Ruth-Cécile Hürlimann: Illustration aus «Der stolze weisse Kater», Zürich: Atlantis 1977. (Bild: ZB Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, Hue 9_3)

Als Kind wollte Ruth-Cécile Hürlimann (geb. 1939 in Zug) eigentlich Pianistin werden. Doch der Vater war dagegen. Stattdessen bildete sie sich an der Kunstgewerbeschule Luzern zur Grafikerin aus und arbeitete danach mehrere Jahre als Werbegrafikerin in Zürich und Paris. Eines Tages im Jahr 1969 erschien sie bei der (nicht verwandten) Zürcher Kinderbuchverlegerin Bettina Hürlimann und bot dieser Illustrationen zu einem Kinderbuch an. Unterm Arm hatte sie Illustrationen zu sieben Grimm-Märchen, welche die Atlantis-Verlegerin sogleich faszinierten. «Da war nichts von deutscher Romantik, die bei den meisten Grimm-Illustratoren durchscheint; Hänsel und Gretel gingen durch einen sehr unheimlichen gigantischen Wald, und Schneewittchens Zwergen fehlte jede Niedlichkeit», hielt sie später in ihren Memoiren «Sieben Häuser» fest. Die «7 Märchen» erschienen 1975 bei Atlantis, ausserdem «Stadtmaus und Landmaus», «Katze und Maus in Gesellschaft» sowie «Der Fuchs und der Rabe», die bedeutende Preise erhielten. Weitere Bilderbücher erschienen unter anderem in den Zürcher Verlagen NordSüd und bohem press sowie im japanischen Verlag Gakken.

Hürlimanns Illustrationen bestechen durch eine humorvolle, manchmal karikaturartige Figurenauffassung sowie spannungsreiche Bildausschnitte, in denen die Figuren oft nur teilweise zu sehen sind und so der Komposition Dynamik und Witz verleihen. Durch ihre in Schraffuren oder einer speziellen Kratztechnik gehaltene Darstellungsweise sind Hürlimanns Illustrationen unverwechselbar. Ihre Aufmerksamkeit erstreckt sich auch auf die inhaltlich stimmige Gestaltung von Vorsatzpapieren, Titelseiten und Buchumschlägen.

Ein Flair für Musik klingt in Hürlimanns Illustrationen oftmals an – die Mäuse schwingen das Tanzbein und der stolze Kater stolziert nicht durch landschaftliche Weiten, es scheint vielmehr, als tänzelte er zu einer unbekannten Melodie über die landschaftlichen Weiten der Doppelseiten.

Seit Beginn der 1980er-Jahre widmet sich Ruth-Cécile Hürlimann verstärkt der Malerei, illustriert hat sie seither nur mehr selten, aber nicht weniger vielfältig: drei Leporellos und zarte Aquarelle über einen Siebenschläfer. Umso mehr freut es die Graphische Sammlung, nun mit 140 Zeichnungen und einer stattlichen Zahl von Hürlimanns illustrierten Büchern einen grossen Teil ihrer Kinderbuchillustrationen zu bewahren und zugänglich machen zu können.


- Anna Lehninger
Graphische Sammlung und Fotoarchiv