Zürich entdeckt die Seilbahn

Die Polybahn, die Seilbahn Rigiblick und die Dolderbahn sind Herzstücke der Stadt Zürich. Aufgrund jüngster Modernisierungen sind auch alle drei wieder auf dem neuesten Stand – bestens gerüstet, weiterhin die Hänge der Limmatstadt zu erklimmen.

Seilbahnen in Zürich haben eine lange Geschichte. Schon im 16. Jahrhundert gibt es Hinweise auf eine «Seilbahn». So finden sich auf dem «Murerplan» (1567) von Jos Murer zwei Seile abgebildet, die die Limmat überspannen. Statt Menschen zu befördern, transportierte dieses kleine Bähnchen jedoch wohl Pfeile und Bolzen, schreibt der Historiker Martin Huber in einem Zeitungsartikel.

Eine Reproduktion des Murerplans, ca. 1973 von Arthur Dürst herausgegeben. Die Limmat wird von zwei Seilen überspannt, die den Lindenhof mit dem rechten Limmatufer verbinden. Es handelt sich bei dieser Konstruktion vermutlich um eine Seilbahn, die Projektile der Schützengesellschaften transportiert. (Bild: ZB Zürich)

Die ersten Seilbahnen für den Personentransport – dieselben, die auch heute noch unterwegs sind – werden erst im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gebaut, der Blütezeit der Zürcher Seilbahnen. Seither sorgt dieses Transportmittel wiederholt für Diskussionen. Der folgende Beitrag beleuchtet Zürcher Seilbahnen, die es gibt, gegeben hat, hätte geben können oder vielleicht noch geben wird.

Polybahn – die Meistfrequentierte

Im Mai 1875 fährt erstmals eine Bahn auf den Uetliberg. Der neu erschlossene Hausberg wird rasch zum beliebten Naherholungsgebiet der Stadtbevölkerung. Durch den Erfolg dieser Bahn inspiriert, fassen die Ingenieure H. A. Ruge und E. Stauder 1885 die Erschliessung des östlich gelegenen Zürichbergs mittels einer Seilbahn ins Auge.

Die beiden Kompagnons sehen zwei Streckenabschnitte vor; einen ersten vom Central bis zum Polytechnikum und einen zweiten vom Polytechnikum bis auf den Zürichberg. Bis zur Fertigstellung des ersten Abschnitts im Jahre 1888 ist die Elektrotechnik jedoch bereits so weit fortgeschritten, dass die weitere Erschliessung des Zürichbergs mit einer elektrischen Strassenbahn erfolgt. Der bereits fertiggestellte untere Streckenabschnitt verliert somit seine ursprüngliche Bestimmung. Seiner Beliebtheit tut dies aber keinen Abbruch. Rasch etabliert sich die Polybahn als beliebtes Verkehrsmittel unter Hochschulangehörigen.

Heute transportiert sie an Werktagen gut 6’400 Passagiere zwischen Zürcher Innenstadt und dem Hochschulquartier und ist somit die meistfrequentierte unter den Zürcher Seilbahnen.

Auf Jahresbeginn 1967 kommt es zu einem Aufschlag der Fahrpreise der Zürichbergbahn. Die Talfahrt verteuert sich von 10 auf 20 Rappen und die Bergfahrt von 15 auf 25 Rappen. Über die Preiserhöhung berichtet auch die Sendung «Antenne». (Video: SRF Schweizer Radio und Fernsehen)

Dolderbahn – die Längste

Die Entwicklung der Schweizer Seilbahnen ist eng mit der Entstehung des Schweizer Tourismus und der Erschliessung der Alpen verzahnt. Lange Zeit stellen die Alpen für Reisende Europas vor allem eines dar: ein felsiges Ungetüm, das den Weg vom Norden in den Süden versperrt. Mitte des 18. Jahrhunderts erlebt diese Wahrnehmung aber einen allmählichen Wandel. Das mühselige Hindernis mausert sich zum touristischen Sehnsuchtsort.

Ziehen die Schweizer Alpen anfänglich vor allem abenteuerlustige Forscher und Künstler an, folgen im Verlauf des späten 19. Jahrhunderts auch vermehrt Reisende der gemütlicheren Art. Grundlagen für diesen frühen Massentourismus bilden neu errichtete Bahnen auf Berggipfel sowie pompöse Hotelneubauten. Dieser Ausbau einer touristischen Infrastruktur beschränkt sich nicht auf höhere Bergregionen – wie der Fall der Dolderbahn zeigt.

