Wir laden Interessierte zur Expedition durch eine Auswahl der ältesten und schönsten Atlanten der ZB ein. Erkunden Sie die Welt auf über 2900 Landkarten des 15.-17. Jahrhunderts und forschen Sie mit, indem Sie diese online geografisch verorten.

Restauriert, digitalisiert und erschlossen

Aus den Tausenden von Atlanten der Abteilung Karten und Panoramen der ZB wurde eine repräsentative Auswahl der prachtvollsten Exemplare zusammengestellt, um sie zu digitalisieren und der Öffentlichkeit kostenlos auf e-rara zur Verfügung zu stellen.

Vorgängig reinigte und sicherte die Bestandserhaltung der ZB die kostbaren Bücher. Zum Teil waren auch aufwändige Restaurierungsarbeiten an den Objekten erforderlich, bevor sie gescannt werden konnten.

Zustand von Gerardi Mercatoris Atlas […] von 1607 vor der Restaurierung: Früherer Schimmelbefall hatte stellenweise das Papier zersetzt. (Foto Bestandserhaltung ZB)

Fehlstellen an Fälzen der Bünde wurden ergänzt (helle Stellen), der Buchblock am Rücken mit Japanpapier verstärkt. Buchblock zur Trocknung in Presse. (Foto Bestandserhaltung ZB)

Nach diesen Arbeiten wurden die Atlanten im Verlauf des Jahres 2022 bis auf Ebene der einzelnen Karte erschlossen. Auf diese Weise ist es jetzt Forschenden und allen anderen schneller möglich, auf e-rara eine einzelne Karte aus den Atlanten zu finden. Diese kann darauf heruntergeladen oder in einem IIIF-Viewer mit anderen Ressourcen verglichen werden.

«Prachtsatlanten – alte Landkarten georeferenzieren»

Auf der erwähnten Erschliessungsarbeit basiert letztlich auch das aktuelle Citizen Science-Projekt zu den Prachtsatlanten: Interessierte untersuchen und verorten online Landkarten auf intuitive Weise, in dem sie auf einer alten und einer neuen Karte identische geographische Objekte identifizieren und diese markieren.

Im Georeferencer auf Old Maps Online werden auf der modernen und der alten Landkarte Passpunkte gesetzt.

Die Karten werden darauf geometrisch «zurechtgerückt» und damit leichter les- und vergleichbar gemacht.

Georeferenzierte Karte «Gallia[.] Le Royaume de France» aus: Blaeu, Le théâtre du monde, Bd. 2., S. 10. Zentralbibliothek Zürich, RRk 635.

Bisweilen trifft man bei der Georeferenzierung auf herausfordernde und spannende Knacknüsse. Zu entdecken gibt es auf der Forschungsreise zudem Rätselhaftes und Erstaunliches.

Auf der «Tabula Asiae VIII» sind ein Kannibale, ein Schattenfüssler, Kopflose und eine menschenähnliche Gestalt mit Hundekopf dargestellt. Karte aus: Geographia universalis […], 1540, S. 287. Zentralbibliothek Zürich, T 112,2.

Ausschnitt der «Tabula Asiae VIII» mit Sciapode, einem Schattenfüssler.

Reich mit Segelschiffen, Galeeren und Figurenschmuck ausgestattete Karte «Liguria, Stato della Republica di Genova». Die beiden Kreaturen mit Fischschwänzen halten in ihren Rechten Kompass und Jakobstab, wichtige Instrumente für die Navigation zur See. Blaeu, Theatrum orbis terrarum, 1645, Bd. 3, S. 49. Zentralbibliothek Zürich, T 7.

Phantastische Inseln

Überraschend dürften ebenso imaginäre Inseln wie «Frislant» und die legendären Inseln «S. Brandain» und «Brasil» sein. Solche Phantominseln hielten sich mitunter nachhaltig auf alten Karten, wie das angeblich westlich von Irland gelegene paradiesgleiche «Brasil» zeigt: Zum ersten Mal im 14. Jahrhundert auf Dulcerts Seekarte erscheinend aber bereits in Jahrhunderte älterer Legenden fassbar, ist es noch bis ins 19. Jahrhundert auf kartographischen Produkten zu finden.

Imaginäre Inseln «Frislant», «S. Brendain» und «Brasil» auf der Karte «Europa» in: Gerardi Mercatoris Atlas […], 1607, S. 61. Zentralbibliothek Zürich, EE 1.

