Gemäss dem digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DEDS.de) ist eine »Spur» eine Reihe von Anzeichen, Merkmalen, die zum Aufenthaltsort einer gesuchten Person oder Sache, zur Aufklärung eines Verbrechens, zur Entdeckung von etwas Verborgenem führt.


Nicht zur Aufklärung eines Verbrechens führten gefundene Spuren wie Aussparungen im Holz und im Pergament, Reste von Pergamentriemchen oder Holzpflöcke (gekennzeichnet mit roten Pfeilen), sondern zur Vorgehensweise in der Restaurierung des Objektes Ms C 147 «Theorica planetarum».


Spuren… sind zuerst frisch und deutlich zu erkennen, aber mit der Zeit werden sie unscharf und sind immer schwieriger zu deuten…


Was sagen diese Spuren? Was tun? Der folgende Text demonstriert, wie die Interpretation von Spuren am Objekt eine Einbandrekonstruktion ermöglicht hat.


Das Objekt

Ms C 147 besteht aus fünf Holzplatten, 16,5 cm x 16,0 cm gross, mit aufgeklebten Pergamenttafeln, bei welchen einzelne Elemente drehbar sind (Fotos 1 bis 3).

Foto 1. Vor der Restaurierung: Vorderdeckel mit sich lösendem Pergamentrücken Foto 2. Vor der Restaurierung: Vorderschnitt

Foto 3. Vor der Restaurierung: Platte 1 und 2 mit defekter Bindung

Der Katalog der Zentralbibliothek enthält folgende inhaltliche Angaben: «Sieben Instrumente mit Drehscheiben aus Pergament, montiert auf fünf buchartig zusammengefügten Holztafeln […] Es handelt sich um Instrumente zur Feststellung der aktuellen Stände von Sonne, Mond und Planeten, ein so genanntes 'Aequatorium planetarum'. Das Aequatorium ist hergestellt nach den Vorgaben in Campanos da Novara Traktat ‘Theorica planetarum’.»

Bei den Pergamentstücken handelt es sich zum Teil um wiederverwendete Blätter, auf deren Rückseiten ein unbekannter Text steht, wohl eine grammatikalische Abhandlung aus dem 13. Jahrhundert.


Fragen

Foto 4. Vor der Restaurierung: LeinenfalzBirgt der Inhalt noch heute Rätsel, so tat es zu Beginn auch die Konstruktion des Einbandes. Die Holzplatten waren durch geklebte Leinenfälze (Foto 4) miteinander verbunden und mit einem Pergamentrücken bezogen. Der Rücken sowie die Fälze lösten sich, da kein Platz im Falz zum Blättern bestand (Foto 3).


Was tun?

Auf den ersten Blick erschloss sich schon, dass dies nicht der Originaleinband sein konnte. Dafür waren die Gewebefälze viel zu modern und die Mechanik nicht funktionell. Würde man den Einband in dieser Form restaurieren, bestünde die Gefahr,
dass die Bindung wieder schnell Schaden nehmen würde.

Es stellte sich die Frage, wie der Originaleinband aussah.

Foto 5. Während der Restaurierung: Spuren der OriginalbindungWie in der Restaurierung üblich, wurde mit der Dokumentation begonnen und der Ist-Zustand fotografisch festgehalten. Nach der Trockenreinigung wurden die Leinenfälze entfernt und die stark mit Klebstoff verklebten hinteren Kanten der Holzplatten gereinigt.

Dabei traten Spuren einer älteren Einbandkonstruktion ans Licht (Foto 5 und 7): kleine Vertiefungen, je zwei an der Vorder- und an der Rückseite der hinteren Kante, versetzt um 6 mm und Reste von Holzpflöckchen.


Foto 6. Vor der Restaurierung: Gelöste PergamenttafelFoto 7: Diverse Spuren

Um die Rückseiten der schon teilweise angelösten Pergamenttafeln (Foto 6) für die Forschung digitalisieren zu können, wurden sie komplett gelöst.

