«Do not loose goose» – der Vorlass von Bernadette Watts

Im Frühjahr 2024 erhielt die Graphische Sammlung der Zentralbibliothek über 120 Originalzeichnungen und Drucke aus dem Vorlass von Bernadette Watts (*1942). Seit 1968 hat die englische Bilderbuchillustratorin und -autorin Dutzende Bücher im Zürcher NordSüd Verlag veröffentlicht. Von Rotkäppchen, das seit damals permanent nachgedruckt wird, über weitere Grimm-Märchen wie Frau Holle und König Drosselbart oder Hans Christian Andersens Kleiner Meerjungfrau bis zu eigenen Werken wie Hans Müllermann oder Hudelpeter hat die weithin als «Bernadette» bekannte Illustratorin Klassiker geschaffen, die bis heute Kinderaugen und -herzen erfreuen.
Leuchtende Farben, ein enormer Detailreichtum und stimmungsvolle Landschaften erstrecken sich über die Doppelseiten ihrer Bilderbücher. Zu einigen besitzt die Graphische Sammlung jetzt die Originalvorlagen. Nun lassen sich Zeichnungen und gedruckte Illustrationen gegenüberstellen, Alternativen für Bucheinbände und Entwürfe für Adventskalender sowie ältere mit neueren Bildern vergleichen − das jüngste Werk Post von Püppi. Begegnungen mit Franz Kafka stammt aus dem Jahr 2024. Als würde man der Künstlerin über die Schulter blicken, ermöglichen alternative Entwürfe, Skizzen und Storyboards faszinierende Einblicke, wie ein Bilderbuch entsteht. Während Watts in den 1960er- und 1970er-Jahren gerne Wachskreiden in oftmals kräftigen, erdigen Tönen einsetzte (wie in Varenka, Frau Holle oder der Van Gogh-Hommage in Hans Müllermann), sind ihre späteren Arbeiten von einer hellen, duftigen Palette in Farbstift- und Aquarelltechnik geprägt.
Auch der Humor kommt in den Zeichnungen und vor allem ihren Randbemerkungen nicht zu kurz: Anmerkungen wie «Take care! Do not loose goose!» verweisen auf Watts’ Aufmerksamkeit für Details wie eine Gans am Rand des Umschlagentwurfs für König Drosselbart, die beim druckbedingten Beschnitt nicht verloren gehen soll. Ebenso zeigt sich in der Anmerkung zum Copyright in der neu illustrierten Ausgabe von Frau Holle ihre Freude an Wortwitzen und selbstironischen Aussagen: «All artwork is copyrite (sic), except where something went wrong or the artist had a different idea».
Diese und viele weitere Facetten im Schaffen der Illustratorin sind nun online zu entdecken. Zwei Werke von Bernadette Watts sind ausserdem in der Ausstellung In Frauenhand. Künstlerinnen aus fünf Jahrhunderten zu sehen, die ab dem 5. September 2025 über 200 Werke von 65 Künstlerinnen versammelt.
- Anna Lehninger
Graphische Sammlung