Prächtiges und Praktisches – Georeferenzieren von Landkarten
Wir laden die Öffentlichkeit auf eine Weltreise durch Atlanten aus vier Jahrhunderten ein. Erforschen und verorten Sie online über 2250 Landkarten und Pläne und helfen Sie mit, diese besser zugänglich zu machen.
24. September 2024

Angereicherte Kollektion «Prachtsatlanten»
Zur Abteilung Karten und Panoramen der Zentralbibliothek Zürich gehören mehrere Tausend Atlanten aus sieben Jahrhunderten. Der älteste ist der Ulmer Ptolemaeus von 1482, die jüngsten stammen von 2024. Für das aktuelle Georeferenzierungsprojekt «Prachtsatlanten 2 – Sprung ins 18. Jahrhundert», welches thematisch ans erfolgreiche letztjährige Citizen Science-Projekt anschliesst, wurde eine Auswahl Atlanten des 16. bis 18. Jahrhunderts zusammengestellt. Zum beeindruckendsten Material gehören Karten aus dem Danckerts-Atlas und Ressourcen aus einem Atlas factice.
Die Bände wurden überwiegend im Verlauf der letzten zwei Jahre konservatorisch bearbeitet, digitalisiert und daraufhin auf e-rara der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die vereinfachte Erschliessung bis auf Kartenebene ermöglicht es Interessierten, nach einzelnen Karten zu suchen oder durch die erweiterte Kollektion «Prachtsatlanten» zu surfen. Neben den neu ergänzten und reich illustrierten Bänden mehrten auch bedeutende Ressourcen etwas kleineren Formats die Online-Sammlung.

«Prachtsatlanten 2 – Sprung ins 18. Jahrhundert»
Teilnehmende am aktuellen Citizen Science-Projekt sind nun eingeladen, 2256 Landkarten und Pläne aus den alten Atlanten online zu verorten. Die Georeferenzierung auf der Plattform Old Maps Online ist intuitiv und erfordert in den meisten Fällen keine Vorkenntnisse: Auf der ausgewählten alten Karte und einer modernen werden übereinstimmende geografische Merkmale identifiziert und Passpunkte gesetzt.

Für die Citizen Scientists gibt es auf ihrer Weltreise mit alten Landkarten wiederum Spannendes zu entdecken. Dazu gehören nicht nur die Landkarten und Pläne mit ihrem Schmuck im Kartenfeld und speziell den Titelkartuschen, wie etwa auf den Danckerts-Karten « […] Hannoniae Comitatus» und «[…] Totius Regni Hispaniae Tabula». Bisweilen wurde die eigentliche kartografische Darstellung auch mit einer Stadtansicht kombiniert.




Repräsentative Prachtstücke und handliche Atlanten
Nachdem engagierte Citizens im Vorgängerprojekt in Rekordzeit über 2900 Landkarten der ältesten und prachtvollsten Atlanten verortet hatten, wagt das neue Projekt den Sprung ins 18. Jahrhundert. Augenfällig ist neben dieser zeitlichen Ausweitung eine grössere Vielfalt an Material. Es finden sich zum einen wiederum grossformatige Prachtsatlanten wie der erwähnte Danckerts-Atlas. Diese zeichnen sich durch ihren vielfältigen Kartenschmuck und oft auch eine sorgfältige Kolorierung aus. Herausragend sind im Zusammenhang zwei Sammelatlanten (Atl 115 und Atl 1293), die in der Zusammenstellung der Karten einzigartig sind.


Zum anderen gehören bekannte Atlanten kleineren Formats, wie zum Beispiel verschiedene Ausgaben des «Altas Minor» von 1609 und 1648, dazu. Der nichtsdestotrotz mehrere hundert Seiten umfassende Atlas äussert im Titel den Anspruch, «[e]ine kurtze jedoch gründliche Beschreibung der gantzen Welt» zu sein. Die enthaltenen Karten basieren auf Arbeiten des berühmten Geografen und Kartografen Gerhard Mercator (1512-1594), für dessen posthum erschienene Sammlung einheitlich gestalteter Karten erstmals die Bezeichnung Atlas verwendet wurde. Ein Exemplar der deutschen Ausgabe des «Atlas Minor» von 1648 ist in einen hellen Pergamenteinband mit Prägedruck gebunden. Das Titelblatt zeigt Personifikationen der vier Erdteile: oben Afrika, Amerika, unten Europa und Asien.


Dieser handliche Atlas zeichnet sich durch ein einheitliches, schlichtes und gut lesbares Kartenbild aus. Tierdarstellungen auf Landmassen und in Ozeanen oder anderen aufwändigen Schmuck sucht man meist vergebens. Ein Vergleich der Titelkartusche der Karte «Africae Descriptio» aus des «Atlas Minor» mit derjenigen der Afrikakarte im Danckerts-Atlas, der sechs Jahrzehnte später erschien, zeigt augenfällig, wie unterschiedlich aufwändig die Karten geschmückt wurden.


Zu den wenigen dekorativen Ausnahmen im Altas Minor gehört der speiende Vulkan «Hekla» auf der Islandkarte. Spannend sind weiter modifizierte Zeichen für die gemäss biblischen Zeugnissen zerstörten Städte auf der Karte «Terra Sancta quae in Sacris Terra Promissionis ol[im] Palestina». Die Signaturen für die Orte «Sodoma», «Gomora» «Adama» und «Seboim» wurden mit Rauchwolken als Zeichen der Zerstörung ergänzt.


