Ein Einblick ins Dirigieren und ins Katalogisieren

Historische Quellen lassen uns auf verschiedene Arten einen Blick in eine vergangene Zeit werfen. Wir lesen über Geschehnisse und lernen dabei oftmals mehr über die Schreiber*innen und deren Gesellschaft als über die wahren Ereignisse. Doch die Quellen enthalten nicht nur Spuren der Ersteller*innen, sondern auch all jener, die mit ihr in Kontakt gekommen sind, die sie besessen oder sogar genutzt haben. Durch Noten, welche zum Musizieren verwendet wurden, haben wir die Möglichkeit in die Werkstatt von Dirigent*innen und Musiker*innen hineinzusehen und eine Idee davon zu erhalten, wie sie die Musikstücke interpretiert haben. Oftmals sind diese Informationen aber gar nicht auf den ersten Blick erkennbar und es bedarf einer tiefergehenden Recherche, die an diejenige von Detektiv*innen erinnert.  

Dass Bibliothekar*innen und Archivar*innen beim Erschliessen Tag für Tag regelrechte Detektivarbeit leisten, entspricht wohl weniger dem Klischee dieser Berufe. Doch gerade das Erfassen von Metadaten historischer Quellen kann in dieser Hinsicht eine echte Herausforderung darstellen. Im besten Fall sind die benötigten Informationen in der Quelle selbst zu finden, doch vor allem bei Unikaten wie Handschriften, Fotografien oder Zeichnungen sind diese oft nicht vorhanden. Während sich Urheberschaft, Titel und Datierung bei musikalischen Quellen meistens noch einigermassen einfach feststellen lassen, stellt das Erfassen von Annotationen einen deutlich komplexeren Fall dar.

Ein gutes Beispiel hierfür ist eine Abschrift der Oper Norma des Komponisten Vincenzo Bellini, die mit der Signatur Ms Q 315.1-2 bei den Einzelhandschriften der Musikabteilung aufbewahrt wird. Das Libretto der 1831 an der Mailänder Scala uraufgeführten Oper stammt von Felice Romani und basiert auf dem gleichnamigen Drama von Alexandre Soumet. Die Geschichte rund um die Druiden-Hohepriesterin Norma und ihren römischen Geliebten Pollione können sich Hochschulangehörige oder Bibliotheksbenutzer*innen, die über einen PURA-Zugang verfügen, auf medici.tv ansehen. Hier zum Beispiel in einer Inszenierung von Àlex Ollé, welche 2016 im königlichen Opernhaus Covent Garden in London aufgezeichnet wurde. 

Abbildung 1: Rundstempel auf der Titelseite von Ms Q 315.1-2

Es ist nicht bekannt, wer die Abschrift, die sich heute in der ZB Zürich befindet und die aus zwei separat gebundenen Bänden besteht, angefertigt hat. Sie entstand wahrscheinlich zwischen 1837 und 1839 in Riga. Hierfür spricht ein auf den Titelseiten beider Bände angebrachter Rundstempel des Aktientheaters von Riga (Abbildung 1) und eine Anmerkung, welche sich auf dem ersten Vorsatzblatt des ersten Bandes befindet: «Partitur von Richard Wagner eigenhändig für das Rigaer Stadttheater eingerichtet; alle Einzeichnungen mit roter Tinte oder Rotstift stammen von seiner Hand, - auch hat er aus dieser Partitur dirigiert.» (Abbildung 2). Es ist bekannt, dass Richard Wagner zwischen 1837 und 1839 am Theater in Riga tätig war¹, was die Eingrenzung auf diesen Zeitraum zulässt.

Folgende Personen stehen also direkt mit dieser Quelle in Verbindung: Soumet hat das Drama verfasst, Romani hat das Libretto geschrieben und Bellini die Oper komponiert. Wagner hat die Oper nur einige Jahre nach deren Uraufführung in Riga dirigiert und Eintragungen in eine Abschrift eines unbekannten Schreibers vorgenommen. Sie können als Grundlage für die Analyse, wie Wagner Bellinis Oper verstanden und interpretiert hat, dienen. Deshalb ist es wichtig, dass die Existenz dieser Eintragungen auch im Bibliothekskatalog verzeichnet ist, damit Personen, die sich für die Dirigierpraxis von Wagner interessieren, diese Quelle auch finden. Im Folgenden wird nun aber aufgezeigt, dass dies nicht ganz einfach ist und zu Missverständnissen führen kann.

