Eine Utopie der Moderne wird 100 Jahre alt

Eine ganz neuartige Stadt sollte es sein, geplant für drei Millionen Menschen. Beherrscht von 24 im Raster angeordneten Wolkenkratzern, dazu zentrumsnahe Wohnblöcke und Gartenstädte im Umland. In der City ein grosser Bahnhof mit einer Plattform, auf der Flugzeuge landen konnten. Erschlossen wurde das Ganze durch mehrspurige Autobahnen. Die Wolkenkratzer waren von weiten Grünflächen umgeben, ringsum fanden sich Restaurants, Cafés und Geschäfte. Auf der einen Seite des Zentrums lagen die öffentlichen Gebäude, auf der anderen das Industriequartier.
Diese städtebauliche Vision sorgte vor genau hundert Jahren auf dem Herbstsalon im Pariser Grand Palais für Furore. Wo sonst vor allem aktuelle Kunst ausgestellt wurde, war diesmal auf 200 Quadratmetern ein Diorama aufgebaut worden. Dort erhielten die Besucher einen fesselnden Eindruck davon, was sich der Architekt erdacht hatte. Diesen Architekten, Charles-Édouard Jeanneret aus La Chaux-de-Fonds, der damals seit fünf Jahren in Paris lebte, kennen wir heute alle unter seinem Künstlernamen: Le Corbusier (1887-1965).
Le Corbusiers Projekt führte vor allem deshalb zu hitzigen Diskussionen, weil es nicht als ferne Utopie sondern als Modell für die zeitgenössische Stadt, die «ville contemporaine» diente. Und spätestens mit dem 1925 ausgestellten «Plan Voisin» war klar, dass die neue Stadt mitten in Paris entstehen sollte: diese Aussicht war vielen Parisern dann doch zu modern.
Die damals angestossene Diskussion hat im Städtebau der Moderne weltweit Spuren hinterlassen. Nicht selten werden Hochhäuser und Neubauquartiere à la Corbusier bis heute als Sinnbilder einer fehlgeleiteten Entwicklung wahrgenommen. Dem Ansehen des Architekten hat das nicht geschadet: 17 seiner Werke, darunter mehrere in der Schweiz, gelten heute als UNESCO Weltkulturerbe.
Literatur zu Le Corbusier gibt es en masse. Frühe Ausgaben seiner Bücher sind heute begehrte Sammlerstücke und dürfen deshalb meistens nicht ausgeliehen werden. Benutzt werden können sie aber in den Lesesälen der Zürcher Bibliotheken – allen voran denen der ETH und der ZHdK. Aber auch die ZB hat einige Le Corbusier-Perlen.