Der Stammbaum spricht ...
... ein etwas anderer Einblick in die Bestandserhaltung
31.05.2022
Thomas Raff schreibt in seinem Buch «Die Sprache der Materialien», dass, «wer die Aussage eines Kunstwerkes verstehen will, auch die Sprache seiner Materialien verstehen muss. »
Im letzten Jahr fand ein eher ungewöhnliches Objekt in unserem Alltag von Büchern und Briefen seinen Weg in die Werkstatt der Bestandserhaltung, der Stammbaum der Familie Simmler.
Wenn auch nicht unter dem Gesichtspunkt der Ikonologie von Werkstoffen oder einer Katalogsbeschreibung wurde während der Restaurierung die Sprache der Materialität dieses Objektes zu einem geflügelten Wort.
«Der Stammbaum spricht!»
Wir liessen uns von der Sprache der Materialität leiten, daraus wurde eine Art Kommunikation, ein Zuhören, Spüren und Finden des Weges. Daran würden wir Sie gerne teilhaben lassen.
Ausgangspunkt
Der Stammbaum kam in die Werkstatt, grossformatig, angegriffenes Papier, mit Gewebe doubliert, wie eine Karte mit Holzstangen versehen, gerollt und handgemalt. Das Objekt hing mit Sicherheit einige Jahre wie eine Schulkarte ungeschützt in einem Raum und zeigte deutliche Schäden.
Was damit tun? Wie es aufbewahren?
Laut Auskunft der Handschriftenabteilung ist der Stammbaum wahrscheinlich zwischen 1700 und 1710 entstanden und ist durch die Hochzeit von Catharina Simmler mit Hans Jacob Fäsi im Jahr 1749 in den Besitz der Familie Fäsi gelangt. 2019 wurde er mit einer familiengeschichtlichen Sammlung der Familie Fäsi in die ZB transferiert.
Wie sieht das Objekt aus? Von was reden wir?
Um eine Restaurierungsvorgehensweise festzulegen, ist es vorab wichtig zu definieren, in welchem Zustand sich das Objekt befindet und was das Ziel ist.
Der Stammbaum im Format 101 cm x 111 cm wurde auf 6 Einzelblätter, die auf einer Leinwand zu einem grossen Format geklebt wurden, gemalt. Die Schriftfelder wurden mit Eisengallustinte beschrieben. Dargestellt ist ein Baum mit Ästen und Verzweigungen, eine Landschaft im Hintergrund und verschiedene Personendaten mit entsprechenden Wappen. Die linke und die rechte Kante wurden mit einem 1 cm breiten, schwarzen Rand versehen. An der oberen und unteren Kante war je ein Holzstab angebracht, um den Stammbaum aufhängen zu können.
Er ist ein Unikat und besitzt eine Wichtigkeit für die familiengeschichtliche Sammlung.
Er hing wahrscheinlich für eine gewisse Zeit ungeschützt in einem Wohnraum und wurde später gerollt aufbewahrt. Beides hat neben den alterungsbedingten Schäden mechanische Schäden hervorgerufen. Um das Objekt in der ZB lagern zu können, sollte es gesichert und möglichst adäquat verpackt werden.

Schadensbild
Man findet Oberflächenschmutz und Staub. Das Papier ist generell sehr fragil, an manchen Stellen abgebaut. Alle Kanten, die schwarz eingefasst sind, weisen Risse, Knicke und Fehlstellen auf.
Durch die gerollte Lagerung sind Risse, Knicke und sich ablösende Partikel entstanden. Auch durch das Rollen wurden Quetschfalten verursacht.
Es gibt eine grosse Fehlstelle in der oberen Mitte und viele Risse im Bereich der angebrachten Holzstangen.
Auf der Rückseite finden sich alte Reparaturen in Form von Flicken aus Leinen, gummierten Packpapier und Selbstklebestreifen.
Die gesamte Karte ist leicht bräunlich und die Farben sind ausgebleicht. Wasserlöslichkeitstests (siehe Foto) ergaben, dass die rote Farbe wasserlöslich ist, blau und grün sind wasserempfindlich.
Im Bereich der Tinte liegt Tintenfrass vor.
Was sagt uns der Stammbaum also hier? Die Schäden sind so hervortretend, dass sie vor einer endgültigen Lagerung in der ZB behandelt werden müssen. Durch die Wasserempfindlichkeit des Objektes sollte möglichst trocken gearbeitet werden.
Restaurierungsvorgehen
Das Format, die Doublierung, die Wasserempfindlichkeit und die Papierschäden sind zusammen betrachtet eine grosse restauratorische Herausforderung. Die Vorgehensweise geschieht Stück für Stück, in kleinen Schritten. Entsprechend kann man immer in der Aufmerksamkeit, wie sich das Objekt verhält (hier das Papier, das Gewebe und die Farben), sofort reagieren und sich auf neue Begebenheiten einstellen.
Schritt 1: Lösen der Holzstangen und Schritt 2: Trockenreinigung

