Zürichs offene Drogenszene
1996 verankert Zürich die ärztliche Opioidabgabe an Suchtkranke rechtlich. Damit endet die offene Drogenszene in der Stadt, in der über die Jahre hunderte Menschen starben. Wie kam es zu dieser Eskalation? Wie war das Leben in der Szene? Und wie haben die Geschehnisse Zürich und die Schweiz verändert?
Chronik der offenen Drogenszene in Zürich
1972 starb in Zürich erstmals eine Person an Heroin. Im Jahr 1992, als die offene Drogenszene ihre schlimmsten Ausmasse annahm, tötete das Opiat schweizweit 419 Menschen. Damals hielten sich täglich bis zu 3000 Suchtkranke im Platzspitz-Park hinter dem Zürcher Hauptbahnhof auf, um Heroin oder Kokain zu konsumieren.
Die Situation am Platzspitz und später am ehemaligen Bahnhof Letten zeigten die Auswirkungen einer auf Kriminalisierung ausgerichteten Drogenpolitik: Kleindealerei, Prostitution und Verelendung waren mitten in der Stadt – unweit der teuren Bahnhofstrasse – für alle sichtbar. Politik und Polizei reagierten lange ausschliesslich mit repressiven Massnahmen. Hilfe für Drogensüchtige war verpönt und wurde, wo immer möglich, unterbunden.
André Seidenberg behandelte während vierzig Jahren als Arzt über 3000 Süchtige. Die offene Drogenszene bezeichnete er 2020 im Tages-Anzeiger als «grösste gesellschaftspolitische Krise, die Zürich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs heimgesucht hat».
Wie kam es zu dieser Krise? Und wie fand Zürich wieder heraus?
Erfindung Heroin
Der Konsum von Opium und anderen Opiaten lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Im 19. Jahrhundert versucht sich die chemische Industrie daran, ein synthetisches Äquivalent zu entwickeln, das schneller hergestellt werden kann. 1898 gelingt dem deutschen Chemieunternehmen Bayer ein Verfahren zur Synthese des Opiats Diacetylmorphin. Der Konzern patentiert die Substanz unter dem Markennamen «Heroin» und vermarktet sie als Schmerz- und Hustenmittel.

Erstes Betäubungsmittelgesetz in der Schweiz
Im ersten Weltkrieg erhalten viele Kriegsverletzte Opiate gegen ihre Schmerzen injiziert. In der Folge verbreitet sich diese Konsumform zusehends. Insbesondere die USA, die ab 1920 auch die Herstellung und den Verkauf von Alkohol untersagen, engagieren sich international für ein Verbot von Opiaten. Auch in der Schweiz werden die 500–700 Opiatabhängigen vermehrt als Problem angesehen. Auf internationalen Druck und gegen den Willen der chemischen Industrie verabschiedet der Bund das erste Betäubungsmittelgesetz. Dieses führt eine Bewilligungspflicht für Produktion und Handel mit Opiaten und Kokain ein.

Drogenszene an der Riviera
Ab 1968 gilt Drogenkonsum in der Gegenkultur als befreiende Selbsterfahrung und Rebellion gegen die Leistungsgesellschaft. In Zürich trifft sich die Jugend an der so genannten «Riviera», einer sonnig gelegenen Treppe an der Limmat beim Bellevue, um gemeinsam zu kiffen oder LSD zu konsumieren. Ab 1972 beschreiben erste Berichte auch offenen Heroinkonsum an der Riviera. Im selben Jahr stirbt in Zürich erstmals eine Person an einer Überdosis Heroin. Die Zahl der Drogentoten steigt bis Ende 1970er-Jahre auf schweizweit 102 Menschen pro Jahr.

Drogenkonsum wird strafbar
Die Zahl der Konsumierenden harter Drogen steigt. Dies verstärkt den auf Abstinenz und Verbote ausgerichteten Kurs in der schweizerischen Drogenpolitik. Bei der Revision des Betäubungsmittelgesetzes 1975 verbietet die Schweiz erstmals auch den Konsum von Drogen wie Heroin, Kokain und Cannabis. Die Polizei vertreibt Drogenkonsumierende von der Riviera. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt: Die Szene wird in der Stadt Zürich von Ort zu Ort gescheucht – und wächst dabei stetig an.

