Zürich vom Aeroplan aus. Zürich: Karten-Zentralen Pleyer & Streuli, [1910]. Zentralbibliothek Zürich, Ansichtskarte, ZH, Zürich, 95

Wir laden Sie ein, die Tragflächen eines Buchs aufzuschlagen, den Auftrieb der Sprache zu nutzen, die Imagination zu spreizen und in eine Geschichte zu gleiten. Die fünfzehn Sommerlektüren unserer Literaturspezialist*innen bringen Sie wie im Flug nach Island oder China, in Steppen, nächtliche Wälder oder Fabriken und mitunter in die Netze von Fiktion oder Manipulation. Hin- und Rückreise sind in der ZB buchbar. Bon voyage!

«Nichts könnte trügerischer sein» von Marta Pérez-Carbonell (aus dem Spanischen von Astrid Roth) 

In einem Nachtzug kommen drei Reisende zufällig ins Gespräch und erzählen sich ihre Geschichte. Bald kreist alles um den Romanautor Terry, der die tragische Familiengeschichte eines Freundes in sein letztes Werk integriert hat, woraufhin dieser verschwand. Gekonnt wird in diesem Roman die Bedeutung von Vertrauen und Schuld ausgelotet und dabei die Grenze zwischen Realität und Fiktion verwischt. Auch auf Spanisch.

«Ocean, as much as rain: stories, lyrical prose, with poems from Tibet» von Tsering Woeser (aus dem Chinesischen von Fiona Sze-Lorrain und Dechen Pemba)

Die tibetische Lyrikerin Tsering Woeser schreibt in elaboriertem Chinesisch von Peking aus. Mit präziser Sprache bezeugt sie die Verwandlung ihrer Heimat Tibet in eine Siedlungskolonie und tritt der chinesischen Übermacht auf deren diskursivem Schlachtfeld entgegen. Die Subtilität ihrer Bilder ist beeindruckend und lässt keinen Zweifel an ihrer politischen Standfestigkeit zu – hochaktuell! Auf Englisch.

«Dius» von Stefan Hertmans (aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm)

«Dius» ist ein Roman über Freundschaft und die (Un-)Möglichkeit von Liebe. Gibt es jene Momente im Leben, in denen alles stimmt? Und sind wir überhaupt fähig, sie als solche zu erkennen? Der Ich-Erzähler und Kunstdozent Anton verbindet seine von Wehmut durchzogenen Erinnerungen mit einer Suche nach Vollkommenheit in Kunst und Musik. Auch auf Niederländisch.

«Fools for Love: stories» von Helen Schulman 

Auch Romantik kann Interpretationssache sein… Wer keine Lust auf eine kitschige Sommerromanze hat und trotzdem Liebesgeschichten lesen möchte, findet hier einen bunten Strauss von Beziehungen in den unterschiedlichsten Konstellationen, die dann doch irgendwie wieder miteinander verbandelt sind. Happy End nicht garantiert. Unterhaltung schon! Auf Englisch.

«Die Elefanten» von Sasha Filipenko (aus dem Russischen von Ruth Altenhofer)  

In einer Stadt erscheinen plötzlich überall Elefanten. Die Regierung verharmlost, ordnet Massnahmen zur Anpassung an die Riesen an und etabliert sogar einen Elefantenkult. Die Menschen verdrängen die Plage. Einzig Comedian Pawel widerspricht und riskiert dabei sein Leben. Filipenko, der 2020 aus Belarus in die Schweiz geflohen ist, liefert einen satirischen und zugleich unterhaltsamen Roman über kollektive Selbsttäuschung.

«Eden» von Auður Ava Ólafsdóttir (aus dem Isländischen von Tina Flecken)

Alba, eine isländische Linguistin und Expertin für aussterbende Sprachen, kauft ein Haus und möchte für jeden Flug, den sie zu einem Kongress genommen hat, einen Baum pflanzen. Mit trockenem Humor erzählt sie von ihrem akademischen Leben und dem neuen Klimabewusstsein, der Mentalität der Isländer, und wie sie in eine Dorfgemeinschaft hineinwächst.

«Die Aussiedlung» von András Visky (aus dem Ungarischen von Timea Tankó)

Visky wurde in frühester Kindheit aus dem Westen Rumäniens in die Bărăgansteppe deportiert. «Die Aussiedlung» erzählt von einer Welt der Gleichzeitigkeit: Von der tiefen Liebe der Eltern und den Schrecken des Gulag, von der räumlichen Trennung vom inhaftierten Vater und der geistigen Verbindung im Glauben. Und letztlich von einer erinnerten Kindheit, die in Fiktion übergeht. Auch auf Ungarisch.

