Die «Concert-Ordnung» von 1812
Vor dem Hintergrund der heute üblichen Programmabfolge Ouvertüre – Solokonzert – Symphonie erscheinen die bunten Konzertprogramme aus dem 19. Jahrhundert willkürlich gemischt. Symphonische Werke standen neben Klavierliedern, Vokalensembles neben Instrumentalkonzerten. Dass alldem ein Plan zugrunde lag, belegt eine «Concert-Ordnung», die 1812, im Gründungsjahr der Allgemeinen Musik-Gesellschaft Zürich (AMG), von dem Musikverleger Hans Georg Nägeli und dem Staatsschreiber und AMG-Flötisten Johann Rudolf Landoldt entworfen wurde. Heute handelt es sich um das einzige noch erhaltene Reglement dieser Art. Dieses sah zwei Konzertgattungen vor: Erstens das «Haupt-Concert» – grössere geistliche Chorwerke mit Orchester, die möglichst vielen Gesellschaftsmitgliedern die Mitwirkung ermöglichten; zweitens das angesprochene gemischte Programm, das «Galanterie-Concert», nach festen Regeln aufgebaut (siehe Abbildung):
«Ister Act. / Zur Eröfnung eine Synfonia. Dann ein Solo‐Vocal Stük. Nachher ein Instrumental‐Solo. / 2ter Act. / Zur Eröfnung eine Ouverture. Dann ein Solo‐Vocal‐Stück. Nachher ein Instrumental‐Concert, oder ein Concertantstück. Zuletzt ein mehrstimmiges Vocal‐Stück (Duett, Terzett etc).»
Vokale Werke wurden im Programm zentral platziert, da sie höher bewertet wurden als Instrumentalmusik, was sich auch auf das Verhalten des Publikums auswirkte. Zeitgenössischen Berichten zufolge wurde «während der Ouvertüre ziemlich ungeniert geplaudert», doch «sowie ein Gesangstück folgte, trat Ruhe ein».
Zudem sollten die Programme möglichst vielfältig hinsichtlich Stimmgattung, Besetzung, Werk- und Komponistenauswahl gestaltet sein, um möglichst vielen Vereinsmitgliedern einen Auftritt zu ermöglichen. Die Forderung schliesslich, «daß unter den aufzuführenden Stücken in jedem Winter so viel neue, noch nie gehörte, als möglich vorkommen» sollten, verhinderte noch für Jahrzehnte die spätere Bildung eines eng begrenzten Komponisten- und Werkkanons, der den Konzertbetrieb nach wie vor prägt.
- Heinrich Aerni
Musikabteilung