Seilbahnen

1888–1889

Heinrich Hürlimann – Zürcher Unternehmer mit grossen Ideen

Der Ursprung des Dolder Grand Hotels und der dazugehörenden Dolderbahn geht auf den Zürcher Unternehmer Heinrich Hürlimann (1841–1910) zurück. Nachdem der gelernte Küfer aus Dürnten 1888–1889 erst gerade den bis heute erhaltenen Pfauenkomplex am Heimplatz hat errichten lassen und mit seinem «Volkstheater am Pfauen» Erfolge feiert, fasst Hürlimann bereits neue Ziele ins Auge: die Erschliessung des Zürcher Adlisbergs mittels einer Standseilbahn sowie die dortige Errichtung eines Naherholungsgebiets. Dieses soll sowohl einen Wildpark wie auch ein Restaurant und ein Kurhotel umfassen.

Um 1880 erwirbt der Unternehmer Heinrich Hürlimann mehrere Gebäude am Zürcher Heimplatz. Aus dem anfänglichen Restaurant «Zum Pfauen» wird nach kurzer Zeit die «Concert-Halle Pfauen» und später das «Flora-Theater im Pfauen». Der Betrieb floriert. (Bild: ZB Zürich)

Der Erfolg des Theaters veranlasst Hürlimann bald schon dazu, die ursprünglichen Bauten durch einen grossen Neubau zu ersetzen. Der zwischen 1888 und 1889 erbaute Pfauenkomplex beherbergt heute das Schauspielhaus Zürich. (Bild: ZB Zürich)

1890–1894

Ein Wildpark für den Adlisberg?

Bereits 1890 beginnt Hürlimann mit dem Ankauf verschiedener Land- und Waldgebiete zwischen Römerhof und Adlisberg. Am 26. Januar 1892 erhält er die Konzession für eine Standseilbahn. Bis zum Baustart vergehen aber weitere zwei Jahre. Die erste Kostenberechnung, die sich auf 1,38 Mio. Franken beläuft und den Bau eines Restaurants, eines Hotels, eines Wildparks sowie der Seilbahn vorsieht, stösst unter möglichen Investoren auf Skepsis.

Prospekt und Subskriptions-Scheine, mit denen das Initiativkomitee um Hürlimann 1892 zur Gründung einer Aktiengesellschaft für ein Kurhaus und einen Wildpark «Dolder» sowie für eine Drahtseilbahn «Römerhof–Dolder» aufruft, sind in der ZB archiviert. (Bild: ZB Zürich)

Das Plakat des 1895 eröffneten Restaurants Waldhaus Dolder und der Dolderbahn weckt auch ein Jahrhundert später noch Begeisterung – das Motiv wird in den 1980er-Jahren im Postkartenformat nachgedruckt. (Bild: ZB Zürich)

1895

Die Dolderbahn nimmt Fahrt auf

Am 13. Juli 1895 nimmt die Dolderbahn gleichzeitig mit dem Wirtshaus Waldhaus Dolder den Betrieb auf. Auf der 805 Meter langen Strecke von der Talstation beim Römerhof bis zur damaligen Bergstation beim Waldhaus Dolder verkehren zwei Personenwagen im Pendelbetrieb. Zu Beginn ist die Fahrgeschwindigkeit der meterspurigen elektrischen Standseilbahn auf 2 Meter pro Sekunde begrenzt. Eine Fahrt dauert 7 Minuten.

Blick auf die alte Wirtschaft Waldhaus Dolder und die ursprüngliche Standseilbahn. (Bild: ZB Zürich)

1898

Der neue Römerhof

Die provisorische Talstation neben der alten Wirtschaft Römerhof (hier links angeschnitten) in einem Holzstich von Rudolf Dolder. (Bild: ZB Zürich)

Die erste Talstation der Dolderbahn wird 1894 als Provisorium neben der alten Wirtschaft Römerhof erbaut. 1898 weicht dieser Gasthof einem grösseren Bau, der den Namen «Römerhof» beibehält. Das neue Gebäude wird von Louis Hauser im Auftrag von Heinrich Hürlimann als Hotel und Wohnhaus erstellt. Die Talstation wird in den neu erbauten Römerhof integriert.

Seit 1898 ist die Talstation der Dolderbahn in das neue Römerhof-Gebäude integriert. (Bild: ZB Zürich)

1899–1930

Das Doldertram

Das Doldertram vor dem neuerbauten Grand Hôtel Dolder. (Bild: ZB Zürich)

Im Jahr 1899 eröffnete das im Auftrag von Hürlimanns Dolderbahn AG erbaute Dolder Grand Hotel & Curhaus an der Kurhausstrasse 65. Zwischen Hotel und der dazumal noch beim Waldhaus liegenden Bergstation verkehrt ab 1899 eine elektrische Strassenbahn. Das sogenannte Doldertram ist gut 30 Jahre im Einsatz, bevor es 1930 aufgrund stark abgenutzter Schienen eingestellt und durch einen Autobus ersetzt wird.

