Mein Name ist «Ms C 6b» - …zumindest steht es so auf meinem Rücken. Ich stehe schon seit Jahrzehnten im Tresor der Zentralbibliothek, gebunden zwischen Buchdeckeln. Ich bin eine Sammlung der wenigen erhalten gebliebenen Fragmenten der ältesten Jahrzeitbücher des Zürcher Grossmünsters und des Fraumünsters. In die Jahrzeitbücher wurde im Mittelalter säuberlich eingetragen, wer der Kirche etwas geschenkt oder gestiftet hatte, damit man jedes Jahr zur richtigen (Jahr-)Zeit für deren Seelenheil beten konnte. Meine Einzelbestandteile sind also viele Hundert Jahre alt. Auch bekannte Persönlichkeiten wie der 1489 hingerichtete Zürcher Bürgermeister Hans Waldmann haben in den Fragmenten, aus denen ich bestehe, einen Eintrag. Meistens sehe ich nicht viel, weil mich ein Schuber vor Licht und Staub schützt. Aber heute hat mich Gunnar Dalvit aus dem Regal genommen und geöffnet. Er hat ganz zaghaft und vorsichtig geblättert und auf einmal habe ich gespürt, dass etwas Aufregendes passieren wird.

Der Kurator Gunnar Dalvit holt die Fragmente aus dem Tresor, dem die ZB ihre wertvollsten Handschriften verwahrt.

Ich wusste schon immer, dass ich was Besonderes bin

Nun liege ich auf dem Schreibtisch mit vielen anderen Objekten. Da ist links neben mir ein ganzer Stapel Frauensilhouetten aus der Graphischen Sammlung, ein Reisepass von Emmie Oprecht und rechts ein wunderschönes rotes Siegel und ein Manuskript der Elsbeth von Oye (ca. 1300 – 1350). Viele Augen starren mich begeistert an und diskutieren. Und jetzt ist es endlich soweit … ich bin ausgewählt ... ausgewählt, um gezeigt zu werden ... in der neuen Ausstellung «Starke Zürcherinnen» in der Schatzkammer der Zentralbibliothek.

Fragmente der ältesten Jahrzeitbücher des Grossmünsters und Fraumünsters

Zuerst aber lande ich in der Bestandserhaltung

Auf einmal geht’s Schlag auf Schlag! So wie ich aussehe, kann ich natürlich nicht ausgestellt werden. Ich soll also ein bisschen aufgehübscht werden. Und von wegen ein bisschen schön machen…ich krieg das volle Programm.

… wie eine sanfte Streichmassage

Zuerst geht’s an die Reinigung. Mit dem Latexschwamm wird der oberflächliche Schmutz entfernt. Das fühlt sich an wie eine sanfte Streichmassage. An einigen Stellen kratzt ein Skalpell Leimreste und alte Schmutzverkrustungen weg. Ich war doch ganz schön dreckig!

Gerade liege ich bei der Restauratorin Dagmar Kuhl auf dem Tisch. Sie schneidet die Heftfäden auf und trennt «uns» Fragmente von der Buchdecke. Jetzt gehen wir erstmal getrennte Wege.

Ohne diese lästigen Verklebungen fühl ich mich doch gleich viel beweglicher

Überall kleben noch Papier- und Pergamentstreifen, die dazu dienten, dass wir zu einem Buch zusammengebunden werden konnten. Die Verklebungen haben mich doch ziemlich wellig werden lassen und auch etwas Schrift verdeckt. Und weil ja alles wieder sichtbar sein soll, müssen alle Verklebungen gelöst werden. Erst mechanisch mit dem Skalpell und dann noch mit Feuchtigkeit. Hier kommt Kleister auf die Verklebung und löst den Klebstoff langsam an. Dafür braucht die Restauratorin ein bisschen Geduld, aber dann lässt sich alles ganz leicht entfernen.

Pergament- und Papierfälze halten die einzelnen Seiten zusammen.


Mit einem Pergamentstreifen und zwei Fragmenten wurde eine neue Lage gebildet.

Heute geht’s meinen Falten und Wellen an den Kragen

Das freut mich sehr, denn ich schaue wirklich nicht mehr ganz so «nice» aus. Die vergangenen Jahrzehnte sieht man mir doch deutlich an. Jetzt komme ich in den «Zedernholzkasten», so heisst diese wundervolle Klimakammer. Dies ist ein Holzrahmen, der mit einem Plexiglas abgedeckt wird. In die Kammer kommt eine Wanne mit Wasser, ein Messgerät für Temperatur und Luftfeuchtigkeit, sowie ein Sieb. Auf diesem werde ich platziert und schwebe quasi ganz entspannt in einem Nebel aus Feuchtigkeit. Die Entspannung tut mir unglaublich gut. Und nach 2 Tagen habe ich dann auch fast meine ursprüngliche Form zurück.

Viele Verklebungen und Feuchtigkeit haben das Pergament wellig werden lassen.

Störrisches Pergament wird im Zedernholzkasten mit einer Luftfeuchtigkeit von fast 90 Prozent wieder geschmeidig gemacht.

