Ansichtskarte, Farbiger Offsetdruck einer anonymen Fotografie, ca. 1961. Graphische Sammlung und Fotoarchiv der Zentralbibliothek Zürich


Keine Sorge. Falls Reisepläne versanden, die Ferien keine Fahrt aufnehmen oder Langeweile sich ausbreitet wie der Mittagsdämon, holen wir Sie ins Boot. Unsere Lesetipps aus Nord und Süd, Ost und West legen garantiert ab in andere Welten, Leben und Zeiten. Begeben Sie sich in den Schatten eines Buches und lassen Sie sich treiben – an mehr oder weniger paradiesische Strände.


Die Siziliuminsel von Qiufan Chen (aus dem Chinesischen von Marc Hermann) 

Wenn es Antworten gibt auf die Fragen, welche die Globalisierung von E-Schrott aufwirft, dann in diesem Buch. Die Horrorgeschichte erzählt vom Überleben einer Arbeiterin auf einer fiktiven Silicon-Insel, wo Elektroschrott verarbeitet wird – die Schweiz produziert 26 kg pro Kopf und Jahr. Qiufan Chen zählt seit diesem Debut zu den bekanntesten Sci-Fi Autor*innen Chinas. In Wahrheit ist der futuristische Schrecken bereits eingetroffen.


Die Himmelskugel von Olli Jalonen (aus dem Finnischen von Stefan Moster)

Mit Hilfe von Kernen zählt der achtjährige Angus den Vogelbestand auf der Insel St. Helena. Er übt sich als Wissenschaftler. Die Begegnung mit dem Sternenforscher Edmond Halley lässt ihn nicht mehr los, genau so wenig, wie sein grosser Traum: in London wieder mit Halley zu arbeiten. Jalonen erzählt strikt aus der Perspektive von Angus – und dieser beobachtet sehr genau, nicht nur Vögel und Sterne. Auch in Finnisch.


Imani von Mia Couto (aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner) 

Mozambique zur Kolonialzeit. Die Einheimische Imani vermittelt zwischen Portugiesen und ihrem Stamm und setzt dabei ihr Leben aufs Spiel. Einfühlsam und detailliert wird die andere Seite der «Eroberung» beschrieben, und etablierte Geschichtsbilder werden in Frage gestellt. Dies ist der erste Teil einer Romantrilogie, die Fortsetzung erscheint demnächst. Auch in Portugiesisch.


Tunnel von Rutu Modan (aus dem Hebräischen von Markus Lemke)

Die israelische Zeichnerin erzählt in der neuen Graphic Novel eine vielschichtige Politsatire: Auf der Suche nach religiösen Artefakten gräbt eine Archäologin einen Tunnel ins Westjordanland und trifft auf zwei Palästinenser, die in entgegengesetzter Richtung einen unterirdischen Gang bauen. Zusammenraufen oder Auffliegen – wie werden sie sich entscheiden?


Höhenfieber über der Leventina von Elda Pianezzi (aus dem Italienischen von Claudia Tassone) 

Ein Krimi aus dem Tessin. In einer Berghütte auf 2745 Meter Höhe sucht eine zusammengewürfelte Gruppe Schutz vor dem Sturm. Als einer der Männer tot aufgefunden wird, versucht sich der Hüttenwart als Ermittler. Emotional vorbelastet, beginnt er, ein Geflecht aus Lügen, Machtspielen und finanziellen Interessen zu entwirren, derweil sich draussen die Schneemassen türmen. Auch in Italienisch.


Die grünen Kinder von Olga Tokarczuk (aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein) 

«Alma brachte Radieschen aus dem Garten, setzte sich schweigend an den Tisch. Ihre Hände waren wie üblich schmutzig und rissig, ein Anblick, der mich ungehalten werden liess. (…) Radieschen hätten wir auch kaufen und Alma einfach ausschalten können.» Nicht nur Almas Hände, auch der Humor in diesem Buch ist schwarz wie Erde. Auch in Polnisch.


Brache von Dilek Mayatürk (aus dem Türkischen von Achim Wagner)

«Die früh aus der Brache gerissene Erde / Ist jetzt verkrustete Wüste». Schutzlos tritt das Leben in den Gedichten in diesem zweisprachigen Band auf. Schonungslos hält die Sprache es fest. Dilek Mayatürks Poesie will überleben. Das bedeutet manchmal, zu vertrocknen, ohne hart zu werden. «Betrauer nicht die Erde / Versteh die Wüste.»


Mit Baťa im Dschungel von Markéta Pilátová (aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff) 

«Vor allem erinnere ich mich an die Hitze. Zuerst war sie so trocken wie eine heisse Bratpfanne, die mir am Hirn klebte und Spiegelei draus machte, und gleich darauf wurde es schwül, als ein Regenguss niederging und der Urwald und das Farmland uns ihren klebrig-heissen Dampf entgegenhauchten.». Wer würde hinter diesem Zitat die Geschichte des tschechischen Schuhfabrikanten Jan Baťa vermuten?


