Vielschichtiges Fossil: Der Sintflutmensch von Johann Jakob Scheuchzer (1726)
Vor 300 Jahren publizierte der Zürcher Universalgelehrte und Arzt Johann Jakob Scheuchzer den Holzschnitt eines fossilen Riesensalamanders. Er deutete das Skelett als Überbleibsel eines in der Sintflut ertrunkenen Sünders, wofür er von der späteren Wissenschaftsgeschichte belächelt wurde – etwas zu Unrecht.
Was sind Fossilien?
Die Natur der Fossilien ist zu Scheuchzers Zeit umstritten. Einzelne sehen darin blosse Naturspiele, andere erklären diese als Objekte, die nach Gesetzen der Mechanik im Erdinnern gebildet würden und wieder andere interpretieren Versteinerungen als Relikte von Lebewesen.
Scheuchzer vertritt letztere Theorie und unterstützt die Ansichten des englischen Arztes und Naturforschers John Woodward (1665–1728). Dieser publizierte 1695 «An Essay towards a Natural History of the Earth», worin er die These aufstellt, dass zur Zeit der biblischen Sintflut die Erdkruste zerborsten sei und Wasser das ganze Land und selbst die höchsten Berge überflutet habe. Alle Gesteine hätten sich aufgelöst und die überschwemmten Landtiere und -pflanzen seien in diesen Erdenmorast abgesunken. Schliesslich habe sich nach der grossen Überschwemmung eine neue Gesteinsrinde ausgebildet, in der die abgesunkenen Erze, Mineralien und Fossilien nun fest eingeschlossen worden seien – je nach ihrem spezifischen Gewicht in unterschiedlichen Schichten abgelagert.
Bahnbrechende Studie aus Zürich: Scheuchzers «Klagrede der Fische»
Johann Jakob Scheuchzer wird zum umtriebigsten Vertreter der Woodward’schen Fluttheorie in Kontinentaleuropa. 1704 gibt er eine lateinische Übersetzung von Woodwards Buch heraus und 1708 schliesslich folgt in den «Piscium querelae et vindiciae» (bzw. in der im gleichen Jahr erscheinenden deutschen Fassung «Bildnissen verschiedener Fischen, und dero Theilen, Welche in der Sündfluth zu Grund gegangen») das unmissverständliche Bekenntnis zum Diluvianismus.
Scheuchzer weist anhand seiner auf anatomischen Studien basierenden Abbildung eines fossilen Hechtes nach, dass es sich hierbei nicht um ein Naturspiel, sondern um einen echten Hecht handelt. Auch bei anderen abgebildeten fossilen Fischen bemüht er sich darum, die Tiere aufgrund von Vergleichen mit heute lebenden Arten möglichst genau zu bestimmen.
Scheuchzer ist also nicht bloss herausragender Verfechter der Sintfluttheorie. Ebenso ebnet der Zürcher Universalgelehrte der Auffassung den Weg, dass Fossilien Relikte ehemaliger Lebewesen sind. In seiner Fischstudie begründet er diese Sichtweise wissenschaftlich und legt so den Grundstein zur Entmythologisierung der Paläontologie.
Fossilien von Menschen?
Scheuchzer ist der Überzeugung, dass in der weltweiten Flut die gesamte Menschheit – bis auf die acht Seelen in Noahs Arche – zusammen mit dem grössten Teil der damaligen Fauna und Flora umkamen. Es liegt für ihn daher nahe, auch nach menschlichen Fossilien Ausschau zu halten. Diese sind aber im Vergleich zu den teilweise sehr zahlreichen versteinerten Pflanzen- und Tierresten viel seltener.
Trotzdem gelingt es ihm, im Laufe seines Forscherlebens in den Besitz von vier Funden zu kommen, in denen er glaubt, zweifelsfrei menschliche Überreste erkennen zu können. Alle vier beschäftigen die Gelehrten etwa ein Jahrhundert lang und prägen zeitweise die damalige paläontologische Diskussion.
Bei den ersten Fossilien, die Scheuchzer als menschliche Relikte publiziert, handelt es sich um zwei Ichthyosaurus-Wirbel aus dem Schwarzen Jura um Altdorf (D). Er bildet sie erstmals auf Tafel 3 seiner «Piscium querelae et vindiciae» von 1708 ab. Einer davon hat sich im Paläontologischen Institut und Museum der Universität Zürich bis auf den heutigen Tag erhalten.
Scheuchzers Homo diluvii testis
Zwei weit spektakulärere Funde «menschlicher Fossilien» gelangen während des Jahres 1725 in Scheuchzers Besitz. Das eine ist ein Schädel mit wenigen Rückenwirbeln, das andere eine Platte mit Schädel und Oberkörper samt einer kleineren Gegenplatte der Schädelpartie. Scheuchzer beschreibt den zweiten Fund als Relikt eines erwachsenen Menschen, der etwa die gleiche Grösse wie er selbst gehabt haben müsse. 1726 veröffentlicht er eine ausführliche Beschreibung der Platte unter dem Titel «Homo Diluvii testis» (dt.: ein Mensch als Zeuge der Sintflut). Der Publikation fügt Scheuchzer einen seitenverkehrten Holzschnitt des Fossils in Originalgrösse bei, den sein Sohn David Scheuchzer (1704–1739) gezeichnet hatte. Diese Illustration erscheint im gleichen Jahr auch mit einer deutsch verfassten Textspalte als Einblattdruck, den Scheuchzer mit der Datumsangabe «Im Jahr 4032 nach der Sündflut» versieht. Scheuchzers Sintflutmensch findet internationale Beachtung und Akzeptanz. Er darf als das berühmteste Fossil der Schweizer Paläontologiegeschichte bezeichnet werden. Heute befindet sich das Stück im Teylers Museum in Haarlem (NL).
Ausblick
An der Interpretation des «Homo diluvii» als versteinertem Menschen wagt bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts niemand zu rütteln, zumal Scheuchzer nicht der einzige ist, der behauptet, menschliche Fossilien gefunden zu haben. Noch in der 13. Auflage von Linnés «Systema naturae» von 1770 findet sich der Homo diluvii als Anthropolith (wörtlich: steinerner Mensch) verzeichnet. Erst der französische Paläontologe Georges Cuvier (1769–1832) identifizierte das mittlerweile berühmte Fossil in der zweiten Auflage seiner «Recherches sur les ossemens fossiles» von 1824 als einen im Wasser lebenden Salamander von enormer Grösse, dessen enge Verwandte heute noch in Asien vorkommen.
Die Geschichte des Homo diluvii zeigt eindrücklich, wie sich selbst gut ausgebildete Forscher täuschen können und wie sie der Versuchung ausgesetzt sind, in Funden und Resultaten das zu sehen, was am besten in ihr Modell passt. Die Wissenschaftsgeschichte kennt zahlreiche mehr oder weniger berühmte Fehlinterpretationen von Fakten und Daten. Mögen wir ausnahmsweise aus der Geschichte lernen!
Dr. Urs Leu, Leiter Abteilung Alte Drucke und Rara der Zentralbibliothek Zürich
Oktober 2026
Header-Bild: Ausschnitt eines Stiches von Joseph Nutting nach einer Zeichnung von Anna Waser, in Johann Jakob Scheuchzers «Ouresiphoitēs Helveticus sive Itinera per Helvetiae alpinas regiones», Leiden 1723. (ZB Zürich)



