«Beste Grüsse im Hirzel & der Tante gute Besserung»

2023 wurden die Heidi- und Johanna-Spyri-Archive von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. 2027 jährt sich der Geburtstag der Schriftstellerin zum 200. Mal. Aus diesem Anlass wird das in der ZB Zürich deponierte Johanna Spyri-Archiv digitalisiert und auf e-manuscripta.ch veröffentlicht. Dass Johanna Spyri (1827-1901) nach wie vor Interesse weckt, ist daran zu erkennen, dass von den bisher etwa 300 digitalisierten Dokumenten aus ihrem Familienarchiv bereits die Hälfte von unseren Nutzenden transkribiert wurde.
Im Familienarchiv von Johanna Spyri befinden sich Briefe von Conrad Ferdinand Meyer, von ihrem Bruder Jakob Christian Heusser, der nach Südamerika auswanderte, und auch Dokumente der Mutter, Meta Heusser-Schweizer, einer Dichterin. Mit seinen vielen Briefen von und an die Autorin bietet der Bestand unschätzbare Einblicke in die Lebenswelt einer vielseitigen Familie im 19. Jahrhundert und in deren Freundeskreis.
Ein Beispiel sind die Briefe von Johanna Spyris Neffen. Am 15. Oktober 1874 schrieb der 22-jährige Theodor Constantin Heusser einen Brief an seine Eltern in der Schweiz (Hs FA 4ab: 9.3.14). Der Medizinstudent war zu der Zeit für ein paar Wochen in Lyon. Er vergleicht in seinem Brief die Umstände in den Kliniken, die Behandlungsmethoden und auch den generellen Zugang zur Medizin, indem er die französische der deutschen Tradition gegenüberstellt. Während er die Eleganz und Effizienz der chirurgischen Fähigkeiten seiner französischen Berufsgenossen bewundert und rühmt, bemängelt er die «rohe» Behandlung der Patienten durch die Ärzte und generell deren Nachsorge. Theodor Constantin Heusser beschreibt und begründet diese Unterschiede aus eigener Perspektive und gibt damit auch Teile seines Weltbildes und seiner Denkweise preis. In seinen Briefen an seine Familie erzählt er nicht nur von seinem Wohlbefinden, sondern auch von seinem Studienalltag und von den Erfahrungen, die er als Medizinstudent sammelt.
- Joëlle Fischer
wissenschaftliche Mitarbeiterin