Die grösste der drei, «Frislant», verdankt ihre Existenz einzig der Vorstellungskraft und Absicht von Nicolo Zeno (1515-1565) aus Venedig. Zeno verfasste einen frei erfundenen Reisebericht, mit dem er zu beweisen hoffte, dass seine Ahnen und nicht etwa Kolumbus Amerika zuerst erreicht hätten. Das Eiland ist noch auf Karten des 18. Jahrhunderts zu finden.

«Frislant» auf Karte «Europa» in: Le théâtre du monde, 1647, Bd. 1, S. 36. Zentralbibliothek Zürich, RRk 634.

Wandernde Insel und verkehrtes «N»

Neben den phantastischen Inseln gibt es auch solche, die auf Karten wandern. So wurde der geographische Name «Taprobana» im Lauf der Zeit für verschiedene Eilande verwendet. Bereits Autoren der Antike kannten eine Insel von angeblich enormer Grösse vor der indischen Küste, die heute Sri Lanka heisst.

Karten von Taprobana finden sich auch in den beiden ältesten Ressourcen des Projekts, den Ptolemäus-Ausgaben der Jahre 1482 und 1486. Die Holzschnittkarten sind farbenprächtig koloriert. Sie unterscheiden sich in der Farbgebung und der ebenfalls von Hand ausgeführten Schattierung der Gebirgsdarstellung.

Karten zur Insel Taprobana in: Clavdii Ptholomei Viri Alexandrini Cosmographie, 1482, S. 191. Zentralbibliothek Zürich, 2.1: b.

«Duodecima Asie Tabula», Taprobana, in: [Claudii Ptholomei Cosmographi], 1486, S. 355. Zentralbibliothek Zürich, Ink K 112.

Ein Vergleich der Karten der Insel zeigt, dass für die jüngere Ausgabe von 1486 der Druckstock der älteren wiederverwendet wurde. Zu erkennen ist dies neben den identischen Massen des Kartenfelds und -inhalts auch am auffälligen seitenverkehrten «N» im Namen der Insel. Dieses ist charakteristisch für Johannes Schnitzer von Armsheim, der sich in der Ausgabe von 1486 auf der Karte zur Oikumene – der bewohnbaren Welt – als Formschneider zu erkennen gab: «Insculptum est per Johanne Schnitzer de Armßheim». Es ist das erste Mal, dass sich ein solcher auf einer im Druck erschienen Karte verewigt.

Karte der Oikumene in: [Claudii Ptholomei Cosmographi], 1486, S. 242. Zentralbibliothek Zürich, Ink K 112.

Ausschnitt der Karte mit Hinweis auf den Formschneider Johannes Schnitzer von Armsheim.

Der Humanist und Kosmograph Sebastian Münster (1488-1552) gab einige Jahrzehnte später Sumatra als Taprobana wieder. In seiner Cosmographia von 1540 heisst es:«[…] Taprobanam insulam hodie vocant Sumatram». Diesen Irrtum wie auch die angeblich enormen Ausmasse der Insel korrigiert später der berühmte Geograph und Kartograph Gerhard Mercator (1512-1594).

Auf der «Tabula Asiae XII» wird Taprobana in Sumatra identifiziert, Karte in: Geographia universalis, 1540, S. 299. Zentralbibliothek Zürich, T 112,2.

Innovativer Kartograph und Nordpol

Gerhard Mercator (1512-1594) darf für das 16. Jahrhundert als der wichtigste Kartograph bezeichnet werden. 1595 erscheint posthum und unter Federführung seines Sohnes Rumold (1541-1599) der dritte Teil seines wegweisendem «Atlas, sive, Cosmographicae meditationes de fabrica mundi et fabricati figura»: Die darin enthaltenen Karten weisen eine einheitliche Erscheinung und ein ebensolches Koordinatensystem auf. Zudem sind sie überwiegend nordorientiert.

Für diese Art systematischer Zusammenstellung wird zudem das erste Mal die Bezeichnung «Atlas» verwendet.

Bildnis Gerhard Mercators in: «Atlas, sive, Cosmographicae meditationes de fabrica mundi et fabricati figura», 1595, S. 16. Zentralbibliothek Zürich, T 44.

Ausschnitt des Bildnisses Mercators von Frans Hogenberg (1535-1590).