Das Autonome Jugendzentrum Zürich (AJZ)
Die Jugendbewegung erstreitet sich das erste Autonome Jugendzentrum der Stadt, an der Limmatstrasse beim Hauptbahnhof. Auch Drogensüchtige nutzen das AJZ als Treffpunkt. Die Bewegung richtet als Experiment den ersten, noch illegalen Fixerraum im Zentrum ein, inklusive medizinischem Notfalldienst. Freiwillige Ärzt*innen retten Überdosierte. Dank diesem und anderen niederschwelligen Hilfsangeboten sinkt die Zahl der Drogentoten in Zürich markant, erinnert sich Beat Kraushaar, ehemaliger stellvertretender Drogenbeauftragter der Stadt Zürich, im Sammelband «Die berauschte Schweiz». 1982 räumt die Stadt das AJZ polizeilich und lässt das Gebäude abreissen.

Spritzenverbot
Der Zürcher Kantonsarzt Gonzague Kistler erlässt ein Verbot für Apotheken und andere medizinische Einrichtungen, Spritzen an Drogenkonsumierende abzugeben. Aids und Hepatitis B verbreiten sich rasant in der Szene, da sich die Süchtigen Spritzen zum Heroinkonsum teilen.

Platzspitz
Die Drogenszene trifft sich ab 1986 im Platzspitz-Park hinter dem Landesmuseum. Die Stadt Zürich gibt ihre Vertreibungspolitik auf und toleriert die Süchtigen. Der Park mit nur vier Zugängen, umgeben von Limmat, Sihl und Landesmuseum, scheint überschaubar und kontrollierbar. Durch Medienberichte zu internationaler Bekanntheit gelangt, zieht die Szene im Park Menschen aus der ganzen Schweiz und dem angrenzenden Ausland an. Zu Spitzenzeiten übernachten bis zu 200 Personen vor Ort. 1991 sterben auf dem Platzspitz 21 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums.

Schliessung Platzspitz
Der Zürcher Statthalter verlangt vom Zürcher Stadtrat die umgehende Schliessung des Platzspitzes. Der Stadtrat muss die Weisung contre cœur vollziehen. Begleitende Massnahmen, welche die Schliessung abfedern könnten, fehlen. So existieren beispielsweise ausserhalb des Zürcher Stadtzentrums noch kaum Hilfsangebote für die vertriebenen Süchtigen. In der Folge verteilen sich diese in den umliegenden Quartieren, konsumieren und dealen in Hauseingängen und auf Pausenplätzen.

Letten
Die Drogenszene beginnt, sich am stillgelegten Bahnhof Letten festzusetzen. Anfangs ist die Rede von 800 Konsumierenden und 300 Händler*innen, die täglich am Letten verkehren. 1994 sind es schon 2000 Konsumierende. Die Situation wird als noch brutaler beschrieben als am Platzspitz. Rivalisierende kriminelle Netzwerke aus dem Libanon, Albanien und der Türkei kämpfen gewaltsam um die Vorherrschaft auf dem Platz.

Schliessung Letten
Die Stadt riegelt den Letten ab. In den Monaten zuvor baut sie systematisch schadensmindernde und repressive Massnahmen auf. Die ärztliche Abgabe von Methadon und Heroin an Suchtkranke wird ausgebaut, ebenso begleitetes Wohnen und Arbeiten. Der Kanton Zürich verpflichtet seine Gemeinden, eigene Angebote für Abhängige zu schaffen. Gleichzeitig verschärft der Bund das Ausländerrecht, der Kanton baut ein neues Ausschaffungsgefängnis. Ab Februar 1995 kommandiert die Stadtpolizei 300 Einsatzkräfte ab, um gezielt Dealer*innen zu verhaften. Schlussendlich schliesst die Stadt Mitte des Monats ein beinahe leeres Letten-Areal.

Gesetzliche Grundlage für Heroin- und Methadonabgabe
In der Stadt Zürich sagen die Stimmberechtigten mit 63 Prozent Ja zu einer Vorlage, welche die ärztliche Heroinabgabe nach einer Versuchsphase in den ordentlichen Betrieb überführen soll. Gleichzeitig legalisiert der Kanton Zürich die niederschwellige Methadonabgabe endgültig. Damit wird die neue Drogenpolitik mit ihrem stärkeren Fokus auf Schadensminderung in Zürich konsolidiert.

