Tinte frisst – Bestandserhaltung rettet
Eine wichtige Aufgabe der Zentralbibliothek Zürich ist es, Bücher, Briefe, Manuskripte und vieles mehr für die Zukunft zu erhalten. Genau dies machen wir Restauratorinnen und Restauratoren in der Abteilung Bestandserhaltung. Unsere Aufgabe ist es, die Bestände der Bibliothek zu hegen und zu pflegen. Dies gelingt uns mit präventiven Massnahmen wie Verpackungen und Klimakontrolle in den Magazinräumen und ganz besonders dadurch, dass wir die Objekte reinigen und "verarzten".
Die Bestände der ZB sind sehr breit gefächert. Es gibt unterschiedliche Materialien und eine ganze Bandbreite von verschieden Objekttypen. Auch reichen die Bestände bis ins 5. Jahrhundert zurück. Unsere "Patienten" haben manchmal schon wirklich viel durchgemacht. All diese Faktoren machen unseren Job extrem spannend, aber sie stellen uns auch vor ganz unterschiedliche Herausforderungen.
Rettet das Familienarchiv Hirzel
Ich wurde für ein ganz besonderes Projekt eingestellt: die Restaurierung des Familienarchivs Hirzel. Es handelt sich um ein sehr reiches Archiv dieser alten Züricher Familie. Der Bestand umfasst unzählige Handschriften, Briefe und sonstige Unterlagen wichtiger Staatsmänner und Gelehrter mit denen die Familie korrespondierte (unter anderem Jean-Jacques Rousseau, Jakob Gujer, Julie Bondeli und Sophie von La Roche). Die Sammlung ist für die Forschung von grossem Interesse, da sie ein breites Spektrum an sozial- und lokalgeschichtlichen wie auch linguistischen Aspekten abdeckt. Um sie für künftige Generationen zu erhalten, haben die Familienstiftung Hirzel und die Zentralbibliothek im April 2020 eine Vereinbarung über die Restaurierung und Konservierung des Familienarchivs geschlossen. Das heisst, der Erhalt des Archivs wird von der Familie finanziert und meine Aufgabe ist es, dies restauratorisch umzusetzen.
Als erstes habe ich mir einen Überblick über das über 550 Signaturen umfassende Familienarchiv Hirzel verschafft. Ein Problem stand dabei im Vordergrund: Tintenfrass!

Ausbrüche im Schriftbild (FA Hirzel 235)
Tinte frisst Handschriften
Bei Tintenfrass handelt es sich um ein Schadensphänomen an Papieren durch Eisengallustinten. Eisengallustinte war vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert das am weitesten verbreitete Schreibmittel. Die Tinten bestehen aus Eisenvitriol, Galläpfeln und Gummi arabicum. Verdünnt wurden sie meist mit Wasser oder Rotwein. Die genaue Zusammensetzung kann jedoch sehr stark variieren, da jeder Schreiber seine Tinte selbst gemischt hat.
Die Eisenionen in der Tinte reagieren mit Feuchtigkeit (zum Beispiel mit Wasserbestandteilen in der Luft), So bildet sich Schwefelsäure. Im ersten Schritt bewirkt diese Reaktion, dass die Tinte tiefschwarz wird. Leider gehen die Reaktionen der Schwefelsäure über die Jahre immer weiter und früher oder später werden die Papierfasern angegriffen. Erst bilden sich sogenannte Höfe um die Buchstaben, ein Teil der Eisenionen «wandert» in das Papier. Die Ionen und die Säuren bewegen sich nicht nur links und rechts neben den Buchstaben, sondern «rosten» durch das Papier hindurch. Der Tintenfrass kann so weit gehen, dass ganze Buchstaben aus den Seiten herausfallen.

Beginnender Tintenfrass, links die Vorderseite eines Briefes, rechts die Rückseite, besonders um die dicken Tintenstriche sind Höfe erkennbar (FA Hirzel 31aa)

Fortgeschrittener Tintenfrass, der Text ist bereits stark auf der Rückseite sichtbar (FA Hirzel 326)

Stark fortgeschrittener Tintenfrass. Vorder- und Rückseite sind nicht mehr klar zu unterscheiden, einzelne Textteile sind bereits herausgebrochen (FA Hirzel 326)
Tinte frisst – aber was denn alles?
In der Bestandserhaltung haben wir tagtäglich tintenfrassgeschädigte Objekte auf dem Tisch. Das Familienarchiv Hirzel ist keine Ausnahme. Tintenfrass ist aber nicht die einzige Herausforderung, mit der wir Restauratorinnen und Restauratoren uns auseinandersetzen müssen. Ich habe sowohl Bücher als auch einzelne Briefe, grossformatige Karten oder gerollte Urkunden, um die ich mich kümmern muss. Viele Objekte haben neben der Tinte, die sich durch das Papier frisst, noch andere Schäden. Die Lagerung und die Benutzung haben Spuren hinterlassen: Objekte sind oft verschmutzt, Papier ist eingerissen und Einbände von Büchern sind beschädigt. Ich muss mir also bei jedem Objekt überlegen, wie ich mit dem Mix an Schäden umgehe.