Das Georeferenzierungsprojekt von 2023 enthielt Landkarten aus dem ersten «modernen» Atlas «Theatrum orbis terrarum» des Geografen und Kartografen Abraham Ortelius (1527-1598) von 1570. Seine Arbeiten bildeten die Grundlage für einen späteren kleinformatigen Auszug des «Theatrums». Die über 100 Karten dieser lateinischen, noch zu Lebzeiten Ortelius’ erschienen Ausgabe des «Epitome Theatri Orteliani», sind wie diejenigen des «Atlas Minor» mit Ausnahmen schmucklos.

Zu den Helvetica des Mitmachprojekts gehört Gabriel Walsers (1695-1776) «Atlas novus Reipublicae Helveticae», publiziert 1769 in Nürnberg. Die darin enthaltenen Landkarten – nicht alle stammen vom Pfarrer aus Berneck – waren beliebt, auch wenn sie weniger durch kartografische Genauigkeit als mehr ihre visuelle Attraktivität überzeugten. Zu letzterer tragen wesentlich die als Kartenschmuck illustrierten Sehenswürdigkeiten wie Gletscher und Wasserfälle – so auf der Karte zum Wallis – oder auch der Alpstein bei. Ergänzend zu den Karten erschienen im Folgejahr seine bisweilen mit den Karten zusammengebundene und diese erklärende «Schweitzer Geographie».



Mit Methode gegen «ein bekanntes Laster»
Zu den kartografischen Besonderheiten des laufenden Projekts gehören mehrere Schulatlanten, darunter Johann Baptist Homanns (1664-1724) «Atlas Methodicus Explorandis Juvenum Profectibus In Studio Geographico Ad Methodum Hübnerianam Accommodatus». Der 1719 gedruckte schmale Band beinhaltet achtzehn stark vereinfachte Landkarten ohne Toponyme.
Die vollständigen Namen der geografischen Merkmale wie Länder, Flüsse oder Orte wurden zu Lern- und Prüfungszwecken durch deren Initialen ersetzt. Es handelt sich bei Karten wie im Beispiel «[Europa]» um sogenannte halbstumme Karten, bei stummen würde jegliche Beschriftung fehlen. Auf diese Weise sollte das geografische Wissen der Jugendlichen besser aufgebaut und abgefragt werden können.


Etwas ausführlicher – und auf einen Seitenhieb gegen die Jugend nicht verzichtend – gibt der «Vorbericht» Auskunft über die Beweggründe für die Ausarbeitung des «Methodische[n] Atlas»:
Die Gelegenheit zu diesem Geographischen Wercke hat ein bekanntes Laster der Jungen Leute gegeben, welches darinnen bestehet, daß sie ihren Gedancken nach, alles so gleich wissen und verstehen, wenn sie es nur ein eintziges mal gesehen und gehoeret haben. Dieser schaedlichen Einbildung hat man bishero durch gewoehnlichen Land-Charten nicht abhelffen koennen, weil sie die Oerter mit ihren vollstaendigen Nahmen gleichsam selber verrathen, wo man sie suchen soll.
Auf den Bericht folgend sind Listen eingebunden, mit deren Hilfe die Initialen und folglich das jeweilige Toponym zu entschlüsseln sind. Der geografischen Ausbildung diente auch der kleinformatige französische «Atlas des enfans ou, nouvelle méthode pour apprender la géographie» von 1774 mit Länderkarten wie «Helvetien», für die dieselbe Methode angewendet wurde.

Atlas factice – zwei Unikate
Wie im Abschnitt zu den repräsentativen Prachtstücken und handlichen Atlanten erwähnt, gehören zwei Sammelatlanten zum schmuckvollsten Material des aktuellen Projekts. Diese sogenannten «Atlas factices» wurden nach den Wünschen und Bedürfnissen der damaligen Besitzer zusammengestellt und gebunden. Datiert werden sie – wenn keine weiteren Quellen eine genauere Zeitstellung erlauben – nach der jüngsten eingebundenen Karte. Zu Atl 115 gehörten Karten wie «Normannia» aber auch Abbildungen wissenschaftlicher Instrumente.



Zum zweiten Atlas factice (Atl 1293) – aus dem obenstehende Karte stammt – handelt es sich um einen besonders prächtiges, reich illustriertes Objekt monumentaler Grösse. In diesem laden nicht nur die vielen für das Citizen Science-Projekt ausgewählten prachtvollen und oft von Ansichten begleiteten Landkarten, Pläne von Städten sowie Befestigungsanlagen und Kriegsschauplätzen zu einer Erkundungsreise ein. Es finden sich auch thematisch verwandte Übersichten und grossmassstäbliche Pläne von projektierten oder heute kaum mehr im Gelände erkenntlichen Befestigungsanlagen, die deshalb nicht ins Projekt einflossen.
Daneben findet sich überraschendes Material, das zu fesseln vermag. So beinhaltet der Sammelaltas Darstellungen zum Aufbau von Kriegsschiffen, weiter etwas themenfremde Tafeln zu Landtieren und der Historia Animantium Marinorum: eine zu Walarten und Walfang, eine zweite mit dem «Crododilus» mitsamt seiner Beute, der Eidechse: «Amercan. Eidexe, den der Crocodil aufm Land zu seiner Speise auf suchet.»

![«Historia Animantium Marinorum Iconographica […] Balaenarum». Atlas factice eines Schweizer Sammlers, gebunden nach 1759, S. 46. Zentralbibliothek Zürich, Atl 1293.](https://www.zb.uzh.ch/storage/app/media/zblog/Blog%20Stefan%20Egli/33_Wale_Atl_1293_web.jpg)
![«Historia Animantium Marinorum Iconographica […] Crocodilus». Atlas factice eines Schweizer Sammlers, gebunden nach 1759, S. 43. Zentralbibliothek Zürich, Atl 1293.](https://www.zb.uzh.ch/storage/app/media/zblog/Blog%20Stefan%20Egli/34_Crocodilus_Atl_1293_web.jpg)
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