Staiger, Emil (1908–1987)


Literaturwissenschafter

Emil Staiger

Emil Staiger (Nachl. E. Staiger 8)

Signatur: Nachl. E. Staiger

Unterlagen zur Person, Briefe, Materialien zum Werk, Diverses, Arbeiten, Bildmaterial, Nachrufe, Reden, Vorträge, Reisebeschreibungen, Tagebücher, Vorlesungsmanuskripte, Werke, Zeitungsausschnitte. - 6 m.

Nachlassverzeichnisse (pdf):
Nachlass von Emil Staiger
Veröffentlichungen von Emil Staiger


Kein anderer Schweizer Literaturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts hatte eine vergleichbare internationale Ausstrahlung wie Emil Staiger. Durch ihn wurde Zürich zu einem weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Standort der Germanistik. Viele verbinden bis heute die «werkimmanente Interpretation» mit seinem Namen; er selbst lehnte diese Charakterisierung seiner Methode ab. Der «Zürcher Literaturstreit» von 1966 liess Emil Staiger dann zu einem polarisierenden Repräsentanten des Faches werden. Die Ausstellung über Staigers Lebenswerk erinnert zugleich an ein bedeutendes Kapitel Zürcher und Schweizer Geistesgeschichte im internationalen Kontext.

1908 in Kreuzlingen geboren, nahm Emil Staiger nach der Matur zunächst ein Theologiestudium auf, ehe er zur Germanistik und Altphilologie wechselte. Nach Studienjahren in Genf, Zürich und München promovierte er 1932 über Annette von Droste-Hülshoff, zwei Jahre später habilitierte er sich an der Universität Zürich mit einer Arbeit über Schelling, Hegel und Hölderlin. 1943 wurde er zum ordentlichen Professor berufen. Emil Staigers fachliche Bedeutung gründete in seinen Publikationen «Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters» (1939); «Grundbegriffe der Poetik» (1946), «Die Kunst der Interpretation» (1955) sowie in seinen dreibändigen Goethe-Studien (1952–1959). Gegenüber ausserliterarischen Konzepten wie Positivismus und Geistesgeschichte, Soziologie oder Psychoanalyse vertrat er die Forderung nach einer Konzentration auf die literarischen Texte selbst. Worauf es in der Literaturwissenschaft ankomme, sei «das Wort des Dichters, das Wort um seiner selbst willen, nichts was irgendwo dahinter, darüber oder darunter liegt». Staigers textnahes, einfühlsames Interpretationsverfahren, oft mit der Formel «begreifen, was uns ergreift» beschrieben, entwickelte sich zum germanistischen Markenzeichen. Weit über die Limmatstadt hinaus bekannt wurden seine 11-Uhr-Vorlesungen, die Studierende aus ganz Europa wie auch die literarisch interessierte Öffentlichkeit begeisterten. Zugleich war Staiger ein begnadeter Übersetzer antiker und moderner Werke ins Deutsche: Sophokles, Euripides, Vergil, Tasso, Poliziano und Milton. Als streitbarer Theater- und Musikkritiker sowie als Feuilletonist beeinflusste er das Zürcher Kulturgeschehen über Jahrzehnte. Der «Zürcher Literaturstreit» von 1966 um Staigers vehemente Kritik an der Gegenwartsliteratur liess seinen Ruhm verblassen und seine wegweisenden Leistungen zunehmend in Vergessenheit geraten – zu Unrecht.