Ein bislang unbekannter Brief an Goethe?

Dass sich Unbekannte plötzlich als Bekannt- oder gar Berühmtheiten entpuppen, zeigte sich jüngst bei der Erschliessung der Korrespondenz des Zürcher Pfarrers und Physiognomikers Johann Caspar Lavater (1741−1801). Gerade konnte ein Brief identifiziert werden, der mit hoher Wahrscheinlichkeit an Johann Wolfgang von Goethe gerichtet ist. Wie ist das möglich?
Die Digitalisierung vereinfacht die Spurensuche. Sie macht im Fall Lavaters ein immenses Korrespondenznetzwerk digital zugänglich und durchsuchbar. Gleichzeitig rückt sie Bestände in den Fokus, die bislang eher ein Schattendasein gefristet haben: die anonymen und nicht zuordenbaren Briefe, die sich als Loseblattsammlungen neben den Korrespondenzbänden erhalten haben.
Diese vermeintliche «Restgruppe» hat es in sich. Denn gerade der persönliche und vertrauliche Aspekt des Mediums Brief hat zur Folge, dass namentliche Anrede oder Unterschrift häufig fehlen, da sie für die Beteiligten klar waren. Die Briefe lassen sich damit aus heutiger Perspektive oft nicht mehr oder nur schwer zuordnen, obschon sich dahinter als Schreibende wie als Adressierte bekannte Persönlichkeiten verbergen können.
Durch die digitale Aufbereitung, Erschliessung und Publikation des umfangreichen Bestands im Rahmen der digitalen Edition ausgewählter Briefwechsel Lavaters entstehen neue Chancen der Zuordnung. Im digitalen Raum lassen sich die Briefe rasch und differenziert nach ihren Metadaten durchsuchen; verschiedene Anordnungen und Perspektiven auf das Material sind per Mausklick möglich. So können Zusammenhänge leichter aufgedeckt, Handschriften verglichen und Briefpartnerinnen und -partner schneller identifiziert und zugeordnet werden. Damit wird die «Restgruppe» zur regelrechten Fundgrube. − Wer weiss, wer sich noch alles entdecken lässt?
- Salome Schoeck
Digitale Produktion und Plattformen