Um den Komfort der Gäste sicherzustellen, führen die Gleise des Doldertrams bis direkt vor die Lobby, wie auf diesem Querschnitt des Grand Hôtel Dolders zu erkennen ist. Über den Bau berichtet 1899 die Schweizerische Bauzeitung. (Bild: ZB Zürich)

1970–1973

Von der Drahtseilbahn zur Zahnradbahn

Angesichts der 1972 auslaufenden Konzession wird Ende der 1960er-Jahre eine Verlängerung der Dolderbahn ins Auge gefasst. Die Bergstation soll neu beim Grand Hotel Dolder zu stehen kommen.

Die neue Strecke der Dolderbahn macht nach dem Waldhaus eine Rechtskurve und führt durch den Wald zum Grand Hotel Dolder. Über die neue Streckenführung berichtet 1973 die Schweizerische Bauzeitung. (Bild: ZB Zürich)

Schnell zeichnet sich ab, dass sich die geplante Streckenführung nicht für eine Seilbahn eignet. Stattdessen soll eine Zahnradbahn gebaut werden. Am 29. September 1973 wird die neu 1328 Meter messende Dolderbahn im Rahmen des Hottingerfests eingeweiht. Zwei geräumige 2-achsige Zahnradtriebwagen ersetzen die bisherige Drahtseilbahn.

Die 1973 eingeweihten elektrischen Zahnradtriebwagen der Dolderbahn sind bis 2024 in Betrieb. (Bild: ZB Zürich)

1972

Sprengung des Hotel Waldhaus Dolder

Eine Steigerung in der Nachfrage nach Hotelzimmern der mittleren Klasse führt 1905 zur Ergänzung des Waldhauses um einen Hotelanbau. Dieser erweist sich über die Jahre aber als feuergefährlich, weshalb das Hotel Waldhaus Dolder anfangs der 1970er-Jahre im Rahmen des Streckenausbaus der Dolderbahn einem Neubau weichen soll. Am 18. Februar 1972 kommt es zur Sprengung. Knappe drei Jahre später öffnet der Ersatzneubau seine Türen. Das neue Hotel Waldhaus richtet sich mit seinen 100 Appartements in erster Linie an Dauergäste.

Über die Sprengung des alten Hotel Waldhaus Dolder im Jahr 1972 berichtet die NZZ mit einer fotografischen Bildstrecke. (Bilder: ZB Zürich)

2004–2007

Renovierung des Dolder Grand Hotels

Zwischen 2004 und 2007 wird das über 100-jährige Dolder Grand Hotel umfangreich renoviert. Durch den Abriss der nach 1899 ergänzten Anbauten soll der ursprüngliche Charakter des Hotels wiederhergestellt werden. Zudem erhält das Hotel einen vom Londoner Stararchitekten Norman Foster geplanten Erweiterungsbau.

Im Jahr 2004 verschwindet das Grand Hotel Dolder hinter Baugerüsten. Das historische Hauptgebäude wird um zwei neue Gebäudeflügel ergänzt. (Bild: Hanspeter Dudli / Baugeschichtliches Archiv)

2016

Zukunft des Waldhaus Dolder

In den 2010er-Jahren soll das Hotel Waldhaus abermals eine Erneuerung erfahren. Es ist geplant, den Hotelbau der 1970er-Jahre durch einen von Meili, Peter & Partner Architekten konzipierten Neubau zu ersetzen. Ein Steuerstreit bereitet diesem Unternehmen aber ein Ende. Stattdessen soll der bestehende Bau bis 2030 in ein Wohngebäude mit einem Restaurant umgestaltet werden.

Das eingerüstete Hotel Waldhaus Dolder im April 2026. (Bild: Aufnahme der Autorinnen)

2021–2024

Zwei neue Wagen für die Dolderbahn

Im Rahmen der Konzessionserneuerung 2022 werden zwei neue Zahnrad-Triebwagen bei Stadler Bussnang in Auftrag gegeben. Die neuen Fahrzeuge nehmen 2024 ihren Betrieb auf und verkehren im 10-Minuten-Takt zwischen dem Römerhof und dem Grand Hotel Dolder.

