Über Schach gibt es viel zu sagen. Davon zeugen auch die umfangreichen Schachbuchbestände der Zentralbibliothek Zürich. Doch wovon handelt die Schachliteratur eigentlich, und in welcher Form steht Schach im Buch? Wir stellen uns hier ein paar grundsätzliche Fragen zu den Hintergründen unserer Schachbibliothek, zur Entwicklung der Schachliteratur und der ‹Verschriftlichung› des Spiels.

Die ‹Helvetische Schachbibliothek›

Die Zentralbibliothek Zürich (ZB) verfügt über einen beachtlichen Bestand an Schachliteratur. Neben der laufenden Erwerbung von Neuerscheinungen zum Thema setzt sich der wesentliche Teil des Bestandes aus vormaligen Vereinsbibliotheken und Privatsammlungen zusammen. 

Abb. 1: Stempel «GG 2010 Helvetische Schachbibliothek»Bereits 1947 übernahm die ZB die Bibliothek der Schachgesellschaft Zürich – des ältesten Schachvereins der Welt. Seine bedeutendste Erweiterung erfuhr der Schachbestand allerdings erst in jüngerer Zeit. Nachdem 2008 die Bibliothek des Akademischen Schachklubs Réti Zürich an die ZB überging, folgte 2010 der grösste Zuwachs. Das Geschenk der sogenannten ‹Helvetischen Schachbibliothek› (Abb. 1) verzehnfachte die Zahl der Titel in der Schachsammlung auf gegen viertausend Einheiten. Die Helvetische Schachbibliothek vereint die Sammlungen des Schweizerischen Schachbundes sowie der Schweizer Vereinigung der Kunstschachfreunde. Darüber hinaus enthält sie die Privatbibliothek des Schachpublizisten und -funktionärs Alex Crisovan (1919–2012), der die Sammlungen über viele Jahre aufbewahrte, ausbaute und pflegte.

Schachliteratur

Dass Schach nicht nur gespielt, sondern auch studiert und reflektiert wird, belegen bereits arabische Texte des 8. bis 10. Jahrhunderts. Seither ist diese spezifische Literatur Bestandteil der Schachkultur zwischen Spiel, Wissenschaft und Kunst. 

Worüber wird geschrieben? – In der mittelalterlichen Schachliteratur setzten sich die Autoren mit den Spielregeln auseinander und verzeichneten in erster Linie Endspielstellungen. In dieser Tradition entstand auch die Kunst der Schachkomposition, sprich das Ausdenken und Lösen von Schachrätseln und -problemen. Im späteren Mittelalter diente Schach ferner als Allegorie für moralisch-didaktische Deutungen.

Nach Reformen der Schachregeln zu Ende des 15. Jahrhunderts gewann das Schachspiel an Tempo und Dynamik. Damit wurden die frühen Spielzüge entscheidender für den Verlauf der Partien und Eröffnungen wurden zum Thema in der Literatur. In der frühen Neuzeit entwickelten sich regionale Traditionen. Eröffnungen wurden in Ansätzen systematisiert. Umfassende schachtheoretische Literatur und die Analyse des Mittelspiels setzten hingegen nicht vor dem 18. Jahrhundert ein. 

Seit dem 19. Jahrhundert diversifizieren sich die Themen und die Schachliteratur wurde spezialisierter. Es entstanden zahlreiche Schachzeitschriften. Wettkämpfe gewannen an Popularität, die Schachwelt vernetzte sich zunehmend und es fand eine Professionalisierung statt. Schach entwickelte sich zum internationalen Spitzensport. So spielen bis heute neben lehr- und theoretischer Literatur auch Turnierberichte und Biografien eine wichtige Rolle.

Schach aufschreiben

Wie aber haben Autor*innen Schach verschriftlicht? – Eine standardisierte, einheitliche Notation für Positionen und Züge hat sich tatsächlich erst im 20. Jahrhundert durchgesetzt. Auch wenn die Basis für die heute gebräuchliche algebraische Schreibweise – die das Schachbrett als Koordinatensystem erfasst – bereits im 18. Jahrhundert gelegt war, waren noch lange Zeit unterschiedliche Notationssysteme gebräuchlich.

Die Darstellung von Positionen in Diagrammen ist uns bereits aus dem Mittelalter bekannt. Züge wurden damals verbal beschrieben. Die ZB verwahrt ein Manuskript aus der Zeit um 1470, welches dies vorzüglich zu illustrieren vermag (Abb. 2). Die Handschrift stammt von Niklas von Wyle, einem Frühhumanisten aus Bremgarten, der in einem Rechenbuch auch Schachaufgaben festgehalten hatte. 

