Elisabeth Brock-Sulzer: Pionierin des Feuilletons
Zu Lebzeiten ist Elisabeth Brock-Sulzer (1903–1981) im literarischen Leben Zürichs und der Schweiz ein grosser Name. Sie schreibt über Literatur, übersetzt aus dem Französischen, diskutiert auf Podien. Heute ist sie, wie viele Autorinnen, fast vergessen. Ihr Nachlass liegt in der ZB. Eine Spurensuche.
Schreiben und Studieren in Zürich und Paris
Elisabeth Sulzer beginnt zu schreiben, als das für Frauen noch die Ausnahme ist. Erste Veröffentlichungen fallen in die Zeit ihres Studiums. Auch das Studieren ist für Frauen noch nicht selbstverständlich. Die Schweiz nimmt dabei in Europa eine besondere Rolle ein: Seit den 1860er Jahren werden erste Studentinnen zugelassen. Sulzer, die als Tochter eines Lehrers in Winterthur und Zürich aufgewachsen ist, studiert seit 1922 an der Universität Zürich Romanistik.
Sie gehört nicht zu jenen jungen Frauen, die sich den 1920er Jahren politisch progressiv positionieren. Ihr publizistisches Debüt gibt sie als Studentin in «Das Gewissen», dem rechtskonservativen Publikationsorgan des deutschen Juniklubs, zu dem auch ihr späterer Ehemann, der Philosoph Erich Brock, Texte beisteuert. Aus Paris, wo sie zwischenzeitlich lebt und studiert, liefert sie Beiträge für das «Aargauer Tagblatt».
Das Studium schliesst sie mit einer Dissertation über Honoré de Balzac bei Theophil Spoerri ab, wie 1931 in der «Neuen Zürcher Zeitung» angezeigt wird. In der NZZ hat sie vier Jahre zuvor auch die Doktorarbeit ihrer Mitstudentin, der Romanistin Martha Vogler, rezensiert, die ebenfalls bei Spoerri entstanden ist.
Frühe Anerkennung
Die Doktorarbeit von Elisabeth Sulzer bekommt Aufmerksamkeit über die Wissenschaft hinaus. So druckt die NZZ im Mai 1931 eine lange Besprechung. Kurioser ist eine Würdigung, die im «Landboten» erscheint: «Man darf sagen», heisst es da über ihr Buch, es sei seiner literaturgeschichtlichen «Aufgabe in weitem Masse gerecht» geworden. Der Rezensent ist Erich Brock, den Elisabeth Sulzer wenige Monate später, im August 1931, heiraten wird.
Im gleichen Jahr wird sie zur Hauptlehrerin für Französisch an der Töchterschule in Zürich gewählt. Sie unterrichtet nun an dem pädagogischen Institut, das sie selbst besucht hat. Aus dieser Zeit stammen wohl auch lyrische und epische Versuche, die in ihrem Nachlass überliefert sind – und vermutlich nie veröffentlicht wurden. Fast scheint es, als zöge sich Elisabeth Brock-Sulzer nach der Hochzeit aus der Öffentlichkeit zurück.
Wie sie sich zum NS-Terror in Deutschland positioniert, der in ihrem teils deutschnationalen, teils liberalen Umfeld unterschiedlich bewertet wird, ist unklar. Die Korrespondenz mit Ernst Ginsberg (zwischen 1930 und 1964) oder Waldemar Gurian (zwischen 1934 und 1954), aber auch mit Gertrud von Le Fort (zwischen 1931 und 1947) sowie Gretha und Ernst Jünger (1938 und 1949/52) bedarf diesbezüglich genauerer Auswertung.
Theaterkritikerin in Zürich
Nach 1945 wird Brock-Sulzer Theaterkritikerin der Zürcher Zeitung «Die Tat», deren Feuilleton von Max Rychner geleitet wird. Sie tritt dort die Nachfolge von Bernhard Diebold an, der 1945 gestorben ist. Mit Beharrlichkeit und Disziplin erobert sie die Sympathien der Redaktion und des Publikums.
Zwischen 1945 und 1977 schreibt sie mindestens 1‘500 Kritiken, so die vorsichtige Schätzung aus den überlieferten Belegen im Nachlass. Im Durchschnitt bedeutet das: ungefähr eine Kritik pro Woche. Das klingt bescheiden. Doch Brock-Sulzer unterrichtet weiter an der Töchterschule, während sie für Zeitungen und Zeitschriften im In- und Ausland rezensiert und Essays beisteuert – etwa für die «Basler Nachrichten» oder die «Frankfurter Allgemeine Zeitung»; für «Akzente», «Hochland» oder «Theater heute».
Fast jedes Stück des Zürcher Schauspielhauses hat sie in ihrer Zeit als Kritikerin besprochen. Doch nicht nur das: Sie schreibt über Gastspiele und über Schul- und Puppentheater, berichtet von grossen und kleinen, von neuen und alten Bühnen. Viele Theater werben um ihren Besuch.