Tintenfrass in einem Pergamentband: Der Text geht teilweise bis in den Bund, wodurch die Bearbeitung erschwert wird (FA Hirzel 11)
Es gibt unterschiedliche Methoden, um den Tintenfrass zu verlangsamen oder gar zu stoppen. Momentan werden vor allem zwei praktiziert. Einerseits das partielle Sichern und andererseits eine chemische Behandlung. Beide Methoden setzen besondere Fachkenntnisse und eine spezielle Infrastruktur im Atelier voraus. Leider sind nicht alle Methoden bei allen Objekten sinnvoll.
Klebstoff sichert
In der Regel sichere ich Risse mit einem dünnen Papier und Kleister. Der Kleister ist aber auf Wasserbasis und würde damit den Tintenfrass beschleunigen. Ich brauche also eine Methode, um Risse im Schriftbild zu sichern und ganze Texte zu stabilisieren ohne Wasser einzubringen. In der Bestandserhaltung der ZB arbeiten wir deshalb in solchen Fällen mit einem Klebstoff (KlucelG) welcher durch Ethanol aktiviert wird.
Im Video zeigt meine Kollegin Cornelia, wie sie in einem Buch tintenfrassgeschädigte Seiten sichert. Sie legt ein 3g/qm Japanpapier, mit KlucelG beschichtet, auf den Text. Das dünne Papier sichert einzelne Seiten, ist aber quasi unsichtbar. Der Tintenfrass wird dadurch aber leider nicht gestoppt, wir gewinnen lediglich ein bisschen mehr Zeit.
Chemie stoppt
Es gibt eine chemische Methode um dem Tintenfrass Einhalt zu gebieten, die Calcium-Phytat-Behandlung. Dabei werden die freien Eisenionen ausgewaschen und die verbleibenden durch Komplexierung unschädlich gemacht. Es handelt sich jedoch um ein sehr aufwändiges und vor allem wässriges Einzelblattverfahren. Wenn ich ein ganzes Buch so schützen möchte, muss ich es zuerst komplett zerlegen und nach der Behandlung wieder einbinden. Ausserdem muss ich nach der chemischen Behandlung noch alle Risse schliessen. Der Vorteil der Phytabehandlung ist, dass der Tintenfrass dadurch gestoppt werden kann. In meinem Projekt muss ich jedoch bei jedem Objekt abwägen, wie viel Zeit ich investieren kann. Auch sind wir in der ZB nicht für eine solche Behandlung ausgestattet. Wir müssen unsere Objekte an externe Ateliers geben, was mit zusätzlichen Kosten verbunden ist.
Im Video wird gezeigt, wie die Phytatbehandlung in einem externen Atelier an Objekten der ZB durchgeführt wird. Erst werden die Einzelblätter in Siebe gebettet, mehrfach gewässert, in der Phytatlösung gebadet, mit Gelatine nachgeleimt und zum Schluss mit einem hauchdünnen Japanpapier stabilisiert.
Unsere Bestände retten – ein Blick in die Zukunft
Die beschriebenen Massnahmen sind aktuell die besten Massnahmen, die zur Behandlung von Tintenfrass zur Verfügung stehen. Aber beide Methoden haben ihre Grenzen und Nachteile. Das Sichern mit dünnem Papier ist eine rein mechanische Methode. Es ist sehr zeitaufwändig und behebt das Tintenfrassproblem nicht, da chemisch nichts verändert wird. Die Phytatbehandlung stoppt den Tintenfrass langfristig, da die Eisenionen chemisch gebunden werden. Nach wie vor ist eine Papierrestaurierung nötig.
Wie schön wäre es, eine Methode zu haben, mit der ich gleichzeitig den Tintenfrass stoppe und das Papier festige, die ich ohne besondere Ausrüstung anwenden kann und die für alle Objekttypen geeignet ist. - Wer weiss, vielleicht wird eine solche Methode ja bald erfunden…
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Restauratorin |

