Fantastische Karten zu legendären Geschichten
J.R.R. Tolkien • Harry Potter • D&D • One Piece • Game of Thrones • Indiana Jones • Jurassic Park • Star Wars • Moomintroll • Dune • Land of Oz • The Mummy • Umbrella Academy • Divina Commedia • Utopia • Gulliver's Travels • Robinson Crusoe • Treasure Island • Mappae Mundi • Peter Pan • Don Quijote • Alice in Wonderland • Jules Verne
Oder: Warum der Weg nach Mittelerde vielleicht in Zürich beginnt
«The Cauldron of Story has always been boiling […]» – mit diesem Bild beschreibt J.R.R. Tolkien in seinem berühmten Essay On Fairy-Stories, dass Geschichten niemals aus dem Nichts entstehen. Sie köcheln seit Jahrhunderten in einem gemeinsamen Kessel, in dem sich Mythen, Märchen, historische Ereignisse und literarische Motive unablässig miteinander vermischen. Wer eine neue Geschichte erzählt, schöpft aus diesem Kessel – und fügt zugleich neue Zutaten hinzu.
Dass sich dieser Geschichtenkessel nicht nur lesen, sondern auch kartieren lässt, zeigt die Ausstellung Fantastische Karten zu legendären Geschichten, die vom 4. September bis 5. Dezember 2026 in der Zentralbibliothek Zürich zu sehen ist. Gemeinsam mit der bedeutenden Privatsammlung Ex Carta lädt die Abteilung Karten und Panoramen der Zentralbibliothek Zürich zu einer Reise durch mehr als tausend Jahre Erzähl- und Kartengeschichte ein – von mittelalterlichen Weltbildern über Abenteuerromane bis hin zu Fantasy, Science-Fiction, Games und Film.
Karten erzählen Geschichten – und Geschichten brauchen Karten
Karten gelten gemeinhin als nüchterne Orientierungshilfen. Sie vermessen Räume, legen Grenzen fest und helfen dabei, den Weg zu finden. Fiktionale Karten erfüllen noch eine andere Aufgabe: Sie machen Welten glaubwürdig.
Bevor Frodo den Ring nach Mordor trägt, bevor Harry Potter durch die Gänge von Hogwarts schleicht oder bevor eine Heldengruppe in einem Dungeons & Dragons-Abenteuer den nächsten Drachen sucht, existiert häufig bereits eine Karte. Sie ordnet Landschaften, macht Entfernungen plausibel und vermittelt das beruhigende Gefühl, dass diese Welt tatsächlich existieren könnte – selbst wenn hinter dem nächsten Gebirge Elben, Drachen oder sprechende Bäume wohnen.

Fantasy-Autorinnen und -Autoren erschaffen ihre Welten deshalb selten ohne Kartografie. Karten strukturieren Erzählungen ebenso wie unsere Vorstellungskraft. Sie sind nicht bloss Illustration, sondern ein eigenständiges narratives Medium.
Der Geschichtenkessel wird begehbar
Anstatt Fantasy-Literatur nach Genres oder Medien zu ordnen, übernimmt die Ausstellung Tolkiens Bild des Cauldron of Story als räumliches Konzept. Besuchende bewegen sich gewissermassen durch einen begehbaren Geschichtenkessel.
Der Rundgang beginnt im «fantastischen» Mittelalter, führt über Abenteuer- und Kinderliteratur zu High Fantasy, Science-Fiction sowie Games und endet schliesslich bei filmischen Welten. Unterwegs zeigt sich immer wieder, wie historische Karten und kulturelle Vorstellungen spätere Erzählwelten geprägt haben. Fantasy entsteht nicht aus dem Nichts – sondern aus jahrhundertelangem «kulturellem Recycling». Oder, um im Bild des Kessels zu bleiben: Gute Geschichten schmecken besonders gut, wenn sie lange köcheln.
Was haben die Schweizer Alpen mit Mittelerde zu tun?
Ein besonderer Schwerpunkt gilt J.R.R. Tolkien selbst. Seine Karten von Mittelerde werden historischen Karten gegenübergestellt, die nachweislich zu seinen Weltentwürfen beigetragen haben. Dazu gehören frühneuzeitliche Schweizer Karten ebenso wie Eindrücke seiner Alpenreise von 1911.

Wer also bisher überzeugt war, Fantasy beginne erst mit Orks und Zauberern, dürfte überrascht feststellen, dass manchmal bereits eine historische Schweizer Karte genügt, um eine literarische Welt entscheidend mitzuprägen. Mittelerde führt eben nicht nur nach Mordor, sondern gelegentlich auch über die (Schweizer) Alpen.

Zwischen Schatzkammer und Spieltisch
Neben wissenschaftlich bedeutenden Exponaten zeigt die Ausstellung auch Originale, die vielen Besuchenden sofort vertraut vorkommen werden. Ein besonderer Höhepunkt ist die originale Marauder's Map aus Harry Potter and the Prisoner of Azkaban.
Doch die Ausstellung beschränkt sich nicht nur aufs Betrachten: Vorträge und eine Citizen-Science-Plattform zur Visualisierung von Ideen schlagen Brücken zwischen Forschung und Praxis. Während eines Live-Spiels von Dungeons & Dragons entstehen sogar neue Karten direkt vor Ort. Wissenschaftlich begleitet wird dabei nicht nur das fertige Kartenbild, sondern auch der kreative Aushandlungsprozess zwischen den Spielenden – denn jede Karte erzählt bereits während ihrer Entstehung eine Geschichte.
Zwei Sammlungen – eine neue Perspektive
Erstmals werden die Bestände der Abteilung Karten und Panoramen der Zentralbibliothek Zürich mit der international bedeutenden Privatsammlung Ex Carta zusammengeführt. Beide Sammlungen ergänzen sich auf bemerkenswerte Weise: Während Ex Carta eine aussergewöhnliche Vielfalt fiktionaler Kartografie dokumentiert, bewahrt die Zentralbibliothek Zürich eine der bedeutendsten kartengeschichtlichen Sammlungen der Schweiz.
Gerade diese Verbindung macht sichtbar, dass historische und fantastische Karten keine Gegensätze sind. Vielmehr erzählen sie dieselbe Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln: die Geschichte davon, wie Menschen ihre Welt verstehen – oder sich eine neue erschaffen.
Vielleicht beginnt jede grosse Geschichte mit einer Karte
Am Ende der Ausstellung bleibt eine Erkenntnis, die Tolkien vermutlich gefallen hätte: Karten zeigen nicht nur, wo etwas liegt. Sie zeigen auch, was Menschen für möglich halten.
Vielleicht beginnt deshalb jede grosse Geschichte mit einer einfachen Frage: Wo sind wir eigentlich? Und manchmal lautet die überraschende Antwort: mitten in Zürich – dort, wo (historische) Kartografie und fantastische Welten für einen Herbst lang denselben Geschichtenkessel zum Brodeln bringen.
Neugierig geworden?
Begeben Sie sich vom 4. September bis 5. Dezember 2026 selbst auf Entdeckungsreise durch den Geschichtenkessel der Zentralbibliothek Zürich. Originale aus Literatur und Film, historische Karten und einzigartige Leihgaben aus der Privatsammlung Ex Carta laden dazu ein, bekannte Welten mit neuen Augen zu sehen – und vielleicht den eigenen Lieblingsort auf einer fantastischen Karte wiederzufinden.
Wir freuen uns auf Ihren Besuch!
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Abteilung Karten und Panoramen |