Dürrenmatt und Ginsberg
1960 erscheint das Buch, mit dem ihr Name lange verbunden bleiben wird: «Friedrich Dürrenmatt. Stationen seines Werkes». Es ist, wie der Germanist Peter Rusterholz 2007 bemerkt, «das erste Buch über den jungen Dürrenmatt». Weitere Auflagen der Werkbiografie folgen 1964 und 1970, 1986 die Neuauflage bei Diogenes. 1966 erscheint zudem «Friedrich Dürrenmatt: Eine Werkinterpretation nach Selbstzeugnissen». «Sie haben mein Schaffen vom Augenblick an, als es zum Vorschein kam, mit einer Vehemenz begleitet, kommentiert und verteidigt, die ihresgleichen sucht», erinnert sich Dürrenmatt 1973 in der «Tat». «Sie machten mir immer wieder Mut weiterzuschreiben.»
Und noch ein zweiter Name ist mit dem ihren eng verbunden, der des Schauspielers Ernst Ginsberg, der 1933 aus Deutschland emigriert und unter dem Dramaturgen Kurt Hirschfeld ein Engagement am Schauspielhaus Zürich findet. Brock-Sulzer, die mit Ginsberg viele Briefe wechselt, widmet ihm 1963 eine Monografie in der Reihe Theater heute. Auch das Vorwort zu seinen 1965 veröffentlichten Lebenserinnerungen stammt von ihr.
Nicht alles Theater
Das Theater nimmt seit 1945 die erste Stelle im Werk von Elisabeth Brock-Sulzer ein. In «Theater: Kritik aus Liebe», 1954 erschienen, legt sie davon ein erstes Zeugnis in Buchform ab. Ihr Repertoire ist ungleich breiter, wie auch die Reihen von Funkvorträgen zeigen, die sie für Radio Zürich gestaltet – darunter «Der europäische Roman des 19. Jahrhunderts». Sie übersetzt Charles Ferdinand Ramuz aus dem Französischen und liefert zahlreiche Vorworte zu literarischen Neuausgaben – von George Sand bis zu Leo Tolstoi.
Seit den 1950er-Jahren wird sie regelmässig für Vorträge und Podien angefragt. Sie ist Mitglied von Jurys, spricht in Universitäten, an Schulen und Volkshochschulen. In größeren Runden ist sie oft, wie sie selbst bemerkt, die einzige Frau. «Ihr Wunsch» sei es gewesen, so berichtet Dürrenmatt 1973 in der oben erwähnten Würdigung, «eine Assistentenstelle an der Universität gegen eine bescheidene Besoldung anzunehmen». Doch die gab es damals nicht. Stattdessen besetzt sie Zwischenräume zwischen Literatur, Publizistik und Wissenschaft – und erlangt grosse Bekanntheit weit über Zürich hinaus.
Potential für die Forschung
1981 stirbt Elisabeth Brock-Sulzer. Ihr Nachlass befindet sich in der Zentralbibliothek Zürich. Die Forschung hat sich bisher kaum mit ihrem Leben und ihrer Arbeit befasst. Auf den ersten Blick geben ihre Positionen für eine Neubewertung wenig her: Zu sehr scheint sie einem alten, männlichen Kanon verhaftet. Zu sehr verdankt sie die Aufmerksamkeit den «grossen» Autoren, mit denen sie sich befasst. Zu stark erscheinen die Verbindungen zu einem traditionalistischen Umfeld, zu schwach ihre Vernetzungen in die Szenen der Zürcher Avantgarden. Zu irritierend wirken die Spannungen zwischen Konvention und Moderne.
Erst auf den zweiten Blick wird das Potential deutlich: Elisabeth Brock-Sulzer gehört zu den Pionierinnen des Feuilletons nach 1945. Dass ihre politischen und ästhetischen Präferenzen in kein Schema passen, macht das Fallbeispiel umso interessanter. Wenn man die begrenzten Möglichkeiten betrachtet, die Frauen in Wissenschaft und Presse nach 1945 haben, dann veranschaulichen ihre Nachlassmaterialien die beeindruckenden Spielräume, die sich Elisabeth Brock-Sulzer erschrieben hat.
