Kein Hokuspokus!

Schon mal etwas von Letter-Locking gehört? Heute können wir unsere elektronische Post und unsere Dokumente mit Passwörtern verschlüsseln. Doch auch in den vergangenen Jahrhunderten bestand das Bedürfnis, Briefe vor fremden Augen zu schützen. Dafür wurden verschiedene Falt- und Schneidtechniken entwickelt, die das unbemerkte Lesen fremder Post verhindern sollten. Eine der einfacheren Methoden war der sogenannte Fidibus. Dieser kam zum Einsatz, wenn der Brief durch einen Botengang rasch von Haus zu Haus gelangen sollte, ohne umständlich versiegelt werden zu müssen. Die Botschaft wurde gerollt und erinnerte damit an die von den Studenten zum Anzünden ihrer Pfeifen genutzten Papierrollen, die als Fidibus bezeichnet wurden – daher der Name.
Die gerollte Botschaft wurde anschliessend in fortlaufender 90°-Rotation jeweils mit Daumen und Zeigefinger eingedrückt, wodurch nach dem Öffnen ein netz- oder gitterförmiges Muster auf dem Papier zurückblieb, das ein unbemerktes Öffnen der Rolle verhinderte, weil es kaum möglich war, sie wieder exakt gleich zusammenzurollen. Die durch die Eindrücke der Finger entstandenen Ovale konnten dabei praktisch genutzt werden, um den Namen des Adressaten oder der Adressatin anzuschreiben.
Und so wird ein Fidibus hergestellt:
Wer also beim Studium unserer Archivbestände besagtes Muster auf einem Brief entdeckt, weiss, dass dieser einst als Fidibus in der Hand eines Boten oder einer Botin unterwegs war. Unsere Briefe verraten eben mehr als die Buchstaben und Worte, die sie transportieren.
- Salome Schoeck
Digitale Produktion und Plattformen
Bild: Zentralbibliothek Zürich, FA Lav Ms 597.2.36, Anonyma an Johann Caspar Lavater, 27. [Juni?] 1797. Der abgebildete Fidibus wurde dem Zürcher Pfarrer und Physiognomiker Johann Caspar Lavater (1741-1801) laut eigenhändiger Notiz «durch ein Kind gesandt». Es handelt sich um das seltene Beispiel eines Fidibus, der zusätzlich versiegelt wurde, wohl unter dem Motto «doppelt genäht hält besser». Die Anschrift «Hrn Hr. Pfarrer Lavater» ist in einem der Ovale angebracht.