Mercator ist im Atlas bildlich als Kartograph in Szene gesetzt, der zudem den magnetischen Nordpol bestimmte: Seine linke Hand ruht unmittelbar unter «America» auf dem Globus, der aus europäischem Verständnis «Neuen Welt». Die eine Spitze des Zirkels in seiner Rechten steckt im «Polus magnetis», dem magnetischen Nordpol, der von enormer Bedeutung für die Navigation ist.

Ausschnitt der Karte «Septentrionalium Terrarum descriptio» in: Atlas, sive, Cosmographicae meditationes de fabrica mundi et fabricati figura […], 1595, S. 74. Zentralbibliothek Zürich, T 44.

Auf Mercators Karte besteht das Nordpolargebiet aus vier – aus heutiger Sicht imaginären – Inseln. Zwischen diesen fliessen Meeresströme auf einen «Polus Arcticus» zu, um in einem Wasserschlund zu verschwinden. Davon abgesetzt ist der «Polus magnetis» zu erkennen, auf den Mercator im Porträt die Zirkelspitze setzt.

Terra incognita

Im Schlepptau der europäischen Expansion ab dem 15. Jahrhundert gerieten empirische Erfahrungen zunehmend in Widerstreit mit tradiertem Wissen. Beobachtungen, topografische Aufnahmen und Reiseberichte führten dazu, dass sich überlieferte Überzeugungen nicht mehr halten liessen. Es zeigt sich bisweilen eine spannungsvolle Gleichzeitigkeit von Tradition und Innovation.

Karte der alten Welt, «Generale Ptolemei», in: Claudii Ptolemei viri Alexandrini mathematice discipline philosophi doctissimi geographie, 1513, S. 148. Zentralbibliothek Zürich, V ZZ 19: p | G.

Im Strassburger Ptolemäus von 1513 findet sich zum einen ein alter Kartenteil, welcher auf den tradierten Aufzeichnungen von Claudius Ptolemäus aus dem 2. Jahrhundert basiert. Zum anderen wurde ein neuer Kartenteil hinzugefügt, der die «Tabulae novae» beinhaltet. In letztere flossen neue geografischen Erkenntnisse ein.

«Orbis Typus Universalis Iuxta Hydrographorum Traditionem» aus der Erweiterung des Kartenteils in: Claudii Ptolemei viri Alexandrini mathematice discipline philosophi doctissimi geographie, 1513, S. 230. Zentralbibliothek Zürich, V ZZ 19: p.

Seemonster und Riesenfische

Auf den Karten einiger Prachtsatlanten finden sich neben Schiffen in grosser Zahl auch ungeheuerliche Geschöpfe, die sich im Meer tummeln. Eine Einteilung in realexistierende Lebewesen in Abgrenzung zu legendären, phantastischen Seeungeheuern, die sich der Empirie entziehen, entspricht der heutigen Sichtweise.

Ungeheuerliche Kreaturen und Eisbären tummeln sich auf der Karte «Islandia» in: Ortelius, Theatrum orbis terrarum, 1595, S. 289. Zentralbibliothek Zürich, EE 6.

Für zeitgenössische Betrachtende von Karten des Mittelalters und der Renaissance war diese Unterscheidung weniger klar. Monsterhaft konnte für Seefahrer auch ein grosser Wal erscheinen, zumal die damaligen Schiffe im Vergleich zu heutigen viel kleiner waren.

Zwischen Segelschiffen sind furchteinflössende und liebliche Meereskreaturen zu entdecken. Karte «Africae nova descriptio.» in: Blaeu: Theatrum orbis terrarum, 1645, Bd. 2, S. 288. Zentralbibliothek Zürich, T 6.

Das «Meerpfaerdt» dieser Karte findet sich neben anderen realexistierenden und mirakulösen Lebewesen in Conrad Gessners (1516-1565) wunderbarem «Fischbuoch : das ist ein kurtze, doch vollkommne Beschreybung aller Fischen so in dem Meer und süssen Wasseren, Seen, Flüssen oder anderen Bächen jr Wonung habend, sampt jrer waren Conterfactur.»

«Meerpfaerdt» in Conrad Gessners Fischbuoch […]. 1563, S. 224. Zentralbibliothek Zürich, NS 4,3.
Das Projekt ist Teil des strategischen Schwerpunkts Citizen Science der Zentralbibliothek Zürich.



Mitarbeiter Abteilung Karten und Panoramen