Die erste digitale Edition der ZB online! Oder: Nägelis Briefwelt entdecken
Am 11. März ist die erste digitale Edition aus der ZB online gegangen, die digitale Edition der Korrespondenzen von Hans Georg und Hermann Nägeli. Die Edition ist bewusst als work in progress Edition angelegt, in einem ersten Schritt wurden rund 350 Briefe veröffentlicht. In regelmässigen Abständen werden neue Korrespondenzen hinzukommen, Ziel ist es, den gesamten in der ZB Zürich erhaltenen epistolaren Nachlass der Nägelis (rund 4000 Briefe) in die Edition einfliessen zu lassen. Der Veröffentlichung vorausgegangen ist ein Citizen Science Projekt, in dessen Rahmen die ersten hundert Briefe transkribiert und anschliessend in die digitale Edition integriert wurden.
In der Edition gibt es viel zu entdecken. Neben den Briefen selbst, die über eine Briefliste gefunden und mithilfe der Facetten am rechten Rand nach Absender*in, Empfänger*in, Orten und Brieftypen gefiltert werden können, gibt es auch verschiedene Register, die über die erwähnten Personen, Organisationen und Orte informieren. Das Register der musikalischen Werke wird vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich unter der Leitung von Prof. Inga Mai Groote verfasst. Es ist ebenfalls work in progress, ein Teil der Werke ist jedoch bereits erschlossen.
Das Netzwerk von Hans Georg Nägeli (1773–1836), das sich anhand der bereits edierten Briefe der Edition nachzeichnen lässt, ist sehr umfangreich. Es umfasst Komponisten, Verleger, Musiker, Pädagogen, Fürsten, Prinzen und viele mehr. Die männliche Form ist hier bewusst gewählt. Denn bei den bis anhin in der Edition erfassten Personen handelt es sich mehrheitlich um Männer. Doch es gibt auch einige wenige Frauen in Nägelis Briefwelt, die im Folgenden vorgestellt werden sollen – als Beispiel dafür, was es in der digitalen Edition alles zu entdecken gibt.
Nägelis Frauen

Kaum erstaunlich, nimmt Anna Elisabeth Rahn (1784–1862), Nägelis spätere Ehefrau, den grössten Raum ein unter Nägelis weiblichen Korrespondentinnen.
Nägeli lernte Anna Elisabeth, genannt Lisette, wohl im Jahr 1804 kennen, die ersten erhaltenen Briefe stammen aus dieser Zeit. Lisette, war die Tochter eines Zürcher Buchbinders. In der ersten Zeit der Bekanntschaft siezen sich Lisette und der elf Jahre ältere Nägeli. So etwa im Brief vom 4. Oktober 1804. Nägeli bedauert, dass ihr geplantes Treffen wegen der schlechten Witterung ausgefallen sei, und hofft auf Wetterbesserung und Wiedersehen. In den nächsten kurzen Briefen, in denen Nägeli Lisette weiterhin siezt und mit «Meine Freundin» anspricht, geht es jeweils um Abmachungen hinsichtlich des nächsten Treffens, Angaben zum Wohlbefinden und Aussagen darüber, wie schön das Beisammensein gewesen sei. Im Brief vom 2. April 1805 duzt Nägeli Lisette. Die Vertrautheit mündete schliesslich in die Ehe: am 22. Juli 1805 heirateten die Beiden im Zürcher Grossmünster, Pfarrer war Johann Jakob Hess (1741–1828), ebenfalls ein Briefpartner von Nägeli.
In den folgenden Jahren war Nägeli viel auf Reisen, um verlegerische Kontakte zu knüpfen und Komponisten kennenzulernen. Dass Lisette diese Trennungen nicht immer leichtfielen, geht aus dem folgenden Brief vom 7. April 1809 hervor:
Lieber Lieber Nägeli!
Erst ein Tag bist du von mir geschieden, und schon scheint es mir sehr lange zu sein, ich muß dir schreiben, um mich einigermaßen in Deine gegenwart [sic] zu versezen, und mir ein wenig leichter um das Herz zu machen, und dann auch noch aus der Haupt- und Nebensache damit ich nichts vergeßen möge das ich dir doch miteilen sollte.
Knapp ein Jahr nach der Hochzeit wurde Sohn Diethelm geboren. Er war das erste von sechs Kinder, wobei Guido (?–1809), Siegmar (1819–1820) und Anna Mathilde (1820–1821) bereits als Kleinkinder verstarben. Beim Tod von Siegmar war Nägeli in Frankfurt, er schreibt bekümmert an Lisette:
Gott tröste dich und Euch alle! Ich war nicht so gar erschüttert von der Todesnachricht. Denn ich hatte eine deutliche Ahndung seit meinem Hierseyn: ich werde einen Unglüksbericht über die Post bekommen, und hatte eine Art Scheu, die Briefe zu holen und zu eröffnen. […] Siegmar ist ja ein frühvollendeter Engel!
(Nägeli an Anna Elisabeth Nägeli-Rahn, 16. März 1820)
Diethelm (1806–1831), Ottilie (1807–1875) und Hermann (1811–1872) erreichten das Erwachsenenalter, Diethelm starb jedoch bereits 1831 im Alter von nur 25 Jahren. Grosskinder hatten die Nägelis keine, sowohl Hermann wie auch Ottilie blieben kinderlos.