Brock-Sulzer wiederentdecken: Essays und Bücher
Eine vollständige Verzeichnung der Veröffentlichungen von Elisabeth Brock-Sulzer liegt bislang nicht vor. In ihrem Nachlass an der Zentralbibliothek Zürich finden sich jedoch Belege zahlreicher Publikationen. Die Zeitung «Die Tat», für die Brock-Sulzer zwischen 1945 und 1977 als Theaterkritikerin regelmässig schrieb, steht auf der Plattform e-newspaperarchives.ch digital zur Verfügung. Anbei eine Übersicht der wichtigsten Monografien Brock-Sulzers:
Natur und Mensch im Werke Honoré de Balzacs
«Und seine Naturbilder sind nur Variationen über diese Vorliebe zum Schreiten vor dem Sein. – Sie alle gestalten das Sein und stellen ihm als ein Höheres das Schreiten entgegen; sie alle gestalten das Feste, Starre und lassen es sich lösen, erlösen, auflösen durch das Bewegte, Fliessende. Sie alle gehen vom Sein zum Leben, und das heisst Werden und heisst für Balzac noch mehr Sterben.»
Von der schwierigen und notwendigen Liebe zu Frankreich
«Es ist noch nicht lange her, da schien es das Natürlichste und mithin Leichteste, namentlich für uns Deutschschweizer, Frankreich zu lieben. (…) Dass Französisch bei uns ein Hauptfach der mittleren und höheren Schulen war und ist, war nicht nur eine durch das Gesetz jeder Diskussion enthobene Tatsache, sondern wurde auch vom Bewusstsein der Öffentlichkeit niemals angezweifelt. Würde man aber heute eine Abstimmung unten den jungen Menschen veranstalten, ob sie dem Englischen oder Französischen den Vorzug gäben, so würde diese Abstimmung ziemlich sicher nicht zu Gunsten des Französischen ausfallen.»
Friedrich Dürrenmatt. Stationen seines Werkes
«Friedrich Dürrenmatt, von dessen Werk hier klärend gesprochen werden soll, hat einmal gesagt: ‹Ich habe keine Biographie›. (…) Suspekt sind jene Künstler, deren Leben ‹interessanter› ist als ihr Werk. Dürrenmatt ist an seinen Werken zu erkennen. Das macht seine Stärke aus. Das schreibt aber auch den Weg vor für seine Kommentatoren.»
Ernst Ginsberg
«Denkt man von einer Figur Ernst Ginsbergs, sie sei klug gestaltet, so denkt man es, weil sofort der Eindruck einer gemeisterten Aufgabe entsteht. Was aber unmittelbar, vor allem Denken bezwingt, ist die Gebärde, ist die Erscheinung, ist die Sprachkraft, ist die Figur, die nicht mehr Ginsberg heisst und die nach ihres Gestalters Willen, der jede private Exhibition ablehnt, nie und nimmer Ginsberg heissen darf.»
Friedrich Dürrenmatt. Eine Werkinterpretation nach Selbstzeugnissen
«[G]anz offensichtlich hat Dürrenmatt eine neue Freiheit seinem Ich gegenüber gewonnen. Er würde es heute nicht mehr nötig finden, zu behaupten: ‹Ich habe keine Biographie›; er schirmt sich nicht mehr ab gegen eine literarische Welt, die sich nicht genug tun kann im Erforschen jenes Persönlichen, um dessen Überwindung willen doch schliesslich die Künstler ihr Werk schaffen; er hat offenbar auch die Kraft gewonnen, vor seiner Kindheit zu bestehen, was schwerer ist, als wir meistens einzusehen wagen.»
Gotthold Ephraim Lessing
«Kampf hat einen grossen Teil von Lessings Zeit und Kraft verschlungen, Kampf um das Theater, Kampf mit den Philologen, Literaten, Theologen, Kampf um das tägliche Brot. So intensiv hat er sich in all dem eingesetzt, dass, hätte er sich in dem, was wir heute Journalismus nennen, erschöpft, er immer noch ein imponierendes Lebenswerk geschaffen hätte.»
Der europäische Roman des 19. Jahrhunderts
«So sehr sind uns viele Gestalten der Dichter in Denken und Fühlen eingegangen, dass sie wirklich ein Stück von uns selbst geworden sind und als solches wohl recht merkwürdige Verwandlungen durchgemacht haben. Aus Madame Bovary ist unsere Madame Bovary geworden, aus dem Grünen Heinrich unser Grüner Heinrich. So ist es auch recht. Aber lohnte es sich nicht, ihnen wieder einmal als Fremden zu begegnen und nachzuprüfen, ob sie sich in uns nicht vielleicht allzu weit von ihrem Ursprung entfernt haben?»
Hendrikje Schauer ist Literaturwissenschaftlerin. 2025 war sie Willy-Bretscher-Fellow an der ZB Zürich;
im Sommersemester 2026 vertritt sie die Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft
und Komparatistik an der Universität Münster.
Bildkonzept und -recherche: Tobias Scheidegger, Kulturwissenschafter und Mitarbeiter Abteilung Turicensia
Mai 2026
Header-Bild: Elisabeth Brock-Sulzer hält die Laudatio bei der Verleihung des Reinhart-Rings an den Schauspieler Ernst Ginsberg. Aufgenommen im September 1963 im Schauspielhaus Zürich. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str.)