«Liefern» von Tomer Gardi (in Teilen aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer)

Delhi, Tel Aviv, Buenos Aires, Berlin – überall anonyme Gesichter auf Zweirädern, ähnlich unsichtbare Leben hinter den Essenslieferungen. Der israelische Autor macht sie sichtbar mit Humor, Wärme und politischer Sensibilität. Ein Roman, der Kontinente verbindet und von Migration und Ausbeutung erzählt, von Sehnsucht und Liebe.

«Der Jahrestag» von Andrea Bajani (aus dem Italienischen von Maja Pflug)

Was führt jemanden dazu, den Kontakt zu den Eltern vollständig abzubrechen? Zehn Jahre nach dem für ihn befreienden Bruch lässt uns der Erzähler an seiner Geschichte von physischer und psychischer familiärer Gewalt teilhaben. Subtil und eindrücklich schildert er die schrittweise Entwicklung bis zu einem Zustand der vollständigen Domination und Isolation der Familie durch den Vater. Auch auf Italienisch.

«Die Frauen der Fonte Nova» von Alice Brito (aus dem Portugiesischen von Markus Sahr) 

Zwei Frauen gehen ihren Weg und widersetzen sich den gesellschaftlichen Zwängen unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen. Dabei hilft ihnen die Solidarität unter Arbeitskolleginnen, auch als einer der Söhne mit dem autoritären Regime in Konflikt gerät. Ein literarisches Portrait der portugiesischen Stadt Setúbal der 1930er bis 1960er Jahre. Auch auf Portugiesisch.

«Der letzte Sommer der Tauben» von Abbas Khider

Die Tauben sind friedlich und frei – ihnen gehört der Himmel über der Stadt. Doch was geschieht, wenn ein Regime selbst diese Freiheit einschränkt? In lakonischer Sprache schildert der Roman das Erwachsenwerden des jugendlichen Taubenzüchters Noah und die allgegenwärtigen Bedrohungen im Kalifat. Gibt es noch Hoffnung und trotz allem Raum für Freiheit?

«Viens Élie» von Jonas Sollberger

Auf der Suche nach dem entflogenen Vogel Moïse folgt die Sprache dem Erzähler Élie wie ein Schutzgeist durch einen dichten Wald und eine schwüle Sommernacht. Es droht nichts weniger als der Seelenverlust in diesen Stämmen. Am Rande des Deliriums und gleichzeitig ganz in der Gegenwart bewegen wir uns durch den uralten Abenteuerraum. Ein Kunststück! Auf Französisch.

«Schnittstelle» von Caroline Pihelgas (aus dem Estnischen von Maximilian Murmann) 

Der schmale Roman beginnt mit einem stumpfen Küchenmesser und Plastiklöffeln, den Utensilien einer toxischen Beziehung – oder auch des Widerstands. Umarmt von einem Sommer auf dem Land gräbt die Erzählerin die Erde um, mäht das wuchernde Gras, hält ihren eigenen Hof. Dem Gefechtslärm vom nahen Truppenübungsplatz zum Trotz: Wir sind in Estland an der NATO-Aussengrenze. Auch auf Estnisch.

«Die Fabrik» von Mooses Mentula (aus dem Finnischen von Stefan Moster) 

Das junge Paar Vilho und Elsa muss wegen des Kriegs mit einer Hand weniger auskommen, und das zur Zeit des Wiederaufbaus in Finnland. Man ist davongekommen, aber nichts ist vorbei. Wo gibt es wieder Lebensmut, wenn man ihn braucht? Viele kleine, aber feine Wortwechsel finden in diesem Roman statt. Dabei sind die verzichtbaren Bemerkungen oft die wichtigsten. Auch auf Finnisch.

«Les Aimants» von Marion Fayolle (ohne Worte)

Die Zeichnungen in diesem kleinen Buch, das in jede Tasche passt, erzählen wortlos, aber ganz präzise von Liebesmomenten im Alltag. Nicht vom Sehnen, sondern von einer ganz bestimmten Art, sich zu sehnen. Davon, wie wir uns aneinander anlehnen oder anschmiegen. Oder wie subtil die Grenze zwischen Verschmelzung und Übergriff ist. Köstliche Meditationen zum Verlieben.


- Liaison Librarians für Literaturen und Sprachen:
Madeleine Boxler Klopfenstein, Gian Carlo Danuser, Vicky Karagiannis, Mirja Lanz, Tamara Lehner-Loosli, Ulrike Marx-Alberding, Andrea Sommaruga, Susanna Truniger, Željka Vulović