Die zwei Fahrzeuge der Dolderbahn kreuzen sich bei der Ausweichstelle unterhalb der Bahnüberquerung bei der Aurorastrasse im April 2026. (Bild: Aufnahme der Autorinnen)

Seilbahn Rigiblick: die Steilste

Neben Tourismus und Freizeitkultur gibt es noch einen weiteren Grund, wieso im Zürich des späten 19. Jahrhunderts Seilbahnen gebaut werden: das rapide Wachstum der Stadt. Mit der Industrialisierung, der vermehrten Einwanderung und der Eingemeindung von 1893 wächst die Stadtbevölkerung massiv an. Zählt das Zürcher Stadtgebiet 1850 noch 35'500 Einwohner, sind es 1893 schon 102'000.

Die Ausdehnung der Stadt erreicht damals auch das am Zürichberg gelegene Gebiet Oberstrass. In den 1890er Jahren erwirbt die Firma Grether & Cie. zwischen der Universitätsstrasse und dem Germaniahügel über 17 Hektaren Land, um dort ein Villenquartier zu errichten. Für die Erschliessung des Quartiers dient die «Seilbahn Rigiviertel», die von 1901 bis 1978 im Betrieb ist.

Nach einer umfassenden Sanierung wird die Bahn, nun als Teil der städtischen Verkehrsbetriebe (VBZ), am 29. Mai 1979 unter ihrem heutigen Namen «Seilbahn Rigiblick» als erste vollautomatische Standseilbahn der Schweiz wiedereröffnet. Mit einer Maximalneigung von 36 % darf sie den Titel der steilsten Seilbahn Zürichs beanspruchen.

Die Seilbahn Rigiblick wird nach betrieblichen Schwierigkeiten 1973 von den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) übernommen und bleibt somit weiterhin im Betrieb. Dieser SRF-Beitrag aus besagtem Jahr schildert die Situation. (Video: SRF Schweizer Radio und Fernsehen)

Event-Seilbahnen – in der Gondel über den Zürichsee

Zielt der (Seil-)Bahnbau im Zürich des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf die Erschliessung der umliegenden Höhen, so steht die Stadt Mitte des 20. Jahrhunderts ganz im Zeichen der Event-Seilbahnen, die an den Zürcher Seeufern zu stehen kommen.

Gleich drei Grossveranstaltungen prunken in diesen Jahrzehnten mit Seilbahnen. Zur Premiere kommt es an der Schweizerischen Landesaustellung, die 1939 in Zürich stattfindet. In zwei Kabinen transportiert die Landi-Seilbahn bis zu 9000 Passagiere pro Tag zwischen dem Hafen Enge und dem Zürichhorn über den Zürichsee. Eine vergleichbare Anlage spannt sich 20 Jahre später an der Gartenbauausstellung 1959 (G59) etwas weiter oben über den See. Diesmal schweben die Besuchenden zwischen Belvoir-Park und Höschgasse über die Wasserfläche. Nicht über, sondern längs des Sees transportiert 1958 eine Seilbahn die Gäste der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA). In kleinen Gondeln gelangen diese vom Kongresshaus dem linken Seeufer entlang zum Ausstellungsgelände beim Mythenquai.

Vom Winde verweht: unrealisierte Bahnen

Jahrzehnte nach den drei Eventbahnen, die einst über den Zürichsee schwebten, hätte es 2020 eine Nachfolgerin geben sollen: Zu ihrem 150-Jahr-Jubiläum will die Zürcher Kantonalbank die Bevölkerung mit der «ZüriBahn» beglücken, die fünf Jahre lang zwischen dem Zürichhorn und der Landiwiese verkehren soll. Doch allerlei Probleme bremsen das Projekt aus und 2022 wird es endgültig aufgegeben.

Die ZüriBahn ist nicht das einzige Seilbahnbahnprojekt Zürichs, das unrealisiert blieb. Um 1900 gibt es Konzessionsanträge für Drahtseilbahnen zwischen Central und dem Susenberg oder auf den Aussichtspunkt Waid. Beide bleiben unverwirklicht.

Mitte des 20. Jahrhunderts werden Pläne entworfen, den Uetliberg durch eine Drahtseilbahn vom Kolbenhof oder vom Albisgütli aus zu erschliessen. Für die letztere Strecke wird 1949 sogar ein Konzessionsantrag eingereicht, diesmal als Luftseilbahn. Jedoch scheitern alle Projekte an mangelnden Gewinnaussichten: Aufgrund der bereits bestehenden Bahnlinie ist die Nachfrage nach einer Seilbahnverbindung auf den Hausberg zu gering.