Ein persönlicher Werkstattbericht

1. Juli 2025

Unter dem oben genannten Titel zeigte die Zentralbibliothek Zürich (ZB) vom 14. März bis 14. Juni 2025 eine Ausstellung in der Schatzkammer. Anlass war der 500. Geburtstag der ersten Erwachsenentaufe oder Glaubenstaufe in Zürich am 21. Januar 1525. Es mag auf den ersten Blick befremden, dass eine offizielle Institution wie die Zentralbibliothek Zürich eine Ausstellung zur Täufergeschichte anbietet, waren die Täufer doch unliebsame Gegner Zwinglis, vom Reformator Heinrich Bullinger als Sozialrevolutionäre verschrien und für viele nachfolgende Pfarrer unliebsame Querköpfe par excellence. Zürich war bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein fast ausschliesslich reformierter Kanton mit einer entsprechenden Vergangenheit, warum also diese Ausstellung über «Sektengeschichte»?

Das Sujet zur Ausstellung: Der Landvogt von Grüningen überrascht 1527 eine Täuferversammlung und verhaftet verschiedene Täufer (Heinrich Bullinger, Reformationsgeschichte, Abschrift von Heinrich Thomann, um 1605, Handschriftenabteilung, Ms B 316, f.245v)

Beim 500. Geburtstag der ersten Erwachsenentaufe handelt es sich um ein weiteres Reformationsjubiläum wie schon 500 Jahre Heinrich Bullinger 2004, 500 Jahre Conrad Gessner 2016, 500 Jahre Reformation 2019 und 500 Jahre Rudolf Gwalther ebenfalls 2019. Bei allen genannten Geburtstagen brachte sich die ZB regelmässig und zum Teil sehr intensiv ein. So lag es auf der Hand, sich auch an den Veranstaltungen für dieses Jubiläum zu beteiligen, zumal verschiedene Institution aus dem In- und Ausland bereits mit Anfragen vorstellig geworden waren, was wir zu tun gedächten.

Ein weiterer Grund, sich in diesem Reigen von Aktivitäten zu beteiligen, stellten unsere Bestände dar. In Zürich entstanden beide Weltkirchen (Reformierte Kirche und weltweite mennonitische Gemeinden), und die Bestände der ZB spiegeln die Geschichte beider Bewegungen wider, wenn auch die täufergeschichtlichen Dokumente nicht so zahlreich sind wie die zur Geschichte der Reformierten Kirche. Trotzdem verfügen wir über Unikate zur Täufergeschichte, die in einschlägigen Kreisen weltweit bekannt sind, wie zum Beispiel das Autograph eines lateinischen Gedichts in Hexametern aus der Feder des Täuferführers Conrad Grebel (ca. 1500–1526) oder eine Taschenausgabe der «Rechenschaft des Glaubens» des hutterischen Täufers Peter Riedemann, von der nur ein Exemplar bekannt ist. Schliesslich ist die Sammlung an Liederbüchern mit dem Titel «Ausbund» zu nennen, die von einem ZB-Bibliothekar wohl in den 1960er/1970er Jahren angelegt worden ist. Dieses Gesangsbuch ist bis heute bei Amischen und Old Order-Mennoniten in den USA im Gebrauch. Das Gleiche gilt für die Zürcher Froschauer-Bibeln, die seit dem 16. Jahrhundert von den Schweizer Täufer gelesen und bis heute in Nordamerika nachgedruckt werden.

Die Froschauer-Bibel war der Grund, dass der Schreibende in Kontakt mit der Zürcher Täufergeschichte und den täuferischen Auswanderern in den USA kam. 1999 und 2001 bewilligte mir der damalige ZB-Direktor Hermann Köstler zwei zweiwöchige Forschungsreisen in die USA, damit ich ein Inventar der Froschauer-Bibeln erstellen konnte, die sich heute in den USA befinden, nicht zuletzt, weil sie von vielen Schweizer Täuferfamilien auf ihrer Flucht mitgenommen worden waren. Auf meiner Bibliothekstour durch die Oststaaten besuchte ich viele amische und mennonitische Sammler und wurde mit deren Geschichte und Literatur vertraut. Das eine oder andere schöne Stück gelangte infolgedessen während meiner mittlerweile 36-jährigen Amtszeit auch in die ZB. Das Täuferjubiläum war nun eine Möglichkeit, unsere täufergeschichtlichen Schätze einmal einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.    

Darüber hinaus lag mir auch daran, auf die weitgehend unbekannte Geschichte der Zürcher und Schweizer Täufer aufmerksam zu machen und sie verständlich nachzuerzählen. Nur wenige Einwohner im Kanton wissen, warum die Täuferbewegung im Kielwasser von Zwinglis Reformation entstanden ist, dass sie um 1680 weitgehend zerschlagen war, und warum es heute so viele Schweizer Familiennamen in Pennsylvania, Ohio und Indiana gibt.



Leiter Abteilung Alte Drucke und Rara