Diese ersten 2 Schritte waren problemlos durchführbar und leiteten uns zu:
Schritt 3: Lösen der Leinwand, Entfernung alter Leimreste und sofortiges Schliessen der Risse mit Japanpapier und Unterfassen von Knickstellen und Quetschfalten


Wegen des Schadens und der Wasserempfindlichkeit arbeiteten wir in Quadraten von 2 cm x 2 cm bis zu 4 cm x 4 cm an den verschiedenen Enden des Objektes. Das Gewebe wurde möglichst trocken gelöst, der Leim mit einem Kissen, welches kontrolliert die Feuchtigkeit abgibt, angelöst und mit einer Skalpellspitze Millimeter für Millimeter abgehoben. Das Papier trockneten wir sofort mit einem Glättkolben oder leicht beschwert, schlossen dann die Risse von hinten und unterfassten die Knicke und Falten bevor wir die Nachbarstelle bearbeiteten.
Wie lange braucht man zum Anlösen der jeweiligen Stelle? Was passiert mit der Farbe während der Feuchtigkeitszufuhr? Wie reagiert die unterschiedlich abgebauten bzw. geschädigten Papierstellen? Wie die Falten? Wie die Risse? Was sagt der Stammbaum? Was sagt das Material?
Immer wieder musste reagiert werden…eine zusätzliche Schutzschicht, um die rote Farbe zu fixieren…eine spezielle Trocknungstechnik…länger warten…schneller vorgehen…in noch kleineren Quadraten arbeiten…Anlösetechnik ändern…Geduld und immer wieder: Hör dem Stammbaum zu!
Nachdem das Objekt in der Form gesichert war, folgte Schritt 4: Ergänzung der Fehlstellen, um wieder eine Materialebene schaffen zu können.

Schritt 5: Kaschieren in 6 Stücken aus Japanpapier
Wieder ein herausfordernder Arbeitsschritt! Die Kaschur ersetzt die Leinwand. Um eine bessere Kontrolle zu haben, kaschierten wir das Objekt in 6 Etappen.


Die Herausforderung: Unterschiedliches Dehnungsverhalten bei der Feuchtigkeitszufuhr, Gefahr der Bildung von Falten und unterschiedlichen Spannungsverhältnissen, wellige Objektoberfläche, Feuchtigkeitsempfindlichkeit der Farben.

Immer wieder mussten wir während des Arbeitsprozesses prüfen, wie das Objekt reagiert und eventuell einen zusätzlichen Arbeitsschritt einfügen.
Schritt 6: Spannen
Nach dem Schliessen der Risse und dem Ergänzen der Fehlstellen wies der Stammbaum viele wellige Stellen auf. Um ihn plan legen zu können, wurde der Stammbaum nun durch gezieltes Feuchten und Trocknen mit Hilfe eines Spannrandes unter Spannung auf einem Brett gespannt.
Diesen Prozess muss man je nachdem bis zum gewünschten Ergebnis mehrmals wiederholen.
Schritt 7: Da das Objekt unter anderem von seiner Bildsprache geprägt ist, entschlossen wir uns zu einer Retusche der hervorstechenden Fehlstellen, um wieder ein Gesamterlebnis zu erlauben.
Der schwarze Rand wurde nicht retuschiert, da die farblichen Lücken dort nicht zu einer Entfremdung der Gesamtaussage führen, sondern die Geschichte des Schadens erzählt.

Schritt 8: noch auszuführen; Montage für endgültige Lagerung
Abschluss
Somit ist die Restaurierung des Stammbaums abgeschlossen.
Das Verständnis der Materialität und das sich darauf Einlassen spielte eine grosse Rolle, um die Restaurierung gelingen zu lassen.
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