Haben Sie unsere virtuelle Ausstellung zu Gottfried Kellers wohl berühmtester Novelle «Romeo und Julia auf dem Dorfe» schon entdeckt? Seit August kann sie online erkundet werden. Doch wie ist es überhaupt zu dieser Ausstellung gekommen?

170 Jahre «Die Leute von Seldwyla»

Gottfried Keller im Alter von etwa 40 Jahren, um 1860. Foto von Adolf Grimminger. ZB Zürich.Am Anfang stand, wie so oft, ein Jubiläum: 170 Jahre ist es her, seit der erste Band von Kellers Novellenzyklus «Die Leute von Seldwyla» veröffentlicht wurde. Darin enthalten auch die Novelle «Romeo und Julia auf dem Dorfe».

Aus diesem Anlass ist unter der Trägerschaft der Stiftung Gottfried-Keller-Zentrum das Literatur- und Kulturprojekt «Julia und Romeo, ein Dorf schreibt Geschichte» entstanden. In Glattfelden, dem Heimatort des Dichters, unterzieht es den Stoff der klassischen Novelle einem zeitgenössischen Realitätscheck und denkt über Möglichkeiten für einen glücklicheren Ausgang nach.

Gottfried Kellers Nachlass befindet sich in der Zentralbibliothek Zürich. Zudem beherbergt die ZB in ihrem Bestand unzählige Werke von und über Keller und pflegt die Gottfried Keller-Bibliographie. Beste Voraussetzungen für eine Kooperation mit dem Glattfelder Projekt.

Zusätzlich zur virtuellen Ausstellung zu «Romeo und Julia auf dem Dorfe», die zum Projektstart aufgeschaltet wurde, hat die ZB im September in Glattfelden mit einer Schulklasse einen Schreibworkshop durchgeführt.

Vorarbeiten

Wie es bei Klassikern so ist, war die Geschichte in ihren groben Zügen bekannt, die Erinnerung in den Details aber etwas verschwommen. Ein erneutes Eintauchen in den Text war angebracht und stellte sich als sehr bereichernd heraus. Es lohnt sich nicht nur, die Ausstellung anzuschauen, sondern auch die Novelle (wieder) einmal zu lesen.

So gerüstet ging es darum, den konzeptionellen Rahmen für die Ausstellung festzulegen und Unterstützung zu suchen. Allen Mitwirkenden sei an dieser Stelle herzlich gedankt! Wir entschieden uns, den Inhalt der Novelle, ihre Entstehungs- und Wirkungsgeschichte sowie das Leben von Gottfried Keller zu thematisieren.

Bildmaterial aus dem Nachlass …

Erfreulicherweise wurden bereits 2019, anlässlich des 200. Geburtstags des Dichters, ausgewählte Texte, Manuskripte, Briefe und Bilder aus seinem Nachlass digitalisiert. Das hat die Arbeit an der Ausstellung sehr erleichtert. Die Herausforderung bestand darin, aus dieser Fülle an Material eine Auswahl zu treffen und sich auf das wesentliche Bild, die aussagekräftige Briefpassage zu beschränken. Am Schluss mussten schweren Herzens noch ein paar darlings gekillt werden. Gerne nutze ich die Gelegenheit, um einige davon hier doch noch zu präsentieren:

… und dem Untergrund

In den Magazinen der ZB verbergen sich zudem unzählige Ausgaben von «Romeo und Julia auf dem Dorfe». Von der Erstausgabe, erschienen 1856, bis zu einer Version von 2024 in einfacher Sprache finden sich weit über 100 Publikationen in den verschiedensten Sprachen und Formaten. Übersetzt wurde selbstverständlich in die «gängigen» europäischen Sprachen, aber es finden sich auch Fassungen in hierzulande weniger geläufigen Sprachen, zum Beispiel auf Walisisch oder Isländisch. Sogar eine Version in Steno wurde 1926 herausgegeben.

1926 erscheint im Deutschen Kurzschrift-Verlag in Göttingen eine Ausgabe von «Romeo und Julia auf dem Dorfe» in Stenografie. ZB Zürich.

Viele Ausgaben von «Romeo und Julia auf dem Dorfe» sind illustriert. Gottfried Keller selbst stand der Bebilderungen seiner Geschichten skeptisch gegenüber. Er wollte, dass sich die Leserinnen und Leser ihre eigenen Bilder machen. Doch die tragische Liebesgeschichte der zwei armen Bauernkinder hat offenbar viele Künstlerinnen und Künstler inspiriert. Für die Ausstellung haben urheberrechtliche Überlegungen unsere Bildauswahl mitbestimmt und auch eingeschränkt. Als Vorgeschmack, eine Auswahl von Illustrationen aus der Ausstellung.

Zum Abschluss

Schauen Sie am besten selbst, wie Texte und Bilder zusammengekommen sind und welches Gesamtbild sich ergibt. Uns sind bei der Arbeit sowohl Gottfried Keller als auch seine Figuren ans Herz gewachsen und wir sind gespannt auf die glücklicheren Wendungen des Glattfelder Projekt für Julia und Romeo.


 




Turicensia