Johann Jakob Scheuchzers Einladungsbrief von 1699

2. Mai 2024

Die Anfänge von Citizen Science werden oft auf die 1990er Jahre datiert, als Rick Bonney und Alan Irwin den Begriff prägten. Citizen Science als Praxis ist jedoch weit älter.

Aufruf zur Mithilfe

Der Zürcher Universalgelehrte Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) veröffentlichte 1699 eine 16-seitige Broschüre unter dem Titel «Einladungs-Brief zu Erforschung natürlicher Wunderen, so sich im Schweitzer-Land befinden». Diese enthielt einen Fragebogen mit 189 Fragen, deren Beantwortung Scheuchzer bei der Abfassung seiner geplanten Naturgeschichte der Schweiz unterstützen sollte. Denn diese Aufgabe sei so gross, «daß zu deren grundlichen Erforschung nothwendig seye Mit-Arbeit und Beyhülff Gelehrter, curioser und erfahrner Männeren des ganzen Schweitzerlands».

Sammeln von Daten

Die Fragen bezogen sich – nach Feststellung der Position des Antwortenden – auf Klima, Geographie und Geologie, Flora und Fauna sowie auf Bevölkerung und Alpwirtschaft. Hier einige Beispiele:

1. Welches seye die Länge und Breite, oder Polus Höhe eines jeden Orts?

14. Was die Ursach, Gestalt, Farb etc. seye des Hagels, auch was danahen vor Schaden entstehe der Saat, den Reben, den Bäumen etc.

39. Ob ein Orth oder Land underworffen seye der Pest oder anderen ansteckenden Kranckheiten?

52. Ob es geschehe, daß die grossen See völlig zugefrieren?

99. Ob die Gipfel der Bergen beständig mit Schnee bedeckt?

121. Auf wie vil Jahr gemeinlich die Einwohner ihr Lebens-Zihl erstrecken, da dann ins besonder sollen angemerckt werden die so lang über das 80iste oder 90iste Jahr leben?

122. Ob es auch Weiber gebe, so über 2 und 3 Kinder auf einmahl oder 20 und 30 ihr Lebtag gebohren?

176. Wie man auf den Bergen die Milch verwahre, daß sie frisch bleibe und nicht sauer werde?


Beginn des Fragebogens (Johann Jakob Scheuchzer: Einladungs-Brief zu Erforschung natürlicher Wunderen so sich im Schweitzer-Land befinden. Zürich 1699, S. 4.)

Mitwirkung von Nicht-Wissenschaftlern

Mit seinen Fragen richtete er sich nicht nur an Gelehrte, sondern appellierte auch an «gemeinste Leuth, so mit der Natur viel umgehen, und durch sie ihre Nahrung suchen, als da sind Fischer, Hirten, Sennen, Einwohner der Alpen, Baursleuth, Kräuter- und Wurtzengraberen, […] zu ihrem und des Vatterlands Lob» seine Fragen zu beantworten und ihm ihre Beobachtungen mitzuteilen.

Scheuchzer als Pionier von Citizen Science

Der Einladungsbrief von 1699 ist das erste Zeugnis einer Citizen-Science-artigen Initiative in der Schweiz. Scheuchzer hatte allerdings Vorbilder im Ausland. Im Vorwort bezog er sich auf Francis Bacon (1561-1626) und die Royal Society in London, deren Mitglieder sich früh darum bemühten, Reiseberichte durch Fragenkataloge zu systematisieren und so die empirische Grundlage für Landesbeschreibungen zu verbessern. Wie die Mitherausgeberin der digitalen Edition des Einladungsbriefs, Simona Boscani Leoni, in mehreren Publikationen darlegte, stammen die frühesten Beispiele für derartige Fragebögen aus dem 16. Jahrhundert und aus dem Kontext des spanischen Kolonialreichs. Auch im Heiligen Römischen Reich gab es Einladungsbriefe (Epistolae invitatoriae) zur gemeinsamen Bearbeitung von Forschungsfragen vor Scheuchzer. Dessen Pionierleistung bestand darin, dass er als erster die Technik des Fragebogens mit der deutschen Volkssprache verband.


Porträt von Johann Jakob Scheuchzer (1734) durch Hans Ulrich Heidegger, DOI: 10.7891/e-manuscripta-139878



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