zu tun. Man findet da oft andere oder zusätzliche Infos. Kannst Du mir erklären, wieso das so ist?

Eine Vorstellung des Umfangs der Wikipedia schafft die Installation «From Aaaaa! to ZZZap!», ein Modell einer gedruckten Wikipedia, von Michael Mandiberg in der Denny Gallery, 2015. CC-BY-SA-4.0 Wikimedia Commons / Theredproject

Micha: In der Wikipedia darf jede und jeder mitschreiben. Die Artikel werden häufig auch von Laien geschrieben, die meistens einfach auffindbare Literatur in ihrer Sprache konsultieren und weiterverwenden. Dabei verfügen sie nicht über denselben Wissenstand wie wissenschaftliche Expertinnen und Experten, die ein Fachgebiet sprachübergreifend überblicken können. Obwohl die Wikipedia Belege verlangt, bedeutet das also nicht, dass ein Artikel den aktuellen Forschungsstand wiedergibt. Findest bei deinen Suchen auch Einträge zu Filmen und Filmschaffenden aus Zürich, oder hast du noch andere Quellen?

Irene: Ich werde zum Teil fündig, zum Teil nicht. Angaben zu Filmen und Filmschaffenden finde ich auch auf der IMDB (Internet Movie Data Base), zu Schweizerischem auch auf der Homepage von Swiss Films. Die Homepage der Zürcher Filmstiftung verrät mir, welche Filme in Zürich gefördert werden, bei derjenigen vom BAK finde ich Statistiken zum Filmschaffen in der Schweiz. Geht es um Älteres, Filmtechnisches oder Filmgeschichtliches, konsultiere ich den ZB-Katalog und hole mir auch schon mal ein Buch aus dem ZB-Magazin. Und wenn ich genau wissen will, ob man in einem Film, der in der Stadt Zürich spielt, die Stadt Zürich auch als solche erkennt, leihe ich mir die DVD aus der ZB aus und schaue diese an. Es gibt auch Filme, die in Zürich spielen, aber in Prag gedreht wurden wie „The Bourne Identity“ und „Wall Street“. Da sind die blauen Zürcher Trams dann plötzlich rot. Du hast vorhin gesagt, jede und jeder kann mitmachen. Wie garantiert die Wikipedia die Qualität der Artikel? Oder garantiert sie diese nicht?

Micha: Die Wikipedia gibt Standards vor. So verlangt Wikipedia nach reputablen Quellen und verlangt Belege. Allerdings kann von der Community nicht umfassend geprüft werden, welche Quellen sich für das Thema wirklich eignen. Die Artikelqualität hängt somit von der Literatur-Auswahl der Autorin oder des Autors ab und ein Artikel kann je nach Verfasser inhaltlich schlecht bis brillant sein. Man muss als Rezipientin oder Rezipient deshalb selber Quellen vergleichen und nicht bloss den Wikipedia-Artikel lesen. Unsere Veranstaltung heisst «Zürich Film Goes Wikipedia». Gibt es Experten zum Zürich Film?

Während der viertägigen Schreibwerkstatt «Zürich Film Goes Wikipedia» möchten wir gemeinsam mit Ihnen die Zürcher Filmgeschichte in die Wikipedia eingehen lassen.

Irene: Jein. Es gibt ein paar gute Kenner der Szene, den einen oder anderen von ihnen, bzw. deren Homepages und/oder Bücher werde ich am Workshop vorstellen. Vieles wissen die Leute, welche in Zürich Filme produzieren, Kinos betreiben oder in einer Institution wie der Zürcher Filmstiftung oder im Forschungs- und Archivierungszentrum Zürich der Cinémathèque Suisse arbeiten. Sozusagen ein Superexperte ist Stefan Haupt, den wir für die Auftaktveranstaltung zu einem Gespräch eingeladen haben. Er ist gebürtiger Zürcher, wohnt mit seiner Familie hier und dreht Filme. Viele von ihnen –  etwa «Der Kreis» und «Zwingli» - spielen nicht nur in der Stadt Zürich, sondern setzen sich auch mit Zürichs Geschichte auseinander. Wieso soll eine Institution wie die ZB bei der Wikipedia mitmachen?

Micha: Eine Bibliothek oder ein Archiv bewahrt nicht bloss Bücher oder Dokumente auf, sondern möchte auch, dass diese aktiv genutzt werden. Das rechtfertigt das eigene Dasein. Wikipedia gehört zu den fünf meistkonsultierten Webseiten der Welt. Die Inhalte kommen via Wikipedia sehr einfach und schnell an die Benutzenden. Es ergibt deshalb Sinn, Schreibtätigkeit zu fördern und auch selbst Inhalte beizusteuern. Die ZB hat noch nie eine Wikipedia-Schreibwerkstatt, einen sogenannten Edit-a-thon durchgeführt. Wieso tut sie das jetzt?

Irene: Nicht nur die ZB, sondern alle Bibliotheken befinden sich derzeit in einem grossen Wandel. In einer Zeit, in der Infos digital sozusagen überall zugänglich sind, ist es wichtig, dass sie sich lokal etablieren. «Zürich Film Goes Wikipedia» ist ein Citizen Science Angebot, das die Bürgerbeteiligung fördert und passt damit prima zur Wikipedia.



Fachreferentin Film

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