Nägelis einzige überlebende Tochter Ottilie ist denn auch die zweite wichtige weibliche Person in seinem persönlichen Umfeld.
Ottilie war sehr musikalisch und bildete sich zur Sängerin aus. So nahm Nägeli sie oft auf seine Reisen ins Ausland mit, wo sie Konzerte im privaten Kreis gab und teilweise auch öffentlich auftrat. Von diesen Reisen fügte sie den Briefen des Vaters an die Mutter oft kurze Notizen bei.
Neben Mutter und Tochter Nägeli gibt es lediglich zwei weitere Frauen, die in Nägelis Briefwelt als Korrespondenzpartnerinnen auftauchen. Es sind dies Elise Bürger-Hahn (1769–1833) und Marie Bigot (1786–1820). Die Schriftstellerin Elise Bürger schreibt Nägeli aus dem im 18. und 19. Jahrhundert berühmten Zürcher Hotel Schwert, in dem viele bekannte und angesehene Personen abstiegen.
Bürger kommt am 9. Juli 1827 dort an, zusammen mit einer Freundin, der Baronin von Fechenbach, und einem Kaufmann. Schon am nächsten Morgen, dem 10. Juli 1827, schreibt sie an Nägeli, den sie mit «sehr herzlich geehrter Herr Professor» anredet.
Sie wünscht sich, ihn und seine Tochter Ottilie baldmöglichst zu sehen. Dem Brief legt sie ein von ihr verfasstes Gedicht mit dem Titel «Gesellschaftslied» bei, in dem es darum geht, dass ein erfülltes Leben aus dem Zusammenspiel von Weisheit, Freude, Freundschaft, Liebe, Kunst und Gesang besteht. Aus Bürgers Brief und dem Gedicht wird die grosse Wertschätzung, die sie für Nägeli hegte, ersichtlich. Es ist davon auszugehen, dass die beiden bereits in Deutschland freundschaftliche Kontakte pflegte und Nägeli ihr auch seine Tochter Ottilie vorgestellt hat.
Bei Marie Bigot handelt es sich um eine berühmte Pianistin und Komponistin. Sie lebte zeitweise in Wien und bewegte sich dort im Umfeld bedeutender Musiker, darunter Ludwig van Beethoven (1770–1827), der sehr oft in Nägelis Briefen erwähnt wird, da Nägeli auch viele Werke von ihm verlegte.
Im Briefwechsel zwischen Nägeli und Bigot geht es vor allem um musikalische Themen. Bigot spielt Nägelis Werke auf dem Klavier und ist begeistert, wie sie im Brief vom 23. Oktober 1808 schreibt:
Ihre Toccaten, lieber Herr Nägely, haben mir ein sehr großes Vergnügen gemacht. Ich spiele sie alle Tage und noch nicht so gut als ich es wünschte.
Die weiteren Frauen in Nägelis Briefwelt haben nicht selbst Briefe verfasst oder erhalten, sondern sind in anderen Briefen erwähnt. So etwa Marianne Crux (1772-1807), eine junge Sängerin aus Deutschland. Aus einem Brief von Nägeli an David Hess vom 9. Okt. 1802 geht hervor, dass Crux das Patenkind von Nägeli war. Auch das sagt etwas über Nägelis Netzwerk aus, denn die Wahl der Paten war damals ein wichtiges Mittel, um Verbundenheit zu zeigen.
Bei vielen Frauen, die in Nägelis Briefwelt erwähnt sind, gibt es kaum über die Briefe hinausgehende weiterführende Informationen, bei manchen von ihnen ist nicht einmal der Vorname bekannt. Nägeli schreibt beispielsweise von musizierenden Frauen, die wie Marie Bigot seine oder die Werke anderer Komponisten spielen, so etwa Katharina Stapfer aus Bern oder Frau Tschoffen aus Wien. Auch eine Schülerin von Nägeli wird erwähnt, es handelt sich um Marianne Hardmeyer, von der ansonsten nicht viel bekannt ist, von der jedoch ein Porträt erhalten ist.
Oder die Frauen fungieren als Briefträgerinnen, so etwa die «Jungfrau» Jetzler. Häufig werden auch Grüsse ausgerichtet, zum Beispiel an Gritli Schneider.
Aus diesen kurzen Erläuterungen lässt sich schliessen: Frauen sind, abgesehen von der Ehefrau Lisette, in Nägelis Briefwelt zwar viel weniger präsent als Männer, sie finden aber doch immer wieder Einlass, und zwar in den unterschiedlichsten Funktionen. Dass es nicht mehr weibliche Korrespondenzpartnerinnen gibt, ist nicht einfach eine persönliche Leerstelle, sondern hängt mit den gesellschaftlichen Strukturen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammen. Frauen spielten in den Handelsbeziehungen, um die es Nägeli vor allem ging, eine marginale Rolle. Zugleich muss bemerkt werden, dass die digitale Edition von Nägelis Korrespondenzen erst am Anfang ist. Es ist davon auszugehen, dass Nägelis Briefwelt im Fortschritt der Arbeit noch mit mehr Frauen bevölkert wird. So zum Beispiel mit Anna Horner oder Rosette Niederer. Es lohnt sich also, dran- resp. drinzubleiben an und in Nägelis Briefwelt.


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Abteilung Digitale Produktion und Plattformen |