Abbildung 2: Anmerkung auf dem ersten Vorsatzblatt des ersten Bandes

Hierfür sehen wir uns zunächst das Endprodukt – der Datensatz im Bibliothekskatalog – an. Gibt man also auf der Suche nach dieser Opernabschrift «Norma» in den Suchschlitz des Bibliothekskatalogs swisscovery ein, so erscheinen erwartungsgemäss unzählige Musiknoten, Tonaufzeichnungen sowie Sekundärliteratur zu diesem Werk. Schaut man sich die Filtermöglichkeiten auf der linken Seite genauer an, so sieht man in der Liste «Urheber_in» Richard Wagner. Ist man nun über den Umstand informiert, dass Wagner diese Oper dirigiert hat und dazu höchstwahrscheinlich eine Partitur mit eigenen Eintragungen verwendet hat, so ist man nicht über das Auftauchen des deutschen Komponisten verwundert. Wagner ist in diesem Fall als Urheber seiner eigenen Eintragungen aufgeführt. Ohne dieses Vorwissen sieht es jedoch so aus, als ob Richard Wager, der ja ebenfalls ein bekannter Opernkomponist war, die Geschichte der Hohepriesterin Norma ebenfalls vertont hat. Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Sagen und Erzählungen von verschiedenen Komponist*innen bearbeitet werden. Das bekannteste Beispiel ist der Mythos von Orpheus, der mit seinem Gesang die Geschöpfe der Unterwelt zum Erweichen bring. Diese Geschichte wurde unter anderem bereits 1607 vom italienischen Komponisten Claudio Monteverdi (L’Orfeo) und 1762 vom deutschen Komponisten Christoph Willibald Gluck (Orfeo ed Euridice) vertont.

Abbildung 3: Richard Wagner ist vor allem durch seine Opern berühmt, aber er war auch als Dirigent tätigIm Katalogeintrag zur Quelle Ms Q 315.1-2 sind die Verbindungen zwischen den weiter oben aufgeführten Personen und der Partitur schon differenzierter notiert. Als Urheber werden lediglich Vincenzo Bellini und Felice Romani bezeichnet. Richard Wagner erscheint als Mitwirkender. Dies schwächt die direkte Verbindung zu der Oper Norma ab und senkt das Risiko für Missverständnisse. Dennoch ist Wagner hier aufgeführt, damit die interessierten Personen mit dem nötigen Vorwissen genau diese Quelle finden. Was genau Wagners Rolle in Verbindung mit dieser Quelle war, lässt sich zum einen aus der Beschreibung ziehen. Dort wird die oben erwähnt Anmerkung auf dem ersten Vorderblatt teilweise wiedergegeben. Zum anderen ist die Erwähnung von Richard Wagner durch den Zusatz «scr» ergänzt und markiert ihn als einen Schreiber der Quelle. Wem diese Abkürzung zu kryptisch ist, dem sei die Nutzung von swisscollections empfohlen. Swisscollections dient als Ergänzung zum allgemeinen Bibliothekskatalog swisscovery und stellt eine spezialisierte Recherche in Sammlungen und Spezialbeständen zur Verfügung². Im entsprechenden Datensatz wird die Rolle von Wagner als Schreiber explizit angegeben.

Das Beispiel der Abschrift von Bellinis Oper Norma mit den Anmerkungen von Richard Wagner zeigt, wie vielschichtig das Katalogisieren von historischen Dokumenten ist. Es genügt in diesem Fall nicht, alle Informationen von Titelblatt abzuschreiben, da es zusätzlicher Recherchen und – im Falle von Musiknoten – Kenntnis der Musikgeschichte bedarf. Beim Eintragen der Daten rund um die Quelle können weitere Schwierigkeiten dadurch entstehen, dass sie an die Bedingungen des Bibliothekskatalogs angepasst und Uneindeutigkeiten oder Missverständnisse so gut wie möglich vermieden werden müssen. Doch wenn man diese Hürden überwunden hat und alles Wissenswerte und zur genauen Identifikation der Quelle Nötige festgehalten hat, dann können interessierte Personen wie in diesem Beispiel einen Blick in die Dirigierwerkstatt von Richard Wagner werfen, so wie dieser Beitrag einen kleinen Einblick in die Tätigkeiten von Archivar*innen und Bibliothekar*innen ermöglicht hat.




Musikabteilung



¹ SVEN FRIEDRICH, Art. Wagner, Wagner, Richard, (bio), Paris und die Grand opéra (1837–1841) in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York, ff., online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/49056

² vgl. https://swisscollections.ch/About