Erste Projekte für medizinische Hilfe
Ende der 1980er-Jahre setzte die schweizerische Drogenpolitik auf Repression und Abstinenz. Angesichts des Leids wurden pionierhafte Hilfsangebote dennoch zunehmend toleriert. 1988 eröffneten der Immunologe Peter Grob und der Psychiater Werner Fuchs im leerstehenden Toilettenhaus am Platzspitz die medizinische Anlaufstelle Zipp-Aids (Zürcher Interventions-Pilotprojekt gegen Aids). 365 Tage im Jahr, 16 Stunden täglich bot medizinisches Personal dort Hepatitis-Impfungen, Sprechstunden und sterile Spritzen an.
1989 gründete Pfarrer Ernst Sieber an der Konradstrasse, unweit vom Platzspitz, die Krankenstation «Sune-Egge». Mit anfangs 28 Betten bot der Sune-Egge Pflege und Behandlung für Aidskranke und akuterkrankte Süchtige an.
Unter dem Lead des Arztes André Seidenberg riefen 1991 Hausärzt*innen die Arbeitsgemeinschaft für einen risikoarmen Umgang mit Drogen (ARUD) ins Leben. Der Verein diente der rechtlichen Absicherung in einer Zeit, als die Abgabe von Opiaten noch in einen Graubereich fiel. Die ARUD betrieb ab 1992 Lokale, in denen Suchtkranke Methadon und Heroin unter ärztlicher Aufsicht erhalten und konsumieren konnten.
«Wer redet schon mit einem Fixer?» – Erfahrungsberichte von Suchtkranken
Neben institutionellen Hilfsangeboten existierten auf dem Platzspitz auch Versuche zur Selbsthilfe. Als Gegenreaktion auf vermehrte Polizeieinsätze schlossen sich Drogenkonsumierende 1988 zum «Froschsyndikat» zusammen. Das Syndikat forderte gemäss einem Bericht in der Züri Woche vom 26. Mai 1988 mehr Frei- und Lebensräume.
Der langjährige Heroinkonsument Chris Bänziger klagte 1990 in seiner drogenpolitischen Streitschrift Isolation und fehlende Akzeptanz von Süchtigen an. Medien, Sozialarbeiter, Juristinnen etc. würden immer nur über Fixer reden: «Wer redet schon mit einem Fixer?» Dass die Leute den Platzspitz nicht mehr verlassen wollen, habe seine Gründe: «Draussen würden sie ja sowieso überall davongejagt, vertrieben, als Aussätzige behandelt.»
Fehlende Solidarität innerhalb der Szene beanstandete hingegen die Drogenabhängige Andrea V. in ihrem Lebensbericht. Niemand habe ihr geholfen, als eine Bande, der sie beim Dealen half, am Letten zu fünft auf sie einprügelte: «In der Drogenszene schaut jeder zuerst für sich selber und dann für andere.»
Die offene Drogenszene in Zahlen
Zipp-Aids, die medizinische Anlaufstelle am Platzspitz, gab im Jahr 1991 total 3,3 Millionen Spritzen ab und führte 9395 Konsultationen durch. 3608-mal musste sie Menschen künstlich beatmen – das sind fast 10 Wiederbelebungen pro Tag. Zipp-Aids erhob auch Daten zu den Lebensumständen der Behandelten. Das Durchschnittsalter lag bei rund 25 Jahren. Ein Viertel war weiblichen Geschlechts. Die durchschnittliche Konsumdauer betrug 7 Jahre.
Des Weiteren widerlegten die Zahlen verschiedene Vorurteile: Mehr als drei Viertel hatten einen festen Wohnsitz, zwei Drittel finanzierten ihr Leben durch ihre Erwerbstätigkeit und lediglich ein Drittel spritzte sich täglich Heroin.
In Polizeikontrollen zeigte sich die Sogwirkung der offenen Drogenszene. Am Platzspitz stammte rund ein Viertel der Kontrollierten aus der Stadt Zürich, ein Drittel aus dem Kanton Zürich und knapp ein Drittel aus dem Rest der Schweiz. 10 Prozent gaben keinen festen Wohnsitz an.
Die «Drogenhölle» in den Medien