Abb. 2: Schachaufgabe aus dem Rechen- und Schachbuch des Niklas von Wyle, fol. 45v. (ZB Zürich, Ms D 116)


«Item albi habent primum tractum et debent secundo tractu regi nigro dicere schach mat et fit primo trahendo albam dominam ad locum a et ex post roch ad locum b dicendo schach matt.»


«Nun haben die Weissen den ersten Zug und müssen mit dem zweiten Zug den schwarzen König schachmatt setzen, indem sie zuerst die weisse Dame auf Feld a und dann den Roch (Turm) auf Feld b bringen und Schachmatt erklären.»




Die verbale Beschreibung erfuhr im Laufe der Zeit Vereinfachungen und Verdichtungen hin zur codierten Form. Zur Bezeichnung der bewegten Figur werden Buchstaben verwendet, die allerdings je nach Sprache variieren. Eindeutig sind figurale Zeichen, die in den 1990er Jahren als Unicode-Symbole für den digitalen Textsatz eingeführt wurden (Abb. 3). Spielzüge wiederum werden in ihrer Abfolge anhand der Koordinaten beschrieben (Abb. 4).

Notation spielt nicht nur in der Literatur eine Rolle, sondern auch in der Korrespondenz, etwa im Fernschach, in Schachkolumnen und zur laufenden Dokumentation an Turnieren. Mit dem Aufkommen des digitalen Schachspiels entwickelte die Schachnotation Formate, die von Software verarbeitet werden können.

Abb. 3: Schachsymbole aus dem Unicodeblock «Verschiedene Symbole»

Abb. 4: Beschreibung einer Schachpartie in ausführlicher algebraischer Notation. Schweizerische Schachzeitung 1. Jg., No. 3 (1900), S. 37. (ZB Zürich, Schach 906)










Über Schach gibt es viel zu sagen

Schach ist das vielleicht am besten dokumentierte Spiel aller Zeiten. Die Literatur über Schach sei so umfangreich, wie jene über alle anderen Spiele zusammen. So wird der Schachhistoriker H. J. R. Murray zu Anfang des 20. Jahrhunderts zitiert. Die grösste europäische Schachbibliothek – namentlich die Königliche Bibliothek der Niederlande – soll über 40 000 Titel umfassen.  

In solchen Dimensionen bewegt sich der Schachbestand der Zentralbibliothek Zürich nicht. Aber dank grosszügiger Geschenke von Schweizer Schachvereinigungen hat die Öffentlichkeit in der ZB Zugang zu einer Sammlung, die Informationen zu diversen Themen des königlichen Spiels vermittelt und Einblicke in die Entwicklung des Schachspiels und seiner Literatur gewährt.

Über Schach gibt es nach wie vor viel zu sagen. In jüngerer Zeit ergänzen neue Medien das Buch und die Zeitschrift. Das Schachspiel und auch die Auseinandersetzung damit haben sich zu einem ausgesprochen digitalen Phänomen entwickelt. Formate im Internet sind in der Gegenwart die primären Kanäle für Information, Spiel und Training. 


BiblioWeekend 2026 und Schach-April im Lesesaal

Anlässlich des BiblioWeekends 2026 zum Thema ‹Spiel› rückt die ZB ihre Schachbibliothek ins Licht. Prof. Andreas Nievergelt war 2010 Initiator der Schenkung der ‹helvetischen Schachbibliothek› an die Zentralbibliothek Zürich und war an der Erschliessung dieses Buchbestands beteiligt. Er referiert am Samstag, 28. März um 13:30 Uhr zu den Schachbeständen: Im Schachspiel herumblättern. Danach spielen wir zusammen mit der Schachgesellschaft Zürich, dem Schachklub Kreis 4 «Queen’s Gambit» und mit der Schweizerischen Vereinigung der Kunstschachfreunde im Lesesaal der ZB Schach: Gemeinsam Schach spielen

Den ganzen April bleibt Schach Themenschwerpunkt im Lesesaal der Zentralbibliothek: im Schachregal stöbern, Schachrätsel lösen und Partien austragen.


Verwendete Literatur:

Foster, Richard; Gamper, Rudolf; Suter, Meinrad: Schach im spätmittelalterlichen Zürich. Das Rechen- und Schachbuch des Niklas von Wyle. In: Zürcher Taschenbuch 121 (2001). 

Holländer, Hans und Barbara: Schachpartie durch Zeiten und Welten. Bonn 2005.

Hooper, David; Whyld, Kenneth: The Oxford Companion to Chess. Oxford, New York 1984.

Wietschorke, Jens: Schach. 100 Seiten. Ditzingen 2025.


Fachreferent für Sport, Spiele, Alpinismus