Eine gewichtige Hinterlassenschaft
Man nannte ihn einen Bürgerschreck und Oberwildling. Dann wurde er zum Kunstprofessor ernannt. Zuletzt häuften sich die Ehrungen und Preise. Oskar Kokoschka (1886-1980) selber zählte sich zu den Grössten seiner Zeit und war überzeugt davon, dass «heute tatsächlich kein grosser Maler ausser mir existiert».
Aus politischen Gründen lebte OK, wie er kurz genannt wurde, jahrelang im Exil und wechselte mehrmals seine Nationalität. Er wohnte längere Zeit in Österreich, Deutschland, der Tschechoslowakei, Grossbritannien, Frankreich und zuletzt in der Schweiz. Hier fand er seine «Seelenheimat».
Kokoschkas Halt im Leben
Ein wichtiger Halt in Kokoschkas Leben war seine 29 Jahre jüngere Ehefrau Olda Kokoschka-Palkovsky (1915-2004), eine promovierte Juristin aus Prag. Er nannte sie bezeichnenderweise «Hold». Olda Kokoschka wurde seine ergebene Lebensgefährtin, seine grösste Verehrerin, eine gewissenhafte Sekretärin, Organisatorin, Chronistin und zuletzt Nachlassverwalterin. Ihr ist es zu verdanken, dass der international bedeutende schriftliche Nachlass des Künstlers 1981 der ZB Zürich geschenkt wurde.

Mehrere Nachlasstranchen zwischen 1981 und 2004
Es ist zwar «nur» Kokoschkas schriftliche Hinterlassenschaft, denn seine künstlerischen Werke wurden der Fondation Oskar Kokoschka (FOK) in Vevey anvertraut. Aber der bisher für die Forschung zugängliche Nachlassteil in der ZB Zürich umfasst eindrückliche 32 Laufmeter: Lebensdokumente, Briefe, schriftstellerische Arbeiten, Fotografien, Werkdokumentationen und Publikationen. Die Übergabe erfolgte in mehreren Tranchen bis zu Olda Kokoschkas Tod 2004.
Briefverzeichnisse und Paralipomena
Als Erstes wurden die schriftstellerischen Manuskripte ins Auge gefasst. Da galt es, zusammengehörige Textversionen zu identifizieren, Fragmente zu entziffern und Berge von Büro- und Heftklammern zu entfernen. Bis zuletzt nur noch ein verwirrendes Häufchen «Paralipomena» mit Einzelblättern und Bruchstücken übrigblieb, das nun auf einen Handschriftenarchäologen wartet. Während sich Abteilungsleiter und Direktoren ablösten, dauert die detaillierte Erschliessung allein der gegen 25'000 Briefe von, an und über Oskar Kokoschka an - auch aus archivrechtlichen Gründen.

Auf der Suche nach dem «wahren» Kokoschka
Oskar Kokoschka war ein charismatischer Erzähler, was sich sowohl in seinen Geschichten und Vorträgen als auch in seinen Briefen niederschlug. Er war aber auch geschäftstüchtig. Alles diente ihm zur Selbstvermarktung. Seine ersten Biografen waren frustriert ob seinem Hang, Fakten und Daten zu erfinden. Man durfte über OK nur Vorteilhaftes berichten. Recherchen im schriftlichen Nachlass an der ZB Zürich ermöglichen nun, den «wahren» Kokoschka zu ergründen und einige verschobene Fakten geradezurücken.
Überblick dank Rekatalogisierung
Dass der umfangreiche Künstlernachlass über Jahrzehnte verteilt an die ZB gelangte, widerspiegelt sich auch in der Archivtektonik, die dem Provenienzprinzip verpflichtet ist. Eine «Navigationshilfe» für Forschende war daher seit langem ein Desiderat. Erfahrungsgemäss wird Kokoschkas Nachlass nicht nach Serien, sondern punktuell auf Dossierebene erforscht. Die Nutzenden suchen also nach einzelnen Personen oder Jahren - die über den ganzen Bestand verstreut sind. Das machte die Beratung bisher oft zeitaufwendig.

Seit 2019 wurde Kokoschkas Nachlass (samt Zukäufen der ZB) in CMI Star rekatalogisiert und unter Berücksichtigung bestehender Schutzfristen in zbcollections.ch publiziert. Das Archivportal hat die Durchsuchbarkeit und die interne Dokumentation wesentlich verbessert. Für viele Teilserien stehen zudem Detailverzeichnisse als PDF zur Verfügung.

Navigationshilfe und virtuelle Ausstellung auf der Zürich-Seite
Um die Vielfalt des Nachlasses besser sichtbar zu machen und Forschenden den Einstieg zu erleichtern, haben wir auf der Zürich-Seite eine Kokoschka-Webpräsenz aufgeschaltet. Dort erzählen wir auch, wie Kokoschka in die Schweiz und Zürich zu Kokoschka kam. Die positiven Rückmeldungen (z. B. des Oskar-Kokoschka-Zentrums der Universität für angewandte Kunst in Wien) bestätigen, dass die Kombination von virtueller Ausstellung und Recherchehilfe Anklang findet.
Willkommen im Universum Kokoschka!
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Handschriftenabteilung |


