Ein jiddischer Ritterroman: «Bovo de-Anṭona»
Das sogenannte Bovo-Buch aus dem 16. Jahrhundert erzählt die Geschichte eines jungen Helden. Seine Mutter, die den deutlich älteren Herzog von Antona geheiratet hat, führt ein Leben in Luxus:
«Bei im hate zi ein kostlich Lebn:
Was zi bigert, wur[d] ir giacht.
Zi hate guti Teg un’ bözi Nacht.»
(Mit ihm hatte sie ein prächtiges Leben;
Was sie begehrte, ward ihr zugedacht,
Sie hatte gute Tag’ und schlimme Nacht’.)
Sie empfindet keine Liebe für ihren Ehemann, lässt ihn umbringen und heiratet den Mörder. Ihr Sohn Bovo wird zum Flüchtling. Er muss allerlei Prüfungen bestehen und erlebt zahlreiche Abenteuer, bevor die Geschichte für ihn glücklich endet.
Das Buch mit dem Titel «Bovo de-Antona» ist in vieler Hinsicht aussergewöhnlich. Vom Erstdruck gibt es heute nur noch das Exemplar der Zentralbibliothek Zürich. Verfasser des literarisch hochstehenden Ritterepos ist der jüdische Gelehrte Elijah Levita, der 1469 in Deutschland geboren wurde und nach mehreren Vertreibungen überwiegend in Italien lebte. 1508 fasste er dort den bekannten Stoff des legendären Helden Buovo oder Bevis in jiddische Verse. Das aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangene Jiddisch wurde von den aschkenasischen Juden gesprochen und mit hebräischen Schriftzeichen auch geschrieben. Erst mehr als drei Jahrzehnte später, 1541, konnte Levita seinen Roman in Isny im Allgäu drucken lassen.
Die mit derben Ausdrücken geschilderten Abenteuer und Liebesgeschichten entsprachen wohl kaum der religiös geprägten Lebenswelt der damaligen Juden und Jüdinnen. Doch Levita gelang es, die aus einem christlichen Umfeld stammende literarische Vorlage mit jüdischen Ausdrücken – nicht ohne humoristische Note – und durch Anspielungen auf jüdische Bräuche in einem jüdischen Kontext zu erzählen. Und dies mit Erfolg: Zahlreiche Neuauflagen zeigen die grosse Beliebtheit des Werks.
- Christian Scheidegger
Alte Drucke und Rara