Selma Lagerlöf: Die Liebe und der Traum vom Fliegen: Romanbiografie von Maria Regina Kaiser 

Selma Lagerlöf verbindet man vor allem mit der Geschichte von Nils Holgersson. Doch wer die Autorin war, ist wenig bekannt. In dieser spannenden Romanbiografie zeigt uns Maria Regina Kaiser eine unkonventionelle Frau, die sich vehement für das Frauenwahlrecht einsetzte, jüdischen Flüchtlingen zur Einreise nach Schweden verhalf und als unverheiratete Frau ein Kind adoptierte. Das Buch ist auch eine Zeitreise ins Schweden des 19. Jahrhunderts.


Blue Ticket von Sophie Mackintosh 

Das Leben aller jungen Frauen wird durch eine Lotterie bestimmt. Ein weisses Ticket bedeutet Heirat und Kinder, ein blaues Ticket verspricht Freiheit und Karriere. Was aber, wenn eine junge Frau dieses System hinterfragt? Ein packender Roman über den freien Willen und was es bedeutet, für seine Wahl zu kämpfen und sich gegen das vorherrschende System aufzulehnen.


Hündin von Pilar Quintana (aus dem Spanischen von Mayela Gerhardt) 

Neben ungewollter Kinderlosigkeit hat die Protagonistin auch mit den Folgen von Armut, sozialer Ausgrenzung und traumatischen Erinnerungen zu kämpfen. Ihre mühsam aufrechterhaltene Selbstbeherrschung bricht endgültig zusammen, als ein von ihr aufgenommener Hundewelpe ausbüxt und nach Monaten trächtig zurückkehrt. Ein verstörender Roman aus dem ländlichen Kolumbien. Auch in Spanisch


Adas Raum von Sharon Dodua Otoo 

Ein Leben in Schleifen - eines oder doch vier? Der raffinierte Roman gibt vier Frauen über Epochen und Kontinente hinweg Raum und Stimme. Er legt Zeugnis ab von Gewalt und Marginalisierung, aber auch von Widerstand. Alles ist mit allem verwoben, Gegenwart und Vergangenheit, Beseeltes und vordergründig Unbeseeltes. Eine Perle, in der auch Perlen eine Rolle spielen.


Die jüngste Tochter von Fatima Daas (aus dem Französischen von Sina de Malafosse)

Mit Sätzen wie Punchlines einer Slammerin beginnt dieser Text, immer wieder von neuem. Sie eröffnen die poetische Bühne für die Figur Fatima. Symbolisch im Islam. Schwester. Vorzeigeenkelin in Algerien. Sünderin. Französin. Asthmatikerin. Entwöhnte Kamelstute aus der Banlieue. Tochter. Muslimin. Verliebt in Nina. Ein lesbischer Bildungsroman, dessen Intimität in der Nähe zu Allah liegt. Autsch. Auch in Französisch.


Sinka Mensch von Ana Korjaia- Samadašvili (aus dem Georgischen von Sybilla Heinze) 

Vor der Tür des Strassenmusikers Aleksi Adamiani landet eines Tages die vermeintliche Enkelin und Titelheldin Sinka Adamiani – Sinka «Mensch». In dunklen und funkelnden Episoden erzählt die Autorin das Erwachsenwerden von Sinka. Sie bringt uns damit gleichzeitig die Geschichte Georgiens und besonders die Stadt Tbilissi näher.


Beirut für wilde Mädchen von Chaza Charafeddine (aus dem Arabischen von Günther Orth)

Am Werk ist eine autobiographische Erzählerin, die völlig unschuldig ganz genau weiss, was sie tut. Als Mädchen blickt sie frech und neugierig auf die seltsame Angelegenheit, die das Leben ist. Als erwachsene Autorin im Hintergrund lässt sie die chaotischen Umstände der Kindheit durchscheinen: den Libanon der späten 60er und der 70er Jahre. Humorvoll und ironisch – bis das Lachen im Hals stecken bleibt.


Vera von Krisztián Grecsó

Vera ist zehn Jahre alt. Sie hat ihre eigenen Ängste, Unsicherheiten und kämpft mit sich selbst. Oft ertrinkt sie beinah in unaussprechlichen Gedanken. Krisztián Grecsó erzählt – bisher nur auf Ungarisch – ihre Kindheit und schreibt ein Stück von uns allen: Wie wir erwachsen (wurden).


Pajais in uondas: poesias = Wiegendes Land: Gedichte von Gianna Olinda Cadonau

Dieser Gedichtband, unser letzter Tipp, beginnt mit steigenden Schwalben, Aufbruch und einem Wink an die engadiner Dichterin Luisa Famos. Es lohnt sich, den Flug des Vogels zwischen Vallader, Deutsch, Französisch und Englisch auch später genau zu beobachten. Manchmal wechselt einer die Feder und ändert die Stimmung eines Gedichts, um sich in einer anderen Sprache zu tarnen.