Dissonanzen in «Alt Helvetien»
Das Blatt Carte ancienne de la Suisse avec des remarques abregées sur les divers événemens et revolutions qui y sont arrivées, et particulièrement celles qui ont donné lieu à leur liberté stammt aus der Sammlung des Zürcher Zeichners und Buchhändlers Leonhard Ziegler zum Egli (1782−1854), der mit seiner Donation den Grundstein für die Graphische Sammlung der Zentralbibliothek Zürich legte und einen bedeutenden Beitrag zum Bestand der Kartensammlung leistete. In seinem Katalog listet er die Tafel unter dem Namen Alt Helvetien auf. Seinem Eintrag ist zudem zu entnehmen, dass die Tafel um 1708 in Amsterdam in Henri Abraham Chatelains Atlas historique ou nouvelle introduction à l'histoire, à la chronologie et à la géographie ancienne et moderne erschienen ist.
Die Carte ancienne de la Suisse gibt in Text, Bild und Karte die Geschichte der Alten Eidgenossenschaft wieder. Bei näherer Betrachtung der Tafel offenbaren sich erstaunliche Dissonanzen zwischen Text, Bild und Karte. Die Karte soll das Gebiet der Alten Eidgenossenschaft zeigen, jedoch sind nicht wie zu erwarten die Namen der drei Waldstätten darin eingetragen, sondern Canton D’Untervald, Canton D’Uri und Canton d’Appenzell. Letztgenannter wurde jedoch erst 1411 zugewandter Ort und auch erst 1513 als Vollmitglied der Eidgenossenschaft aufgenommen.
Dieselben Kantonsnamen finden sich auch bei einer der sechs Historien, die unterhalb von Text und Karte angeordnet sind. In der Mitte unten wird der Bündnisschwur «Ligue d’Ury, Apenzel, et Unterval» dargestellt. Die genannten Namen auf der zugehörigen Titelleiste am unteren Rand stehen im Widerspruch zu den im Bild dargestellten Wappen von Uri, Schwyz und Underwalden, welche auf die Landeszugehörigkeit der Schwörenden verweisen. Die Nennung von Uri, Underwalden und Appenzell als ursprüngliche Bündnispartner der Eidgenossenschaft, deren Zusammenschluss die Freiheit der Schweiz begründet haben soll, widerspricht auch dem Text auf der rechten Seite der Karte. Hier wird Wilhelm Tell als «un des Principaux» des Landes Uri beschrieben, der sich der despotischen Herrschaft widersetzte und nach dem Tyrannenmord seine Landsleute dazu aufrief, das Joch der fremden Obrigkeit abzuschütteln. Werner Stauffacher aus dem Kanton Schwyz, Walter Fürst aus Uri und Arnold von Melchtal aus Unterwalden unterstützten sein Ansinnen und legten mit ihrem Schwur den Grundstein der Eidgenossenschaft; ein Vertreter Appenzells wird jedoch hier nicht erwähnt.
Diese spannenden, feinen Dissonanzen zwischen Text, Bild und Karte auf der Carte ancienne de la Suisse, deren Ursprung noch ergründet werden muss, mindern keineswegs den besonderen Wert des Atlas Historique, aus dem das Blatt stammt. Das siebenbändige Werk Chatelains, das rund 300 Karten, Ansichten von besonderer Qualität, Pläne, Tabellen sowie heraldische und genealogische Tafeln umfasst, bleibt ein monumentales Werk und eine einzigartige Quelle der Historiografie des beginnenden 18. Jahrhunderts.
- Ylva Gasser
Karten und Panoramen
![Henri Abraham Chatelain : Carte ancienne de la Suisse avec des remarques abregées sur les divers événemens et revolutions qui y sont arrivées, et particulièrement celles qui ont donné lieu à leur liberté. Amsterdam: [chez l’Honoré & Châtelain], [1705−1739], https://doi.org/10.3931/e-rara-78150.](https://www.zb.uzh.ch/storage/app/media/home/Perlen/20250317_Perle_Alt_Helvetien_gr.png)