«Für die Problematisierung einer Drogenszene braucht es zwingend mediale Berichterstattung», schrieb die spätere Journalistin Nina Kunz in ihrer Masterarbeit 2016. Um die Zustände am Platzspitz und am Letten zu charakterisieren, benutzte die Boulevardzeitung «Blick» systematisch den Begriff «Drogenhölle». Hier würden sich die «Kaputten» treffen und Zürichs Ruf in der Welt ruinieren, so die Zeitung im Sommer 1989.
Tatsächlich besass die offene Drogenszene in Zürich eine starke Anziehungskraft für internationale Medien. Die Diskrepanz zwischen Zürichs Image als reiche Bankenstadt und dem Drogenelend an zentraler Lage lieferte dramatische Bilder und Geschichten. Fernsehsender wie CNN und Zeitungen wie der britische «Independent» oder die «New York Times» berichteten aus Zürichs «Needle Park».
Als am Letten die Kämpfe zwischen internationalen Kartellen immer gewalttätiger wurden, stellten die Medien das Drogen- zusehends als «Ausländerproblem» dar. In diesem Zusammenhang kreierte der «Blick» tendenziöse Wortschöpfungen wie «Drogen-Libanesen».
Das Elend macht eine neue Drogenpolitik möglich…
Unter dem Eindruck der Heroinproblematik erhob die Stadt Zürich 1988 Überlebenshilfe zur vierten Säule ihrer Drogenpolitik – neben Prävention, Therapie und Repression. Eine breite Allianz aus SP, FDP und kleineren linken und Mitteparteien trugen diese Neuorientierung mit. 1992 schwenkte auch der Bundesrat auf Druck der Städte auf die Vier-Säulen-Politik um.
Damit wurde die Methadonabgabe an Suchtkranke möglich. 1993 startete das Bundesamt für Gesundheit zudem ein Pilotprojekt für die ärztlich verordnete Heroinabgabe. Heute erhalten rund 550 Personen in der Stadt Zürich kontrolliert Heroin. Allerdings sind die gesetzlichen Hürden nach wie vor hoch. Die grosse Mehrheit der Suchtkranken bezieht deshalb andere Opioide wie Methadon.
Inzwischen gilt die Opioidabgabe als entscheidendes Puzzlestück bei der Eindämmung der offenen Drogenszene – und als Paradigmenwechsel in der Drogenpolitik. Heroinsucht wird nun als chronische Erkrankung eingeschätzt. Die meisten Betroffenen können als Langzeitpatienten ein Leben mit Beruf, Familie und Hobbys führen und sind stabil.
… und eine härtere Migrationspolitik
Neben drogenpolitischen Liberalisierungen führten die Erfahrungen mit der Drogenszene auch zu verschärften Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht. Am Letten kontrollierten internationale Gangs den Drogenhandel. In der Folge forderte der Stadtrat vom Bund eine Verlängerung der Ausschaffungshaft sowie ein Rayonverbot für ausländische Dealer. Der Bund verschärfte stattdessen das Ausländerrecht allgemein.
Im Dezember 1994 sagten 73 Prozent der Abstimmenden in der Schweiz Ja zur Vorlage. Die Ausschaffungshaft wurde auf maximal 12 Monate verlängert. Zur Umsetzung des Gesetzes baute der Kanton ein neues Gefängnis am Flughafen Kloten. Dieses wurde 1996 eröffnet.
Auch in der Migrationspolitik schuf die Drogenproblematik neue politische Allianzen. SVP, FDP, Mitteparteien und eine Mehrheit der SP befürworteten Verschärfungen und Gefängnisausbau. SP-Politiker wie der Zürcher Stadtpräsident Josef Estermann und der kantonale Justizdirektor (und spätere Bundesrat) Moritz Leuenberger engagierten sich für die Vorlagen. Die SVP begann in ihren Kampagnen das «Drogenproblem» zu einem «Ausländerproblem» umzudeuten.
Marco Geissbühler, Politikwissenschaftler und wissenschaftlicher Bibliothekar in der Abteilung Turicensia
Januar 2026
Header-Bild: Ausschnitt aus einer Aufnahme von Heroinkonsumierenden am Platzspitz im November 1988. (Bild: Reto Oeschger / ZB Zürich, Pressebildarchiv Tages-Anzeiger)