Lifting 2.0

Neben mir ertönt auf einmal ein lautes Geräusch. Das kommt vom Nasssauger, der an den Saugtisch angeschlossen ist. Der Zedernholzkasten wird geöffnet und vier Hände legen mich auf den Saugtisch. Ich merke, wie mich die Luft regelrecht auf den Tisch saugt. Zwei Hände fixieren mich rechts, während die beiden anderen an mir zerren. Nach und nach merke ich, wie auch die letzte kleine Falte verschwindet. So liege ich nun frisch geliftet auf dem Saugtisch, der mir allmählich die Feuchtigkeit entzieht. Nach ein paar Stunden werde ich zwischen Vlies und Löschkarton gebettet und bleibe für die nächsten Monate in der Schlagpresse. Dort kann ich langsam vor mich hin trocknen, ohne dass die gemeinen Falten zurückkommen werden.

Die beiden Restauratorinnen, Dagmar Kuhl und Franziska Richter, versuchen, jede noch so kleine Falte des Pergamentes auf dem Saugtisch auszustreichen.

Raus aus der Presse liege ich nun auf dem Arbeitstisch. Schön flach und ohne Falten schliesst Dagmar mit kleinen chirurgischen Eingriffen noch ein paar Risse und Fehlstellen. Das Japanpapier wurde davor schon, meinem Hautton passend eingefärbt, dass am Ende sogar jegliches Makeup überflüssig ist. Und so erstrahle ich heute weise, aber mit jugendlichem Teint.

Risse und Fehlstellen werden mit Japanpapier und Störleim (Hausenblase) geschlossen.

Bereit fürs Fotoshootig?

Nach Monaten in der Bestandserhaltung führt mich mein Weg heute ins Digtalisierungszentrum. Dort soll ich abgelichtet werden. Weisse Baumwollhandschuhe drehen und wenden mich. Ich werde von allen Seiten begutachtet. Der «SupraScan Quartz A1» soll mich ablichten. Sanft werde ich auf dunklem Karton platziert, zusammen mit dem Tisch fahre ich nach oben und kurz vor der Glasplatte stoppe ich. Und plötzlich geht’s los. Jitka Sebrlova, die Scanoperatorin, drückt den Auslöser und ein Lichtstreifen scannt mich von links nach rechts ab. Vor den 400 dpi Auflösung habe ich nun keine Angst mehr, man darf ruhig alles sehen, bis ins kleinste Detail…Fältchen hab ich ja keine mehr.

Jitka Sebrlova scannt die Fragmente der Handschrift, damit diese auch digital zur Verfügung stehen.

Jetzt sind es nur noch ein paar Tage bis zur Eröffnung der Ausstellung. Auf einem säurefreien Passepartoutkarton werde ich so mit Mylarstreifen montiert, dass ich quasi daliege wie eine «1». Nichts darf verrutschen, alles muss für die nächsten 3 Monate in der Ausstellungsvitrine an Ort und Stelle sitzen.

Dann endlich werde ich in die schöne Schatzkammer getragen. Das ist alles ziemlich aufregend, denn ich bin so gespannt, was mich in meiner Vitrine erwartet. Die Rückwand ziert ein Zitat «Der grossen Frau zu Zürich bin ich vereidet» – Landmann aus Uri in Friedrich Schillers «Wilhelm Tell» [TI1] .

Die beiden Restauratorinnen, Cornelia Haas und Kerstin Ebenau, öffnen meine Vitrine. Alle anderen Schätze liegen bereits darin, nur ich fehle noch. Ich werde links hinten auf einem Plexiglasständer platziert, dann rücken die beiden mich noch etwas nach vorne. Die passende Legende wird vor mir aufgestellt. Mit dezenten, aber ausreichenden 50 Lux werde ich angestrahlt und dann ist die Vitrine auch schon wieder zu und wird verschlossen. Ich bin so gespannt wie viele Augen mich die nächsten Wochen bestaunen werden.

Pergamentfragment in der Wandvitrine der Ausstellung «Starke Zürcherinnen»

Warum wir noch vorhanden sind…

Nach unserem ersten Leben als Pergamenthandschrift, wurden wir auseinandergenommen um dann in unserem zweiten Leben verschiedene Drucke und Handschriften als Einband zu schützen. Pergament war schon immer etwas sehr Wertvolles und so wurden wir quasi als Einbandmaterial recycelt. Das kann man besonders gut an den Einschlägen sehen. Die vier Ecken wurden so abgeschnitten, dass sie sich zu einer schönen Ecke formen lassen. Parallel zum Rücken im Falz sieht man deutlich noch die Schnitte, an denen die Pergamentriemchen der Heftung durchgezogen wurden. Und unser drittes Leben wurde gerade aufgelöst und so geht es jetzt voller Elan und aufgehübscht ins Vierte.

Um die Handschrift als Einband zu verwenden, schnitt man alle 4 Ecken an den Einschlägen ab.

Links und rechts der Lagenmitte sieht man jeweils zwei kleine Schnitte dicht nebeneinander. Durch diese wurden die Pergamentriemchen gezogen, um den Buchblock mit der Buchdecke zu verbinden. Auch der ehemalige Einschlag oben ist deutlich sichtbar.

Man sieht deutlich den ehemaligen Buchrücken, mit der hellen Stelle des einstigen Signaturschildes. 4 Bünde, quer zum Rücken, sind durch die vielen kleinen Heftlöcher sichtbar. Das Einbandpergament wurde dort mit dem Buchrücken verbunden.

Ein Pergamentband mit fünf durchgezogenen Pergamentriemchen am Gelenk zwischen Buchrücken und Buchdeckel.



Stv. Leiterin Bestandserhaltung