Der Psalter, also ein Buch oder eine Handschrift, welche die biblischen Psalmen enthält, ist in den europäischen Handschriftensammlungen keine Seltenheit. Das erstaunt nicht, waren die Psalmen doch in der Geschichte der Christenheit mit Abstand der wichtigste Text für Gottesdienst und Gebet. Auch im Bestand der Zentralbibliothek Zürich finden sich einige Psalterien, aber einer davon ragt deutlich heraus: Der «Zürcher Purpurpsalter». Was ist das Besondere an diesem in griechischer Sprache geschriebenen und nicht ganz vollständig erhaltenen Band? Es ist keine gewöhnliche Handschrift, sondern ein Kunstwerk aus purpurfarben getränktem, hauchfeinem Pergament, beschrieben mit Silber- und Goldtinte. Purpur war in der Antike hohen Würdenträgern und zeitweise allein dem Kaiser vorbehalten. Höchster Luxus also! Es gibt heute weltweit nur noch ca. ein gutes Dutzend solcher Handschriften. Und vor allem ist der Purpurpsalter die älteste Handschrift in der Bibliothek, sieht man von einigen Fragmenten ab, und wohl auch eine der ältesten in der gesamten Schweiz: Sie wurde vor dem Jahr 600 geschrieben.

Zentralbibliothek Zürich, RP 1, fol 216r

Wie kam die spätantike Luxushandschrift nach Zürich?

Die Antwort kann kurz ausfallen: Man weiss es nicht. Es gibt nur einige Indizien: Konrad Gessner, der gelehrte Zürcher Stadtarzt und geniale Naturforscher, berichtet 1549, er habe von einem kostbaren griechischen Psalter auf der nahen Klosterinsel Reichenau im Bodensee gehört. Weitere Quellen legen nahe, dass der dort verwahrte Psalter bereits im 9. Jahrhundert von einem Reichenauer Abt aus Rom mitgebracht worden war. Zu dieser Zeit könnten auch mit leuchtend roter Farbe die lateinischen Stichwörter auf den Seitenrändern eingetragen worden sein – die Mönche waren im Griechischen wohl nicht ganz sattelfest. Vergleiche mit ähnlichen Handschriften erlaubten schliesslich, die Herstellung der Handschrift noch vor dem Jahr 600 im östlichen Mittelmeerraum, etwa Antiochia oder Konstantinopel, anzusetzen. Die erste Spur des Psalters in der Zürcher Stadtbibliothek findet sich allerdings erst im Jahr 1711 in einem Brief an den Bibliothekar Johann Heinrich Waser. Denkbar wäre es immerhin, dass bereits Konrad Gessner den Psalter nach Zürich gebracht hat, da er bei anderen griechischen Handschriften der Zentralbibliothek als Vorbesitzer nachgewiesen ist.

Tintenfrass und andere Probleme

Auf dem purpurfarbenen Pergament hätte man wegen des schlechten Kontrastes gar nicht mit gewöhnlicher Tinte arbeiten können. Daher bediente man sich auch hier wertvollster Materialien: Der Psalter ist mit Silber- und Goldtinte geschrieben. Während jedoch das Gold auch nach mehr als 1500 Jahren noch glänzt wie am ersten Tag, ist das Silber an vielen Stellen schwarz oxidiert. Bestandteile der Tinte haben das Pergament angegriffen und an einigen Stellen regelrecht zerfressen. Nur auf wenigen Seiten kann man noch den ursprünglichen Silberglanz sehen. Dazu kommt, dass das hauchzarte Pergament – eigentlich ein Zeichen höchster Qualität – extrem klimasensitiv ist und auf Änderungen der Luftfeuchtigkeit sofort reagiert, indem es sich wellt und verformt. Zusammen mit der Zersetzung durch die Tinte hat das dazu geführt, dass auf vielen Seiten Ausbrüche festzustellen sind: Manchmal bleiben von den Buchstaben nur leere Umrisse. Deswegen kann der Purpurpsalter die klimatisierten Magazinräumlichkeiten der Zentralbibliothek nur unter Einhaltung grösster Vorsichtsmassnahmen überhaupt noch verlassen. Übrigens sind die vorhandenen Schäden nicht neu: Aus einer detaillierten Beschreibung der Handschrift von 1748 wissen wir, dass es schon damals nicht besser ausgesehen hat.

Zentralbibliothek Zürich, RP 1, fol. 42v (Ausschnitt)

Restaurierung mit Blaubeersaft

In den 1920er Jahren beschloss man, die kostbare Handschrift restaurieren zu lassen. Offenbar traute sich in der Schweiz niemand an diese Aufgabe, also wurde der Purpurpsalter schliesslich 1928 den Experten des Vatikans anvertraut. Dort zerlegte man den Band zunächst in einzelne Doppelblätter, da die Seiten beim Umblättern sonst immer weiter beschädigt worden wären. Die Blätter wurden geglättet, Risse und Löcher wurden geschlossen: Um die ergänzten Stellen farblich anzugleichen, wurde Blaubeersaft verwendet. Anschliessend wurde für jedes Doppelblatt ein eigenes Mäppchen aus Karton angefertigt: So wird der Purpurpsalter noch heute aufbewahrt.

Der digitale Purpurpsalter

Wegen der schweren Beschädigungen konnte die Handschrift in den letzten Jahrzehnten kaum genutzt, d.h. untersucht und studiert werden. Nur zu sehr seltenen Gelegenheiten wurden einzelne Blätter öffentlich gezeigt. Ein Meilenstein in der Erforschung des Psalters war die 2007 publizierte Untersuchung von Crisci, Eggenberger, Oltrogge und Fuchs, der bereits Bilder auf einer CD-Rom beigegeben waren. Im Sommer 2021 konnte schliesslich ein vollständiges Digitalisat der Handschrift RP 1 auf e-manuscripta.ch aufgeschaltet werden. Damit ist die kostbare Handschrift nun endlich allen Forschenden und anderen interessierten Personen wieder zugänglich geworden. 

Fachtagung «Shades of purple» an der Universität Zürich

Ein glücklicher Zufall war es, dass die Aufschaltung des Purpurpsalters noch rechtzeitig vor dem Workshop «Shades of purple», einem internationalen Expertentreffen zum Thema Purpurhandschriften an der Universität Zürich (25./26.11.2021) erfolgt ist. Es bleibt zu hoffen, dass künftig die Entstehungsumstände und Geschichte der ältesten und vielleicht auch kostbarsten Handschrift der Zentralbibliothek Zürich mit Hilfe der frei verfügbaren Digitalisate noch eingehender erforscht werden.



Stv. Leiter Handschriften