Dabei wurden weitere Spuren wie Pflöckchen, Vertiefungen, Aussparungen (Foto 7) wie die einer älteren Einbandkonstruktion sichtbar: Reste von Pergamentriemchen an Holzpflöckchen (Foto 8 und Foto 9).

Foto 8. Während der Restaurierung: Pergamentriemchen und Holzpflöckchen Foto 9. Während der Restaurierung: Vermutliche Reste der ursprünglichen Befestigung (Holztafel und dazugehörende Pergamentrückseite)

Wie in der Restaurierung weiter vorgehen? Wie können diese gefundenen Spuren dabei helfen, das weitere Vorgehen zu bestimmen? Wie können sie interpretiert werden?


Recherche

Es folgte eine Recherche in Fachbüchern, im Internet und im Austausch mit FachkollegInnen nach historischen Verbindungstechniken von Holztafeln, wie beispielsweise der Bindung eines Wachstafelbuchs (Foto 10). Sie führte aber leider zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis, da sie nicht zu den vorgefundenen Spuren passten.

Foto 10: Verbindungstechnik bei der Rekonstruktion eines Wachstafelbuches Foto 12: Muster Archivbindung


Foto 11: Muster Archivbindung Verschluss

Bei einer französischen Archivbindungstechnik (Mustereinband, hergestellt in einem Praktikum in einer Restaurierungswerkstatt in Frankreich, sogenannte Reliure de Milan, Fotos 11 und 12) existiert eine Verschlusstechnik mit versetzten Pergament- bzw. Lederriemen und einem durchgeführten Holzstab. Wenn auch ungewöhnlich, könnte das eine Möglichkeit sein? 

Würde die Konstruktion funktionieren, böte sie die Gelegenheit, die Tafeln separat zu nutzen und sie zu «blättern». Die Pergamentriemen waren wahrscheinlich der Schwachpunkt der Verbindung. Sind deswegen die Holzpflöckchen da? Sind sie ein Hinweis auf eine nachträgliche Reparatur, um den Riemen mehr Halt zu geben?

 

Muster

Um die Vermutung zu verifizieren, wurde ein Muster angefertigt.

Foto 13: Verschluss (Detailansicht)Foto 14: Spuren der Originalkonstruktion

In den Fotos 13 und 14 kann man die Parallelen zwischen den Originalspuren und dem Verschlussmuster erkennen.

Foto 15: Muster der Konstruktion

Die Konstruktion funktionierte. Bei der Manipulation des Musters lösten sich die Pergamentriemchen unter Belastung zum Teil wieder, was tatsächlich die Pflöckchen im Original erklären könnte.  

Aufgrund der hohen Übereinstimmung der Spuren und der funktionierenden Einbandtechnik wurde entschieden, den Einband in dieser Form zu rekonstruieren.

 

Rekonstruktion

Foto 16. Nach der Restaurierung: Neue Pergamentriemchen unter den PergamenttafelnDa keine hundertprozentige Sicherheit besteht, ob die Rekonstruktion wirklich dem Originaleinband entspricht, bestand der Anspruch, dass die Originalspuren intakt bleiben. Somit wurden nach der Digitalisierung der Rückseiten die Pergamentriemchen auf die Holztafeln geklebt, aber nicht mehr in die Vertiefung eingearbeitet. Die Originalspuren wie Schlitze im Pergament oder die Holzpflöckchenreste blieben unangetastet.  

Die Tafeln wurden mit Japanpapierfälzchen an den Holzplatten befestigt. Die reversible Befestigungstechnik ermöglicht zudem auf Luftfeuchtigkeitsschwankungen zu reagieren, ohne Spannungen zu verursachen.

Die Pergamente auf den beiden äusseren Holztafeln (Vorder- und Hinterdeckel) wurden niedergeklebt und mit Japanpapier ergänzt. Darauf folgten Retusche-Arbeiten und das Einführen der Holzstäbe.


Das Ergebnis einer Spurensuche!


Bestandserhaltung