«Ein Spaziergang durch Paris bietet Unterricht in Geschichte, Schönheit und Leben»
Spätestens gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren mehrwöchige Bildungsreisen, auf denen ein längerer Aufenthalt in Paris in der Regel zum Pflichtprogramm gehörte, nicht nur beim Adel, sondern auch beim gehobenen Bürgertum in Mode. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts vergrösserte sich die Zahl der Reisenden erheblich und kurze Reisen und Exkursionen, die auch mit einem schmaleren Portemonnaie zu bestreiten waren, sowie Erholungs- und Vergnügungsreisen etablierten sich. Im gleichen Masse, wie sich die Anzahl der Reisende vergrösserte, stieg auch die Nachfrage nach faktenreichen Beschreibungen und zuverlässigem Kartenmaterial. Diesen Zeitgeist erkennend, publizierte Karl Baedeker in seinem 1827 eröffneten Verlag handliche, stets mit einer Karte bereicherte Reiseführer und ebnete damit den Weg für den aufkommenden Massentourismus.
Aus eben dieser spannenden Zeit des Übergangs, eine Zeit, in der die Grand Tour an Bedeutung verlor und der Massentourismus zu blühen begann, stammt die 1822 und 1825 publizierte Karte mit dem Titel Paris et ses principaux monumens en MDCCCXXI.
Auf dem Stadtplan sind die wichtigsten Strassen, Boulevards, Plätze, Parkanlagen und Gebäude beschriftet und 20 Ansichten von Bauwerken besonderer Schönheit und historischer Bedeutung rahmen das Kartenbild, gleichsam als eine Liste der Top 20 Sehenswürdigkeiten des Jahres 1821.
Gestochen hat diese Karte Pierre Antoine Tardieu (1784-1869), der einer weitverzweigten Familie von Kupferstechern, Illustratoren, Porträtisten und Kartografen entstammte. Sein Handwerk erlernte er von seinem Vater Antoine François Tardieu im Stammhaus der Familie an der Place de l’ Estrapade. Die besondere Qualität Pierre Antoines Tardieus Arbeiten weckte nicht nur die Aufmerksamkeit von Alexander von Humboldt, sondern auch von König Louis-Philippe, der ihn an der Exposition de l’ Industrie mit einer Medaille auszeichnete. Pierre Antoine Tardieu war der erste seiner Familie, der Karten in der Anfang 1820 entwickelten Technik des Stahlstichs ausführte. Ein frühes Beispiel eines solchen Stahlstichs ist der Stadtplan von Paris.
Der Stadtplan Paris et ses principaux monumens en MDCCCXXI war jedoch nicht primär Reiskarte, wie die vorliegende Faltkarte vielleicht vermuten lässt. Sie erschien als Tafel eingebunden in das zweibändige Werk von Catherine-Joseph-Ferdinand Girard de Propiac (1760?-1823) mit dem Titel Beautés historiques, chronologiques, politiques et critiques de la ville de Paris […], in der Erstauflage 1822 und in der zweiten Auflage 1825 bei A. Eymery veröffentlicht. Die zweibändige Abhandlung richtete sich an eine junge Leserschaft, die bei der Lektüre ihr Wissen vertiefen und das Nationalbewusstsein stärken sollte.
Der Autor Catherine-Joseph-Ferdinand Girard de Propiac, Chevalier de l'Ordre de Saint-Louis, war ein französischer Schriftsteller, Komponist und Historiker. 1791 emigrierte und diente er im konterrevolutionären Heer der Prinzen. Nach seiner Rückkehr während des Konsulats war er von 1809 bis 1822 Archiviste de la préfecture du département de la Seine.
Im Vorwort seiner Geschichte der Stadt Paris nennt er die Jugend als Zielpublikum, betont aber auch, dass das Werk Reisenden von grossem Nutzen sein kann: «Quoique cet ouvrage soit particulièrement destiné à la jeuesse, il ne sera pas moins utile à tous les étrangers qui visitent Paris. Ils pourront le parcourir, le livre à la main, admirer les monumens qui le distinguent, et connaître les divers changemens que le temps et les progrès des lumières et des arts leur ont fait éprouver.»
Von grossem Nutzen für einen Reisenden erwies sich ganz gewiss die Karte, wie das vorliegende Exemplar beweist. Damit das Kartenbild auf dem Papierbogen bei häufigem Falten und Öffnen weniger Schaden nimmt, wurden nämlich häufig Kartenblätter, die zur Mitnahme bestimmt waren, in gleichgrosse Rechtecke zerteilt und mit einem Abstand von 1-2 mm auf Stoff aufgezogen. Eine solche Faltkarte ist auch dieser rund 31 x 34 cm grosse Stadtplan von Paris. Er besteht aus sechs Blatteilen auf braunem Stoff, so dass die gefaltete Karte in handlichem Format bequem in die Tasche gesteckt und auf Erkundungen durch die Metropole mitgenommen werden konnte.
Wurde diese Karte für den Reisenden extra so angefertigt oder entstammt sie einer gesonderten «Reisekarten-Ausgabe», sind Fragen, die nicht abschliessend beantwortet werden können. Für die Annahme, dass diese Karten nachträglich individuell für den Reisegebrauch bearbeitet wurden, spricht jedoch die Tatsache, dass das Exemplar der Bibliothèque Nationale de France auf hellen Stoff montiert aber das Kartenblatt nicht unterteilt wurde.
Paris et ses principaux monumens en MDCCCXXI ist eine Karte, die aufs Schönste die Symbiose von Reisen und Bildung verkörpert. Erschienen in einem Werk, das in gleichem Masse der Bildung junger Menschen dienen, wie auch Reisenden helfen sollte, Paris zu entdecken, wurde sie irgendwann als Faltkarte in die Tasche gesteckt und durch die Strassen Paris getragen. Zu den Zielen gehörten bei den Spaziergängen unter anderem das Pantheon, die Île de la cité, die Rue St. Roch und Belleville, in der damaligen Zeit noch ein Vorort, wie die von Hand eines früheren Besitzers angebrachten Einfärbungen verraten. «Ein Spaziergang durch Paris bietet Unterricht in Geschichte, Schönheit und Leben», diesem viel zitierten Satz von Thomas Jefferson hätte der Reisende sicher zugestimmt und wohl auch der Royalist Catherine-Joseph-Ferdinand Girard de Propiac, auch wenn die Worte der Feder eines Sympathisanten der Französischen Revolution entsprangen.
Mehr über Karten als Reisebegleiter lesen Sie in der interaktiven, kurzen Storymap zur «Public Tours»-Abendführung der ZB Zürich und der ETH-Bibliothek vom 9. Juli 2024.
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Abteilung Karten und Panoramen |


